Ein deutsches Kirchengesangbuch mitten im rumänischen Sozialismus (Teil 2)

Über die Entstehung des katholischen Gebet- und Gesangbuches „Gotteslob“, mit dem Anhang für Rumänien vor 50 Jahren

Fortsetzung vom letzten Montag

Werbung für das „Gotteslob“

Am 1. März 1979 wendete sich Ordinarius Konrad Kernweisz mit einem Schreiben an seine Priester und Gläubige, mit welchem er das neue Gebet- und Gesangbuch ankündigte, das nun endlich auch im Banat vorlag: „Gotteslob, das katholische Gebet- und Gesangbuch liegt endlich auf und kann hier übernommen werden. Es wird nicht per Post zugestellt. Es wird mit 40 Lei das Stück verkauft. Das dazugehörende Orgelbuch wird mit 250 je Stück nur an Pfarreien verkauft. Der Erlös soll zur Renovierung unseres Domes verwendet werden, der so gut wie über kein Einkommen verfügt. (…)

Der Gesangteil wird uns zunächst noch fremd sein. Begegnen wir ihm jedoch nicht mit Vorurteil. Viele Psalmen und Bibeltexte sind in ihm aufgearbeitet. Der Anhang vom Gotteslob enthält aus unserem alten Diözesangesangbuch einiges Liedgut, das wir weiterpflegen wollen. Das Neue soll zum Alten hinzuwachsen. Was wir im Gesangteil der erneuerten Liturgie bisher vielleicht vernachlässigt haben, wie z. B. Eingangslied beim Einzug des Priesters, Kyrieruf, Zwischengesänge, Allelujaruf usw. soll jetzt nachgeholt werden. Bleiben wir bei der Erneuerung der Liturgie nicht auf halbem Weg stehen. Der Gehorsam der Kirche und ihren Vorschriften gegenüber verlangt mehr von uns. Begnügen wir uns nicht mit dem ‘Kleinen Gehorsam’ der die Vorschriften nur äußerlich einhält. Bemühen wir uns um den ‘Großen Gehorsam’, d. h. um innere Zustimmung und Bereitschaft, um ein Wort des verstorbenen Hl. Vaters Johannes Paul I. zu gebrauchen, das er an die Priester Roms gerichtet hat. ‘Gotteslob’ – also von ganzem Herzen, denn die lebendige Kirche soll ihrem Wesen nach eine Gemeinschaft zum Lobe Gottes sein!“

Ein knappes Jahr später wendete sich Ordinarius Konrad Kernweisz wieder an seine Gläubigen mit der Bitte und dem Aufruf, das neue deutschsprachige Gesangbuch „Gotteslob“ in den Gemeinden und in den Familien des Banats einzuführen: „Nochmals muss ich zurückkommen auf die Verbreitung und Benützung von ‘Gotteslob’ als wesentliches Hilfsmittel in unserer Seelsorge. Wir sind vielfach beim Liedteil gestolpert und stecken geblieben. Der Liedteil wird uns fremd bleiben, so lange er unangetastet bleibt, da unsere Kantoren kaum den Anhang beherrschen, da man es seinerzeit versäumt hat, das Diözesangebet- und Gesangbuch verpflichtend einzuführen. Der Fehler von damals darf sich jetzt nicht wiederholen. Übrigens will ich hier nicht so sehr vom Liedteil sprechen, als vom Gebets- und belehrenden Teil.

‘Gotteslob’ ist das einzige Gedruckte, was wir den Gläubigen an religiösem Material bieten können. Wo das gesprochene Wort nicht mehr hinkommt, soll das Gedruckte  vielleicht noch einige erreichen. Es soll und muss von Groß und Klein gebraucht werden, damit unser ohnedies verkümmertes religiöses Leben nicht ein Haus ohne Fundament, ein Baum ohne Wurzel sei. Im RU kann die Liturgie (hl. Messe, Sakramente, Kirchenjahr) und die religiöse Lebenskunde (Gewissensbildung, Gewissenspflege, Gebetsleben) an Hand von ‘Gotteslob’ am gründlichsten unterrichtet werden. Den Erwachsenen ist es als Vorbereitung auf die Sakramente (Taufe, Beichte, Kommunion, Trauung) geradezu als ‘Hausaufgabe’ zu empfehlen. Bereiten wir auch die Osterbeichte mit Hilfe der Bußandachten vor. Wir wissen ja, wie es vielfach mit der Beichtpraxis steht (ich bekenne meine wissentlichen und unwissentlichen Sünden… und im besseren Falle noch: bitte fragen). Die Bußandacht ersetzt natürlich nicht die persönliche Beichte.

