Ein silberner Löffel ist auf den Lesezeichen abgebildet, die am Nachmittag des 17. März auf den Stühlen im Festsaal des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt liegen. Die Lesezeichen sollen zum Buch verwendet werden, das an diesem Tag vorgestellt wird.
„Dem Himmel näher als die Heimat. Aus einem Zettelkoffer gesammelt“ von Reinhard Schuster und Manfred Copony ist im Hermannstädter Honterus-Verlag erschienen und sammelt Briefe und Tagebuchauszüge, die meisten von ihnen während der Deportation in die ehemalige Sovjetunion verfasst.
Der Löffel auf dem Lesezeichen wurde von Reinhard Schusters Vater Fritzl während seiner Zeit im Zwangsarbeitslager von Almazana benutzt. Ein Gegenstand aus einem anderen Leben, als die Welt noch heil war. Ein silberner Löffel, der den jungen Mann an sein Zuhause erinnern sollte. Der ihm auch in Zeiten, als es fast keine Hoffnung mehr gab, Vertrauen schenken sollte. Ihm versprechen sollte, dass mit jedem Tag, der vergeht, der Tag näher rückt, an dem er endlich wieder zu Hause sein wird.
Ein Stück Geschichte wird rekonstruiert
Letztes Jahr waren es 80 Jahre, seitdem im Januar 1945 über 70.000 Angehörige der deutschen Minderheit, von russischem und rumänischem Militär ausgehoben und in Viehwaggons in den Donbass (heute östliche Ukraine) gebracht wurden. Statt sich ihrer schönsten Jahre zu erfreuen, mussten die jungen Leute jahrelang in Kohlenwerken unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Etwa 15% der Deportierten kehrten nicht mehr in ihre geliebte Heimat zurück. Sie überlebten den ständigen Hunger, die Kälte und die schweren Arbeitsbedingungen nicht. Andere kehrten schwer traumatisiert zurück. Die Zeit im Arbeitslager hat tiefe Spuren hinterlassen, die auch heute noch in manchen Familien zu sehen sind. Die Erinnerungen der Zeitzeugen, alte Familienfotos, Briefe und verschiedene andere Dokumente fügen sich zusammen zu einer großen Erzählung, in der nicht immer über Leid die Rede ist, sondern auch über Hoffnung. So auch in den Briefen und Tagebuchauszügen, die von Copony und Schuster gesammelt wurden und in denen ein Stück Geschichte rekonstruiert wird.
Ein Koffer voller Erinnerungen
„Während des Kommunismus war ich Kellner im ARO-Palace Hotel. Dort habe ich viele Leute kennengelernt, darunter Reinhardt Schuster. Nachdem ich nach Deutschland ausgewandert bin, habe ich oft bei ihm übernachtet, wenn ich auf Besuch nach Rumänien kam.“ So fing eine Freundschaft an, die die Jahre überdauerte.
Eigentlich hatten beide Autoren anfangs kein Interesse am Thema „Deportation“. Doch vor sechs Jahren wurde das Gesetz Nummer 130/2020 in Rumänien erlassen, welches den Russlanddeportierten und deren Kinder das Recht auf Entschädigung einräumte.
Schusters Mutter, sein Vater sowie der Großvater mütterlicherseits wurden 1945 in die UdSSR deportiert. Er hatte aber anfangs wenig Interesse daran und auch sein Frreund Manfred Copony nicht, da niemand aus seiner nahen Verwandschaft in die UdSSR deportiert wurde (sein Großvater konnte sich noch verstecken, um der Deportation zu entgehen). Doch dann kamen mehrere Anfragen von Bekannten aus Deutschland, die Copony baten, ihnen bei der Beschaffung der Unterlagen, die für einen Antrag nötig waren, zu helfen. So forderte er auch Schuster auf, in seinen Unterlagen zu stöbern und ihm die nötigen Papiere zu geben, um den Antrag für ihn zu erstellen. Wegen seiner Sehschwäche konnte dieser die Unterlagen nicht finden, händigte seinem Freund aber einen Koffer voll Dokumenten und Urkunden aus. In diesem Koffer fand Manfred Copony mehrere Briefe, sowie das Tagerbuch von Reinhard Schusters Vater und dessen Schwester, die 1945 gemeinsam nach Almazana zur Zwangsarbeit verschleppt wurden. „Soll ich wieder anfangen zu schreiben? Es ist eigentlich nicht nötig, denn all das, was ich hier erlebe, werde ich doch nie wieder vergessen können“ – mit diesem Eintrag, am 5. Mai 1945 verfasst, fängt das Tagebuch von Amieze und Fritzl an, welches im Arbeitslager verfasst wurde. Copony las es gespannt, das Thema ließ ihn nicht mehr los. Es folgten über 100 Briefe, Urkunden und Fotos, die er mit großem Interesse studierte. Er erzählte Schuster davon, und auch dessen Interesse wuchs von Tag zu Tag. Dann entschieden sie sich, dass nach all diesen Recherchen „ein Buch erstellt werden sollte, in welchem die Hauptpersonen durch Briefe und Eintragungen im Tagebuch selbst zu Wort kommen sollen“.
Die Leute, die im Buch zu Wort kommen, leben weiter
Im Blumenauer Altersheim lernte Copony Frau Hilde Auguste Eberlein kennen, die auch nach Almazana zur Zwangsarbeit deportiert worden war und die sich trotz ihrer über 100 Jahre an vieles erinnern konnte. Ein interessantes Dokument im Buch ist ein Rundbrief von mehreren ehemaligen Honterusschülern, ehemalige Klassenkameraden von Fritzl, Schusters Vater, die nach der Rückkehr aus der Deportation Kontakt zueinander gesucht haben. Aus diesem Rundbrief kann man viel auch über die Zeit nach der Deportation erfahren.
„Die Leute sprechen selber in diesem Buch, deshalb habe ich auch alle Fehler behalten“, meinte Copony bei der Buchvorstellung. „Dem Himmel näher als der Heimat“ ist nicht nur ein wichtiges Zeitdokument, sondern es wirkt gegen das Vergessen. Alle Leute, die in diesem Buch zu Wort kommen, leben weiter.
„Lesen zwei Leser das gleiche Buch, so lesen sie dennoch nicht dasselbe.“ An diese Worte von Michael Ende erinnerte Manfred Copony bei der Buchvorstellung, die von einem Abendessen mit Krautsuppe und Schwarzbrot gefolgt wurde.
Für die einen Leser ist das Buch eine Lektion Geschichte. Für die anderen ein Stück Familiengeschichte. Oder eine Erinnerung daran, dass man die Hoffnung auch in schwierigen Zeiten nicht verlieren sollte. Viele der Leser werden vielleicht den einen oder anderen Bekannten wieder erkennen. Oder sich an die Erzählungen der Großeltern und Urgroßeltern erinnern.
Mehrere Landkarten und Zeichnungen wurden von Copony erstellt, um bildlich manche Details den Lesern näher zu bringen. Ebenfalls findet man im Buch eine Personentafel, um die Verwandtschaftsverhältnisse der im Buch erwähnten Personen zu ermöglichen. „Dem Himmel näher als der Heimat“ kann kostenlos auf Anfrage erhalten werden.
Das Buch erschien mit der Unterstützung des Departments für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Rumänischen Regierung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Kronstadt.




