Der in Suceava geborene Historiker Rudolf Gassauer (1885-1952) bezeichnete seine Stadt mal als ein „kleines Österreich“. Dabei liegt Suceava im Norden der rumänischen Moldau, in der Bukowina. Wie kann dort, so weit im Osten, noch ein kleines Österreich sein?
Suceava hat heutzutage ungefähr 80.000 Einwohner und ist eine wirklich geschichtsträchtige Stadt. Sie wurde unter anderem von der deutschen Minderheit mitbegründet. Von Anfang an gab es also einen prägenden deutschen Einfluss. Die Stadt war dann von 1388 bis 1566 die Hauptstadt des Fürstentums Moldau und später ein Teil der Habsburger-Monarchie, bzw. von Österreich-Ungarn.
Die österreichische Epoche ging insgesamt von 1774/75 bis 1918, wo Suceava dann dem Königreich Rumänien angegliedert wurde. Grob 150 Jahre stand die Stadt unter deutschsprachiger österreichischer Herrschaft. Das Interessante ist zudem, dass ab 1876, als die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn eingeführt wurde, Suceava weiterhin Teil der österreichisch regierten Hälfte blieb.
Die Stadt war in diesen 150 Jahren ziemlich nah an der Grenze zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Rumänien. Diese Geschichte sieht man noch heute in der Stadt. Insbe-sondere am großen, wirklich beeindruckendem Bahnhofsgebäude.
Ein prächtiger Grenzbahnhof
Dieses wurde zwischen 1892 und 1902 in Burdujeni erbaut, was damals eine Grenzstadt im österreichischen Teil von Österreich-Ungarn zum Königreich Rumänien war. Burdujeni ist heute ein Stadtteil von Suceava, weshalb der Bahnhof auch die Namen der beiden Städte (Burdujeni und Suceava) trägt. Das Gebäude ist momentan super im Schuss und sicherlich einen Besuch wert. In der Mitte des Gebäudes gibt es einen prächtigen Saal. Dieser ist jedoch abgesperrt. Man darf ihn aber durch die Fensterscheiben bestaunen.
Im Übrigen hat der Bahnhof Gara Suceava Nord – der ebenfalls sehr schön, aber nicht ganz so beeindruckend ist – eine ganz ähnliche Geschichte. Er wurde 1871 in Ițcani gebaut, ebenfalls eine Grenzstadt zwischen der Doppelmonarchie und Rumänien (auch auf der österreichischen Seite). Heutzutage ist Ițcani ebenfalls Teil von Suceava. Zwei Bahnhöfe, an zwei Orten, mit einer gespiegelten Geschichte!
Vom österreichischen Erbe ist in der Stadt noch so manches zu sehen. Unter anderem beim Verwaltungspalast (gebaut 1903/04 von einem österreichischen Architekten), beim Nationalkolleg „[tefan cel Mare“ (1860 gegründet, zu der Zeit war die Unterrichtssprache Deutsch) und natürlich bei der römisch-katholischen Kirche St. Johannes von Nepomuk (frühes 19. Jahrhundert gebaut, genaue Jahre sind umstritten).
Zur Zeit der österreichischen Herrschaft wurde jedoch nicht nur eine Kirche, sondern auch eine Synagoge gebaut. Die sogenannte Gah-Synagoge, die noch heute im Zentrum steht. Die Gah-Synagoge wurde 1870 von der Hilfsorganisation „Gmilut Hasadim“ (kurz: Gah) aus Suceava erbaut. Diese Organisation leistete Dienstleistungen und finanzielle Unterstützung für Arme und Bedürftige in der gesamten Bukowina.
Eine multikulturelle Stadt
Suceava war also schon fast immer eine multikulturelle Stadt. Zu Zeiten von Österreich-Ungarn wurde laut einer Volkszählung auf den Straßen mehrheitlich Deutsch gesprochen. Im Jahr 1930, als die Stadt mittlerweile zu Rumänien gehörte, hat sich das drastisch geändert: die am weitesten verbreitete Sprache war nun eindeutig Rumänisch, obwohl noch eine bedeutende deutsche Minderheit (grob 10 Prozent) in der Stadt lebte, dazu gab es auch viele jüdische, jiddisch-sprechende Menschen (15 bis 20 Prozent, kommt auf die Quelle an) und viele andere Minderheiten wie Polen, Russen usw.
Heute leben, wie am Anfang gesagt, ungefähr 80.000 Menschen in der Stadt, 1930 waren es noch 17.000. Jedoch ist die Bevölkerung inzwischen deutlich homogener und besteht zentral aus orthodoxen Rumänen.
Die Kommunisten veränderten alles
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Kommunisten an die Macht und veränderten die Stadt extrem. Sie errichteten brutalistische Prachtbauten, wie das Kulturhaus im Zentrum der Stadt, und industrialisierten die Gegend, weshalb sie auch einwohnermäßig so stark wuchs. Deswegen mussten die Kommunisten auch zahlreiche Blocks bauen, die auch heute noch das Bild von Suceava prägen. Die meisten der Blocks sind jedoch gut in Schuss und sehen fast gemütlich aus. In Suceava lohnt es sich durchaus, durch die Block-Siedlungen zu spazieren und sich die kleinen Innenhöfe anzuschauen, in denen meistens Wiesen, manchmal sogar Spielplätze sind, manchmal aber auch nur asphaltierte Parkplätze. Gerade beim Flanieren hat die Stadt etwas wunderbar Ruhiges.
All diese Geschichte kann man noch heute in der Stadt sehen. Die kommunistische, so wie die österreichische. Der Neorenaissance-Verwaltungspalast steht direkt neben dem brutalistischem Kulturpalast. Auf der anderen Straßenseite liegt die katholische Kirche. Bei einem kurzen Spaziergang kann man durch die Geschichte reisen.
Es gibt noch so viel zu entdecken
Doch damit ist die Stadt immer noch nicht touristisch erschöpft. Es gibt nämlich noch die beeindruckende Festung. Diese wurde im 14. Jahrhundert erbaut, zu Zeiten des Fürstentums Moldau. Dieses Bauwerk allein hat eine lange und umfangreiche Geschichte, unter anderem wurde sie im Jahr 1538 vom Osmanischen Reich besetzt, worauf sie nach und nach zerfiel. Die weiße Linie an der Mauer zeigt die Grenze zwischen der original erhaltenen Bausubstanz und dem wieder aufgemauerten Teil.
Als wäre das alles noch nicht genug, gibt es auch noch das Kloster „Sankt Johannes der Neue“. Dieses Gebäude gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe – zusammen mit sieben weiteren historischen Kirchen in der Nähe, in der Bukowina, aber nicht direkt in der Stadt. Das Kloster in Suceava wurde zwischen 1514 und 1522 erbaut und steht noch heute. In der Kirche gibt es weiterhin Gottesdienste und es wird praktiziert. Das Kloster zeichnet sich unter anderem durch die Reliquien des Heiligen Johannes des Neuen aus, einem christlichen Märtyrer des 14. Jahrhunderts, den die orthodoxen Christen als Heiligen verehren.
Eine Reise zu diesem und den anderen historischen Glaubenshäusern ist sicherlich ebenfalls einen längeren Ausflug wert.








