Den Römern, die strategisch günstige Stellen stets gut zu nützen wussten, darf man zutrauen, dass sie nicht ausgerechnet an Melk an der Donau tatenlos vorbeigezogen wären: Es gibt verschiedene Hinweise auf eine römische Garnison in diesem Gebiet. Genaueres weiß man dann bereits von Graf Sizzo aus dem bayerischen Geschlecht der Sieghardinger, dem der spätere Melker Stiftsfelsen – hoch über der Donau, zwischen den Zuflüssen Melk und Pielach gelegen – so zusagte, dass er darauf seine Burg baute. Die erste Kunde darüber stammt aus dem Jahr 831. Die gräfliche Familie konnte sich aber nur 140 Jahre der Besitzung erfreuen, dann befand der Babenberger-Markgraf Leopold I., der von Kaiser Otto I. unterhalb der Burg ein schmales Lehen erhalten hatte, dass sich die Burg bestens zur Erschließung und Verteidigung des Landes eignen würde, und nahm sie kurzerhand ein. So war ab dem Jahr 976 die Burg Melk im Besitz der Babenberger-Markgrafen. Ab dem 11. Jahrhundert war Melk das Machtzentrum der Babenberger und ihre bevorzugte Grablege.
Die Legende berichtet, dass der irische Königssohn Koloman in seiner Heimat auf alle Güter verzichtete und sich als Pilger auf den Weg ins Heilige Land machte. In Stockerau wurde er irrtümlich als Spion angesehen, gefoltert, ermordet und an einem verdorrten Holunderbaum aufgehängt. Dieser begann wunderbarerweise neu zu blühen, was als Hinweis auf Kolomans Heiligkeit angesehen wurde. Markgraf Heinrich I. ließ Kolomans Leichnam auf seine Burg bringen, wo er 1014 schließlich neben dem ersten Babenberger Leopold I. seine ewige Ruhestätte fand und später zum Patron von Stadt und Stift Melk wurde.
Die Benediktiner kommen
Als Leopold II. zur besseren Sicherung der Grenze gegen die Böhmen seine Residenz nach Gars am Kamp verlegte, schenkte er im Jahr 1089 die Burg Melk den Benediktinern aus Lambach, die das Gebet am Grab der Babenberger, sowie die Arbeit als geistliches Zentrum der Region aufrechterhalten sollten. Ihr erster Abt wurde Abt Sigibold. Seither leben sie in ununterbrochener Reihenfolge auf Melk. Durch diese Stiftung wurde aus der kriegerisch umkämpften Burg Melk das Stift Melk, wo sich die Benediktiner dem geistigen und geistlichen Wohl der Menschen widmen: ein Haus voll Glorie!
Da sich nicht so mir nichts, dir nichts aus einer kleinen Burg ein großes Kloster entwickelt, haben die Benediktiner eine Unmenge Verantwortung und Arbeit übernommen, die sich über die Jahrhunderte erstreckt. Sie bauten eine eigene Schreibstube auf und gründeten 1160 eine erste Klosterschule in vollem Betrieb, die heute noch besteht und gegenwärtig 840 Schüler und Schülerinnen in 37 Klassen unter 90 Lehrern und Lehrerinnen ausbildet.
Probleme sonder Zahl
Eine große Brandkatastrophe, die das Stift in Schutt und Asche legte, ereignete sich 1297. Nach zehn Jahren gelang Abt Ulrich II. ein notdürftiger Wiederaufbau, aber der Schicksalsschlag war bis ins 14. Jahrhundert spürbar; Pest, Missernten und das Schisma – eine Spaltung innerhalb der katholischen Kirche – von 1378 bis 1417 taten das Ihre. Ein ermutigender Lichtblick war 1362, als Herzog Rudolf IV. dem Kloster das materiell und ideell exorbitant wertvolle Melker Kreuz mit einem großen Splitter vom Kreuz Christi schenkte. Über die ungarischen Könige Stephan I. dem Heiligen und Markgraf Adalbert dem Siegreichen war es schließlich dem Stift in feierlicher Weise übergeben worden.
