Mit bewusst niedrig gehaltenen Erwartungen sind wir an einem milden Februar-Abend in Temeswar/Timișoara in den Flieger gestiegen: mein Mann, ich und unsere beiden Kinder, vier und elf Jahre alt. „Erwarte nicht zu viel“, hatte mich eine Freundin gewarnt. „Wenn du Luxus suchst, dann musst du woanders suchen, aber wenn du Authentisches erleben willst, dann bist du dort genau richtig“, sagte sie. Also saßen wir am „Traian Vuia“-Flughafen, beobachteten startende Maschinen und fragten uns, was uns auf dieser Mittelmeerinsel erwarten würde. Als das Flugzeug abhob und die Lichter der Stadt unter uns kleiner wurden, begann eine Reise, die uns – so viel sei vorweggenommen – in vielerlei Hinsicht überraschen sollte.
Unser Ziel war Larnaka an der Südostküste Zyperns. Zypern, die drittgrößte Insel im Mittelmeer, liegt geografisch nahe am Nahen Osten, doch sie gehört politisch zur Europäischen Union. Bis 1960 war die Insel eine britische Kolonie und dieses Erbe ist bis heute sichtbar: Man fährt auf der linken Straßenseite, und einiges erinnert noch an Großbritannien, von den Steckdosen bis zur Gelassenheit im Straßenverkehr.
Wir hatten uns für eine Unterkunft in Larnaka entschieden und bereits am Flughafen ein Auto gemietet. Die erste Fahrt auf der linken Straßenseite war ein kleines Abenteuer, doch sie eröffnete uns die Freiheit, die Insel auf eigene Faust zu erkunden. Es war bereits dunkel, als wir ins Auto stiegen, um unsere über Airbnb gemietete Wohnung zu erreichen, was das Abenteuer „Linksfahren“ ein bisschen spannender machte. Zum Glück waren wir außerhalb der Hochsaison nach Zypern gereist, sodass der Verkehr allgemein ziemlich entspannt war.
Zypern ist ein Land, in dem Geschichte allgegenwärtig ist. Die Insel im östlichen Mittelmeer war schon in der Antike ein bedeutender Knotenpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika. Bereits in der Bronzezeit entstanden hier hochentwickelte Kulturen, später geriet Zypern unter den Einfluss verschiedener Großmächte wie der Assyrer, Ägypter und Perser. Besonders prägend war die Zeit unter Alexander dem Großen, nach dessen Eroberungen die Insel Teil der hellenistischen Welt wurde.
Anschließend stand Zypern unter römischer und später byzantinischer Herrschaft, bevor es im Mittelalter von Kreuzfahrern erobert und schließlich von der Republik Venedig kontrolliert wurde.
Im Jahr 1571 fiel Zypern an das Osmanische Reich, das die Insel mehr als drei Jahrhunderte lang regierte. 1878 übernahm schließlich das Vereinigte Königreich die Verwaltung, und 1960 wurde die Republik Zypern unabhängig. Die Spannungen zwischen der griechisch-zypriotischen und der türkisch-zypriotischen Bevölkerung führten jedoch 1974 zu einer Teilung der Insel infolge eines von Griechenland unterstützten Putsches und einer darauffolgenden türkischen Militärintervention. Seitdem ist Zypern faktisch geteilt: Der Süden wird von der international anerkannten Republik Zypern kontrolliert, während im Norden die nur von der Türkei anerkannte „Türkische Republik Nordzypern“ besteht.
Besonders eindrucksvoll zeigte sich das in der archäo-logischen Stätte Kourion nahe Limassol. Schon die Lage ist spektakulär: Hoch auf einer Klippe thront die antike Stadt über dem tiefblauen Meer. Der Wind weht kräftig, Möwen kreisen über den Ruinen, und man spürt förmlich die Jahrtausende, die hier vergangen sind.
Kourion war einst ein mächtiges Stadtkönigreich, besiedelt seit der mykenischen Zeit und später ein bedeutendes Zentrum in der griechisch-römischen Epoche. Das Amphitheater, das ursprünglich aus dem späten 2. Jahrhundert v. Chr. stammt, beeindruckt nicht nur durch seine Größe, sondern vor allem durch die Aussicht – wer auf den steinernen Rängen sitzt, blickt direkt auf das Meer hinaus. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie hier einst Tragödien und Komödien aufgeführt wurden, während die Zuschauer im Hintergrund das Rauschen der Wellen hörten.
Faszinierend in Kourion ist das Haus des Eustolios, eine römische Villa mit hervorragend erhaltenen Mosaiken. Die filigranen Darstellungen zeigen mythologische Szenen und ornamentale Muster, die trotz ihres Alters erstaunlich lebendig wirken. Man wandert über die Überreste von Badeanlagen, durch Säulenhallen und vorbei an frühchristlichen Basiliken – ein Spaziergang durch mehrere Epochen zugleich. Für unseren Elfjährigen wurde Geschichte hier greifbar.
