Kufstein – die Perle Tirols

Laut Reisemagazin „Travelbook“ schönste Kleinstadt Österreichs

In der Folterkammer

Kaiser Maximilian I.

Der Kaiserturm Fotos: Mag. Ignazius Schmid

Blick auf einen Teil der Festung

Hochzeitstafel im Kaiserturm nächst der Kanone Weckauf von 1504

Rathaus mit Wappen

Markige Sprüche an den Häuserfassaden

Das Weinhaus ist eines der schönsten Altstadthäuser.

Eine Sonnenuhr darf nicht fehlen!

Schwibbogen in der Kufsteiner Römerhofgasse

Stadtpfarrkirche St. Vitus, 1420

Lange bevor Kufstein durch Karl Ganzers Lied zur „Perle Tirols“ wurde, lebten schon Menschen in der Gegend, die sie wohl auch als „Perle“ empfanden; genaugenommen waren es Eiszeitjäger vor 30.000 Jahren. Man darf annehmen, dass sie gern hier lebten, weil sie ideale Lebensbedingungen vorfanden.  

Die älteste Sage erzählt aber von einem Riesen. Er war groß und stark und fand keine passende Gefährtin. Als er so suchend durchs Land streifte, kam er vor die Tischofer Höhle. Da dachte er, diese ließe sich doch wunderbar als gemütliches Zuhause einrichten, das müsste einer Frau doch gefallen. So riss er einige Bäume aus, um die Höhle einmal zu beheizen. Die Gemütlichkeit der Tischofer Höhle hatten aber vorher schon einige Bären entdeckt und sich dort zur Winterruhe gelegt. Vom Rauch des Feuers aufgeweckt, kamen sie brüllend aus dem Versteck. Der Riese erschrak nicht schlecht vor den „Mäusen“, wie er meinte, sprang vor Widerwillen ein paar Schritte zurück – und fiel kopfüber in die Kaiserbach-Schlucht. Seither ward in der Gegend kein Riese mehr gesehen. In der Tischofer Höhle aber fand man 380 Skelette von Höhlenbären; einige sind im Museum der Festung Kufstein zu sehen. 

Die Urbevölkerung der weiteren Umgebung waren illyrische Völker, von den Römern Räter genannt. Im Jahr 15 v. Chr. starteten die Römer Eroberungszüge und gliederten die Gegend rund um das römische Reich ein. Vom direkten Gebiet Kufstein gibt es keinen archäologischen Nachweis über römische Siedlungen. Die Festung Kufstein wurde erst lange Jahre nach dem Ende der Römerherrschaft gebaut. Über die Vituskirche in „Caofstein“ und ein kleines Kloster bei Zell findet sich 788 eine erste urkundliche Erwähnung. Die ursprüngliche Höhenburg bestand nur aus einem Bergfried und einem Palast. Die Festung Kufstein aber zählt zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Bauwerken Tirols. Vom Zentrum heißer Kämpfe ist sie heute ein Museum und eine Veranstaltungsstätte geworden. 

Die Festung Kufstein – zwischen Bayern und Tirol

Die Zahlen der Festung sind beeindruckend: Die Anlage erstreckt sich auf einem 90 Meter hohen Felsen über 400 Meter Länge und auf 24.000 Quadratmetern Fläche. Die dicksten Mauern sind 7,5 Meter dick. Das war kein Gebäude mit Ballsälen für elegante, festliche Veranstaltungen, es war für Kampf, Eroberung und die Landesbefestigung bestimmt; ein sehr „männliches“ Bauwerk. Nicht allen ist heute die Bedeutung des Wortes „Festung“ klar, wie im Vorbeigehen das zufällig gehörte Gespräch eines kleinen Buben mit seinem Vater zeigte: „Du Papa, wo ist jetzt das Fest?“ – „Welches Fest denn?“ – „Na das von der Festung?“ Wie der Vater seinem Buben das Wort Festung erklärte, war nicht mehr zu hören … Er wird wohl von einer mit Mauern, Bastionen und Festungsschanzen verstärkten Burg erzählt haben. 