Nach dem Niedergang im 15. Jahrhundert wurde auf dem Konzil von Konstanz die Benediktiner-Reform beschlossen, die zum Ausgangspunkt für die Melker Reform wurde. Als Visitator wurde Nikolaus Seyringer, der Rektor der Wiener Universität, eingesetzt, der später selbst Benediktiner und Abt von Melk wurde und hinter vorgehaltener Hand sogar als neuer Papst im Gespräch war.
Die Äbte sahen sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit Problemen konfrontiert, die nur mit großem Kraftaufwand zu lösen waren, es war ein ständiges Auf und Ab. Neue Herausforderungen waren ab dem 16. Jahrhundert die Reformation, die Türkenkriege, der Dreißigjährige Krieg, verschiedentlich im Land die Pest oder die Pocken… wodurch die Zahl der Mönche auf drei zurückging.
Mit Melk als Zentrum der Gegenreformation war Ende des 17. Jahrhunderts die Situation in spiritueller und finanzieller Hinsicht wieder gefestigt, und man konnte an den notwendigen Um- und Neubau der baulichen Anlagen denken.
… aus ew’gem Stein erbauet
Zu den prägendsten Persönlichkeiten der Melker Äbte darf Berthold Dietmayr gezählt werden. Am 15. März 1670 geboren, trat er mit siebzehn Jahren in das Benediktinerstift ein, studierte Theologie in Wien, tat sich als Rektor der Wiener Universität, als Politiker und als Ratgeber von drei Kaisern hervor. 1700 wurde er mit dreißig Jahren zum Abt gewählt, der sich mit der Kraft seiner Jugend und seiner Genialität sofort an die Aufgabe machte, Kirche und Kloster um- und neu zu bauen und damit ein prächtiges barockes Denkmal des Glaubens zu erstellen. Im berühmten Barockbaumeister Jakob Prandtauer fand er einen kongenialen Partner, mit dem er diese Pläne umsetzen konnte: Prandtauer war bis zu seinem Tod 1726 Architekt und Baumeister in Melk, anschließend setzte sein Schüler Joseph Munggenast das große Werk fort und stellte es nach einer Gesamtzeit von vierzig Jahren fertig. Für die begleitenden Arbeiten wurden die besten Künstler ihrer Zeit engagiert: Innenarchitekt Antonio Beduzzi, Stuckateur Johann Pöckh, Johann Michael Rottmayr und Paul Troger für die Deckenfresken in Kirche, Bibliothek und Marmorsaal, als Bildhauer Lorenzo Mattielli und Peter Widerin und für die Vergoldungen Christian David. Kein Wunder, dass die kunstsinnige und in puncto Geschmack gewiss sehr verwöhnte Kaiserin Maria Theresia nach ihrem Besuch mit ihrem Gemahl Kaiser Franz Stephan von Lothringen in Melk begeistert schrieb: „Es reuete mich, so ich nit hier geweßn wär.“ Berühmte Persönlichkeiten besuchten immer wieder Stift Melk: Kaiser Joseph II., Könige und Königinnen von Spanien und Norwegen, Napoleon, der Dalai Lama, Altbundespräsident Heinz Fischer, berühmte Künstler…
Kunst und Leben
Das monumentale Prachtkloster wird nicht ohne Grund eines der größten und schönsten in Europa genannt. Trockene Zahlen geben einen Eindruck: die gesamte Länge beträgt 320 Meter, die Höhe 64 Meter, es gibt sieben große Innenhöfe, 500 Zimmer, 1365 Fenster, 22 Schornsteine und 32.200 Quadratmeter Dachfläche. Von den großartigen Kunstwerken von Weltformat, denen man auf Schritt und Tritt und auf allen Ebenen begegnet, gar nicht zu reden …
