Eine junge Dame mit Béret schaut selbstsicher in die Kamera, eine Zigarette zwischen den Fingern, blickt auf den heutigen Betrachter aus einem Schwarz-Weiß-Bild aus einer Zeit, in der Cowboys für die Glimmstängel warben; allerdings drüben, hinter der Mauer, mit der die junge Frau aufgewachsen ist. Das 1974 entstandene Bild der Schauspielerin Katharina Thalbach ziert heute das Plakat für die Ausstellung „Sibylle Bergemann – Fotografien“, die am Donnerstagnachmittag im ISHO-Bürogebäude 1 eröffnet wurde.
Damit setzt das Deutsche Kulturzentrum Temeswar eine Tradition fort, denn die Ausstellung ist Teil des ifa-Programms zur internationalen Förderung zeitgenössischer deutscher Kunst und Künstler. Das Deutsche Kulturzentrum hat in Zusammenarbeit mit dem ifa die Ausstellungen „Helldunkel – Fotografien aus Deutschland” von Barbara Klemm im Jahr 2022 und „Paula Modersohn-Becker und die Künstlerkolonie Worpswede. Zeichnungen und Grafiken (1895–1906)” im Jahr 2024 organisiert. Aber bereits 2016 wurden in Temeswar die Fotografien von Arno Fischer gezeigt, und gerade zu der Ausstellung vor zehn Jahren gäbe es einen besonderen Bezug, wie Mona Petzek, die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Temeswar, bei der Eröffnung erklärte, denn Arno Fischer war Sibylle Bergemanns Mentor und Partner.
Anja Zougouari, die Konsulin Deutschlands in Temeswar, hob in ihrer Rede hervor, dass die jetzige Ausstellung „eine der bedeutendsten deutschen Fotografinnen Deutschlands der Nachkriegszeit“ würdige: „Ihre Fotografien erzählen keine lauten Geschichten, sie beobachten, sie verdichten, sie zeigen Gesichter wie Romane und Städte wie Bühnen menschlicher Erfahrung.“ Vizepräfektin Liliana Oneţ unterstrich, dass die Fotografien „die Änderungen im östlichen Teil Deutschlands vor und nach der Wende“ zeigten und „ein wertvolles visuelles Zeugnis“ darstellten.
Kuratorin Frieda von Wild, zugleich Tochter und Nachlassverwalterin der Fotografin erzählte über die Entstehung der Ausstellung, welche ihre Mutter „im Jahr 2006 noch selbst zusammengestellt (hatte). Sie wurde zum ersten Mal in Berlin in der Akademie der Künste gezeigt und dann, kurze Zeit später, als Tournee-Ausstellung vom Institut für Auslandsbeziehungen.“ Ifa-Regionalkoordinatorin Teodora Talhoş wies darauf hin: „Die Ausstellung ist schon überall auf der Welt gezeigt worden, von Mexiko bis Indien; seit 2025 in Rumänien, bereits in Bukarest, Klausenburg und Kronstadt und nun in Temeswar.“
Mit viel Sensibilität erinnerte Frieda von Wild an Sibylle Bergemann, die auch nach einer Krebsdiagnose „mehr geschaffen (hat), als manch anderer Mensch in seinem Leben lang schafft. Sie war besessen davon, Bilder zu machen und sie war noch lange nicht damit fertig. Sie hatte immer eine Kamera parat, im Auto, manchmal sogar auf dem Schoß, mindestens aber auf dem Beifahrersitz. Oder sowieso die kleine Minox in der Jackentasche. Und sie hatte Geduld. Geduld und Vertrauen, darauf zu warten, dass das gute Bild zu ihr kommen wird.“
Sibylle Bergemann hat in den 60er und 70er Jahren als Fotografin angefangen, vor allem ihre Modefotografien für die Zeitschrift „Sibylle“, eine in der damaligen DDR bekannte Publikation, machten sie bekannt; schwarz-weiß waren ihre Bilder damals. Nicht nur Models, sondern auch Schauspielerinnen porträtierte sie. Ein Foto zeigt die junge Nina Hagen mit ihrer Mutter Eva Maria Hagen im Jahr 1976. Nach und nach aber wandte sich Sibylle Bergemann auch dem Stadtbild zu, wie es die Berliner Aufnahmen zeigen. Die Errichtung der Denkmalgruppe Marx und Engels begleitete sie im Rahmen eines Projektes über mehrere Jahre, heute kann man die Fotos mit einem Hauch Humor sehen, wenn sie zum Beispiel die kopflosen, unfertigen Skulpturen zeigen.
Nach der Wende hat Sibylle Bergemann zusammen mit anderen Fotografen die Agentur „Ostkreuz“ gegründet, ein erfolgreiches Unternehmen, das heute mehr als 20 Mitglieder zählt. Sibylle Bergemann wurde von „Stern“, „Zeit-Magazin“, „The New York Times Magazine“ und von der Zeitschrift „Geo“ angeworben. Für diese dokumentierte sie etwa die Kollektionen der senegalesischen Modeschöpferin Oumou Sy. Diesmal sind es Farbbilder, die die bunten Kleider in einem Mimikri mit dem bunten Hintergrund der Häuser von Dakar zeigen, aber zugleich einen Kontrast schaffen zwischen Neu, den Textilien, und Alt, dem Wandputz.
Was Mona Petzek selbst gefallen hat und auch den BZ-Lesern empfiehlt: „Das Foto mit den Mädchen an der Ostsee, die sehr ernste Gesichter haben; das Foto wurde einmal retuschiert, denn sie mussten unbedingt lächeln, aber wir haben das Originalbild.“
Kuratorin Frieda von Wild: „Ich kann nicht sagen, welches Foto ich am liebsten habe, denn zum einen wechselt dies, zum anderen mag ich sie alle. Aber eines meiner ‚Favourites‘ ist das Wimmelbild in Dakar. Ich mag viele der Porträts und auch die gefallenen Engel sehr (Bilder aus Berlin).“
„Sibylle Bergemann - Fotografien“ ist eine Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen e.V. (ifa), Stuttgart, in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste, Berlin, und Ostkreuz – Agentur der Fotografen, Berlin. Kuratorin: Frieda von Wild. Lokaler Veranstalter: Deutsches Kulturzentrum Timișoara. Unterstützer und Partner sind in diesem Projekt das Goethe-Institut Bukarest, Art Encounters, ISHO Temeswar und das Konsulat der Bundesrepublik Deutschland.
Die Ausstellung kann bis zum 21. März besichtigt werden, Öffnungszeiten: Donnerstag – Freitag: 14:00 – 19:00 Uhr; Samstag – Sonntag 14:00-18:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.
![Die feierliche Eröffnung der Ausstellung V. r. n. l.: Vizepräfektin Liliana One], Konsulin Anja Zougouari, Mona Petzek, die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Temeswar, die Kuratorin Frieda von Wild, und Teodora Talhoş, ifa-Regionalkoordinatorin.](/fileadmin/_processed_/8/e/csm_Foto_1.._58e279fd56.jpg)







