Zwischen Dialekt, Tracht und Hochzeit

Traditionen der Siebenbürger Sachsen im Wandel

Sächsisches Brautpaar in Hochzeitstracht Foto: www.siebenbuerger.de

Jugendtanzgruppe Böblingen beim Kronenfest Foto: Annerose Zultner

„Geade Morjen“ sagt die Großmutter am Telefon. Die Enkelin antwortet auf Hochdeutsch – auch wenn sie alles versteht, kann sie den Dialekt kaum noch sprechen. Und trotzdem ist da etwas, das verbindet: der Klang, die Erinnerung, ein Stück Herkunft.

Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist eine Geschichte von Bewegung. Über Jahrhunderte hinweg lebte diese Gemeinschaft in Siebenbürgen, entwickelte eigene Bräuche, einen unverwechselbaren Dialekt und eine Kultur, die zwischen verschiedenen politischen Systemen und Kulturen bestehen konnte. Heute jedoch lebt der größte Teil der Siebenbürger Sachsen nicht mehr in Rumänien, sondern in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern. Was passiert mit Traditionen, wenn die Gemeinschaft, in der sie entstanden sind, ihren geografischen Kern verlässt?

Mit dieser Frage habe ich mich in meiner Bachelorarbeit an der Transilvania-Universität Kronstadt beschäftigt. Die Arbeit mit dem Titel „Traditionen der Siebenbürger Sachsen im Wandel: Eine Untersuchung von Hochzeit, Dialekt und Tracht in Gemeinschaft und Diaspora“ basiert auf einer Online-Umfrage unter Menschen mit siebenbürgisch-sächsischem Hintergrund, die selbst nicht mehr in Siebenbürgen aufgewachsen sind. Bei den Fragen ging es darum, wie diese Generation ihre kulturellen Traditionen wahrnimmt und weiterlebt. 

Über 300 Leute wurden befragt 
Das Thema hat mich interessiert, da es bisher wenig Forschung in diese Richtung (vor allem zur jüngeren Generation in der Diaspora) gibt und mir – als Teil der Zielgruppe der Befragung – die Ergebnisse einige Fragen zum Überleben der Traditionen unserer Vorfahren beantworten sollten. 
Für die Studie wurden fast 300 Leute innerhalb von 22 Stunden befragt. Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass traditionelle Elemente weiterhin eine Rolle spielen – wenn auch in veränderter Form. Dies stellte eine positive Überraschung dar, vor allem, weil meine Vermutungen zu einer starken Abnahme der Relevanz siebenbürgisch-sächsischer Traditionen nicht bestätigt wurden, sondern sich gezeigt hat, dass sie anders als früher, jedoch mit viel Herzblut umgesetzt werden.

Eine Generation zwischen zwei Welten
In den sächsischen Dörfern war Tradition kein besonderes Ereignis. Sie war Alltag. Der Dialekt wurde selbstverständlich gesprochen – auf der Straße, in der Familie, beim Arbeiten auf dem Feld. Die Tracht gehörte zum Alltag, in bestimmten Formen aber auch zu besonderen Anlässen genauso selbstverständlich dazu wie das Glockenläuten am Sonntag. Und Hochzeiten waren keine privaten Feiern, sondern Dorffeste, an denen oft mehrere hundert Menschen über mehrere Tage teilnahmen. Heute ist vieles anders.

Die meisten Nachkommen der Siebenbürger Sachsen sind heute außerhalb Siebenbürgens aufgewachsen. Für sie sind viele Traditionen nicht mehr selbstverständlich, vor allem auch dadurch, dass die siebenbürgische Dorfstruktur in der Diaspora nicht gegeben ist. Der Dialekt wird oft noch verstanden, aber nur selten aktiv gesprochen.Die Tracht liegt in einem Koffer auf dem Dachboden einer Tante und wird zu besonderen Anlässen getragen – etwa bei Heimattreffen oder Festzügen in Dinkelsbühl. Hochzeiten finden natürlich weiterhin statt, doch traditionelle Elemente werden oft nur teilweise übernommen. Und trotzdem verschwinden diese Traditionen nicht. Viele junge Menschen entdecken sie gerade neu.

