Raphael Zamolxis Gehann ist in Deutschland aufgewachsen, hat rumänische Wurzeln und studiert heute in Kronstadt. In diesem Frühjahr hat er auch ein Praktikum beim Deutschen Forum in Kronstadt absolviert. Im Gespräch mit der KR-Redakteurin Bernice Krech-Li]oiu erzählt er von seinem Weg, kulturellen Unterschieden und seinen Erfahrungen als Student in Rumänien.
Könntest du dich kurz vorstellen und etwas über deinen Hintergrund erzählen?
Ich komme ursprünglich aus Stuttgart, genauer gesagt bin ich in Stuttgart geboren und in Esslingen aufgewachsen, also etwa 10–15 Minuten entfernt von Stuttgart. Dort habe ich sowohl mein deutsches Abitur als auch das französische Baccalauréat abgelegt. Nach einer gewissen Bedenkzeit habe ich mich entschieden, nach Rumänien zu gehen, um in Kronstadt Soziologie zu studieren. Nebenbei mache ich auch das pädagogische Modul und habe mich im letzten Semester zusätzlich dazu entschlossen, parallel ein Psychologiestudium zu beginnen. Mein Werdegang bisher war insgesamt relativ ruhig, aber dennoch mit einigen interessanten Stationen. Ich würde sagen, ich bereue diese Entscheidung nicht – es ist schön hier.
Du hast rumänische Wurzeln. Wie haben diese deine Kindheit in Deutschland beeinflusst?
Auf jeden Fall haben sie mich geprägt. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, was viele meiner späteren Entscheidungen beeinflusst hat, zum Beispiel auch den Weg zum französischen Baccalauréat. Dadurch, dass ich Rumänisch konnte, fiel mir Französisch überraschend leicht. Es wundert mich immer wieder, wenn ich Freunde aus Rumänien höre, die sagen, dass Französisch für sie gar nicht funktioniert hat. Zweisprachig aufzuwachsen war für mich eine sehr schöne Erfahrung. Es hat mir gefallen und mir gleichzeitig auch die Welt hier eröffnet.
Seid ihr früher oft nach Rumänien gereist?
Ja, seit ich klein bin, sind wir in den großen Ferien – also im Sommer und zu Weihnachten – immer hergekommen. Dabei war es jedes Mal Kronstadt, weil meine Eltern hier geboren und aufgewachsen sind. Sie haben hier geheiratet und sind nach der Revolution nach Deutschland ausgewandert. Heute ist es eher umgekehrt: Wenn ich Ferien habe, fahre ich, wenn möglich nach Deutschland.
Was hat dich konkret dazu bewogen, hier zu studieren?
Fachlich wusste ich relativ früh, dass ich etwas im Bereich der Geistes- oder Sozialwissenschaften machen möchte, weil mir Gemeinschaftskunde und Geschichte in der Schule sehr gefallen haben. So hat sich Soziologie als Studienfach angeboten.
Das pädagogische Modul habe ich eher spontan dazu genommen – nach dem Motto: „Ich probiere es einfach, schaden kann es nicht.“ Da ich einen Stipendienplatz habe, musste ich dafür nichts zusätzlich zahlen. Und nachdem ich an der Uni einige sehr interessante Erfahrungen mit Professoren gemacht habe, hat sich gezeigt, dass es sich definitiv lohnt.
Was die Wahl des Studienortes betrifft: Natürlich hätte es mich auch interessiert, in Stuttgart oder Freiburg zu studieren. Aber ich dachte mir: Ich spreche die Sprache – warum nicht ins Ausland gehen und die Welt ein bisschen erkunden?
Selbst wenn es nicht geklappt hätte, wenn ich mich beispiels-weise nicht wohl gefühlt hätte oder mit der Materie nicht hinterhergekommen wäre, hätte ich mir sagen können: Ich habe es versucht und etwas erlebt. Aber bisher funktioniert alles sehr gut – und ich hoffe, das bleibt auch so.
Wie lebst du hier – im Studentenwohnheim oder privat?
Studentenwohnheime haben mich auch interessiert, aber ich wohne bei meiner Oma.
Hast du schnell Anschluss gefunden?
