Am Freitag, dem 27. Februar, stand der siebenbürgisch-sächsische Schriftsteller und Journalist Hans Bergel im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Apollonia-Kulturzentrum. Unter dem Titel „Hans Bergel – homo transilvanus universalis“ wurde das 2023 erschienene Buch „Privind mereu spre România“ („Immer auf Rumänien blickend“) des Historikers Cosmin Budeancă vorgestellt. Zudem wurden Ausschnitte aus dem TV-Interview „Dans în lanțuri“ (Tanz In Ketten) des öffentlichen Fernsehsenders TVR gezeigt, das Cristian Amza 2018 mit dem Schriftsteller führte.
Mit der Bezeichnung „homo transilvanus universalis“ wurde bewusst auf das humanistische Ideal des „homo universalis“ angespielt – also auf den vielseitig gebildeten, in unterschiedlichen Bereichen wirkenden Menschen. Im Falle von Hans Bergel verweist der Begriff sowohl auf seine außerordentliche intellektuelle und künstlerische Bandbreite als auch auf seine tiefe Verwurzelung im multiethnischen Kulturraum Siebenbürgens, dessen Geschichte und Spannungsfelder sich in seinem Leben und Werk widerspiegeln.
Zu Gast bei der Veranstaltung waren neben Budeanc˛ vom Institut zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus und des Gedächtnisses des Rumänischen Exils (IICCMER), Thomas Șindilariu, Unterstaatssekretär im Departement für Interethnische Beziehungen an der Regierung Rumäniens DRI und Mihai Dragomir, Vorsitzender des Vereins „Mioritics“. Durch den Abend führte Carmen Gheorghe vom Apollonia-Kulturzentrum, Gastgeber der Veranstaltung.
Vom Interview zum Buch
Im Mittelpunkt stand der 126 Seiten umfassende Ehrenband des Historikers, der den bekannten aus Rosenau stammenden Prosaautor, Essayist, Dichter, Übersetzer, Publizist und Aktivist für die Rechte der deutschen Minderheit im kommunistischen Rumänien im Jahr 2012, im Rahmen eines beruflichen Aufenthalts in Deutschland interviewte. Zunächst veröffentlichte er nur Auszüge aus dem Gespräch. Doch nach Bergels Tod am 26. Februar 2022, entschloss er sich, das gesamte Material an die Öffentlichkeit zu bringen. Neben dem Interview enthält der Band eine biografische Studie über Hans Bergel und seine Familie, die sich auf Dokumente aus dem Archiv des Nationalrats für die Erforschung der Securitate-Unterlagen (CNSAS) stützt.Eingeleitet wird das Werk von Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V., München (IKGS), das Nachwort schrieb Ana Blandiana. Das Buch konnte mit Unterstützung des Festivals für Film- und Geschichten in Rosenau (FFIR) und des Vereins „Mioritics“ erscheinen.
Persönliche Erinnerungen und historische Einordnung
Die Gäste des Abends erinnerten an persönliche Begegnungen mit Bergel und würdigten seine Energie, den Humor und die Konsequenz und seine schriftstellerische Begabung. Zugleich wurde auf die Repressionen eingegangen, denen er unter dem kommunistischen Regime ausgesetzt war. Hervorgehoben wurde Bergels Verbundenheit mit Rumänien, Siebenbürgen und Rosenau und deren Natur sowie sein Einsatz für die Angehörigen der deutschen Minderheit, die während der Ceaușescu-Ära nach Deutschland emigrieren wollten. Budeancă sprach über Bergels Zwangsdomizil im Bărăgan, wo dieser unter anderem mit Corneliu Coposu philosophische Gespräche führte. Die Lebensumstände seien von Hunger und Not geprägt gewesen – er habe von seiner Frau Lebensmittel erhalten, obwohl sie allein mit drei Kindern zurückgeblieben war und sich selbst in Not befand.
Engagement, Kontroversen und Erinnerungskultur
Thomas Șindilariu erinnerte sich an eine gemeinsame Zeit bei der Julius-Römer-Hütte am Schuler und an eine Fahrt nach Bukarest, in der Bergel zahlreiche historische Einblicke vermittelte. Zugleich sprach er die umstrittene Rolle des Schriftstellers in Frage der Auswanderung der Siebenbürger-Sachsen an. Bergel hatte sich für die Ausreise der Deutschstämmigen in Rumänien eingesetzt, um ihnen ein Leben außerhalb des kommunistischen Regimes zu ermöglichen – wie er selbst es auch haben sollte. Dafür wurde er von jenen kritisiert, die trotz schwieriger Bedingungen im Land bleiben wollten. „Paradoxerweise hatten beide Lager recht: Beim Sachsentreffen 2017 habe ich Sachsen getroffen, die sich fragten, warum sie wohl weg sind“, sagte Șindilariu.
Mihai Dragomir berichtete auch von einer persönlichen Begegnung mit Hans Bergel, beim FFIR, wo er zu Gast gewesen war. Dragomir war von Bergel beeindruckt und hat zu dessen Ehren eine Gedenktafel am Haus anbringen lassen, in dem der Schriftsteller und sein Bruder Erich Bergel, der berühmte Dirigent, aufgewachsen sind. Der Verein ist bemüht, auch eine Straße in Rosenau nach Bergel zu benennen, zu dessen Ehrenbürger er 2012 ernannt wurde.
Zwischen Literatur und Zeitzeugnis
Budeancă wies darauf hin, dass „Privind mereu spre România“ mit einer gewissen Zurückhaltung gelesen werden sollte. Bergel sei Schriftsteller und kein Historiker; nicht alle Daten seien durch archivalische Quellen gesichert. Manche biografischen Details bleiben ungeklärt, „das hat aber gewiss mit den schwierigen Lebensumständen zu tun, die er durchmachen musste oder auch mit dem hohen Alter, in dem er diese Interviews gegeben hat.“ „Im Interview hören wir eine ausgearbeitete und wiederholte Lebensgeschichte“, unterstrich auch Șindilariu. Gleichwohl sei Bergels Werk von besonderem Wert, da er Einblicke in das Leben der politischen Häftlinge gebe, wo es doch sonst nicht allzu viele Zeugenaussagen gibt. Bergels Zeugnis rege zudem zu kritischem Denken an.
„Privind mereu spre România” ist durch die Kulturstiftung Memoria im Verlag Mega erschienen und kann in Buchhandlungen gekauft oder auf der Internetseite Revistamemoria.ro bestellt werden. Es beinhaltet zudem einen QR-Code, über den das mehrstündige Interview abrufbar ist.
Das TV-Interview „Deportații: Dans în lanțuri“, in dem Dr. Anneli Ute Gabanyi, Historikerin und Politikanalystin über Bergel spricht, ist auf YouTube verfügbar.