1205 waren Herzog Ludwig von Bayern und der Bischof Konrad von Regensburg die gemeinsamen Besitzer der Burg. Heinrich VI. (1270–1335), Herzog von Kärnten und Graf von Tirol und Görz, übergab Kufstein seiner Tochter Margarethe Maultasch (1318–1369), die nach dem Tod ihres Vaters Landesfürstin von Tirol wurde; eine Position, die sie kurzzeitig durch die erste Heirat mit Johann Heinrich von Böhmen verlor. Diese Kinderehe wurde nie vollzogen, und er wurde von ihr und den Tirolern verjagt. Obwohl noch verheiratet, heiratete Margarethe in zweiter Ehe 1342 Ludwig I. von Brandenburg aus dem Haus Wittelsbach, was ihr und Tirol arge Probleme mit dem Papst einbrachte, die sich erst mit dem Tod Johann Heinrichs lösten. Sie erhielt von Ludwig I. Kufstein als Morgengabe. Früh verwitwet, starb 1363 auch ihr kinderloser Sohn, und sie überschrieb Tirol dem Habsburger Rudolf IV. Das wollten die bayerischen Wittelsbacher nicht gelten lassen, kämpften sechs Jahre um Tirol und ließen es sich dann von Habsburg teuer abkaufen. Kufstein, Kitzbühel und Rattenberg gehörten aber weiterhin zu Bayern, bis der Habsburger Kaiser Maximilian I. 1504 auch Kufstein eroberte. Sofort ließ er den mittelalterlichen Bergfried durch den mächtigen Kaiserturm ersetzen und die ganze Anlage gewaltig ausbauen. Margarethe Maultasch und Kaiser Maximilian I.: Eckpfeiler von Kufsteins historischem Schicksal.

Kaiser Maximilian I.

Kaiser Maximilian I. war eine der größten Herrschergestalten Europas. Zwischen unermüdlicher Energie und ständigen krassen Schulden war er ein umtriebiger Monarch. Von seiner Geburt am 22. März 1459 bis zu seinem Tod am 12. Januar 1519 war er zeitlebens in teure Kriege und Erbschaftsstreitigkeiten verwickelt; sein luxuriöser Lebensstil verschlang Unsummen, ebenso seine großzügige Förderung von Kunst und Wissenschaft. Er war dreimal verheiratet, von seiner zweiten Frau Maria von Burgund hatte er drei eheliche Kinder – und dazu dreißig uneheliche. Er wusste – und musste – laufend Gelder aufbringen, was er mit dem Tiroler Bergbau, be-sonders dem Schwazer Silberbergbau, Zollgebühren etc. auch tat. Er brachte eine einmalige Karriere hinter sich: 1486 wurde er zum römisch-deutschen König gewählt, 1490 wurde er Landesherr von Tirol und den Vorlanden, 1493 Herr der gesamten Habsburger Erb-lande, 1508 zudem noch römisch-deutscher Kaiser. Wie er neben all dem noch Kufstein seine Energie widmen konnte, ist fast ein Rätsel. Er tat es wegen der strategisch enorm wichtigen Lage der Festung zwischen Bayern und Tirol. Neben den Kriegen brachte ihm seine kluge Heiratspolitik zusätzlich Macht und Ländereien ein. 

Die Lebenszeit von Maximilian I. war eine Übergangsphase zwischen Mittelalter und Neuzeit, er sah sich als letzten Ritter – und lebte wie ein Renaissancefürst. Seine Liebe galt zeitlebens der Rüstungs- und Waffenschmiedekunst, und er soll manchmal in den Werkstätten selbst Hand angelegt haben. Maximilian setzte auf ein modernes, bewegliches Heer, er schuf ein neues Waffensystem und das modernste Artilleriewesen Europas und brachte es erfolgreich zum Einsatz; die neuen Kanonen „Purlepaus“ und „Weckauf“ waren durchschlagend und so schwer, dass sie nur von dreißig Pferden gezogen werden konnten. 

Nach dem Tod von Maximilian I. 1519 wurde sein Sohn Ferdinand I. Landesherr in Böhmen, Österreich und dem Habsburgerreich, inklusive Tirol. 

