Weihnachten bei blauem Himmel, Meeresrauschen, blühender Natur statt Grau, Kälte und Familienstress. Mit einer Freundin machte ich mich heuer nach Malta auf. Von der kleinen Insel im Mittelmeer südlich von Sizilien hatte ich tolle Fotos gesehen. Da ich keine Netflix-Userin bin, erfuhr ich erst bei der Reisevorbereitung, dass mehrere Serien von „Game of Thrones“ dort gedreht worden waren. Malta ist eine Reise wert: Geschichte auf Schritt und Tritt, Naturspektakel, freundliche Leute, mit denen man sich problemlos verständigen kann, da Englisch neben Maltesisch die zweite Landessprache ist (es war von 1814 bis 1964 britische Kolonie, seit 1974 ist es parlamentarische Republik und seit 2004 EU-Mitglied). Der Tourismus boomt und ist bestens organisiert – weshalb in der Hochsaison erste Restriktionen, was die Besucherzahl bei Highlights angeht, eingeführt wurden. Im Dezember waren die Sehenswürdigkeiten nicht überlaufen. Der Nachteil: Zu Weihnachten waren manche Stätten (Museen, Katakomben) zu und in einige Kirchen konnte, da Gottesdienste, nur hineingeguckt werden.
Malta ist klein: Nur 316 Quadratkilometer (die dazugehörende Insel Gozo mit einbegriffen). Die Hauptinsel ist keine 30 Kilometer lang und ca. 15 Kilometer breit, das öffentliche Busnetz sehr gut ausgebaut und online einzusehen, das Land ist jedoch bergig, so dass die Fahrtdauer länger als geschätzt ist. Wer einen Mietwagen nehmen möchte, sollte nicht vergessen, dass Linksverkehr herrscht. Britische Überreste. Die Bevölkerung beziffert sich auf ca. 520.000 Einwohner, die Zahl der Touristen pro Jahr wird mit 3 Millionen angegeben. In der Touristikbranche sind sehr viele Ausländer beschäftigt – worüber die Einheimischen nicht immer begeistert sind.
Am krassesten ist der Unterschied zwischen Einwohner- und Touristenzahl in der vormaligen Hauptstadt Mdina: ca. 250 zu 1,5 Millionen pro Jahr. Die Autozufahrt in den Ort ist nur Bewohnern erlaubt, Fußlahme können für die Besichtigungstour eine Pferdekutsche anheuern. Betreten wird der von einer fast quadratischen Festung umgebene kleine Ort, der auf ca. 4000 Jahre Geschichte zurückblickt, durch das barocke Haupttor – bekannt aus „Game of Thrones“. Das Zentrum bildet die St. Pauls-Kathedrale, an ihrer Decke befinden sich Szenen aus dem Leben des Apostels. Enge Gassen, die Fassaden der aus Sandstein erbauten Häuser und Paläste, kleine Plätze zum Verweilen und weitere Kirchen verleihen Mdina ein mittelalterliches Flair. Es gibt ein einziges kleines Hotel und nur wenige Restaurants, die meisten Besucher sind Tagestouristen.
Nur durch einen Park ist Mdina von Rabat getrennt. Die beiden gehörten einst zusammen, in der Zeit der Araber jedoch wurde Rabat zum Vorort umfunktioniert. Die Gässchen sind hier etwas breiter, es gibt mehr Grün und viele gut erhaltene Häuser mit Holzbalkonen. Die stammen aus muslimischer Zeit, als es Frauen verboten war, sich Männern zu zeigen, sie aber am Balkon, hinter Vorhängen oder geschnitzten Fenstern, das Geschehen in der Gasse verfolgen konnten. Rabat ist größer, belebter – und anders schön. Da Paulus auf Malta gestrandet sein und mehrere Monate hier verbracht haben soll, gibt es auch in Rabat eine St. Pauls-Kirche. Unter ihr eine Grotte, in der er gelebt und gelehrt haben soll. Die St. Pauls- und die St. Agatha-Katakomben – die ersteren sind1,5 Kilometer lang und die größten frühchristlichen Katakomben Maltas – waren leider geschlossen.
