Zugebissen: Cojones


Als Ernest Hemingway die Männlichkeit und den Mut mittels des Vorhandenseins oder des Fehlens von „cojones“ definierte, machte er die Hoden als Begriff salonfähig. Eine ähnlichen Bedeutung hat in der rumänischen Sprache die Formulierung „a avea sânge în instala]ie“ (wörtlich: Blut in der Anlage haben). Diesen Begriff benutzte der sich inzwischen in Rente befindende Richter Cristi Danileț 2019, um den Auftritt von Staatsanwalt Claudiu Sandu, der während eines Interviews den Angriff der PSD auf die Justiz hart kritisierte, zu beschreiben. Diese und eine weitere Aussage zu politischen Themen, besorgten ihm eine zweimonatige Lohnkürzung von fünf Prozent, entsprechend eines Disziplinarverfahrens seitens des Obersten Rats der Magistraten (CSM). Danile]s Online-Auftritte waren der CSM schon immer ein Dorn im Auge. Auch wenn diese nur den Richter beim Heckenschneiden oder bei der Durchführung von Karate-Übungen zeigten. In den Augen von Lia Savonea&Co gab es keine größere Verletzung der Richterwürde. Deswegen wurde Danile] nicht weniger als drei Mal seines Amtes enthoben. Jedes Mal hat der Schwarzgürtelträger die ihn betreffenden Sanktionen angefochten und derenAufhebung vor Gericht bewirkt. Dass er dabei seinen Job für über zwei Jahre nicht ausüben durfte und kein Einkommen bezog, ließ die Disziplinarkommission des Rates kalt. Und das, obwohl die Kommission beim Schwanzlängenmessen mit Danileț immer den Kürzeren vorzuweisen hatte. Besser gesagt fast immer: um die schon erwähnte fünfprozentige Lohnkürzung und die Unrechtmäßigkeit der Sanktion zu beweisen, brauchte es ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Dieses gibt es nun in einer endgültigen und unanfechtbaren Fassung. Also konnte jenseits jedes Zweifels Danileț beweisen, wer tatsächlich den Längeren hat. Um es mit den Worten Mosie Gurans zu sagen: der Europäische Gerichtshof hat dem Obersten Rat der Magistraten erklärt, dass „a avea sânge în instala]ie“ sich nicht auf das „Vorhandensein einer Erektion“ sondern auf „Mut haben“ bezieht.

Um „Blut in der Anlage haben“ geht es seit der Veröffentlichung der Recorder-Doku über das rumänische Justizsystem. Für mehr als 900 Magistraten scheint die Dokumentation einen blutflussermöglichenden Hebel umgelegt zu haben: Solidarisch stellen sie, eigentlich schon längst bekannte, Missstände im System an den Pranger. 

Vergessen sollte man aber nicht, dass sie sich wie verscheuchte Kaninchen in den letzten neun Jahren in ihrem sicheren Bau verkrochen haben, während Politik und Justizleitung den Rahmen für die besagten Missstände schufen. Auch wenn sie jetzt als stolze Adler auf dem Wappen der Korruptionsbekämpfung posieren, bleibt der Eindruck, dass erst in dem Augenblick, wo Blut zu lecken ist und die Löwinnen an der Spitze des Systems um ihr Überleben kämpfen müssen, sie sich ihrer eigenen „cojones“ erinnert haben. 

Natürlich ist es jetzt für Fragen der Art „was wäre gewesen, wenn“ viel zu spät. Jetzt scheint nur noch der Wettlauf um die richtige Positionierung zu zählen. Ein Wettlauf, bei dem sogar der Mathematiker im Cotroceni-Palast mitmacht. Dan hat zum Dialog eingeladen. Ja sogar zu zeitlich uneingeschränkten Diskussionen. Er hat auch freizügig eingeräumt, dass er sogar bereit sei, sich beide Positionen anzuhören. 

In der Zwischenzeit wartet man den, für den 28. Dezember angekündigten, Beschluss des Verfassungsgerichts betreffend die Renten der Magistraten ab. Die Verfassungsrichter könnten weiterhin ihre „cojones“ auf den Tisch legen und wie immer jede Kürzung oder Änderung im Bereich der Magistratenrenten als verfassungswidrig einstufen. Ein derartiges Urteil könnte sie, ausgehend von der Stimmung in der Gesellschaft, in Eunuchen verwandeln. Was ihnen als Wächter des Harems der Privilegien im Justizsystem auch nicht viel ausmachen dürfte.