Auf in einen Genuss urbaner Freiheit!

Blasendorf begnügt sich nicht damit, kleine Brötchen zu backen

Von hier oben aus überblickten 1848 Volksmann Avram Iancu und ein paar Tausend „Motzen” aus dem Westgebirge/Munții Apuseni Blasendorf und das Freiheitsfeld.

Blasendorfs über 600 Jahre alte Eiche, unter deren Krone am Abend des Lebens Avram Iancu und der griechisch-katholische Metropolit Alexandru Șterca-Șuluțiu miteinander so manche Stunde verbracht haben sollen. Weiß wer von einer Eiche im Land mit noch dickerem Stamm? Fotos: Klaus Philippi

Zum Freiheitsfeld muss man nicht auf-, sondern absteigen. Und am südlichen Kopf des Festgeländes über die Statuen 26 prominenter Gründerväter rumänischer Politik und Selbstverwaltung staunen. Den westlichen Anfang der Ehrenrunde macht Bischof Inochentie Micu Klein.

Nicolae Iorga hatte völlig Recht, die 1765 geweihte Ikonostase der griechisch-katholischen Kathedrale im „Kleinen Rom” ist einmalig schön. Originell auch das Blattsilber der Kuppel.

Aussteigen, wo ein Staatsmann die Hinterbank seines opulenten Dienstwagens nach draußen verlässt, ohne die Türe eigenhändig öffnen zu müssen? Weder Nicușor Dan heißen muss man hierfür, noch sich am Zielort als Fahrer oder Passagier eines dicken Autos mit getönten Fensterscheiben empfehlen. An einem kleineren Ort aber etwas Religiöses von staatstragender Bedeutung miterleben? Blasendorf/Blaj im hügeligen Süden Transsylvaniens, ungarisch „Balázsfalva“, erfüllt gelegentlich genau letztere Bedingung, und zusätzlich gar den Doppelbonus: nicht nur Rumäniens Präsident hat schon mal darauf bestanden, die unangefochtene Hauptstadt der „Siebenbürgischen Schule“ von einst auf seinen Reiseplan zu setzen, nein. Ebenso zu Gast im geschichtsverwöhnten Blasendorf, wenn auch vor sieben Jahren, war bekanntlich kein Geringerer als Papst Franziskus; um ihn zur himmlischen Ruhe zu betten, musste in der Ewigen Stadt kein bereits vergebenes Grab geräumt werden. Anders dagegen die Verfügbarkeit im „Kleinen Rom“, wo der Sarg von Kardinal Lucian Mureșan Ende September 2025 rechts vor der Ikonostase der griechisch-katholischen Dreifaltigkeitskathe-drale in den Boden eingelassen wurde, und zur Umbestattung des Schreins von Bischof Inochentie Micu Klein aus dem 18. Jahrhundert in den Fuß der Rückwand des Altarraums nötigte. Den ganz wie auch im orthodoxen Verständnis von Kirche wirklich bloß Priester betreten dürfen.

Erlaubt und an keine Auflagen gebunden ist dafür das Besichtigen von Schiff und Chor der erzbischöflichen Kultstätte. Eintrittskarten werden niemandem berechnet – erstaunlich für eine Kirche, die vor zwei Jahren ein Konzert des Nationalen „Madrigal“-Kammerchores erlebt hat, und sich durchaus kostenpflichtig vermarkten ließe. Wer aber genauer hinschaut, findet tatsächlich Manches, was nur gegen Geld herausgerückt wird: den Band „Orthodoxie versus Ortodoxie“ von Kirchengeschichtler Cristian Bădiliță etwa, der am teils harten Kurs der Mehrheits-Konfession im Land kaum Gutes findet. Nach dem Verbot der Griechisch-Katholischen Kirche von 1948 bis 1990 immer noch ein Politikum.

