Der Krieg vor der Haustür

Dumitru Crudus Roman über die Republik Moldau angesichts des Ukrainekrieges

Dumitru Crudu: Fünf Uhr und sieben Minuten. Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Ingrid Baltag und Sarah Tobor. Klak Verlag, Berlin 2026, 390 Seiten, 25,00 Euro.


Es gibt Augenblicke, die sich unauslöschlich in das kollektive Gedächtnis einschreiben. Der Morgen des 24. Februar 2022 gehört dazu. Als russische Raketen ukrainische Städte trafen, begann nicht nur ein Krieg, sondern für Millionen Menschen in Osteuropa eine neue Zeitrechnung. Der moldauische Schriftsteller Dumitru Crudu hat diesem Moment einen Roman gewidmet. „Fünf Uhr und sieben Minuten“ – im rumänischen Original „Ora cinci și șapte minute“ – verweist auf jene geschichtsträchtige Minute, in der Europa aus der Illusion eines dauerhaften Friedens gerissen wurde. Die jüngst im Berliner Klak Verlag erschienene deutsche Übersetzung macht einen der bedeutendsten moldauischen Gegenwartsromane über die ersten Stunden des Krieges erstmals einem deutschsprachigen Publikum zugänglich.

Crudu erzählt jedoch keinen Kriegsroman im klassischen Sinne. Panzer, Schlachten und militärische Strategien stehen nicht im Mittelpunkt. Ihn interessiert vielmehr die Erschütterung, die der Krieg im Bewusstsein der Menschen auslöst. Der Roman setzt genau in jenem Augenblick ein, als die ersten Nachrichten vom Angriff eintreffen. Was folgt, ist ein vielstimmiges Panorama einer Gesellschaft, die plötzlich mit der Möglichkeit konfrontiert wird, selbst in den Strudel der Ereignisse hineingezogen zu werden.

Im Zentrum steht Alexandru, ein Geschichtslehrer aus dem Dorf Flutura. Seine Lebensgeschichte verbindet Crudu mit der Geschichte der Republik Moldau seit dem Zerfall der Sowjetunion. Erinnerungen an die kommunistische Vergangenheit, den Transnistrienkonflikt und die schwierigen Jahre des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs überlagern sich mit den Erfahrungen der Gegenwart. Dadurch entsteht das Porträt eines Landes, dessen Gegenwart nur vor dem Hintergrund seiner Geschichte zu verstehen ist.

Die Republik Moldau nimmt in diesem Roman eine besondere Rolle ein. Sie ist nicht Kriegsschauplatz, aber auch kein sicherer Be-obachter. Das Land liegt zwischen europäischer Zukunftshoffnung und russischem Einfluss, während das ungelöste Problem Transnistriens wie ein permanenter Schatten über der politischen Landschaft schwebt. Als die russische Invasion beginnt, spüren viele Moldauer, dass die Frontlinie näher ist, als es die Landkarte vermuten lässt.
Gerade diese Perspektive macht den Roman bemerkenswert. Crudu schreibt weder aus den Schützengräben noch aus den zerstörten Städten der Ukraine. Er beschreibt die Schockwelle, die den Krieg ankündigt, noch bevor seine unmittelbaren Folgen sichtbar werden. Die Gewalt steht nicht vor der Tür – aber sie hat bereits die Hand auf der Klinke.

Besonders eindrucksvoll ist die Atmosphäre des Romans. Nachrichtenmeldungen, Telefongespräche, Gerüchte und Erinnerungen verdichten sich zu einem Bild kollektiver Verunsicherung. Die ersten Wochen des Krieges erscheinen als Zeit, in der Gewissheiten zerbrechen und selbst alltägliche Routinen ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Politische Parolen oder einfache Antworten sucht man bei Crudu vergeblich. Sein Interesse gilt den Menschen, ihren Ängsten, Hoffnungen und dem Versuch, in einer aus den Fugen geratenen Welt Orientierung zu finden.

Dumitru Crudu gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Repu-blik Moldau. Seine Prosa zeichnet sich durch eine unmittelbare, oft reportagehafte Sprache aus. Kurze Szenen, präzise Beobachtungen und lebendige Dialoge verleihen dem Roman eine besondere Dynamik. Immer wieder durchbrechen Momente von Ironie und schwarzem Humor die bedrückende Grundstimmung. Gerade diese Kontraste verleihen dem Buch seine Authentizität.

Im Vergleich zu ukrainischen Autoren wie Serhij Zhadan oder Victoria Amelina nimmt Crudu eine eigene Position ein. Während diese aus der unmittelbaren Erfahrung des Krieges schreiben, schildert er die Perspektive des Nachbarlandes, das den Krieg zunächst als Bedrohung am Horizont wahrnimmt. Seine Literatur handelt vom Augenblick vor dem Einschlag, von der Sekunde, in der aus Gewissheit Unsicherheit wird.

Für deutschsprachige Leser eröffnet der Roman einen seltenen Einblick in die Lebenswirklichkeit eines Landes, das im europäischen Diskurs häufig nur am Rande wahrgenommen wird. Crudu zeichnet das facettenreiche Bild einer Gesellschaft, die zwischen historischen Erfahrungen, europäischen Hoffnungen und geopolitischen Unsicherheiten ihren Weg sucht.

„Fünf Uhr und sieben Minuten“ ist weit mehr als ein literarisches Dokument der ersten Monate des Ukrainekrieges. Der Roman erzählt von der Fragilität des Friedens, von der Macht der Erinnerung und von der Frage, wie Menschen mit der ständigen Möglichkeit einer Katastrophe leben. Damit ist Dumitru Crudu ein eindringliches Buch gelungen, das nicht nur von einem historischen Ereignis berichtet, sondern spürbar macht, wie Geschichte in das Leben einzelner Menschen einbricht.