Mdina liegt im Innern der Insel und wurde auch von den Rittern zunächst als Hauptstadt beibehalten. Kaiser Karl V. stellte dem Johanniterorden 1530 Malta zur Verfügung, nachdem er von den Osmanen aus Rhodos vertrieben worden war. Bald wurde jedoch klar, dass eine Verteidigung von der Küste aus besser erfolgen kann und es entstanden mehrere Festungen an der Ostküste. Eine erste war Birgu, heute Vittoriosa. Als dessen Mauern die anwachsende Bevölkerung nicht mehr fassen konnte, wurden zwei weitere Siedlungen – Senglea und Cospicua (die heutigen Benennungen) – errichtet. Da sie über einen gemeinsamen Festungswall verfügen, werden sie „die drei Städte“ genannt. Erst danach entstand am anderen Ufer die Grand Harbour Bucht gegenüber Valletta, seit 1571 die Hauptstadt Maltas. Die drei Städte haben ihr mittelalterliches Aussehen weitgehend beibehalten: enge Gassen, hohe Mauern, barocke Kirchen, schöne Plätze, Häuser mit ursprünglicher Architektur – Innenhöfchen, kleine Räume, steinerne Innentreppchen. In vielen dieser Häuser wohnen keine Einheimischen mehr, dort befinden sich jetzt Ferienwohnungen. Mit gondelartigen Booten werden Touristen in der Bucht spazieren gefahren – die Ansicht nach beiden Seiten ist lohnenswert: von der Sonne angestrahlte ockerfarbene Festungsmauern vor blauem Wasser und Himmel.
UNESCO-Weltkulturerbe Valletta
Valletta ist günstig per Bus anzufahren: Der Busbahnhof befindet sich in der Nähe des Triton-Brunnens und des Stadttors, durch das man in die Altstadt gelangt. In deren Mitte steht die St. John‘s Konkathedrale (nebst St. Pauls Kathedrale in Mdina zweiter Amtssitz des Bischofs). Das prunkvolle Innere verschlägt einem fast den Atem. Es ist kunstvoll und reich dekoriert, auf den bemalten Gewölben und Seitenaltären sind Szenen aus dem Leben des Heiligen Johannes dargestellt.
Ebenso beeindruckend ist der renovierte und seit 2024 in Teilen zur Besichtigung zugängliche Großmeister-Palast. Er war Regierungssitz zahlreicher Herrscher, Ort wichtiger Ereignisse und Treffen der Weltpolitik, heute befindet sich hier das Büro des Präsidenten von Malta. Der Palast wurde im 16. Jahrhundert vom Malteserorden errichtet und war Hauptsitz des Großmeisters. Die Korridore weisen Marmorfußböden und Wandgemälde auf, im Thronsaal, der auch heute für Staatsbesuche genutzt wird, zeigen Gemälde Szenen der Belagerung Maltas durch die Osmanen. Besichtigt werden können das Botschafterzimmer, der Schlafraum des Großmeisters und die Waffenkammer, eine der größten der Welt, die Rüstungen und auch Artilleriegeschütze zeigt.
Renoviert werden der-zeit die Unteren Barrakka-Gärten, die Parkanlage auf dem unteren Bereich der St. Christopher’s Bastion, einem Teil der Stadtbefestigungen Vallettas. Durch einen Schlitz in der Schutzfolie konnten wir den griechischen Tempel dennoch sehen.
Zu den Oberen Barrakka-Gärten gingen wir durch enge Gässchen, an schmucken Wohnhäusern vorbei. Von dort bietet sich ein schöner Blick auf das „untere“ Valletta und Fort St. Angelo in Vittoriosa. Unweit der oberen Gärten befindet sich die Herberge der Kastillier. Dem Johanniterorden gehörten Ritter zahlreicher Nationalitäten an, die zum Aufbau der Verteidigungsanlagen und Städte hierhergekommen waren. Jede „Nationalität“ errichtete eine Herberge als Gästehaus. In der Herberge der Kastilier residierten die Ritter aus Kastilien, Leon und Portugal, deren Orden mit zu den einflussreichsten gehörte. Das Gebäude ist heute ein Hotel. Weitere Herbergen sind jene d` Italie, d`Aragon oder de Provence, in denen staatliche Institutionen untergebracht sind.
