Zugebissen: Game. Set. Match?


Es gibt Momente im politischen Leben Rumäniens, in denen man sich fragt, ob man nicht auf Eurosport gelandet ist. Nicht wegen der Eleganz, Gott bewahre – sondern wegen der Dramatik. Denn das, was sich in Bukarest zwischen den Reformfreudigen und den Reformverweigerern abspielt, erinnert verdächtig an das Halbfinale Sinner gegen Djokovic in Melbourne: ein Match, das eigentlich längst entschieden sein müsste, aber sich weigert, zu Ende zu gehen.

Auf der einen Seite: Sinner, der (noch) Hoffnungsträger, der mit jugendlicher Präzision und fast beleidigender Frische die Linien trifft. Premier Bolojan, Teile der PNL, USR: sie schlagen auf, sie rennen, sie wollen modernisieren, digitalisieren, europäisieren. Sie reden von PNRR-Meilensteinen, die wie ein Damoklesschwert über Rumänien hängen, von digitalen Behörden, die nicht mehr aussehen sollen wie ein Archiv aus der Ära der Schreibmaschinen, und von Justizreformen, die nicht wieder in irgendeinem Ausschuss verstauben sollen. Das Justizministerium versucht, die EU-Vorgaben umzusetzen, das Ministerium für Umwelt kämpft mit Strukturen, die älter sind als die Ministerin selber. Aber immerhin kämpfen sie.

Auf der anderen Seite: Djokovic, der Mann, der nie aufgibt. Der Gegner, der immer zurückkommt, egal wie viele Treffer man ihm um die Ohren knallt. PSD: eine politische Maschine, die gelernt hat, sogar mit von Krämpfen geschwächten Beinen jeden Ball zurück ins Feld zu schlagen. Man kann sie scheinbar nicht besiegen. Man kann sie nur ermüden. Selbst das gelingt selten.

Das Match: Die Reformisten schlagen ambitioniert auf. Die Bälle fliegen schnell, sauber. Doch kaum landet der erste Punkt, taucht Djokovic-PSD auf, mit diesem unerschütterlichen Gesichtsausdruck, der sagt: Ihr glaubt wirklich, ihr gewinnt? 

Und schon ist man im altbekannten Spiel. Ein Gesetz zur Entpolitisierung der Staatsunternehmen? Returniert mit einem „Wir brauchen mehr Konsultationen“. Ein Versuch, die Verwaltung zu verschlanken? Linienball zurück, begleitet von einem „Das gefährdet Arbeitsplätze“. Ein PNRR-Meilenstein, der endlich erfüllt werden müsste? Djokovic spielt einen Stoppball: „Wir verschieben das auf die nächste Sitzung.“ 

Die Reformisten schwitzen, rutschen, kämpfen. Sie haben Talent, Tempo, Energie. Aber sie haben auch das, was Sinner im Halbfinale hatte: diesen kurzen Moment der Naivität, in dem man glaubt, dass ein sauberer Schlag reicht, um die Geschichte zu ändern. Doch gegen Djokovic-PSD reicht kein sauberer Schlag. Da braucht man Ausdauer, Zähigkeit, und vor allem: die Fähigkeit, nicht jedes Mal überrascht zu sein, wenn der Gegner den Ball zurückbringt.

Das Publikum – also wir – sitzt derweil auf den Tribünen und fragt sich, wie lange dieses Match noch dauern soll. Wir haben Tickets für drei Sätze gekauft, aber wir sind längst im fünften, und der Schiedsrichter, Präsident Nicu{or Dan, wirkt zunehmend verwirrt. Die Linienrichter tun so, als ob sie schlafen. Die Ballkinder gähnen vor Langeweile. Die EU schickt schon die vierte Erinnerung, dass die PNRR-Gelder nicht ewig warten.

Trotzdem: Sinner hat Djokovic an den Rand seiner Kräfte gebracht. Er muss immer wieder nach Luft schnappen. Und auch die Reformisten haben die PSD an Stellen getroffen, an denen sie früher unverwundbar schien. Vielleicht ist es nur ein Satz. Vielleicht ist es nur ein Break. Aber es ist da.

Denn irgendwann – und das ist die Hoffnung, die man nicht aus dem Land prügeln kann – gewinnt auch Djokovic nicht mehr ewig. Irgendwann reicht ein einziger, perfekt ins Gegnerfeld gesetzter Ball, um ein ganzes System ins Wanken zu bringen.

Bis dahin bleibt uns nur, weiter zu hoffen. Denn Rumänien spielt nicht irgendein Match. Es steht vor dem Finale seiner eigenen Zukunft. Und auch wenn Djokovic erneut im Finale stand, musste er vor Alcaraz am Ende doch das Feld räumen.