Mythologie begegnet einem auf Zypern ebenfalls auf Schritt und Tritt. Unweit der Küste, nahe Limassol, ragt Petra tou Romiou aus dem Meer – jener sagenumwobene Felsen, an dem der Legende nach die Schönheitsgöttin Aphrodite geboren wurde. Der Mythos erzählt, dass der Titan Kronos seinem Vater Uranos die Männlichkeit abschnitt und ins Meer warf. Aus dem Schaum – griechisch „aphros“ – entstand daraufhin die Göttin der Liebe und Schönheit. Vom Meer getragen, soll sie an genau dieser Stelle an Land gegangen sein. Die Landschaft wirkt dramatisch und poetisch zugleich. Gebadet haben wir nicht – auch wenn der Volksglaube verspricht, ewige Schönheit zu erlangen, wenn man den Felsen dreimal umschwimmt.
Für die Kinder war der Besuch im Camel Park nahe Larnaka ein weiteres Highlight. Dutzende Kamele, dazu Ziegen und andere Tiere, die gefüttert werden durften. Die Kamelritte waren ein Abenteuer: Mit jedem Schritt des Tieres schien man leicht nach vorne zu kippen - ein eigenartiges, aber unvergessliches Gefühl.
Kulturell hat auch Larnaka vieles zu bieten. In der Agios-Lazaros-Kirche, einer bedeutenden orthodoxen Kirche aus dem 9. Jahrhundert, befindet sich der Überlieferung nach das Grab des biblischen Lazarus. Das Gotteshaus wurde unter byzantinischer Herrschaft errichtet und zählt zu den wichtigsten Sakralbauten Zyperns. Der Tradition zufolge kam Lazarus nach seiner Auferweckung durch Jesus nach Zypern und wurde zum ersten Bischof von Kition, dem heutigen Larnaka, geweiht. Sein Grab wurde im 9. Jahrhundert entdeckt, was schließlich zum Bau der Kirche an dieser Stelle führte. Teile seiner Reliquien wurden später nach Konstantinopel überführt, während ein Teil in Larnaka verblieb. Das Innere der Kirche beeindruckt durch seine kunstvoll geschnitzte, vergoldete Ikonostase aus dem 18. Jahrhundert, reich verzierte Ikonen und massive Steinsäulen, die das hohe Gewölbe tragen.
Ein lohnenswerter Besuch für Kulturinteressierte ist das staatliche Archäologische Museum in Larnaka unweit des Stadtzentrums, das kostenlos besichtigt werden kann. Es bietet einen spannenden Einblick in die Geschichte der Region von der Jungsteinzeit bis in die römische Epoche. Besonders sehenswert sind Funde aus dem antiken Kition – Keramiken, Skulpturen, Grabbeigaben und Werkzeuge, die die lange Besiedlungsgeschichte der Gegend eindrucksvoll dokumentieren.
Ein modernes und überraschendes Element im Stadtbild sind die sogenannten „sprechenden Statuen“, denen man in Larnaka an mehreren Plätzen begegnet. Hinter diesem Projekt steht das innovative Freilichtmuseum „Larnaka Storytelling Statues“. Über QR-Codes oder eine App können Besucher kurze Hörgeschichten abrufen, in denen historische Persönlichkeiten oder symbolische Figuren selbst zu Wort kommen und aus ihrer Zeit berichten.
Ein weiteres Kapitel der bewegten Geschichte erschloss sich uns in Nicosia, der letzten geteilten Hauptstadt Europas. Seit 1974 verläuft hier eine Demarkationslinie, überwacht von den Vereinten Nationen. Nach einem von Griechenland unterstützten Putsch intervenierte die Türkei militärisch; seither ist der Norden der Insel faktisch abgetrennt. Wir überquerten zu Fuß den Kontrollpunkt in der Ledra-Straße und besuchten im Nordteil die Moschee Selimiye – einst eine gotische Kathedrale aus der Zeit der Lusignan-Dynastie, später unter osmanischer Herrschaft in eine Moschee umgewandelt. Kaum ein Gebäude symbolisiert die wechselvolle Geschichte der Insel eindrücklicher. Auf der türkischen Seite fühlt man sich regelrecht wie im Temeswarer „Basar“ in der Brâncoveanu-Straße – von allerhand „Fakes“ bis hin zu Gold- und Silberschmuck ist dort alles zu finden.
Doch Zypern ist nicht nur Geschichte, es ist auch Meer. Immer wieder dieses Meer, das mich und meine Familie selbst an bewölkten Tagen angelockt hat. Das Rauschen der Wellen, die salzige Luft, der weite Horizont: Für mich ist das Meer ein Ort der Kraft und der inneren Ruhe zugleich.
Ein besonderes Naturschauspiel erwartete uns am Salzsee bei Larnaka. In den Wintermonaten sammeln sich hier hunderte Flamingos. In zartem Rosa standen sie im flachen Wasser, spiegelten sich in der Oberfläche und wirkten fast surreal. Diese Begegnungen mit freilebenden Tieren gehören zu den intensivsten Reiseerlebnissen – für mich der absolute Höhepunkt meiner Reisen.
Unser Rückflug startete, wie schon der Hinflug, am Abend. Den letzten Tag nutzten wir vollständig aus – ein letzter Spaziergang am Meer, ein letzter Blick auf die Flamingos, ein tiefes Einatmen der milden Luft. Zypern mag vielleicht kein Reiseziel für Menschen sein, die nach mondänem Luxus und spektakulärer Inszenierung suchen, doch gerade seine Unaufgeregtheit, die herzliche Gastfreundschaft und die Vielfalt aus Geschichte, Natur und Kultur machen den besonderen Reiz der Insel aus.









