Das Ciucaș-Massiv gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich eigenständigsten Gebirgslandschaften Rumäniens. Gelegen in den Karpaten der Krümmung/ Carpații de Curbură, die zu den Ostkarpaten gehören, an der Grenze der Kreise Brașov und Prahova, bietet es eine faszinierende Mischung aus spektakulären Felsformationen, weiten Hochplateaus und alpiner Stille. Besonders im Winter zeigt sich der Ciucaș von seiner ursprünglichsten Seite – rau, kalt und von stiller Schönheit geprägt.
Für den Kronstädter Lucian Pruteanu (45) gehören Gebirgswanderungen einfach zu seiner Freizeit dazu. Egal, ob Sommer oder Winter: Sobald es Feierabend ist, bereitet der 45-Jährige seine Wanderschuhe für den nächsten Tag vor. Unvergesslich bleibt seine Winterwanderung im Ciucaș-Massiv am zweiten Januartag, deren Ablauf im Folgenden zu lesen ist.
Anreise von Kronstadt zum Bratocea-Pass
Der Wandertag beginnt bereits früh am Morgen in Kronstadt/Brașov. Von hier aus führt eine etwa 40 Kilometer lange Pkw-Fahrt bis zum Bratocea-Pass, einem wichtigen Übergang zwischen Siebenbürgen und der Walachei. Die Straße schlängelt sich durch bewaldete Täler und öffnet immer wieder den Blick auf verschneite Berghänge.
Am Pass, auf dem Gebiet der Ortschaft Măneciu-Ungureni, stellte Lucian Pruteanu sein Fahrzeug ab. Unweit des Parkplatzes befindet sich ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs aus dem Jahr 1916, das still an die historischen Ereignisse erinnert, die sich in dieser abgelegenen Bergregion abgespielt haben. Der Ort lädt zu einem kurzen Innehalten ein, bevor die Wanderung beginnt. Lucian Pruteanu ist Projektmanager in einem Großunternehmen. Fast jedes Wochenende nutzt er dafür, um mit einer Gruppe Bergfreunde die rumänische Gebirgslandschaft zu erkunden. Die Gruppe lernte er über Facebook kennen. „Da ich von zu Hause aus arbeite, fehlt mir die Natur sehr. Deswegen brauche ich Bewegung und frische Luft für mein Wohlbefinden. Ich entdecke Rumänien zu Fuß“, sagt er.
Die Winter-wanderung beginnt
Pünktlich um 9 Uhr macht sich die Gruppe auf den Weg zum Ciucaș-Gipfel. Insgesamt 18 Erwachsene nehmen an der Winterwanderung teil. Alle sind mit spezieller Winterausrüstung ausgestattet: feste Bergschuhe, Gamaschen, warme Funktionskleidung, Wanderstöcke sowie Frontallichter, die vor allem für den Rückweg in der Dunkelheit unverzichtbar sind. Der 2. Januar zeigt sich winterlich streng – tiefer Schnee, frostige Temperaturen und klare, trockene Luft begleiten die Wanderer.
Der Weg führt zunächst sanft ansteigend über den verschneiten Bratocea-Pass/ Culmea Bratocea, eine der beiden Hauptkämme des Ciucaș-Massivs. Die Geräusche der Zivilisation verstummen schnell, ersetzt durch das gleichmäßige Knirschen des Schnees unter den Schuhen und den leisen Wind, der über die offenen Flächen streicht.
Hochplateaus, Kämme und weite Ausblicke
Der Ciucaș unterscheidet sich deutlich von vielen anderen rumänischen Gebirgen. Während Massivgruppen wie Fogarasch, Bucegi oder Retezat vor allem aus kristallinen Gesteinen wie Granit und Gneis bestehen, ist der Ciucaș geprägt von Sedimentgesteinen: Konglomeraten, Sandsteinen und Kalken. Diese entstanden aus alten marinen Ablagerungen und wurden im Laufe von Millionen Jahren durch Erosion zu außergewöhnlichen Formen modelliert.
Gerade im Winter kommen diese Felsformationen besonders eindrucksvoll zur Geltung. Schnee und Eis betonen Konturen und lassen die Gestalten des Ciucaș wie natürliche Skulpturen erscheinen.
Im weiteren Verlauf gewinnt die Wanderung an Höhe. Die Landschaft wechselt zwischen schmalen Kämmen, offenen Hochplateaus und windgeschützten Mulden. Unter der dichten Schneedecke liegen alpine Wiesen, die im Sommer von Berggräsern bedeckt sind. Jetzt wirkt alles still und zeitlos.