Im Rahmen des weitläufigen Verteidigungssystems der Inseln Malta und Gozo zwischen 1605-1720 in Küstennähe hatten die Ritter auch 30 Wachtürme errichtet, von denen viele noch stehen. Besichtigt werden kann u.a. der St. Agathas Turm – oder Roter Turm – im Nordwesten der Insel auf der Fahrt nach Gozo. Warum er rot gestrichen wurde, ist nicht überliefert, in der Ausstellung im Inneren des Turms kann man allerlei über die Ritterorden erfahren.
Schutzkeller und Klippen
Malta sei im Zweiten Weltkrieg bombardiert worden wie kein anderes Land, so eine Reiseführerin. Als britischer Marinestützpunkt wurde es gleich nach Kriegsbeginn von den Achsenmächten angegriffen, die es einzunehmen versuchten, um es für die Versorgung der eigenen Truppen in Nordafrika zu nutzen. Zu leiden hatte, wie gewöhnlich, die Bevölkerung. Mehrere der in Felsen gehauenen Luftschutzkeller und -bunker können – und sollten als Mahnmale – besichtigt werden. Beeindruckend fand ich das ca. 500 Meter lange, von Hand in sechs Meter Tiefe unter die Pfarrkirche in Mellieha gehauene Tunnelsystem. Es verfügte über acht Eingänge, aus den etwa zwei mal zwei Meter großen Korridoren gingen ca. zwei Quadratmeter große „Zimmer“ in die Felswand, in denen ganze Familien tagelang ausharren mussten.
Ebenfalls unter dieser Pfarrkirche befinden sich Teile der im 13. Jh. errichteten Kapelle der heiligen Jungfrau Maria mit einer direkt auf den Stein gemalten Mariendarstellung, heute eine Pilgerstätte für die Bewohner der Insel. Auf der anderen Straßenseite gelangt man in die Grottenkirche, wahrscheinlich aus frühchristlicher Zeit.
Allseits wärmstens empfohlen wird der Besuch der Insel Gozo. Dank relativer Windstille konnten wir in Booten übersetzen, anson-sten gibt es Fähren. Wir hatten eine Tuk-Tuk-Fahrt gebucht und tuckerten in einem klapprigen Gefährt über die Insel, der Fahrer diente auch als Guide. Auch diese kleine Insel hat eine Hauptstadt: Viktoria – nach Queen Viktoria benannt – davor hieß sie (ebenfalls) Rabat. Schön renoviert ist ihre Zitadelle mit der Kathedrale Maria Himmelfahrt. Faszinierend sind die Steilklippen in Xlendi im gleichnamigen Golf. Nicht entgehen lassen sollte man sich die Bucht von Dwejra. Das berühmte Blaue Fenster – ein infolge von Witterungseinflüssen entstandenes Tor aus Felsen – stürzte 2017 bei einem Sturm ein, eine Bootsfahrt auf dem Binnensee mit Tunnel zum offenen Meer bietet jedoch grandiose Anblicke: Steile Felswände mit mehrere Gesteinsschichten, zum Teil mit Korallen besiedelt und mit Grotten durchsetzt, durch deren Spalten man aufs Meer gucken kann. Das alles auf türkisblauem Wasser.
Bizarr muten an einer anderen Küstenstelle Tümpel an: Salzpfannen. Laut historischen Belegen hatten bereits die Römer Sammelstellen in den Kalksandstein geklopft, um das wertvolle Salz aus dem Meer zu gewinnen – denn Salz war zeitweise ein Zahlungsmittel und ein wichtiges Konservierungsmittel. Salzpfannen-Areale gibt es an der Nordküste von Gozo mehrere, nur in zweien jedoch wird die Salzgewinnung heute noch auf traditionelle Weisebetrieben. Das Salz sei hier weicher und mit zahlreichen Mineralien durchsetzt, es kann in kleinen Läden am Rand der Anlagen gekauft werden.
Ein Naturspektakel boten auf der Rückfahrt von Gozo die in der Abendsonne leuchtenden Klippen in den Lagunen der dazwischen liegenden Insel Comino.







