Lebt man in Rumänien und hegt den ehrgeizigen Wunsch, dieses Land in seiner ganzen schillernden Widersprüchlichkeit zu begreifen, dann führt kein Weg daran vorbei, sich gelegentlich auch jene Talkshows anzusehen, von denen man eigentlich weiß, dass sie intellektuell ungefähr so nahrhaft sind wie ein Becher Luft. Der persönliche Gewinn ist dennoch erstaunlich: Einerseits fühlt man sich in seiner Entscheidung bestätigt, diesen Sendern normaler-weise weiträumig auszuweichen, andererseits wird man mitunter mit Comedy-Momenten belohnt, die selbst gestandene Satiriker vor Neid erblassen lassen.
In dieser Disziplin ragt Anca Alexandrescu mit ihrer abendlichen Sendung „Die Kulissen des Parallelstaates“ wie ein Leuchtturm der Absurdität aus der Konkurrenz heraus. Gewöhnlich eröffnet sie mit einem zehn- bis fünfzehnminütigen Monolog, einer Art liturgischem Donnern gegen die Erzfeinde der souveränen Republik: die Hydra der Geheimdienste, die Unterdrücker aus Brüssel, deren Köpfe angeblich in Paris und Berlin nachwachsen, die allgegenwärtigen Agenten des Parallelstaates, die Soros-Jünger, die Wahlfälscher, die Schattenmänner. Ein Panoptikum der Bedrohung, das so überzeichnet ist, dass man sich fragt, ob nicht irgendwo ein Drehbuchautor kichernd hinter der Kamera steht.
Doch wahre Qualität erreicht die Sendung erst, wenn der selbsternannte Heilsbringer C²lin Georgescu persönlich im Studio erscheint oder in die Sendung zugeschaltet wird. Dann verwandelt sich das Format in eine Mischung aus Mysterienspiel, Selbstoffenbarung und unfreiwilliger Stand-up-Comedy. Genau dieses Festmahl wurde Rumänien am Sonntagabend serviert.
Zum Kontext: Der schwer greifbare Medienunternehmer Sebastian Ghiță, der in Serbien geduldig Freisprüche und Verjährungen abwartet, erklärte jüngst, er habe bereits 2021 ein Treffen mit Georgescu gehabt. Dabei soll der „Sonnenkandidat“ versucht haben, sich russische und serbische Unterstützung für seine Präsidentschaftsambitionen 2024 zu sichern. Alexandrescu konfrontierte ihren Gast mit dieser Aussage – allerdings in einer Fragestellung, die bereits die Antwort enthielt: Die „Soroschisten“, die „Verleumder“, die „Wahlbetrüger“ hätten diese Geschichte erfunden.
Man hätte ihr Gesicht sehen müssen, als Georgescu das Treffen einfach bestätigte. Kein Ausweichen, kein rhetorischer Nebel, sondern ein trockenes: „Ja, ich war dort.“ Und dann der Satz, der in die rumänische Fernsehgeschichte eingehen dürfte: Er habe Ghiță – und sieben oder acht weitere Personen – um Hilfe gebeten, allerdings nur mit dem Ziel, dass sie ihm diese Hilfe nicht gewähren. Ein Meisterwerk der paradoxen Logik, ein intellektueller Möbiusstreifen. Das Lächeln der Moderatorin, das in diesem Moment über ihr Gesicht huschte, war eine Mischung aus Erleichterung und religiöser Verzückung.
Und tatsächlich: Liest man Georgescus politische Vergangenheit mit diesem neuen Schlüssel, ergibt plötzlich vieles Sinn. Wasser ist nicht H2O, nur damit es H2O sein kann. Coca-Cola ist mit Nanobots infiziert, nur weil es nicht infiziert ist. Die Daker sind das größte Volk der Weltgeschichte, nur weil sie es nicht waren. Seine Wahlkampagne wurde nicht mit russischem Geld finanziert, nur weil sie es wurde. Die Wiederholung der Präsidentschaftswahlen war illegal, nur weil sie es nicht war. Călin Georgescu ist die Erlösung Rumäniens – selbstverständlich nur, weil er es nicht ist.
Bildhaft dazu die Parodie einer Baumpflanzung, die der studierte Agraringenieur vor laufenden Kameras zum Besten gab – ein Schauspiel, das auch seinesgleichen sucht. Am Ende hingen genauso viele Wurzeln des armen Setzlings in der Luft wie die Logik seiner Aussagen, und beides wirkte gleichermaßen verloren im Wind.
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