Die Geschichte der Glasmacherfamilie Riedel ist so vielgestaltig wie die Geschichte Europas – und wie die Gläser, die sie erzeugt. Ein Blick in die elf Generationen der 350 Jahre alten Riedel-Geschichte lässt erahnen, wie hoch ihre Verdienste einzuschätzen sind. Die Akteure im Geist an sich vorbeiziehen zu lassen, eröffnet die ganze Größe ihrer Leistungen. Hier ein Blick hinter die Kulissen der „Riedel Manufaktur & Museum“ in Kufstein, heute auch ein beliebtes Tourismusziel in Tirol.
Alles begann mit Johann Christoph Riedel (1673–1744), der in Nordböhmen, von böhmisch Leipa aus, als Glashändler ganz Europa bereiste. Unterwegs in der Sächsischen Schweiz, wurde er von zwei Raubmördern überfallen, die ihm die Kehle durchschnitten. Die Legende erzählt, dass sie seine Gulden, die in einem Schmalztopf eingegossen waren, nicht fanden. Sein Sohn Johann Carl (1701–1781) wurde Glasmaler und Vergolder. Sein Enkelsohn Johann Leopold (1726–1800), in der 3. Generation, gründete 1746, im Aufschwung nach dem Siebenjährigen Krieg, die erste eigene Waldglashütte und nahm 1756 die Antoniwaldhütte in Betrieb. Er erfand eine Technologie zur Erzeugung von großflächigen Fensterscheiben statt der bisherigen Butzenscheiben. Die Hütte Christiansthal wurde über vier Generationen betrieben und im ersten großen Herrenhaus daselbst verstarb auch Johann Leopold. Er gilt als Gründer der Glasdynastie. Anton Leopold (1761–1821) übernahm als 4. Generation das Geschäft seines Vaters und widmete sich unter anderem dem Kristall-Luxusglas. Franz-Xaver Anton (1786–1844) in der 5. Generation war ein bekannter Glasgraveur mit ausgeprägtem Sinn für Ästhetik. Mit ihm ging sowohl die Epoche der Pioniergenerationen wie die Zeit der romantischen Waldglashütten zu Ende.
Grandioser Aufstieg
Josef Riedel der Ältere (1816–1894) als 6. Generation wurde als „der Glaskönig des Isergebirges“ bezeichnet. Er baute sein Unternehmen auf acht Glashütten aus, gründete zwei Glasraffinerien sowie zwei Textilfirmen und kaufte mehrere Kohlebergwerke – für die Kohle, das wichtigste Hilfsmittel zur Glasschmelze. Zu seinen Erfindungen zählt „Uranglas“, die Technik, um zwei Glasfarben zu verschmelzen. Er heiratete seine Cousine Anna, und ihr zu Ehren nannte er das Produkt „Anna Gelb“ und „Anna Grün“. Josef war nicht nur äußerst erfolgreich, sondern auch sehr sozial und ließ seinen Arbeitern hohe Zuwendungen zukommen. Josef Anton Riedel der Jüngere (1862–1924), 7. Generation, studierte Chemie und entwickelte verschiedene Industrieanwendungen und Verfahren zur Herstellung von Hohlglas, und er entwickelte eine wissenschaftliche Methode, um 600 Farben für die Bijouterie-Glaserzeugung einzusetzen. Er beschäftigte 3200 Arbeiter. Seine Söhne, Walter (1895–1974) und Arno Riedel (1897–1964) als 8. Generation, nahmen den notwendigen Strukturwandel vor, weiteten die Produktion auf Schmuck, Kristall, Lampen, verspinnbare Glasfaser und andere hochwertige Glaswaren aus. Mit der Entwicklung von Bildröhren für Radaranwendungen geriet Walter im Zweiten Weltkrieg in die Reißzähne der Weltpolitik: Die Sowjets erkannten die Gefahr, nahmen ihn in Gefangenschaft und zogen ihn bis 1955 aus dem Verkehr. Zudem wurde er in Tschechien komplett enteignet, alle Firmen, sämtliches Privatvermögen, die Lebensarbeit von acht Generationen – alles weg. Sein Sohn Claus Josef Riedel (1925–2004), 9. Generation, sollte mit 21 Jahren in die Gefangenschaft deportiert werden.
Er sprang 1946 am Brenner mutig aus dem Gefangenenzug heraus – aber die Tüchtigkeit seiner Familie sprang mit... Mit seinem Vater Walter und mit finanzieller Starthilfe der Glasfamilie Swarovski übernahm er eine insolvente Glasfirma in Kufstein und begann einen neuen Glasbetrieb aufzubauen. Er prägte das neue, leichte Glasdesign und wurde zum „Vater des modernen Weinglases“.
