Alleine reisen – zwischen Abenteuer und Trend

Was ich aus meinem ersten Solo-Urlaub gelernt habe

Die Dünen von Maspalomas beim Sonnenuntergang

Alleine Reisen stärkt das Selbstbewusstsein. Fotos: die Verfasserin

Es ist ein Nachmittag Ende Januar und ich sitze auf einer riesigen Sanddüne in Maspalomas im Süden der spanischen Insel Gran Canaria, schaue auf das Meer und warte auf den Sonnenuntergang. Am Vormittag war ich mit dem Bus aus der Hauptstadt Las Palmas gekommen und habe die schönste Küstenwanderung, die es gibt, gemacht – vom Leuchtturm in Maspalomas bis zum Strand Playa del Ingles. Die Reise nach Gran Canaria ist der erste Solo-Urlaub meines Lebens. 

Eigentlich wollte ich diese Tage nutzen, um an einem neuen Stück zu arbeiten, dessen Abgabetermin im April ist. Doch den ersten Fehler machte ich schon, als ich den Flug nach Las Palmas buchte. Wenn man zum Arbeiten alleine in den Urlaub fährt, sollte es ein Ort sein, den man schon kennt. Dann ist die Versuchung nicht so groß und man kann seinen Tätigkeiten ruhig nachgehen, ohne dauernd daran zu denken, dass man etwas verpasst. Vielleicht war die Idee mit dem Schreiben aber auch nur eine Ausrede – denn man bucht keinen sechsstündigen Flug, um dann in einem Hotelzimmer oder in einem Cafe am Laptop zu sitzen. 

Alle Freiheit der Welt 

Alleine reisen war für mich nie besonders verlockend. Und nicht, weil ich denke, es sei gefährlich. Sondern weil ich Angst hatte, mich einsam zu fühlen. Doch immer mehr Menschen, vor allem Frauen, tun es. Auf Social Media gibt es inzwischen eine Vielzahl von Gruppen für alleinreisende Frauen und viele Reise-Influencerinnen berichten von ihren Solo-Trips. Auch viele meiner Bekannten und Freunde tun es. „Versuch es einmal, und wenn es dir nicht gefällt, weißt du es wenigstens”, riet eine Freundin. Im letzten Sommer war sie für zwei Monate alleine auf Bali unterwegs und nach diesem Urlaub meinte sie, nur noch alleine reisen zu wollen. Als ich im letzten Frühjahr einen Glückskatzen-Workshop in Kyoto besuchte, waren alle anderen Teilnehmerinnen alleinreisende Frauen. Und ich erinnere mich an eine Vietnam-Reise, wo wir vielen Backpackerinnen begegnet sind, sogar einer 19-jährigen, die schon seit drei Wochen alleine reiste. 

Ich selbst mag es eher, wenn man zu zweit oder in einer Gruppe reist, weil man dann die Freude mit dem Partner oder den Freunden teilen kann. 

Letzten Sommer reiste ich zu einem Künstler-Treffen nach Barcelona, das an einem Montag begann. Da ich das Wochenende nutzen wollte, um Zeit am Strand und in der Stadt zu verbringen, bin ich schon am Freitag hingereist und war zweieinhalb Tage alleine. Ich fand es interessant, aber am Sonntagnachmittag schaute ich dauernd aufs Handy um zu überprüfen, ob der Flug, mit dem die anderen Teilnehmer anreisten, schon gelandet ist oder Verspätung hat. Ich konnte es kaum erwarten, dass wir zusammen Abend essen gehen – die Zeit alleine hatte mir vollkommen genügt. 

Der erste Schritt

Der erste Schritt zum Alleinereisen könnte sein, einen Solo-Tag während des gemeinsamen Urlaubs zu planen oder Extreme-Day-Trips zu unternehmen. 

Doch warum sollte man das wollen? Es gibt viele Gründe, weshalb Frauen al-leine reisen: nach einer Trennung, falls man eine Auszeit oder einfach mehr Zeit für sich braucht, wenn man vor einer wichtigen Entscheidung im Leben steht und Abstand nehmen will, wenn in der gewissen Zeitspanne niemand mitkommen kann, oder weil man es einmal im Leben getan haben sollte. Ich machte es aus Neugierde. 

