Originale Kunstwerke und kostbares Archivgut aus dem Besitz einer Kirchengemeinde stehen normalerweise hinter Schloss und Riegel. Sie ruhen wohlbehütet in den Depots und sind den Blicken der Besucher zumeist entzogen. Doch es gibt manchmal Anlässe, zu welchen man diese kostbaren Schätze nicht nur aus nächster Nähe entdecken kann, sondern man hat auch die Chance, mehr über sie zu erfahren. Und das mittels Präsentationen, die so spannend aufgebaut sind, dass man ihnen gebannt folgt wie einem Krimi. Die Vortragsreihe „Kulturerbe hautnah“, die Begegnungen zwischen Publikum und Archivgut der Honterusgemeinde vermittelt, wurde vor zwei Jahren von Dr. Ágnes Ziegler, Leiterin des Referats Kulturgüter an der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, und Dr. Frank-Thomas Ziegler, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit derselben Gemeinde ins Leben gerufen und erfreut sich großer Popularität.
Im Jahr 2026 geht die beliebte Vortragsreihe weiter- mit fünf neuen Veranstaltungen. Die erste davon fand am 24. Februar im Kapitelzimmer des alten Pfarrhauses vor einem zahlreichen Publikum statt. Diesmal standen Gemälde von Friedrich Miess (1854-1935) im Mittelpunkt. Es ist das erste Mal, dass im Rahmen dieser Veranstaltung Gemälde gezeigt werden. Zu den zwölf Schöpfungen des siebenbürgischen Malers aus Gemeindebesitz gehören virtuose Meisterwerke wie das Selbstbildnis vor osmanischem Teppich oder das Bildnis der Meta Schnell, der Tochter des letzten deutschen Bürgermeisters Kronstadts Karl Ernst Schnell.
Der erste freie Künstler in Siebenbürgen
Vor den Augen der Betrachter erklärte Dr. Frank-Thomas Ziegler die Besonderheiten der Malkunst von Friedrich Miess, begleitete die Teilnehmer durch das Leben und Schaffen des Malers, erzählte Anekdoten und interessante Fakten und ging dabei auf tiefgründige Fragen ein wie „Was war wichtig in der Kunst von Miess?“ und „Braucht ein Künstler einen Stil?“
Der aus einer gutbürgerlichen Familie stammende Miess arbeitete zunächst im Geschäft seiner Eltern bevor er, über dreißig Jahre alt, begann, Kunst zu studieren. Im Anschluss eines zweijährigen Kunststudiums an der Akademie der bildenden Künste Wien studierte Miess an der Akademie in München, wo er sein Studium 1889 beendete. Nach mehreren Studienreisen nach Italien hatte er den Mut, in seiner Heimatstadt Kronstadt ein Atelier zu eröffnen und als freischaffender Künstler zu arbeiten. Sein Atelier wurde zum wichtigen Künstlertreffpunkt. Miess war ein begabter Bildnismaler, doch auch in der Landschaftsmalerei verzeichnete er Spitzenleistungen. Er meinte, sein Ziel sei es „die Erscheinungen der Natur in Form und Farbe möglichst genau wiederzugeben“. Trotzdem war Miess kein Künstler, der nur abmalen wollte, erklärt Ziegler, sondern er hat die Natur als Ausgangspunkt für seine Werke genommen und einige seiner Landschaftsbilder überraschen mit impressionistisch hingehauchten Erscheinungen. Ebenfalls war er – was nur wenige gewusst haben – ein leidenschaftlicher Fotograf. Er fotografierte er Landschaften, die er dann anhand der Lichtbilder in seiner Werkstatt nachmalte und gegebenenfalls mit Figuren ergänzte.
Kunst war für den Maler lebenswichtig
Als Auftrags-Portraitmaler ist er auf die Wünsche des Kronstädter Bürgertums meist mit akademisch durchkomponierten Porträts eingegangen, auf denen man immer wieder faszinierende Details entdeckt – zum Beispiel, wie Ziegler dem Publikum begeistert zeigte, kann man jedes Haar auf einem Pelz entdecken.
Besonders spannend waren die Erklärungen über das „Selbstbildnis als Siebzigjähriger vor einem osmanischen Teppich“ aus dem Jahr 1924. Das Bild, das die Betrachter aus unmittelbarer Nähe bewundern konnten, gehört zu den besten Selbstporträts der siebenbürgischen Malerei. „Der osmanische Teppich bekundet die Zugehörigkeit des Dargestellten zur Gemeinschaft der siebenbürgisch-sächsischen Kronstädter. Gleichzeitig übermittelt er ein künstlerisches Selbstbekenntnis: dass sich Friedrich Miess als Maler einer raffinierten Flächenkunst, wie sie auch der Teppichknüpfer betreibt, verschrieben habe“, meint Ziegler.
Nach dem Vortrag bleiben dem Besucher nicht nur die faszinierenden Malereien in Erinnerung, sondern auch die Leidenschaft für seine Kunst, die Miess ein Leben lang geprägt hat. „Der Weltkrieg stürzte den alten Erdteil in flammenden Donner – er malte. Die Mediascher Anschlusserklärung stellte unsere Gemeinschaft politisch vor die folgenschwerste Entscheidung – er malte. Die augenblickliche Wirtschaftskrise zerschlägt Institutionen und Existenzen- er malt“, sagte Dr. Victor Roth über Friedrich Miess.
Die nächste Veranstaltung in der Reihe „Kulturerbe hautnah“ findet am 28. April statt und ist wieder einem spannenden Thema gewidmet. Unter dem Titel „Humor an der Schwarzen Kirche“ stellt Dr. Frank Ziegler Perlen aus dem Nachlass von Ernst Kühlbrandt vor.