Für viele ist der Dialekt noch wichtig 
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass der Dialekt zwar von mehr als der Hälfte der Befragten überhaupt nicht mehr gesprochen werden kann, jedoch für mehr als 82% aller Teilnehmenden sehr wichtig oder wichtig ist. Damit wird deutlich, dass der siebenbürgisch-säch-sische Dialekt – unabhängig davon, ob er aktiv gesprochen wird oder nicht – für viele als identitätsstiftendes Element wahrgenommen wird. Auch die Tracht überrascht: 84,4% aller Teilnehmenden trug sie bereits mindestens einmal, einige auch zur eigenen Hochzeit – und sie hat, wie den Antworten zu entnehmen ist, weiterhin die Funktion des Ausdrucks kultureller Identität und der Familientradition. Bei Hochzeiten wurden vor allem traditionelles Essen und Musik eingebracht und für zukünftige Hochzeiten gaben die unverheirateten Teilnehmenden der Befragung an, ebenfalls die Elemente einbringen zu wollen, welche Gemeinschaft und Atmosphäre verbinden. Heute handelt es sich um eine bewusste Entscheidung, die eigenen Wurzeln im Leben in der Diaspora einzubinden. Das zeigt sich auch in den Antworten zur eigenen Identität. Viele Befragte beschreiben das Siebenbürgisch-Sächsisch-Sein mit Begriffen wie „Stolz“, „Ehre“, oder „etwas Besonderes“. Neben Hochzeit, Dialekt und Tracht wurden besonders häufig traditionelles Essen und Musik genannt, die den Teilnehmenden persönlich wichtig sind. Gerade diese scheinbar einfachen Dinge – gemeinsames Kochen, Feiern, Singen – spielen für viele eine größere Rolle als formelle Traditionen. Eine der Befragten formuliert es so: „Siebenbürger Sächsin zu sein, bedeutet für mich, Teil einer besonderen Geschichte zu sein und diese weiterzuführen. Es verbindet mich mit meiner Familie und Freunden, unsere Tradition und Herkunft darf nicht in Vergessenheit geraten und dafür möchte ich mich als Teil dieser Gemeinschaft einsetzen. Ich fühle mich durch Bräuche, Feste und den jährlichen Urlaub in Siebenbürgen sehr damit verbunden, auch wenn ich dort nicht geboren wurde. Es gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identität.“

Gemeinschaft ohne Ort, Identität als Entscheidung 
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Gemeinschaft. Während diese früher im Dorf organisiert war, entstehen heute neue Formen von Gemeinschaft: Vereine, Heimattreffen, kulturelle Veranstaltungen oder Familiennetzwerke. Dort wird Tracht getragen, Dialekt gesprochen, musiziert, getanzt und gefeiert. Traditionen werden nicht mehr im Dorfalltag weitergegeben, sondern durch Begegnungen.

Ein unerwartetes Ergebnis der Umfrage war, wie stark diese neuen Gemeinschaftsformen das Zugehörigkeitsgefühl prägen. Für viele Befragte ist nicht mehr der Ort entscheidend, sondern das gemeinsame Erleben von Tradition. Durch Tanzgruppen, Musikvereine und Jugendgruppen wird dies auch außerhalb Siebenbürgens gesichert.

Während Traditionen früher Teil des alltäglichen Lebens waren, sind sie heute oft eine bewusste Entscheidung. Wer den Dialekt spricht, tut das aus Verbundenheit zur Familie. Wer eine Tracht trägt, zeigt damit mehr als nur Kleidung – es ist ein Zeichen der Zugehörigkeit. Und wer bei einer Hochzeit siebenbürgisch-sächsische Bräuche einbaut, knüpft bewusst an eine Geschichte an, die mehrere Generationen umfasst.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Frage, wie lange Traditionen bestehen bleiben, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Sicher ist jedoch: Sie verändern sich. Die siebenbürgisch-sächsische Kultur ist immer aus Wandel entstanden – durch Migration, durch neue Lebensumstände, durch Begegnungen mit anderen Kulturen. Auch heute setzt sich dieser Prozess fort. Vielleicht liegt gerade darin eine Stärke. Denn solange jemand noch versteht, was „Geade Morjen“ bedeutet, solange irgendwo eine Tracht aus dem Koffer geholt wird und solange bei einer Hochzeit alte Bräuche wieder auftauchen, bleibt ein Teil dieser Geschichte lebendig. Nicht mehr als selbstverständlich gelebter Alltag – aber als bewusst bewahrte Erinnerung.