Zugebissen: Spuren im Sand

„Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind“, schreibt der Prediger Salomo. Und doch: Kaum ist der Mensch mit seiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert, beginnt er zu bauen. Aus Sand. Aus Ziegeln. Aus Beton. Bemalt. Vergoldet. Verziert. Etwas, was das eigene Dasein überdauert. Etwas was nicht gleich mit dem letzten Atemzug wie Sand vom Winde verweht werden kann. 

Der eine ritzt seine Liebe in eine Baumrinde. Der andere lässt zu Lebzeiten seinen Namen in einen marmornen Grabstein meißeln. Und wer es sich leisten kann, lässt gleich einen ganzen Ballsaal errichten. Oder eine Kathedrale. Natürlich nicht für sich, sondern zum Lobe des Volkes, zur Erbauung der Nation, zur Ehre Gottes. Dass dabei das eigene Konterfei in der größten freischwingenden Glocke Europas verewigt wird, ist selbstverständlich ein Zufall. Hätte man die Macht gehabt, hätte man dieses natürlich unterbunden.
Am vergangenen Wochenende durfte Rumänien erneut einer solchen Spurensetzung  beiwohnen: der Weihe der teilweise vollendeten Innenausstattung der Kathedrale der Erlösung des Volkes. 2018 war es die „Weihe des Herzens“, nun folgte die „Weihe des Körpers“. Wenn alles einmal fertig ist, dürfen wir uns wohl auf die „Weihe der Eingeweide“ freuen. Darauf werden dann wahrscheinlich der Hof, der Parkplatz usw. folgen. 

Natürlich spaltet der Bau weiterhin das Land. Die einen sehen in der Kathedrale ein Monument des Glaubens, die anderen ein Mahnmal verpasster Chancen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen. Denn weder wurden durch den Bau der Kathe-drale automatisch weniger Krankenhäuser errichtet, noch wird sie das Volk unter einem einzigen Banner vereinen. Sie ist, was sie ist: ein steingewordener Wille. Ein 127 Meter hoher Beweis dafür, dass Träume aus dem 19. Jahrhundert auch im 21. noch gebaut werden können. Man muss Patriarch Daniel zugutehalten: Er hat geliefert. Ein Projekt, das 1882 unter König Karl I. gesetzlich beschlossen wurde, hat nun – 143 Jahre später – ein Dach, Kuppeln, 27 bronzene Türen und andere rekordverdächtige Bestandteile. Man wünschte sich manchmal, auch in der öffentlichen Verwaltung gäbe es solche „Macher vor dem Herrn“. Menschen, die nicht nur träumen, sondern auch bauen. Auch wenn sie dabei gelegentlich über ihre eigenen Sandalen stolpern.

Zeitgleich hat in Washington ein anderer Bauherr ebenfalls Spuren hinterlassen. Donald Trump ließ kurzerhand den Ostflügel des Weißen Hauses abtragen – traditionell Sitz der First Lady – um Platz für einen Ballsaal zu schaffen. „Der Ostflügel wird modernisiert und schöner denn je“, verkündete er. Und man fragt sich: schöner als was? Unter dem Vorwand einer „langersehnten Modernisierung“ wird aus dem Arbeitsflügel ein Partyraum. Aus dem Ort der Diplomatie ein Ort der Dekoration und Selbstinszenierung. Aus dem Schatten der gewesenen legendären First Ladys ein Scheinwerfer für den First Ego. Man darf getrost davon ausgehen, dass irgendwo zwischen den goldenen Kronleuchtern und den Champagnerkühlern ein überlebensgroßes Porträt des Bauherrn hängt – mit gerunzelter Stirn und abgespreiztem Zeigefinger. Ob man bei dessen Anblick Größe, Eleganz und amerikanische Gastfreundschaft verspürt oder eher Fluchtreflexe, bleibt dem Betrachter überlassen.

So hinterlassen sie ihre Spuren: der Patriarch und der Präsident. In Beton gegossen. Beide bauen Monumente, beide schreiben Geschichte – oder meinen es zu tun. Bemerkenswert, wie viele es ihnen abkaufen und wenigstens als Fußnote Teil dieser Geschichte sein möchten. Und natürlich wird diese Chance auf „Ewigkeit“ in harter Währung gemessen. Doch wie der Prediger Salomo sagt: „Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.“