Das Vogelparadies des Donaudeltas mit dessen Schilfdickicht und engen Wasserstraßen ist wahrscheinlich mittlerweile ein wohlbekanntes Reiseziel in Rumänien. Und mitten im Donaudelta, verborgen im Labyrinth der unendlichen, fast menschenleeren Natur, liegt ein Landstreifen aus aufgetürmten Meeressand, auf dem ein Wald wächst, als hätte ihn jemand aus dem tropischen Regenwald hierher versetzt: Schlingpflanzen ranken sich armdick an knorrigen Eichenstämmen hoch, Lianen hängen wie in Tarzan-Filmen unter einem undurchdringlichen Blätterdach herab, gleich neben Schlangen, die sich in den Sanddünen verkriechen und Wildpferden, die wie in der Prärie ungestört grasen. Das ist der Letea-Wald.
Unser Bootsmann, Vasile, ein Lipowaner mit einem langen Bart, bei dem wir im abgelegenen Dorf Mila 23 am „alten“ Arm des Sulina-Kanals Unterkunft gefunden haben, fährt bereits seit über einer Stunde gemütlich die Wasserstraßen entlang. Für uns scheint alles immer gleich und auch immer anders zu sein: Schilfdickicht, kleine und größere Seen, teilweise von Seerosen bedeckt, eine Vielzahl von Vögeln wohin das Auge schaut, Wasser ringsherum, abgelegene Fischerhütten, die alle fast gleich aussehen, keine Menschenseele weit und breit, nur der brummende Motor unseres Bootes stört die Einsamkeit dieses Bereiches des Donaudeltas. Ohne Handy wären wir hier komplett verloren, Vasile aber scheint dieses Dickicht genauso gut zu kennen wie wir unsere Nachbarschaft zwischen den Wohnblocks. „Früh aufbrechen“, hatte er uns am Vortag gesagt, „bevor die Sonne die Pferde in den Schatten treibt.“
Der Letea-Wald liegt im Nordosten des Deltas, zwischen den Donauarmen Chilia und Sulina – von Mila 23 aus nicht direkt, sondern über ein Labyrinth von Kanälen erreichbar. Die Route ist kein direktes A-nach-B, sondern selbst schon Erlebnis. Unser Bootsmann scheint sich aus Prinzip nicht zu beeilen – nicht aus Rücksicht auf den Treibstoff, sondern um uns die Stille und Schönheit des Donaudeltas zu bieten, um uns an den tatsächlichen Zweck unserer Reise zu erinnern. „Letea“ bedeutet nämlich in slawischen Sprachen „Pause“ oder „Freizeit“ – das will er uns wahrscheinlich mitgeben: eine Pause von der Hektik der Großstadt. Beim Abstellen des Motors hören wir es dann: kein Hupen, kein Brummen, kein Lärm, nur Vögel, das Knacken trockener Äste und der Wind, der durch das Schilf streicht.
Mittlerweile haben wir sämtliche Orientierungspunkte verloren, wir sind ausschließlich auf ihn angewiesen und können nichts anders tun, als die unangetastete Natur zu bewundern. Oftmals lässt er das Boot im Schritttempo durch das Dickicht gleiten: er weiß bereits, wo die Pelikane oder die Kormorane nisten und will sie nicht verscheuchen. Unsere Kameras sind bereit, denn die Vögel werden bald unsere Anwesenheit bemerken und wie auf Kommando ihre großen Flügel ausbreiten und in einem beeindruckenden Schwarm von der Wasserlinie abheben.
Das Dorf Letea
Nach knappen zwei Stunden erreichen wir die kleine Ortschaft Letea. Die rund 400 Einwohner haben nicht mehr russisches Blut, wie die Bewohner in Mila 23, sondern sind Nachkommen ukrainischer Einwanderer. Es scheint uns interessant, wie gelassen sie untereinander sprechen, als ob der relativ nahe gelegene Krieg gar nicht existierte. Und für sie existiert er auch nicht. Sie leben seit Generationen im Delta zusammen und sind aufeinander angewiesen.
Wir sichten bereits einige kleine Gaststätten und entscheiden uns für eine traditionell aussehende Terrasse, wo wir für später eine Fischsuppe bestellen. Zwar leben die Menschen hier vom Fischen, jedoch haben sie bereits seit Jahren begonnen, sich dem Tourismus anzupassen. Der Name des Gasthauses am weiten Ende des Dorfes zieht den Blick an – es heißt „Am Ende der Welt“ (capăt de lume), überaus passend, meinen wir.
Jedes Haus besitzt hier wenigstens ein Boot, es gibt aber auch einige Landfahrzeuge, sogar einen alten rumänischen Aro-Geländewagen . Auch ein alter Trabi ist im Dickicht fast vergraben. Ansonsten fährt man an Land mit dem Fuhrwerk, genau wie wir auf der sieben Kilometer langen Strecke zum Waldeingang.