Eigentlich hat es mir schon immer Spaß gemacht, während einer Reise einen Tag alleine zu verbringen. Ich erinnere mich an eine Reise mit einem Theaterprojekt nach New York. Ich fühlte mich sehr stark zu Coney Island hingezogen, einem Ort, den ich nur aus Filmen kannte. Und es war mein Traum, dort hin zu gelangen. Also plante ich den Ausflug für den freien Tag ein. Niemand wollte mitkommen – vielen war es zu weit und sie wollten nicht so viel Zeit in der U-Bahn verbringen. Also beschloss ich, alleine hinzufahren, weil ich es mir so sehr wünschte. 

Der sonnige Tag Ende April vor fast elf Jahren ist mir so stark in Erinnerung geblieben wie kaum ein anderer. Ich kam an, kaufte mir in einem Laden namens Nathan´s einen Hot Dog, saß etwa vier Stunden am Strand und starrte fasziniert auf das Meer und die Möwen und verbrachte anschließend den Nachmittag in einem Fischerlokal in Brighton Beach. Von diesem Tag zeugen ein paar Fotos und ein Kühlschrankma-gnet mit einer Meerjungfrau und der Aufschrift „Coney Island forever”. 

Seitdem mag ich es, auf allen längeren Urlauben solche Solo-Tage einzulegen. Denn egal, wie gut man sich mit dem Reisepartner versteht, die Interessen sind nicht immer die gleichen. Und es ist schön, sich am Abend wieder zu treffen und über den Tag zu erzählen. 

Als ersten Schritt, bevor man eine Solo-Reise plant, könnte man auch alleine einen kurzen Wochenendtrip unternehmen. 

Ein Trend des Jahres sind auch „Extreme Day Trips”. Das bedeutet: man nimmt einen Flug ganz früh am Morgen, besucht eine Stadt, fliegt am Abend zurück und schläft in seinem eigenen Bett. Aus Bukarest eignen sich dafür am besten die Flüge nach Mailand – sie sind billig und es gibt Hinflüge früh am Morgen und Rückfluge am Abend. 

Viele Dinge machen auch alleine Spaß  

Es kann passieren, dass man im Urlaub nicht dieselben Dinge tun will, wie die anderen Reisepartner. Ich liebe es, im Meer zu schwimmen, jemand anderer möchte lieber am Pool liegen. Ich will so viel wie möglich auf einer Reise sehen und jeden Tag planen, andere Leute sind eher spontan. Ich bin der Typ Tourist, der manchmal am selben Tag Bootsfahrt, Museumsbesuch, Besuch eines Fischerdorfs und Skybar von der Urlaubs-To-Do-Liste abhaken will. Andere werden schneller müde. Eine gute Freundin, die im Ausland lebt und mit der ich mich für fünf Tage in Madrid traf, war an unserem letzten Abend komplett erschöpft, weil wir so viel unternommen hatten. Also entschloss sie sich, im Hotel zu bleiben, anstatt zu einer Abendshow in einer Bar im Malasana-Viertel zu kommen. Es sollte der letzte Abend sein und ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt. „Du kannst doch alleine in die Bar gehen, dort triffst du sicher auch andere nette Leute”, meinte sie. Die Idee, abends einsam an einem Tisch zu sitzen fand ich fürchterlich. Ich verbrachte den Abend in einem Zara-Geschäft und als es um 23 Uhr schloss, ging ich nach Hause. Es gibt Dinge, die alleine keinen Spaß machen. 

Deshalb sollte man in seinem ersten Solo-Urlaub besser nur die Dinge tun, die man auch zu Hause gerne alleine macht. 

Zum Beispiel Shoppen – mit Freundinnen geht das noch halbwegs, aber Männer hassen es normalerweise. Wenn man alleine ist, kann man beliebig lange Zeit in den Geschäften verbringen,ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen.

