Die Rechtsanwältin Annemarie Schnell, geb. Sbârcea, 1903-1984

Die Ehrengruft der Familien Chrestels und Schnell

Annemarie Schnell, geb. Sbârcea, im Alter

Fritz Schnell kurz vor seinem frühen Tod

Die Familiengruft der Familien Chrestels und Schnell

Das Haus am Waldrand unter der Hill in Wolkendorf

Annemarie Schnell war die erste sächsische Rechtsanwältin im Südosten Europas und die Schwiegertochter des letzten deutschen Bürgermeisters von Kronstadt. Ihr Gatte, Fritz Schnell war der jüngste Sohn des Bürgermeisters Karl Ernst Schnell.

Annemarie Schnell, geb. Sbârcea, ist die Tochter des Komitatsphysikus Dr. Theodor Sbârcea (1871-1945) und der Gabriele Schnell (1881-1952). Zur Zeit ihrer Geburt, am 4. März 1903, war der Vater Arzt in Marienburg, wo Annemarie ihre wohlbehütete Kindheit verbrachte. Ihre Mutter, Gabriele Schnell (geb. 1881 in Untertömösch – gest. 1952 in Marienburg) war eine schöne und viel fotografierte Frau und Cousine dritten Grades ihres zukünftigen Mannes Fritz.
Sie hatte zwei jüngere Brüder, nämlich Teodor Sbârcea, Agronomie-Ingenieur geb. 1904 in Kronstadt und gestorben und beerdigt 1988 im ev. Friedhof Innere Stadt, im Familiengrab seiner Frau Gärtner Helga Waltraut, Nr. 1 in der Reihe 13 rechts. Der zweite Bruder, Ioan Aurel (1912-1990) ist der bekannte Arzt und Namensgeber der Kronstädter Geburtsklinik.

Im Jahre 1907 übersiedelte die Familie nach Hoszufalu, eines der „Sieben Dörfer“ und 1913 nach Kronstadt, wo sich ihre Eltern das Haus in der Katharinengasse Nr. 8 gekauft hatten. Nach Vollendung des Deutschen Mädchengymnasiums und des Honterus-Gymnasiums im Jahr 1923 studiert Annemarie in München, Wien, Paris und Klausenburg bis zur Promotion zum Doktor Juris. und wird die erste sächsische Rechtsanwältin Südosteuropas, entsprechend ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Im Jahr 1927 heiratet sie Fritz Schnell, den jüngsten Sohn des letzten deutschen Bürgermeisters Karl Ernst Schnell. Seinem Buch „Aus meinem Leben - Erinnerungen aus alter und neuer Zeit“ entnehmen wir den kurzen Abschnitt betreffend Fritz Schnell.

„Das jüngste unserer Kinder ist der am 31. Oktober 1901 geborene Fritz. Er hat das Honterusgymnasium im Jahr 1920 verlassen, nachdem er die Reifeprüfung mit bestem Erfolg abgelegt hatte. Er war im Jahre 1919/1920 Präfekt des Honteruscoetus. Seinen juridischen Hochschulstudien oblag er in Berlin und Klausenburg, legte sodann in rascher Folge die Rigorosen ab und wurde im Juni 1925 zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert. Sein Freiwilligenjahr diente er bei der Artillerie zunächst in Temeschburg in der Freiwilligenschule und sodann in Kronstadt beim 41. Artillerie-Regiment. Hierauf war er ein Jahr lang Gerichtssekretär beim hiesigen Tribunal. Im Jahr 1926 trat er aus dem Gerichtsdienst aus und wendete sich der Advokatur zu. Am 28. Juni 1927 heiratete er Annemarie Sbârcea, die nach beendeten Studien ebenfalls Doktor Juris wurde und das Advokatendiplom erwarb. Sie ist der erste sächsische weibliche Rechtsanwalt. So üben die zwei nun die Advokatur zusammen aus.“

Die junge Ehe dauerte nicht lange. Am 17. Oktober 1939 starb, nach langen Leiden Fritz Schnell im 37. Lebensjahr, wenige Monate nach dem Tod seines Vaters, in Berlin.

In der Zeitschrift „Klingsor“ widmet ihm Heinrich Zillich einen kurzen Nachruf.