Dabei verdankt Blasendorf seinen Zweitnamen ausgerechnet Mihai Eminescu, dem je nach Text eine überreizte Vaterlandsliebe schwer abzusprechen ist. Oder war der Nachwuchs-Poet auf Wanderschaft von Czernowitz nach Bukarest noch so weltaufgeschlossen, dass es ihm viel später im reifen Erwachsenenalter eher nicht mehr freudig entfahren wäre, das rumänische Blaj beim Rasten unter einer Linde „von Herzen“ als „das Kleine Rom“ zu schätzen? Zum Hass auf die rumänische Einwohnerschaft Siebenbürgens, die rituell Orthodoxes pflegt, aber dem Papst Rechenschaft ablegt, hatte man zu Lebzeiten Eminescus noch lange nicht so harsch wie im konfliktgeladenen 20. Jahrhundert gefunden; doch wo Wohlstand, da auch Neid. Nicolae Iorga wiederum war sich nicht zu teuer, die Lindenholz-Ikonostase der griechisch-katholischen Dreifaltigkeitskathe-drale zu Blasendorf „sicherlich“ für „die in Sachen Umfang und Reichtum stattlichste in der rumänischen Welt” zu halten.

1866 war Entdecker Eminescu 16 Jahre und die Ikonostase 100 Jahre alt. Trotzdem durfte weitere 100 Jahre später öffentlich nur Ersterer zitiert werden, sein Raunen vom „Kleinen Rom“ wohl ausgenommen.

Von der kommunistischen Unsportlichkeit Rumäniens hat die noch vor 25 Jahren 20.000 Einwohner zählende Kleinstadt berüchtigt viel zu spüren bekommen. Intellektuell blutete sie schlagartig aus, und ihr Wikipedia-Eintrag führt an, dass ein Großteil Bücher der örtlich zerstörten Zentralbibliothek in die Kokel/Târnava entsorgt wurde. Bücherverbrennung zum Einstand des NS-Regimes in Deutschland, und Bücherertränkung zum Startschuss der sozialistischen Diktatur in Rumänien. Auch deshalb wahrscheinlich passt Blasendorf heute besonders gesund auf sich selbst auf. Sportlich vor allem, um es auf den Punkt zu bringen, sichert sich doch der Athletik-Club „Kleines Rom“ jährlich Goldmedaillen und Spitzenplätze bei den Nationalen Meisterschaften. Teenager und Trainer in Blasendorf verstehen sich auf das Krönen von Aufbauarbeit. Technisches und möglicherweise nicht unwichtiges Detail am Rande: wer sein Auto nach der Anfahrt am Hauptplatz stehen lässt, per SMS seine Parkgebühr einzahlt und zunächst Druck auf die Blase statt Neugier auf die Stadt fühlt, kann in der Sporthalle um die Ecke nach der Toilette fragen – es sei denn, man schneit als Gruppe herein, und versucht die Gastfreundlichkeit zu missbrauchen.

Seriös der Schulsport, und entsprechend hygienisch die beiden WC-Kabinen, das gemeinsame Waschbecken erfreulicherweise auch mit Flüssigseifenspender und Papierhandtüchern ausgestattet. Keimfrei und geruchlos, geht doch! Was sich umgehend ändern kann, sobald das Freiheitsfeld im Rücken der griechisch-katholischen Kathedrale beschritten wird. Keine Sorge, eine vermüllte Festwiese ist sie nicht, die „Câmpia Libertății“, sondern Paradebeispiel für Pflege urbaner Grünflächen.

Blasendorf dafür löst hier seinen Namen ein; beißend mitunter der Geruch nach Gülle auf den ersten Metern ab Eingang von Norden her. Vielleicht ist er ja typisch für die Bestellung vom Gelände in der Nebensaison, die jährlich mit dem spitzenmäßigen Honig-Fest von Blasendorf/Sărbătoarea Mierii de la Blaj an einem März-Wochenende allmählich dem Frühling und Sommer weicht. Am Stichtag jener Messe mit Papst Franziskus im Juni 2019 dürfte alle Kuhstall-Würze verflogen sein. Die Erinnerung an den Besuch des Bischofs von Rom hingegen mag im „Kleinen Rom“ noch klar nachwirken. Bis zu 50.000 Augen- und Ohrenpaare sollen ihm dort unter freiem Himmel gelauscht, und Blasendorf insgesamt 100.000 Tagesgäste erfahren haben. Konkurrenz auf dem Freiheitsfeld zum städtebaulich recht ähnlichen Heldenplatz – dem „Hösök tere” – in Budapest? Nicht ganz aus der Luft gegriffen. Weit besser aber noch, Blasendorf an der Mündung der Kleinen in die Große Kokel getrost für seinen „Campo della Liberta“ zu ehren. Die Piazza della Liberta am Tiber in Rom ist kaum größer.