Auch Schwimmen, am Strand lesen, eine Spa-Behandlung machen, ins Kino, ins Theater oder in ein Museum  gehen, sind Tätigkeiten, an denen man auch alleine Spaß haben kann. 

Tu, was du dir schon lange gewünscht hast... 

Eins ist klar: wenn man zum ersten Mal allein unterwegs ist, muss man definitiv häufiger seine Komfortzone verlassen. 

Bei meiner Ankunft im Hotel in Las Palmas fiel mir ein Flyer eines Tandem-Fallschirmspringen-Unternehmens in Maspalomas in die Hände. Aus einem Flugzeug zu springen und in freiem Fall mit über 200 km/h in die Tiefe zu stürzen ist schon seit 15 Jahren mein Traum. Den ich bisher nicht verwirklicht habe. „Jetzt ist der Moment“, dachte ich. Das Fallschirmspringen sollte nicht nur mein Selbstbewusstsein stärken, sondern meinen ersten Solo-Trip zum wirklich unvergesslichen Erlebnis machen.

Ich wollte die Erfüllung dieses Wunsches nicht mehr auf ein anderes Mal verschieben. Also buchte ich den Sprung für den vorletzten Tag auf der Insel. Fünf Tage lang drehte sich alles nur um den Sprung – ich schaute Videos an, erkundigte mich über die Risiken, hatte ein Gefühl von Angst gemischt mit Stolz und Erwartung. Wegen des Adrenalins vergaß ich komplett, dass meine Ohren seit mehreren Wochen verstopft waren und bei der Landung auf dem Hinflug stark geschmerzt hatten.

Meine Erkältung wurde von Tag zu Tag schlimmer. Am Tag vor dem Flug konnte ich mit einem Ohr fast nicht mehr hören, außerdem hatte ich Hals- und Kopfweh. Ich fragte nach, ob ich unter diesen Bedingungen noch springen kann. Die Antwort war ein kategorisches Nein. 

... aber erwarte nicht, dich selbst zu finden 

Mein großes Ziel, mit dem Fallschirm zu springen, das ganze Selbstbewusstsein zu gewinnen, stolz auf mich zu sein und ein neuer Mensch zu werden, wurde somit nicht erreicht. Das Ziel, mit dem Schreiben anzufangen, wurde auch nicht erreicht. Das Ziel, mich zu erholen, eben-falls nicht, denn ich bin jeden Tag mehr als 20.000 Schritte gegangen. Auch das Ziel, zu mir selbst zu finden, nicht. Weil ich jeden Tag stundenlang mit Freunden telefoniert habe, statt zu versuchen, wirklich alleine zu sein. Und auch das Ziel, vier Bücher zu lesen, nicht. Ich habe ein einziges Buch gelesen, und das auf dem Hinflug. 

War mein erster Solo-Urlaub deshalb ein Misserfolg? Auf keinen Fall. Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung, nicht alle Pläne klappen, nicht immer ist man fit genug, um seine Ziele umzusetzen. Sonst wäre das Leben langweilig. 

Das Wichtigste, das ich während der Woche alleine gelernt habe: manchmal braucht sich man keine großen Ziele zu setzen, um stolz auf sich selbst zu sein. Und obwohl ein Solo-Urlaub nicht der große Selbstfindungs-Trip ist, als der er manchmal angepriesen wird, wird man sich unterwegs garantiert selbst ein Stückchen besser kennenlernen. 

Den Fallschirm-Sprung habe ich nicht aufgegeben, sondern für Ende Mai geplant. Dann geht es wieder auf die Insel in den Kanaren. Ob alleine oder in Begleitung bin ich mir noch nicht sicher, aber beide Varianten sind sicher schön.


WICHTIG: Unbedingt Freunde oder Familie über die nächsten Pläne und Ziele informieren, bzw. mit welcher Busgesellschaft oder Mitfahrgelegenheit man unterwegs ist, damit es Anhaltspunkte gibt, falls doch einmal etwas passiert.