Insidertipps zu Kronstadt

Hinter die Kulissen des Alltags geguckt, interessante historische Spaziergänge und kostenlose Kulturevents

„Wenn ich meine älteren Bilder ansehe, bin ich manchmal sehr traurig, dass in den letzten Jahren so viele Neubauten erschienen sind, die den Baubestand der Stadt und die Natur geändert haben. Es freut mich aber sehr, wenn ich manchmal auch bemerke, dass alte, schöne, aber einst verkommene Bauwerke wieder restauriert werden und ihren ursprünglichen Glanz wieder erhalten.“ Carmen Chiperea (Facebook: Brașov, orașul sufletului meu, văzut prin ochii mei).

„Ich möchte mich mit der Stadt verbinden, neue Menschen kennenlernen, neue Sachen erfahren und diese auch promovieren. Das ist es, was mir Freude bereitet und mich begeistert“, erklärt Olga Dunai. (Facebook: Olga Dunai)

„Ich liebe es, Hintergrundgeschichten zu erfahren über Gebäude und Orte, an denen wir Kronstädter oftmals täglich achtlos vorbeigehen.“ Cătălin Paraschiv (Facebook: My Name: Brașov)

Nicht nur Reisende, Tourismusprofis oder historisch geschulte Personen können ihre Meinung zu einem bestimmten Ort auf interessante Weise zum Ausdruck bringen. Immer öfter äußern sich im Online-Zeitalter auch ganz gewöhnliche Menschen, die nebenberuflich oder ehrenamtlich ihrer Leidenschaft für ihre Umgebung oder für die Architektur ihrer Heimatstadt frönen und auch anderen zugänglich machen. So auch einige Kronstädter und Kronstädterinnen, die auf ihren Facebook-Seiten „andere“, größtenteils der Mehrheit unbekannte Attraktionen der Stadt vorstellen.

Carmen Chiperea…

…hatte schon immer eine Vorliebe für Ästhetik und eine künstlerische Begabung für Skizzen und Zeichnungen. Ihre Leidenschaft hat sie aber vor rund 15 Jahren bei der Teilnahme am Projekt „Brașov – Orașul memorabil“ entdeckt, welches unvegessliche, ikonenartige Sehenswürdigkeiten in Kronstadt thematisiert hat – und mit dem Kauf ihrer ersten Digitalkamera. 

Seither durchstreift sie die engen Gassen der Vorstadt, aber auch andere Stadtteile, und knipst Häuser, Pforten, Gassen, Menschen und Landschaften. Auf ihrer Facebook-Seite „Brașov, orașul sufletului meu, văzut prin ochii mei“ (Kronstadt, die Stadt meiner Seele, mit meinen Augen gesehen) dokumentiert sie das alltägliche Kronstädter Leben und fokussiert des Öfteren auf bestimmte Gebäude, unabhängig davon, ob diese nun anerkannte Architekturdenkmäler sind oder nicht. Ihre rund 25.000 Follower können fast tagesgenau die Geschehnisse in der Burzenländer Hauptstadt mitverfolgen und gleichzeitig interessante Entwicklungen im Baubestand der Stadt erleben. Das Besondere an ihrer Seite ist, dass Carmen kaum etwas vor dem Online-Stellen bearbeitet, sondern eher auf Natürlichkeit setzt. Spezielle Blickwinkel, heitere Stimmungen und tolle Wolkenfarben sind eben genau so, wie sie in der Realität die Kronstädter auch sehen können.

Olga Dunai…

…geht einen Schritt weiter und stellt auf ihren eigenen Facebook- und Instagramprofilen nicht nur das tägliche Leben dar, sondern verweist insbesondere auf kostenlose oder kostengünstige Kulturevents. Das Kulturleben Kronstadts sei zwar reich, aber teuer, meint sie, jedoch gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, Kultur zu erleben auch ohne tief in die Tasche greifen zu müssen. Entdeckt hat sie dies, nachdem sie mit ihrem Mann und schwanger aus der Republik Moldau nach Kronstadt umgezogen ist, kurz vor Beginn des Ukraine-Krieges. 

Auch heute gesteht Olga, dass sie als Einwanderin die Stadt noch immer teilweise wie eine Touristin erlebt. 

Vor rund einem Jahr stellte sie sich dann der Herausforderung, zehn interessante, aber eher unbekannte Dinge über Kronstadt zu erforschen und online darzustellen. Und was mit allgemeinen Informationen zum Stadtnamen oder den wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten wie dem Rathaus oder der Weberbastei begonnen hat, ist mittlerweile bereits bei der 84. Folge angelangt. Die Thematik reicht von historischen Rückblicken in die Geschichte bestehender alter Gebäude, wie dasjenige der Post oder der Stadtbibliothek, über Details zu den Stadtvierteln Kronstadts oder den unterschiedlichen Stadtparks, ja sogar über den traditionellen Tanz, der den Namen der Stadt trägt, die „Brașoveanca“ bis hin zur Geschichte der Schulerauer Drahtseilbahn. 

