Ida Tänzer – Oberin des Diakonissenmutterhauses Bukarest in den Jahren 1896-1933

Ida Tänzer, Oberin des Diakonissenhauses Gottessegen

Ehrengrab der Oberinnen des Mutterhauses Gottessegen in Kronstadt

Nur wenige Jahre, bevor Ida Tänzer 1853 in Schlesien geboren wurde, hatten Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth das erste Diakonissenhaus gegründet. Angesichts der sozialen Not, die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte, war der Bedarf nach engagierter und professioneller Hilfe in der Kranken- und Armenpflege, der Arbeit mit Familien, verwaisten oder verwahrlosten Kindern und Jugendlichen oder auch Strafgefangenen immens angestiegen. Mit der Ausbildung und der Lebensform der Diakonisse eröffnete das Ehepaar Fliedner unverheirateten Frauen die Möglichkeit, eine gesellschaftlich anerkannte Rolle zu spielen und ihren Aktionsradius in der Öffentlichkeit auszuweiten. Sicherheit und Schutz bot das Mutterhaus, das meist im Rahmen der Kirche agierte. Die bestens ausgebildeten Diakonissen wurden sehr bald vom Kaiserswerther Mutterhaus entsandt, oft auf Anfrage von Kirchen oder sozial engagierten Vereinen.

Eine geschätzte Institution 
Auf diese Weise kam Ida Tänzer 1895, mit 42 Jahren eine bereits erfahrene Diakonisse, gemeinsam mit drei weiteren Schwestern nach Bukarest, um dort an der deutschen evangelischen Mädchenschule zu arbeiten. Als dieser Auftrag nach einem Jahr erfüllt war, beschlossen die vier Diakonissen, in Bukarest zu bleiben, um dort – unabhängig von Kaiserswerth – weiterhin junge Frauen auszubilden und in der Kranken- und Armenpflege aktiv zu sein. Damit war der Grundstein des Diakonissenmutterhauses Gottessegen (Casa de diaconese „Binecuvântarea Domnului“) gelegt. Ida Tänzer wurde zur Oberin gewählt. Aus dem kleinen Heim, in dem die Diakonissen wohnten, entwickelte sich schnell eine viel beachtete und geschätzte Institution. Dank der großzügigen Unterstützung und Förderung durch die königliche Familie und die Bukarester Eliten konnten die Diakonissen 1902 in deutlich größere, gut ausgestattete Gebäude umziehen, wo nicht nur die Zimmer der Schwestern, sondern auch ein Sanatorium mit Krankenzimmern (210 Betten), Operationssaal und Behandlungsräumen untergebracht waren.

Dem wachsenden Bedarf an ausgebildeten Schwestern begegnete Ida Tänzer im Jahr 1905 mit der Entscheidung, in Ploie{ti eine neue, größere Schwesternschule errichten zu lassen.

Eine Grundschule und ein Waisenhaus kamen hinzu. In Anerkennung für diese Leistung wurde sie von König Karl I. mit dem Orden „Răsplata muncii“ I. Klasse geehrt.

Drei Häuser am Schneckenberg 
Als die Grenzen Rumäniens nach dem Ersten Weltkrieg auch Siebenbürgen und die Dobrudscha umschlossen, sorgte Ida Tänzer dafür, dass Niederlassungen ihres Mutterhauses Gottessegen auch in weiteren Städten entstanden: 1924 kamen die ersten Schwestern nach Kronstadt; 1925 wurde die Filiale in Constan]a gegründet und 1934 in Cobadin. Diese Vorhaben erforderten Durchsetzungswillen und geschicktes Verhandeln. Das ist am Beispiel der Kronstädter Niederlassung ausführlich belegt, die Ida Tänzer in enger Abstimmung mit Stadtpfarrer Viktor Glondys und Prediger Georg Scherg plante und einrichtete. Da sie sich mit ihrem Mutterhaus jedoch keiner Institution, auch nicht der Kirche, unterordnen wollte, als Staatsbürgerin des Deutschen Reiches aber keine Immobilien erwerben durfte, gründete Ida Tänzer zusammen mit der Ehefrau des Kronstädter Anwalts Victor Ziske die Firma „Casa diaconeselor Binecuvântarea Domnului Ida Tänzer et. Comp“. So konnten drei Häuser am Schneckenberg (heute: Matei-Basarab-Str. Nr. 35-39) erworben werden, die für die Niederlassung in Kronstadt benötigt wurden.

Das Sanatorium 
Die elegante, geräumige Villa in Hanglage (heute: Matei-Basa-rab-Str. Nr. 35), war 1905/1906 von Luise Stehlik (geb. Teutsch), einer tüchtigen und wohlhabenden Immobilienhändlerin, in Auftrag gegeben worden. 1925 kaufte Rechtsanwalt Viktor Ziske das Haus, das er seiner Frau Maria zur Verfügung stellte, die ihrerseits neben Ida Tänzer Teilhaberin der Firma Casa diaconeselor Binecuvântarea Domnului war. So konnte das Sanatorium der Diakonissen mit 50 Betten eingerichtet und am 10.11.1925 im Beisein von Königin Maria von Rumänien und Königin Sofia von Griechenland feierlich eröffnet werden. Im neuen Sanatorium praktizierten bekannte und erfolgreiche Kronstädter Ärzte wie der Orthopäde und Chirurg Dr. Andreas Sitterli oder der Frauenarzt Dr. Ludwig Haltrich. Ein Operationsraum und eine radiologische Abteilung wurden eingerichtet. Mit den anderen Ärzten und Krankenhäusern in Kronstadt gab es enge Verbindungen.

Das Kinderheim 
Neben dem Sanatorium wurde ein Haus gekauft und eingerichtet, in dem 15 bis 20 Kinder zwischen 4 und 14 Jahren untergebracht und versorgt werden konnten. Es handelte sich zumeist um Waisen oder Halbwaisen, aber auch um Kinder aus zerrütteten Familien. Sie blieben, wenn nötig, bis zum Ende der Schulzeit in der Obhut der Schwestern. Im Erdgeschoss befanden sich zwei große Räume: ein Spiel- und ein Speisezimmer. Im Obergeschoss lagen sechs kleine Schlafzimmer. Da das Haus mit Unterstützung von Schweizer Freunden der Ida Tänzer eingerichtet wurde, trug es die Bezeichnung Sarasin-Forchart-Stiftung. Finanziert wurde die Arbeit ausschließlich durch das Bukarester Mutterhaus und seine Außenstationen, gelegentlich auch durch Spenden.

Das Schwesterwohnheim und Gästehaus 
Die Schwestern wohnten in einem Nachbargebäude (heute: Matei-Basarab-Str. Nr. 39). Dort wurden auch Zimmer für Übernachtungsgäste bereitgestellt. Für den Kauf und die Ausstattung dieser Gebäude verwendete Ida Tänzer den Erlös aus dem Verkauf der Schule aus Ploie{ti.1932 verkaufte Ida Tänzer alle Liegenschaften des Diakonissenhauses Gottessegen aus Bukarest, Constanța und Kronstadt an das Diakonissenhaus Gottestreue in Berlin-Lichtenrade, ohne dass dadurch die Arbeit in den Häusern eingestellt oder das Leben der Diakonissen maßgeblich verändert worden wären. Ein Jahr später starb Ida Tänzer und wurde, ihrem Wunsch gemäß, auf dem Friedhof der Obervorstädter Kirche in Kronstadt begraben. Seit 2021 ist Ida Tänzers Ruhestätte ein Ehrengrab der Honterusgemeinde.