Neubeginn bei Null
1949 wurde mit Georg Josef Riedel die 10. Generation geboren. Georg Josef hat erkannt, dass Qualitätsgetränke nur in den richtigen Gläsern das optimale Geschmackserlebnis vermitteln. Er ist der Erfinder der „rebsortenspezifischen Weingläser“. In den USA eröffnete er die erste Niederlassung als Importeur und schuf eine weltweite Präsenz in über hundert Ländern, unter anderem in Kanada, Japan, Australien, China…, und ist führend auf dem Weltmarkt. 2013 übernahm sein Sohn Maximilian Josef Riedel (*1977) in 11. Generation die Leitung des ganzen Unternehmens. Sein Vater Georg ist Eigentümer, der weiterhin den nordamerikanischen Markt betreut. Maximilian hat mit ihm Nordamerika zum größten Riedel-Exportmarkt gemacht.
Maximilian hat den ersten frei geformten Dekanter kreiert, entwickelte den wichtigen Online-Vertrieb, unterstützt die Weinindustrie, ist Philosoph, der sich auch vertieft mit dem Wesen der Dinge beschäftigt, und engagiert sich namhaft in diversen Wohltätigkeitsorganisationen. Im September 2023 ist er mit seiner brasilianischen Frau Rosana vor den Traualtar getreten. Stilgerecht wurde bei der Hochzeitsfeier Wein aus einem eigens entworfenen Dekanter ausgeschenkt, in den die Gesichter des Hochzeitspaares eingraviert waren. Seine ältere Schwester Laetizia ist Juristin und hat die weitläufige weltweite Rechtsbetreuung von Wirtschaftsrecht, Designschutz etc. unter sich.
Die 12. Generation, Franz Josef Riedel (*2015), ist derzeit noch mehr mit Fußball beschäftigt.
Riedel heute
Wer hautnah erleben möchte, was und wie Riedel heute produziert, besucht am besten die Werkshallen in Kufstein. Claus Josef Riedel erkannte, dass die schweren Bleikristall-Weingläser aus Böhmen dem leichten, modernen skandinavischen Design weichen mussten: Der Zeitgeschmack hatte sich gewandelt. Zudem konnte er bestätigen, was die wirklichen Weinkenner schon lange wussten: Der gleiche Wein schmeckt in verschiedenen Gläsern ganz anders, sodass es optimale Glasformen für jeden Wein sorgfältig zu finden galt. Die Produktionsweise von Glas hat sich nicht wesentlich verändert: Vier bis fünf Glasmacher sind allein schon mit der direkten Produktion jedes einzelnen Glases beschäftigt; von der Vorbereitung des Gemenges bis zur Auslieferung sind es mindestens fünfzehn Stellen. Die Glasmasse wird in sogenannten Hafenöfen bei 1440 Grad geschmolzen, dann auf 1200 Grad reduziert. Mit der Glasmacherpfeife entnimmt der Kölblmeister die benötigte glühende Glasmenge aus dem Hafenofen. Vom Einbläser wird sie durch dauerndes Drehen im Wulgerholz vorgeformt und danach in die Form eingeblasen. Die Einblasform bestand ursprünglich aus Birnenholz, die 350 Mal verwendet werden konnte. Heute nimmt man Formen aus Alu, die innen mit Birnenholzkohle beschichtet sind. Der Glasmachermeister übernimmt nun den ausgeblasenen Kelch, und der Umdreher hält die Stelle für den Stiel heiß. Der Kaier übergibt dem Glasmachermeister einen Tropfen Glas. An der richtigen Stelle platziert, zieht dieser daraus den dünnen Stiel – die heikelste Arbeit. Ein weiterer Tropfen Glas wird von ihm mit der Bodenschere zur Bodenplatte geformt. Zuletzt bringt der Umdreher die Gläser zur Kühlbahn. Jeder Handgriff muss zu jeder Sekunde auf den Millimeter genau sitzen – so lässt sich ersehen, dass mundgeblasenes Glas durch so vieler Hände Arbeit seinen Wert und auch seinen Preis hat. 200.000 mundgeblasene Gläser gehen im Jahr aus Kufstein und 56 Millionen maschinell gefertigte von Amberg und Weiden.
Ein weiteres bemerkenswertes Produkt in Kufstein ist der Dekanter. Von der einfachen Glasflasche wurde er zu dreißig Grundformen entwickelt, die jeder Glaskünstler frei formend weiterentwickeln kann.
Im Glaskabinett sind die Glasserien der Ära Böhmen sowie die der Ära Kufstein mit ihren Schöpfungen zu bewundern.
Die große Wertschätzung, die jedem bisherigen Mitglied der Dynastie sowie jedem Mitarbeiter entgegengebracht wird, zeigt sich in der „Glasglocke“, die Maximilian Riedel zum 265. Jubiläum 2021 in Innsbruck von der Glockengießerei Grassmayr gießen ließ. Sie trägt den Familienleitspruch: „Glut schüren – nicht Asche hüten“.