Zweihundert Jahre später kam es erneut zur bayerischen Besetzung Kufsteins und mit deren Ende zur Rückgabe an Österreich. Es wäre ja verwunderlich, wenn die heiß umkämpfte Festung Kufstein von Napoleon I. unbehelligt geblieben wäre: Er schlug Tirol zu Bayern – und 1814 kam es wieder zu Österreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verkaufte die Republik Österreich die Festung an die Stadt Kufstein. „Heiß umfehdet – wild umstritten“, die Zeile aus der österreichischen Bundeshymne, passt kaum wo besser als zu Kufstein … 

Kufstein heute 

Die Stadt Kufstein wurde 2020 vom Reisemagazin „Travelbook“ zur schönsten Kleinstadt Österreichs ernannt. Die Römerhofgasse, die Kirchgasse, der Untere Stadtplatz, das Weinhaus Batzenhäusl, das ehemalige Wirtshaus und heutige Hotel Auracher Löchl – mit einem 90 Meter langen waagrechten Felsenstollen unter der Festung (als ehemaliger Eiskeller) – gehören dazu. Dort schrieb 1947 Karl Ganzer das Kufsteinlied: „Kufstein, die Perle Tirols … am grünen Inn“ – in der Wahrnehmung der Bevölkerung längst zum Volkslied geworden. Isidor Winkler hat ihm 2021 ein Denkmal gesetzt. 

In der Römerhofgasse, die parallel zum Ufer des Inns verläuft, steht seit 1409 eine beliebte Schänke, in der sich Soldaten, Offiziere, Inn-Flößer, Händler, Reisende, Klerus und Bürger trafen. Die hochangesehene Familie Auracher stellte zehn Bürgermeister. Hier wachte ein unbekannter guter Geist, der in der Gaststube seinen Stammplatz hatte. Er bewahrte auch 1703 als einziges das Auracher Löchl vor Schaden: Die Bürger hatten in der Stadt Feuer gelegt, um das heranrückende Heer des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel aufzuhalten. Leider geriet das Feuer völlig außer Kontrolle und legte fast die ganze Stadt in Schutt und Asche – nicht aber das Löchl. In späteren Jahren kamen regelmäßig Zugverspätungen zustande, weil die Passagiere sich von der Gastlichkeit des Löchl nicht losreißen konnten – der Zug musste warten … Nach der Familie Auracher übernahm die Familie Neuhauser das Anwesen, dann Raimund Hirschhuber, und im Jahr 2018 kamen Beatrice und Christian Walch. Unter Erhaltung der historischen Bausubstanz passten sie das Gebäude den heutigen Bedürfnissen an. Dabei machte man hochinteressante archäologische Entdeckungen, die die Geschichte des Auracher Löchl bestätigten und seinen Ruf als Sehenswürdigkeit intensivierten. Das Auracher Löchl ist unten am Inn ein würdiger bürgerlicher Gegenpol zur kaiserlichen Festung auf der Anhöhe. 

Die einzelnen Teile der Festung gehören heute zum Kulturgut: der Kaiserturm mit dem ehemaligen Staatsgefängnis, der 60 Meter tiefe Brunnen, das Heimatmuseum, die Elisabethbatterie, im negativen Sinn die Folterkammer, die so grausig ist, dass Kinder nicht hineinsollen. Dem steht die Heldenorgel gegenüber, die jeden Tag um zwölf Uhr mittags gespielt wird: eine Freiluftorgel mit 4998 Pfeifen und 80 Registern. Gebaut wurde sie 1931, „wo als tönendes Kriegerdenkmal der Gefallenen des Ersten Weltkriegs gedacht wird“, wie es damals hieß; nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch dessen Heldinnen und Helden miteinbezogen. 2022 wurde nur der historische Name der Heldenorgel beibehalten, ansonst aber völlig neu umgewidmet: „… Die Orgel spielt im Gedenken für alle, die dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben, damit andere nicht dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben müssen… Diese Orgel spielt für jene, die Heldinnen oder Helden werden, damit andere nicht Opfer sind.“ 
Spätestens dadurch hat sich Kufstein das Prädikat „die Perle Tirols“ verdient…