Ich habe aus mehreren Kontexten Freunde. Mit einigen sehe ich mich hauptsächlich im Sommer beim Basketballspielen. Sonst sind meine sozialen Kontakte größtenteils aus der Uni. Viele Freundschaften sind sehr spontan entstanden. Ich bin nämlich mit zwei Wochen Verspätung ins Semester gestartet und wusste anfangs gar nicht genau, wie alles organisiert ist. Erst nach ein paar Tagen habe ich angefangen, mit Leuten zu sprechen. Eine wichtige Begegnung war, als ein Kurs ausgefallen ist und ich mich spontan mit einer Kommilitonin unterhalten habe. Wir sind zusammen Kaffee trinken gegangen und danach gemeinsam zu einem Kurs – und so habe ich dann noch mehr Leute kennengelernt.
Wirst du hier eher als Deutscher oder als Rumäne wahrgenommen?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich als Rumäne wahrgenommen werde. Aber nicht aus einem negativen Blickwinkel. Es wurde schon schnell gesehen, dass ich die Sprache kann, aber es ist doch ziemlich offensichtlich, dass ich aus dem Ausland komme – auch für Professoren. Zum Beispiel hat ein Professor mich direkt erkannt, weil ich ihm schon einmal im Sommer begegnet war, als ich meine Unterlagen abgegeben habe. Bei Präsenzlisten kommt dann mein deutscher Nachname durch. Auch in Seminaren wird manchmal deutlich, dass ich eine andere Perspektive habe – etwa, wenn es um Themen wie das rumänische Gesundheitssystem geht. Dann sage ich offen, dass ich nur spekulieren kann, weil ich nicht hier aufgewachsen bin.
Gab es kulturelle Unterschiede, die dich überrascht haben?
Ja, vor allem das Stadtleben. Wenn ich Kronstadt mit Esslingen vergleiche, fällt das stark auf. Esslingen ist eine schöne Stadt, aber abends ist dort nicht viel los – oft fährt man dann nach Stuttgart. In Kronstadt hingegen ist selbst unter der Woche abends viel Leben auf den Straßen, auch an einem zufälligen Dienstagabend kann man das sehen. Besonders im Sommer merkt man: Die Leute sind bis spät in die Nacht draußen, selbst wenn sie nichts Großes unternehmen. Die Stadt lebt einfach.
Was unterscheidet deiner Meinung nach die deutsche und die rumänische Denkweise?
Natürlich gibt es Klischees über Deutsche – dass sie ernst sind oder keinen Humor haben – aber solche Eigenschaften findet man in beiden Kulturen, nur auf unterschiedliche Weise.
Ein Unterschied liegt in der Spontanität. Die Menschen hier wirken oft offener und einladender im ersten Kontakt. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass man sich zunächst etwas zurückhält und den anderen erst „testet“, bevor man sich öffnet.
Gibt es etwas, das dir schwerfällt, zu akzeptieren oder etwas, das du hier vermisst?
Wenn man über Politik spricht, gäbe es sicherlich einige Punkte – aber das muss man nicht weiter ausführen. Ansonsten sind es eher kleinere Dinge: Zum Beispiel fehlt mir der Zugang zu normalen deutschen Büchern vor Ort, da diese hier schwer zu finden sind. Und auch ganz banal: Ich habe mich nie daran gewöhnt, dass Geldscheine hier anders sind als die Euro-Scheine.
Gab es ein prägendes Erlebnis während deines Studiums?
Ein besonders prägender Moment war gleich am Anfang, als ich mich mit einem Professor lange unterhalten habe. Ich hatte einiges verpasst und er hat sich die Zeit genommen, mir alles ausführlich zu erklären. Wir sind sogar in philosophische Diskussionen abgedriftet, bis er mich schließlich mit einem Lächeln hinausgebeten hat, weil er den Raum vorbereiten musste. Auch viele Freundschaften sind aus zufälligen Begegnungen entstanden – und genau diese schätze ich sehr.
Kannst du dir vorstellen, langfristig in Rumänien zu bleiben?
