Auf Schatzsuche im Wilden Westen

Wie ein Second-Hand-Markt das Leben besser macht

An den Ständen ist teilweise alles gemischt: Geschirr, Kleidung, Kronleuchter.

Etwa 20 dieser Stände hat der Markt, aufgeteilt in zwei Gänge. Fotos: die Verfasserin

Menschen wühlen in bunten Kleiderbergen, jemand verhandelt lauthals mit einem Verkäufer über den endgültigen Preis, ein paar Kinder spielen Fangen. Die Sonne scheint und man hört ein paar Vögel auf den Blechdächern der Stände zwitschern. Ein wahres Paradies für Second-Hand-Liebhaber: der Roma-Markt in Bartholomäer Viertel, direkt gegenüber vom Brintex-Einkaufszentrum.

Was des einen Müll ist, ist des anderen Schatz
Kleidung, Schuhe, Haushaltswaren, Taschen, Bettbezüge, Bücher, Spielzeug und vieles mehr kann man hier finden. „Was des einen Müll ist, ist des anderen Schatz“ heißt es. So auch die Mengen an Ware aus zweiter Hand, die auf dem Markt in Bartholomae zu niedrigen Preisen wiederverkauft wird. Einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, ist dabei umso besser. Die Ware kommt vor allem aus Westeuropa, aber auch Amerika, von Altkleidersammlungen und Second-Hand-Geschäften dort. Jeden Tag bieten die meisten Händler ihre Ware von morgens zwischen 9 und 10 Uhr, bis nachmittags gegen 16 Uhr an. Mittlerweile kommen auch ausländische Touristen zu dem Markt, der sogar eine eigene Goo-gle-Maps Bezeichnung mit dem Untertitel „Vestul S˛lbatic – R˛scole{ti {i câ{tigi“/ „Wilder Westen – Durchwühlen und Gewinnen“ hat. Die Bewertung: 3,9 von 5 Sternen. Seit einigen Jahren sind die Besuche des Marktes eine Art Hobby für mich geworden – denn Kleidung braucht man ohnehin, weshalb also nicht für wenig Geld, fernab von Fast-Fashion und meist auch in besserer Qualität? Viele der Kleidungsstücke hier haben schon Jahrzehnte überlebt und einige davon werden heutzutage kaum noch so hochwertig hergestellt – beispielsweise Jeans. Wichtig ist es, bei dem Marktbesuch Bargeld dabeizuhaben. Zwar werden von einigen der Verkäufer auch Euro oder Dollar akzeptiert, am besten ist es jedoch, ein paar rumänische Scheine dabeizuhaben.

Schnäppchen und Komplimente
Und so beginnt das Suchen: Stand für Stand, natürlich immer mit den Dingen im Hinterkopf, die man zurzeit tatsächlich brauchen könnte. Die Preise variieren je nach Tisch und Händler: bei Kleidung manchmal 3 Teile zum Preis von 10 Lei, jedes Teil 5 Lei oder aber auch mal pro Kleidungsstück 20 Lei. Bei dem teureren Stand bleibe ich meist gar nicht stehen, denn selbst wenn es sehr schöne Sachen sind, sind bei anderen Ständen genauso schöne zu finden. Für Jacken oder Schuhe  sind die Preise meist höher, allerdings immer noch wahre Schnäppchen. Eine Stunde sollte man einplanen, um möglichst viele der Stände anzuschauen. Dabei ist das Wichtigste – wie auch in anderen Lebensbereichen: nicht an der Oberfläche bleiben, sondern tiefer graben. Denn dort finden sich meist die besten Schätze, unentdeckt von anderen Besuchern. „Fetelor frumoase, r˛scoli]i, r˛scoli]i“/ „Ihr schönen Mädchen, durchstöbert alles, durchstöbert alles“ – mit Komplimenten und gut angefeuert von den Verkäuferinnen und Verkäufern, wird weitergesucht. Man kann auch mit ihnen handeln und meistens geben sie einem für den Einkauf bei Bedarf eine Tüte. An einigen Tagen findet man viel und die Taschen werden voll, an anderen gar nichts.

Echte Suche wird belohnt
Manchmal lohnt sich die Mühe besonders: Zwei Paar neue, komplett ungetragene Birkenstock-Sandalen habe ich auf dem Markt schon erworben, jeweils für 50 Lei, also etwa 10 Euro. Die beiden Modelle liegen aktuell beim Hersteller bei 100 und 120 Euro. Auch viele Kleidungstücke meiner Lieblingsmarke Levi’s, sämtliche Sommerkleider, sowie Outdoorkleidung von Marken wie Columbia oder Helly Hansen sind in meiner Ausbeute-Sammlung dabei. Manchmal schaue ich eher nach Materialien: Kaschmir, 100% Baumwolle, Leinen, Seide, Schurwolle. Verglichen mit den oftmals synthetischen Kleidungsstücken aus den bekannten Fast-Fashion-Ketten (H&M, Zara, Primark und ähnliche) ist vor allem das Tragegefühl viel angenehmer und die natürlichen Fasern sind gesünder für die Haut. Dazu kommt, dass gebrauchte Kleidungsstücke nicht die Ausbeutung von Kindern in Dritte-Welt-Ländern bedeuten und auch die Umwelt nicht weiter bei den Herstellungsprozessen belastet wird. Also durchaus positive Aspekte. Neben Kleidung überzeugen auch die Haushaltswaren an einigen Ständen: Vintage-Geschirr, komplette Sets mit außergewöhnlichen Mustern, oder Dekoartikel. Manchmal ist in den Kisten mit Handtaschen auch ein Designer-Stück zu finden, oder bei den Trachten ein passendes Verkleidungsstück für eine baldige Veranstaltung mit dabei.

Kinderbücher auf deutsch, die es sonst in Rumänien kaum für so wenig Geld gibt, oder aber gut instandgehaltene Spielzeuge begeistern auch die kleinsten Besucher. Es ist für jeden etwas dabei. In der Frühlings-, Sommer- und Herbstzeit wird bei den vorderen Ständen Obst und Gemüse verkauft. Also zwei „Grundbedürfnisse“, die an einem Ort abgedeckt werden können: Nahrung und Kleidung.

Der Markt ist nicht nur ein Ort zum Einkaufen – er ist auch ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft. Vielleicht lohnt es sich, das eigene Konsumverhalten zu überdenken und statt der nächsten Shoppingtour einen Besuch im „Wilden  Westen“ einzuplanen. Denn gute Teile gibt es dort garantiert – zumindest für den, der die Suche auf sich nimmt.