Bei ihren Recherchen zur Geschichte der Oberen Vorstadt hat sie eines Tages Eugen Moga getroffen, ein Experte für unbekannte Details dieses Stadtteils, der sie zu ihrer nächsten He-rausforderung geführt hat: Rundgänge in der Oberen Vorstadt und in den anliegenden Hügeln. Während der rund vierstündigen Touren entlang der engen Gassen beschreiben sie ihren Gästen die außergewöhnlichen architektonischen Details der dortigen Häuser und Holztore und erzählen längst vergessene Geschichten über die rumänischen früheren Bewohner, ihren traditionellen Lebensstil und ihre Beschäftigungen. Oftmals haben sie auf ihren Touren sogar Kronstädter zu Gast, die etwas mehr über ihre Heimatstadt erfahren möchten. 

Ihre Leidenschaft für diesen Stadtteil möchte Olga in Zukunft mit der Initiativgruppe „Cronicarii Brașovului“ (Chronisten Kronstadts) und der Stadt selbst auch über ein EU-Projekt zur nachhaltigen Entwicklung der Oberen Vorstadt weiterführen, die in ihren Augen viel zu wenig präsentiert wird.

Cătălin Paraschiv…

...ist ein überaus begeisterter „Selfmade“-Historiker. Von klein auf wollte er schon immer etwas mehr über seine Umgebung wissen, über die Plätze, die er sieht und besichtigt. Hinter Begriffen wie „Drumul vechi“ (der alte Schulerauweg) oder „Strada Sforii“ (Schnurgässchen) entdeckte er zahlreiche Geschichten, Gerüchte und Mythen. Auf seiner Facebook-Seite „My Name: Brașov“ gibt er diese nach gründlicher und methodischer Recherche zum Besten. 

Jeder findet Zeit für seine Leidenschaften, sei es Angeln, Wandern oder Tanzen. Er aber verbringt seine Zeit in Archiven, im Gespräch mit älteren Leuten, auf der Suche nach den unbekannten Geschichten der Stadt. Er postet nicht oft, will auch nicht den Alltag Kronstadts darstellen oder Kulturevents fördern, sondern versucht, tatsächliche Hintergründe des architektonischen Kulturguts von Kronstadt wieder ans Licht zu bringen. Oftmals beschreibt er Gebäude, an denen die Kronstädter täglich vorbeigehen, ohne zu wissen, welche Persönlichkeiten sie betreten oder welche Ereignisse ihre Wände erlebt haben. Mal sucht er nach bekannten Persönlichkeiten, die auf den Kronstädter Friedhöfen begraben sind, oder deutet auf wichtige, aber fast vergessene historische Elemente hin, beispielsweise das aus dem späten 19. Jahrhundert stammende Kreuz von Pernea,  noch mit kyrillischen Buchstaben beschriftet, das inzwischen von einem Neubau und einem Trafo fast „verschlungen“ wurde. Dabei bemerkt er zynisch und traurig zugleich, dass dieses Kreuz zwar als touristische Sehenswürdigkeit der Oberen Vorstadt gelistet ist, doch werde nichts zu dessen Schutz oder Restaurierung getan. 

Des Öfteren steigt er über Zäune in die Ruinen alter Werkstätten oder Häuser, unterhält sich dort mit Obdachlosen oder besucht Privathäuser, um bestimmte Details wie Namen, Wappen oder Jahreszahlen etwa von Holzbalken am Dachboden zu fotografieren. Seine Leidenschaft für derartige Details wurde im Laufe der Zeit  von unterschiedlichen Journalisten kopiert (worüber er gleichzeitig stolz und auch gekränkt ist), aber insbe-sondere von der Stiftung für historische Baudenkmäler Kronstadt im Sinne der Wiederherstellung der originellen architektonischen Substanz der Stadt genutzt, worüber er sich freut.

Vieles hat er auch schriftlich festgehalten – jedoch fehlen ihm derzeit die Mittel für eine Veröffentlichung. Dabei geht es ihm einerseits um die Sammlung seiner Recherchenergebnisse in einem einzigen Band, andererseits aber auch um die Präsentation informationsreicher Stadtrundgänge. Ausgehend von der heutigen Entbindestation hat er vier detaillierte Routen durch die Obere Vorstadt in vier Bänden dokumentiert, anhand deren man die Geschichte Dutzender Häuser und Plätze auf einem längeren Spaziergang nachvollziehen kann.