Eine solche Ausdehnung eines Gebäudes macht stolz, aber auch Sorgen, denn das alles muss ja auch erhalten werden. Seit Jahrhunderten packen es die Melker Mönche an und erhalten dieses Juwel, das auch Unfromme stolz macht auf österreichische Kunst und Kultur. Aus der Unmenge von Kunstwerken fällt es schwer, auch nur die wichtigsten hervorzuheben: die Stiftskirche (mit dem Grab des heiligen Koloman und dem Grabmal der ersten Babenberger); die Bibliothek, die aus zwölf Räumen besteht und 130.000 Bücher beherbergt (davon 750 Inkunabeln und 1800 wertvolle Handschriften, die älteste aus dem frühen 9. Jahrhundert), links und rechts in den Fensternischen zwei große Globen, ein Erdglobus und ein Himmelsglobus aus dem 17. Jahrhundert; der Marmorsaal, ein ehemaliger Repräsentations- und Speisesaal für Gäste (teils mit Untersberger-, hauptsächlich aber mit Stuckmarmor ausgekleidet); die Altane, eine Terrasse, die den Marmorsaal mit der Bibliothek verbindet (und die während der Restaurierung 2025 temporär für die Besucher überbrückt wurde, wodurch für sie der grandiose Ausblick ins Donautal erhalten blieb); die Kaiserstiege und der 196 Meter lange Kaisergang, in dem die lebensgroßen Gemälde aller Herrscher der Babenberger und der Habsburger hängen; der Spiegelsaal mit kostbaren Kelchen und Monstranzen wie der Kolomani-Monstranz (mit der Reliquie des Unterkieferknochens des hl. Koloman); der gotische Flügelaltar von Jörg Breu (1502), der eine sehr dynamische Darstellung von Jesu Leidensweg zeigt. Der größte Schatz, das Melker Kreuz (ein kostbares Reliquiar aus Gold und Edelsteinen) wird separat aufbewahrt und kann im Stiftsmuseum als Nachbildung besichtigt werden. Das Original wird an besonderen Feiertagen in der Stiftskirche gezeigt.
Berühmt ist auch die Mineraliensammlung mit rund 1500 Exponaten. Im 4,4 Hektar großen Stiftsgarten mit einem barocken Gartenpavillon von 1747 und verschieden gestalteten Einzelteilen, wie dem Paradiesgarten, dem Jardin Oriental und einem barocken Wasserbecken mit einer integrierten künstlichen Insel, lässt es sich von all den überwältigenden Eindrücken erholen.
… Geborgenheit im Hause
Seit 2001 ist Georg Wilfinger der 67. Abt von Melk. Der am 6. Oktober 1949 in Immendorf bei Hollabrunn geborene Abt durchlief als Pfarrer, Konviktspräfekt, Religionslehrer… vorher einige berufliche Stationen. Von den immerwährend laufenden Bauarbeiten ist die Restaurierung des Konventhofes und der Altane bereits erledigt und die der Bibliothek im Laufen: In zehn Jahren müssen dazu jährlich 10.000 Bücher von Spezialisten in die Hand genommen und genau untersucht werden, die Räume müssen instandgesetzt und restauriert, mit Brandschutz und einem Fluchtwegkonzept ergänzt werden und das schadhafte Dach der Stiftskirche muss neu eingedeckt werden. Die „alltäglichen“ Aufgaben, die Leitung der Land- und Forstwirtschaft mit 140 Mitarbeitern, das Forstamt, die Tischlerei, die Werkstätten für Gebäudeinstandhaltung und Restaurierungen, der Tourismusbereich mit jährlich rund 500.000 Besuchern, das Zentralsekretariat, viele kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte, Gartennächte usw., die Betreuung der 23 angeschlossenen Pfarreien… Nichts von alledem darf aus den Augen verloren werden. Für Abt Georg ist dabei die größte Hilfe einerseits sein Organisationstalent und andererseits seine Menschenfreundlichkeit und Offenheit. Er liebt die Menschen und die Gespräche mit ihnen, und sie lieben ihn, er hat Freude an der Hinwendung zu allen, die da sind oder kommen und das Stift beleben: die Mitbrüder, die Mitarbeiter, die Schüler, die Touristen… Das kulturelle Erbe zu erhalten, ist ja nicht Selbstzweck: Jeder Stein und jeder Schritt sind dazu da, die Geborgenheit im Haus des Herrn zu vermitteln.
Erste Strophe und Refrain von „Ein Haus voll Glorie schauet“, Text und Melodie 1875 von Joseph Mohr (u. a. auch „Stille Nacht“):
Ein Haus voll Glorie schauet
Weit über alle Land’,
Aus ew’gem Stein erbauet
Von Gottes Meisterhand.
Gott! wir loben dich;
Gott! wir preisen dich;
O lass im Hause dein
Uns all geborgen sein!