„Nach langer Krankheit starb im Oktober in jungen Jahren Dr. Fritz Schnell, fern seiner Kronstädter Heimat, in Berlin, das er nicht zum ersten Mal in der Hoffnung aufgesucht hatte, dort Heilung zu finden. Unsere Zeitschrift verliert in ihm einen Mitarbeiter, dessen Beiträge vorwiegend der schönen Leidenschaft entstammten, mit der er der Reinheit der deutschen Sprache diente. In knappen, oft heiteren Stellungnahmen trachtete er, das Sprachgefühl unserer Volksgenossen zu veredeln, wobei er zahlreiche Beispiele aus dem Alltag aufgriff und so unmittelbar ins Leben wirkte. … Nun ist er, durch sein Leiden menschlich vollendet, ins Ewige entrückt, uns aber, denen er noch manches hätte geben können, wenn ihm die Lose anders bestimmt gewesen wären, soll er unvergessen bleiben.“

Das Jahr 1939 war Kriegsjahr, und in der Kronstädter Zeitung finden wir nur seine Todesanzeige mit dem Hinweis, dass seine Urne nach Kronstadt überführt werden wird. Sie wurde am 27. Oktober 1939 in der Gruft seines Vaters B38 beigesetzt, 6 Monate nachdem hier sein Vater bestattet wurde.

Für Annemarie folgten nun, nach dem Ausgang des zweiten Weltkrieges, die uns wohlbekannten Schicksalsschläge. Sie wurde ihres Häuschens aus dem elterlichen Garten verwiesen und wurde auch aus der Advokatenkammer ausgeschlossen. Mit Hilfe ihrer Wanderfreundin Annemarie Schiel (1924-2023) fand sie eine Mansardenwohnung, aber auch hier konnte sie nicht bleiben. Zusammen mit ihrer Mutter musste sie in den Zwangswohnort nach Kovasna übersiedeln. Hier starb ihre Mutter im 70. Lebensjahr in Folge der schweren Feldarbeit. Ein Helfer in dieser Notlage war der dortige reformierte Pfarrer, da sie hier den reformierten Gottesdienst besuchte. Die Rettung aus der Not kam 1955 durch ein Stellenangebot des Theologischen Instituts in Hermannstadt als Institutssekretärin und -bibliothekarin. Als Wohnort bot sich das Zimmer der Tochter des Bischofs Friedrich Müller-Langenthal an, welche gerade beim Studium war. Sie nutzte die Zeit und besuchte auch die Vorlesungen und festigte so ihren Glauben. Als Gegenleistung konnte sie den Bischof in vielen politischen Schwierigkeiten seines hohen Amtes beraten.

Dem Rat ihres Bruders Dr. Ioan Aurel Sbârcea folgend trat sie wegen eines verschleppten Herzleidens 1959 in den Ruhestand. Nach Kronstadt in ihr Elternhaus konnte sie aber noch nicht zurück. Aber sie durfte nach Wolkendorf und fand als Wohngelegenheit einen Platz im Haus des Apothekers Phleps in der Hillgasse am Waldrand. Hier betreute sie Schulkinder bei den Hausaufgaben und auch viele alte und einsame oder kranke Gemeindeglieder. Die letzten Jahre wohnte sie, als ehemalige Kirchliche Angestellte im Pensionistenheim der Wolkendorfer Kirche.

Am 11. November 1984 erlitt sie einen halbseitigen Schlaganfall. Die letzten zwei Wochen ihres Lebens wurde sie, in ihrem Elternhaus in der Katharinengasse, von ihren beiden Brüdern liebevoll gepflegt bis sie am 27. November die Augen für immer schloss und in der Familiengruft B7 bestattet wurde.

Eine schöne Beerdigungspredigt wurde ihr vom Wolkendorfer Pfarrer Klaus Daniel gehalten. Hier ein paar Worte aus dieser Predigt: 
„Ihr Lebensende kam unerwartet, darum wird sie uns fehlen. Ihr Platz in der Hausgemeinschaft unseres Pensionistenheimes aus Wolkendorf bleibt leer, ihr Platz in der Kirche oder in der Bibelstunde bleibt leer, aber wir wissen, ihr Auftrag ist erfüllt. Er wurde abgeschlossen mit einer Abendmahlsfeier am Reformationstag, als sie Abschied nahm von den Menschen, die ihr ganz lieb waren und ihr nahestanden, und deren Freuden und Sorgen sie immer mitgetragen hatte.“

Die Gruft B7 ziert ein Grabstein aus dem 17. Jahrhundert, welcher den Stadtrichter Georg Chrestels (1614-1672) darstellt. Zwischen den Großfamilien Chrestels und Schnell gibt es verwandtschaftliche Beziehungen.

In dieser Gruft haben viele weitere Mitglieder der Familie Schnell ihren ewigen Frieden gefunden, Annemarie Schnell war am 27. November 1984 die letzte hier bestattete.