Bei guten Sichtverhältnissen lassen sich die Bucegi-Berge und weitere Gebirgszüge der südlichen Karpaten erkennen. Der höchste Punkt des Massivs, der Ciucaș-Gipfel (1954 Meter), erhebt sich majestätisch über die winterliche Landschaft. Er ist die Krönung der Wanderung und bietet ein weites Panorama, das die Anstrengung des Aufstiegs rasch vergessen lässt. Am Gipfel verweilen die Bergfreunde einen Moment, genießen die klare Bergluft und den Blick über die verschneiten Kämme, bevor sie sich an den Abstieg machen. Auf dem Rückweg kehren sie in der Ciucaș-Hütte ein, von wo sie gestärkt den Abstieg fortsetzen, während sich das Licht langsam verändert und lange Schatten über den Schnee ziehen.
Entlang der Route begegnet die Gruppe legendären Formationen wie den Großen Pfannen/Tigăile Mari, die an eine verstreute Herde von Schafen erinnern, dem Turm Goliaths, den Alten Frauen beim Beraten/Babele la Sfat, der Taube von Bratocea/Porumbelul Bratocei oder der geheimnisvollen Teufelshand/Mâna Dracului. Jede dieser Formen trägt ihren eigenen Namen und ist fest im kollektiven Gedächtnis der rumänischen Bergwelt verankert.
Naturreservat und Tierwelt
Große Teile des Ciucaș-Massivs stehen unter Naturschutz. Neben alpinen Wiesen und Zwergsträuchern wie Wacholder, Heidelbeere, Alpenrose und Latschenkiefer beherbergt das Gebiet eine reiche Tierwelt. Im Winter sind die Tiere scheu, doch ihre Spuren verraten ihre Anwesenheit: Fährten von Hirschen, Füchsen oder Wildschweinen zeichnen sich hie und da im Schnee ab. Auch Bären sind in den Wäldern unterwegs, doch sie bleiben der Bergsteigergruppe von Lucian Pruteanu am 2. Januar fern.
Mit etwas Glück lassen sich manchmal Gämsen beobachten, die selbst auf vereisten Felsvorsprüngen sicher unterwegs sind. Auch Raubtiere wie Luchs oder Wolf leben in dieser Region, bleiben jedoch meist verborgen.
Rückweg im Schein des Wolfsmondes
Als die Dämmerung langsam hereinbricht, verschwimmen Himmel und Erde in einem kühlen Blau. Die Frontallichter werden eingeschaltet und schneiden helle Kegel in die Dunkelheit. Ihr gleichmäßiger Schein begleitet die Gruppe Schritt für Schritt durch die stille Winternacht, in der nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen und das leise Atmen der Wandernden zu hören ist.
Am Himmel steht der Vollmond hell und wach - es ist die Nacht des Wolfsmonds. Sein silbernes Licht verstärkt die magische Ruhe der Umgebung und verleiht dem Rückweg eine besondere Atmosphäre, in der Müdigkeit, Zufriedenheit und Staunen ineinander übergehen.
Die Kälte wird intensiver, doch die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. Jeder Schritt will gesetzt sein, jeder Atemzug ist sichtbar. Gegen 20 Uhr erreicht die Gruppe schließlich wieder den Bratocea-Pass – müde, aber erfüllt von einem langen und erquickenden Tag in den Bergen.
Ein unvergessliches Wintererlebnis
Eine Winterwanderung im Ciucaș-Massiv ist mehr als nur eine sportliche Tätigkeit, die man auf „Strava“ aufzeichnet. Sie wird zur intensiven Begegnung mit einer Gebirgslandschaft, die durch ihre geologische Vielfalt, ihre ungezähmte Natur und eine beinahe meditative Stille geprägt ist. Für Lucian Pruteanu und seine Bergfreunde macht die Wanderung am 2. Januar deutlich, dass der Winter in den rumänischen Karpaten nicht nur körperliche Herausforderung bedeutet, sondern auch ein Geschenk sein kann – für jene, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen: vom frühen Aufbruch um 9 Uhr morgens bis zur Rückkehr in der Dunkelheit um 20 Uhr, vom ersten Schritt im Schnee bis zum letzten im Schein der Stirnlampen.
„Ich möchte das malerische Rumänien mit seinen vielen Sagen und Legenden kennenlernen, damit ich meinen Nachfolgern einiges zu erzählen habe, wenn ich einmal alt bin“, schließt Lucian Pruteanu und blickt dabei auf seine Fotos mit den verschneiten Gipfeln des Ciucaș. Stillstand kennt er nicht: Bereits im Mai wird er mit der Gruppe nach Bulgarien aufbrechen, um dort die Pirin-Berge zu entdecken. Die nächste Story wartet schon.