Die schilfgedeckten Häuser, die staubigen Sandpisten, ja die gesamte Atmosphäre kann man nur als zeitlos beschreiben. Irgendwo hinter den Häusern sieht man noch die Struktur einer Windmühle: man sagt uns, es sei die letzte echte Windmühle des gesamten Donaudeltas, auch wenn sie nicht mehr betrieben wird.
Der Letea-Wald
...ist kein zusammenhängender Forst, sondern ein System aus sogenannten „hașmacuri“ – Waldstreifen, die sich wie grüne Finger zwischen den Sanddünen hinziehen. Man betritt einen dieser Streifen und taucht augenblicklich in eine andere Welt ein. Die Eichen sind uralt, mit von Schlingpflanzen verhüllten Stämmen; die Griechische Baumschlinge klettert bis zu fünfzehn Meter hinauf und legt sich in dicken Windungen um das Holz. Wilder Wein, Hopfen, Efeu – das Dickicht ist stellenweise so dicht, dass das Licht kaum durchdringt.
Dazwischen: Lichtungen, auf denen der Sand zwischen den Grasbüscheln liegt wie in einer Wüste. Man tritt aus dem Wald heraus und steht auf einer Düne – der Wind trägt Sand, der Blick reicht weit über die flache Deltalandschaft. Dann wieder zurück ins Grüne. Es ist tatsächlich einmalig.
Ein Wald, der auf Meeressand wächst. Schlingpflanzen wie aus dem Amazonas. Die Kinder fühlen sich wie in einem Indiana Jones Film. Wir, die Erwachsenen, versuchen noch immer, die Einmaligkeit des Waldes zu begreifen.
Die Wildpferde
...sind der Hauptgrund, weshalb die meisten Besucher nach Letea kommen. Und man sollte ehrlich sein: Man sieht sie nicht immer. Sie streifen frei über ein Reservat von fast 6000 Hektar – niemand stellt sie auf einen Aussichtspunkt.
Normalerweise hat man Glück und kann kleinere oder größere Herden sichten. Wir sind aber zu spät dran. Es ist bereits zu warm und die Pferde haben sich in den Schatten des Dickichts zurückgezogen. Eine kleine Herde sehen wir noch in der Ferne – es gibt sie also, nur sie sind zu weit weg, um noch bis dahin zu fahren.
Die Wildpferde von Letea haben eine komplexe Geschichte: Ihre Vorfahren kamen laut historischen Belegen vor 300 bis 400 Jahren mit tatarischen Siedlern ins nördliche Delta. Nach dem Zusammenbruch der Kollektivlandwirtschaft 1989 wurden weitere Tiere freigelassen. Heute leben etwa 915 Pferde im Reservat Letea (Zählung 2023). Naturschützer debattieren die richtige Balance zwischen Artenschutz und dem Schutz des einzigartigen Waldökosystems – ein ungelöstes Spannungsfeld, das den Ort auch intellektuell interessant macht.
Praktische Hinweise
Organisation des Ausflugs ab Mila 23: Privatboote und lokale Fremdenführer organisieren Tagestouren zum Letea-Wald – am besten bei der Unterkunft anfragen. Es gibt keine feste Linienfähre auf dieser Route.
Eintritt Waldreservat: Das Reservat darf nicht ohne Führer betreten werden. Eintrittsgebühr (10 Lei pro Person) wird direkt beim Führer entrichtet. Empfehlenswert ist, im Dorf den Führer mit Pferdekutsche zu bestellen, um die rund sieben Kilometer lange Sandpiste leichter zu bewältigen.
Beste Zeit für Wildpferde: Früh morgens (vor 9 Uhr) sind die Pferde an den Waldrändern — bei Hitze ziehen sie sich zurück. Frühstart lohnt sich.
Bester Monat: Mai und Juni sind ideal: angenehme Temperaturen, Pferde aktiver, weniger Touristen als im Hochsommer. Keine Garantie — die Pferde bewegen sich frei. Wer sichergehen will, plant zwei Besuche oder eine Unterkunft im Dorf Letea ein.
Nötige Ausrüstung: Festes Schuhwerk — der Untergrund wechselt zwischen feuchtem Waldboden und tiefem Dünensand. Mückenspray — obligatorisch, besonders in Waldnähe und auf dem Boot. Fernglas für Vogelbeobachtung auf dem Hin- und Rückweg. Wasser und Snacks mitbringen — im Wald gibt es keine Versorgung. Bargeld: Kartenzahlung ist den Dorfbewohnern eher fremd und Geldautomaten gibt es keine.