Das ist eine sehr interessante Frage. Kronstadt gefällt mir schon seit meiner Kindheit sehr, weil meine Eltern mir gezeigt haben, was so besonders an der Stadt ist. Aber gleichzeitig bin ich in Deutschland aufgewachsen, bin dort zur Schule gegangen, beherrsche die Sprache hoffentlich (lacht) noch sehr gut. Ich stehe also ein Stück weit zwischen zwei Welten. Sowohl ein Leben hier als auch in Deutschland kann ich mir gut vorstellen.
Welche Ziele hast du für die Zukunft?
Zuerst möchte ich mein Studium erfolgreich abschließen – möglichst mit den gleichen guten Noten wie bisher (klopft dreimal auf den Tisch). Danach könnte ich mir vorstellen, hier auch meinen Master zu machen. Aber das ist natürlich ein Thema für die nächsten Jahre, da ich zunächst im kommenden Jahr meine Abschlussarbeit schreiben muss.
Du hast ein Praktikum beim Deutschen Forum gemacht. Wie war diese Erfahrung?
Ich habe mich sehr willkommen und wertgeschätzt gefühlt. Ich hatte einige Aufgaben, konnte hoffentlich gut mithelfen und hatte insgesamt eine sehr positive Erfahrung. Mich hat während des Praktikums interessiert, dass ich auch künftig Teil dieser Gemeinde bin, mindestens, solange ich hier bin. Dadurch, dass es die Option gibt, wäre es schade, wenn man die Gelegenheit nicht nutzen würde.
Welchen Rat würdest du jungen Menschen mit ähnlichem Hintergrund geben?
Wenn ich darüber nachdenke, dass Menschen – so wie ich – mit Migrationshintergrund in einem Land aufgewachsen sind, wird mir klar, dass das Herkunftsland nicht nur ein klischeehafter Ort sein muss, den man einfach mit der Familie im Urlaub besucht. Die Orte, aus denen die Familie stammt, sind in den meisten Fällen sehr schön und bieten viel zu entdecken. Auch die Sprache, die man oft nur als Zweitsprache betrachtet, ist häufig sehr schön und bietet viel Potenzial. Vor allem sollte man diese Gelegenheit nutzen, um die Welt zu sehen, denn eine zweite Sprache auf diesem Niveau instinktiv lernen zu können, ist nicht selbstverständlich.
Besonders wenn die Eltern sich die Zeit genommen haben, einem die Sprache in der Kindheit beizubringen, sollte man zumindest versuchen, sie aktiv zu nutzen. Mit der Zeit vergisst man sonst viele Wörter. Ich habe das auch bei mir selbst gemerkt: Als ich hier in Rumänien war, hat sich mein Wortschatz dadurch erweitert, dass ich gezwungen war, in dieser Sprache zu denken, zu schreiben und zu lesen. Das ist eine Erfahrung, die ich allein in Deutschland – selbst mit Büchern – wahrscheinlich nicht in dieser Form gemacht hätte.
Ich würde sagen: Nutzt die Chance, die euch eure Herkunft bietet.
Was könnte der rumänische Staat tun, um Rückkehr oder Studium hier attraktiver zu machen?
Der Staat könnte insgesamt präsenter sein und solche Möglichkeiten stärker sichtbar machen – besonders für die Rumänen im Ausland, die in den Sommerferien klischeehaft die Familie besuchen. Viele denken gar nicht darüber nach, dass sie hier studieren könnten, selbst wenn man danach vielleicht zurückgehen würde. Für mich war es so, dass ich mich mit meiner Familie unterhalten habe: Was machen wir, was wären meine Pläne, welche Optionen habe ich – aber, dass es beispielsweise ein Angebot vom Staat gibt, das die Optionen für Studiengänge zeigt, fehlt bisher. Vor allem nicht mit der Assoziation, dass der deutsche und der rumänische Staat dafür zusammenarbeiten. Die historische Verbindung, die Deutschland und Rumänien durch die großen Mi-grationswellen sowohl von der einen als auch der anderen Seite im Verlauf der Geschichte haben, könnte man dadurch bestärken.
Wenn du deine Erfahrung in einem Satz zusammenfassen müsstest – wie würde er lauten?
Sehr interessant, wertvoll – und ich bereue es bisher nicht.
Vielen Dank für das Gespräch!





