Zugebissen: Die Musik der Würde


Zehn Jahre. Zehn Jahre seit der Brandkatastrophe im Bukarester Club Colectiv. Zehn Jahre, in denen sich – laut offizieller Bilanz – nicht wirklich etwas getan hat. Oder fast nichts. Am 30. Oktober war wieder einmal kollektives Gedenken angesagt. Kerzen, Tränen, Mikrofone. Überall gespielt betroffene Gesichter. Und der Tenor? Ein resigniertes „Nichts hat sich verändert“. Ein Satz, der sich in Schleife durch die Medienlandschaft zog. 

Die damals, 2015, versprochenen Behandlungszentren für Brandopfer? Im besten Fall im Baustadium. Die Pläne existieren, die Mauern nicht oder nur teilweise. Und selbst wenn sie eines Tages stehen sollten – was keineswegs sicher ist –, wer garantiert, dass sie auch funktionieren? Dass dort nicht nur Geräte blinken, sondern auch Menschen heilen? Dass nicht nur Wände gestrichen, sondern auch Wunden versorgt werden? Die Ausbildung von Fachpersonal hinkt der Bauplanung hinterher wie ein ausgehungerter Hund dem Wurstverkäufer.

Gesundheitsminister Alexandru Rogobete, frisch im Amt und scheinbar voller Tatendrang, verkündete stolz, dass Brandopfer, deren Behandlung im Land nicht möglich sei, nun „umgehend“ ins Ausland gebracht würden. Eine Errungenschaft, sagt er. Man möchte ihm fast ein Diplom überreichen. Und gleichzeitig fragen: Was haben seine Vorgänger eigentlich gemacht? Außer sich in Talkshows zu erklären und in Ministersesseln zu verschanzen?

Und dann die große Frage: Hat der Brand von 2015 die rumänische Gesellschaft verändert? Die Optimisten singen von einem „Einschnitt“, einem „Wendepunkt“, einem „Erwachen“. Zehn Jahre später klingt dieser Chor wie ein ausgeschlachtetes Orchester. Was bleibt, ist der tränentriefende Ton in den Medien – einmal jährlich, am 30. Oktober. Ein Heilungsprozess? Nein. Eher ein Verdrängungsprozess. Das Tuch des Vergessens breitet sich aus. Und darunter verschwinden Gesichter, Namen, Geschichten.

Bestes Beispiel: Ein Gendarm erteilte beim Gedenkmarsch in Bukarest dem Veranstalter einen Strafzettel. Der Marsch war vorbei. Die Verantwortung des Veranstalters auch. Etwa 30 Menschen blieben vor dem ehemaligen Club, um zu gedenken. Für diese zweite Veranstaltung gab es eine gültige Genehmigung – von einem anderen Veranstalter, unbegrenzt in der Zeit. Der Strafzettel? Juristisch wertlos. Symbolisch ein Schlag ins Gesicht. Der oberste Vorgesetzte des Gendarmen entschuldigte sich öffentlich. Sprach vom „Geist des Gesetzes“. Ein schöner Ausdruck in einem Land, in dem Gesetze oft als Geister erscheinen: unsichtbar, ungreifbar.

Der Gendarm selbst erzählte einem Journalisten, wie ihn die Katastrophe als 16-Jährigen erschüttert hätte. Man glaubt ihm. Man glaubt auch, dass diese Erschütterung – wie bei vielen – verpufft ist. Im Alltag, im System, im Nebel. Die Krokodilstränen, die jedes Jahr vergossen werden, können darüber nicht hinwegtäuschen. Schmerz als Pflichtübung. Trauer als PR-Moment.

Und doch gab es einen Moment echter Würde. Andrei Găluț, einziger Überlebender der Band „Goodbye to Gravity“, kehrte zurück in die Öffentlichkeit. Überarbeitete mit Freunden zwei der bekanntesten Lieder der Band. In diesen neuen Versionen klingt nicht nur Musik, sondern auch Schmerz, Veränderung, Leben mit. Aber vor allem Würde. Ein musikalisches Mahnmal gegen das Vergessen. Kein Denkmal aus Stein, sondern aus Klang. Diese Würde – sie fehlt Rumänien seit Colectiv. Sie passt nicht in die Münder der Politiker, wird aber dort zerkaut und dann ausgespuckt. Sie wird nicht auf Flaggen gedruckt, nicht in Hymnen besungen, nicht in Paraden marschiert. Sie gehört den Opfern. Den Lebenden und den Toten. Sie gehört nicht in Schlagzeilen oder in Talkshows. 

Und sie wartet. Darauf, dass man sie erkennt. Dass man sie schützt. Dass man sie lebt. Nicht nur am 30. Oktober. Die Uhr tickt unaufhaltsam und die Suche nach Würde geht weiter.