ADZ-Reihe: Wertvolle Jugendbücher „Die Welt braucht alle möglichen Gehirne“

„Richtig anders richtig“ Kathrin Köller, Irmela Schautz Hanser Verlag, ausgeliehen in der Bibliothek des Goethe-Instituts Bukarest, Calea Dorobanți 32/Pavilion, www.goethe.de/bukarest


Neurodivergent – hmmm, was zum Geier ist das denn? Nun, so nennt man Leute, die so richtig anders ticken als die Masse der sogennannten Neurotypischen. Richtig anders, aber richtig, schlägt das gleichnamige Buch „Richtig anders richtig“ vor. Und regt dazu an, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität) oder Autismus, Dyslexie (Lese-Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (Zahlenblindheit) und andere Formen von Neurodiversität nicht mehr als Störung, Behinderung oder gar Krankheit anzusehen und zu stigmatisieren. Denn Menschen mit einem Defizit in einem bestimmten Bereich funktionieren in vielen anderen Bereichen problemlos, oft sogar besser. ADHSler sind zum Beispiel gute Problemlöser, die haben einen besseren Überblick über komplexe Probleme, langweilen sich aber schnell bei Routine. Autisten hingegen lieben Vertrautes und konzentrieren sich besser auf Details. Ziemlich konträr – und trotzdem kann man beides haben, wie die Wissenschaft erst kürzlich herausgefunden hat. Dyslektiker hingegen sehen einen Teil des Textes einfach nicht richtig – und jemand mit Dyskalkulie ist nicht einfach nur schlecht in Mathe, sondern hat überhaupt keine Vorstellung davon, wieviel man mit 10 Lei kaufen kann oder wie man die Zutaten beim Kochen „nach Gefühl“ zusammenmischt. 

Nur, dass unser Schulsystem all dem keine Rechnung trägt, sondern bedingungslose Anpassung fordert. So gehen Menschen mit wertvollen Talenten auf dem Bildungsweg  verloren, oder es werden ihnen unnötige Hürden in den Weg gelegt. Ausgrenzung, Unverständnis, Überforderung oder Mobbing tun ihr Übriges: Häufig werden neurodivergente Personen dadurch auch depressiv oder anfällig für andere psychische Erkrankungen. 

Statt dessen könnte es ganz anders laufen: Mit mehr Verständnis seitens des Umfelds und einem situationsangepassten Nachteilsausgleich im Bildungssystem könnte so mancher sogar das Gymnasium oder den Uni-Abschluss schaffen. Unfairer Konkurrenzvorteil vor den anderen? Mitnichten: Jemand mit Dyskalkulie wird ja wohl nicht Mathe studieren. 

Das salopp geschriebene Buch, wohl gerade deswegen attraktiv für Jugendliche (wenn auch voller An-glizismen und in schwer verständlichem Genderdeutsch), präsentiert neben Aufklärung zu den verschiedenen Ausprägungen von Neurodiversität und dem Aufräumen gängiger Vorurteile auch jede Menge ermutigende Positivbeispiele: Interviews mit oder Porträts von Menschen, die es trotz ihrer Andersartigkeit zu nennenswerten Erfolgen gebracht haben: etwa Sarah, die Illustratorin mit AuDHS (eine Mischform von ADHS und Autismus), die in ihrem Online-Shop ihre eigenen Kunstdrucke verkauft; oder das neurountypische Paar Jenny und John, die für ihre konträre Art und Weise, zu funktionieren, gegenseitig Verständnis aufbringen und erfolgreiche Strategien finden. Oder aber Temple Grandin, die Glück gehabt hat, denn wäre ihre Mutter nicht so dickköpfig gewesen, wäre Temple schon mit drei Jahren wegen infantiler Schizophrenie in eine geschlossene Anstalt abgeschoben worden. So aber entdeckte sie auf der Ranch ihrer Tante in der Jugend ihre Stärken: Sie konnte komplizierte Apparate nachbauen – und sie konnte sich extrem lebhaft in Tiere hineinfühlen. Sie spürte den Stress und die Angst der Kühe und entwickelte auf Basis dieses speziellen Talents eine „Hug Machine“ für Kühe. Heute sind ihre humanen Viehzuchtanlagen weltweit im Einsatz und Temple schreibt wissenschaftliche Abhandlungen darüber. 

Aber auch Tipps im Umgang mit neurodivergenten Menschen oder der eigenen Neurodivergenz, Hinweise auf Selbsthilfe-Angebote, nützliche Webseiten und Literaturhinweise bietet das Buch. Sicher wird so mancher sich bei der Lektüre fragen: Bin ich vielleicht gar selbst neurodivergent? Oder: Hilft mir denn eine klare Diagnose, wenn ich eh schon weiß, dass ich anders bin? Oder steckt mich das ein für alle Male in ein Kästchen? Kopf hoch: „Die Welt braucht alle möglichen Gehirne“, heißt es ermutigend in einem Kapitel. 

Das Buch ist nicht nur ein leidenschaftliches Plädoyer für einen positiven Blick auf neurologische Vielfalt, sondern auch ein wissenschaftlich fundiertes Werk, das wirklich umfassend informiert. Vor allem aber auch ein Mutmacher für Betroffene oder Eltern, die glauben, eine Diagnose bedeute das Ende eines normalen Lebens. Aber was ist schon normal? Seine Schwächen zu kennen bedeutet auch, zu wissen, dass man sich umso mehr auf die Stärken konzentrieren sollte. Und das gilt insbesondere, aber sicher nicht nur für neurodivergente Menschen.


Die monatliche ADZ-Reihe „Wertvolle Jugendbücher“ möchte Kinder und Jugendliche zum Lesen in deutscher Sprache anregen. Die Bücher sind in den deutschsprachigen Bibliotheken des Goethe-Instituts auszuleihen.