So gut wie nirgends wurde das ‘Gotteslob’ als Firmungsgeschenk empfohlen oder Brautleuten in die Hand gegeben. Es handelt sich wirklich nicht darum, dass wir die letzten 3000 Stück noch verkaufen, statt sie in der Kanzlei oder im Lager verstauben zu lassen, sondern, dass wir es selber gründlich studieren, beherrschen und in der Seelsorge reichlich gebrauchen. Was ist das Ziel jeder Predigt und Unterweisung? Der religiöse Mensch, der aus dem Glauben lebt. Ich sehe also das Haupthindernis nicht bei unseren Gläubigen, sondern bei unserer Schwerfälligkeit. Also nicht bloß stolpern, sondern auch aufstehen und weitergehen.“

So wurden dann in den folgenden Jahren bestimmte Kontingente dieser Bücher an die verschiedenen meist deutschsprachigen Pfarreien des Temeswarer Bistums verteilt. Davor wurden diese Gesangbücher mit folgendem Stempel versehen: „Copyright 1978 röm. kath. kirchliche Oberbehörde in Timișoara“.

Die Einführung des neuen Gesangbuches

Die Einführung des neuen deutschen Gesangbuches „Gotteslob“ in den Pfarrkirchen der Banater Schwaben erwies sich als sehr schwierig. Man hatte sich zwischendurch an das Singen von der Orgelempore aus bereits gewöhnt. Der Kantor oder die Kantorin sang die Kirchenlieder meist aus eigenen Sammlungen und Heften, die sich von Ort zu Ort unterschieden. Letztendlich hatte man meist das alte Diözesangesangbuch aus dem Jahre 1927, das in mehreren Auflagen bis 1945 erschienen ist, zu Hilfe genommen. Viele Schwabendörfer hatten dazu auch ihr eigenes Gesangbuch, aus dem man die Messlieder gesungen hat. Und dies meist zweistimmig: die böhmische Terz durfte in einem „schönen“ Kirchenlied nicht fehlen. Um so schwieriger war die Einführung von neuen Kirchenliedern aus dem neuen „Gotteslob“, das auch viele modale Kirchenlieder enthält, die man ohne Terzen singen sollte. 

Nachdem mich Generalvikar Dr. Ferdinand Cziza um 1980 gebeten hat, den verschiedenen Kirchenchören in den Schwabendörfern im Einüben von Liedern des neuen „Gotteslob“ zu helfen, hatte ich in mehreren schwäbischen Dörfern der Banater Heide Chorproben abgehalten und einige dieser neuen Kirchengesänge eingeübt. Doch diese Arbeit war damals sehr schwierig: 

1. Ein Großteil der Chormitglieder wartete bereits auf die Ausreisepapiere nach Deutschland und es bestand kein Interesse mehr, etwas Neues einzuführen. Dies bestätigten mir damals auch viele Priester und Kantoren. 

2. Man sang weiterhin lieber die „schönen“ alten, traditionellen Banater Kirchenlieder mit den entsprechenden böhmischen Terzen. Und wenn man auch ein neues modales Lied aus dem neuen „Gotteslob“ sang, so durfte selbst hier die zweite Stimme nicht fehlen.

Fazit: das neue deutsche Gesangbuch „Gotteslob“ kam für die deutschen Katholiken des Banats viel zu spät und seine Einführung war schwierig bis unmöglich. Dies bedeutet nicht, dass man dem neuen Kirchenlied keine Beachtung schenkte. In den katholischen Kirchen des Temeswarer Bistums war man gegenüber dem neuen rhythmischen geistlichen Liedgut sehr offen und man hat sich meist eigene abgeschriebene (oder später vervielfältigte) Sammlungen angelegt. 

Zum Unterschied zum katholischen Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“, mit dem Anhang für Rumänien, entstand das evangelische Gesangbuch im Auftrag der 50. Landeskirchenversammlung (Dezember 1974) vom Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. in der Sozialistischen Republik Rumänien. Dieses bestand aus über 700 Seiten. Gedruckt wurde dieses Gesangbuch in Hermannstadt/Sibiu. Mehrere Informationen sind aus dem auf speziellem dünnen Papier gedruckten Gesangbuch nicht zu erfahren. Die meisten Lieder wurden aus älteren Gesangbüchern Siebenbürgens übernommen.

Auswirkungen auf neue Publikationen

Die Veröffentlichung des „Gotteslob“ mit dem Anhang für Rumänien hatte auch Auswirkungen auf die hymnologischen Publikationen in Deutschland. So erschien in nur kurzer Zeit nach 1978 das Büchlein „Beiheft zum ‘Gotteslob’ mit Kirchenliedern aus der Diözese Timișoara“ mit 65 Kirchenliedern. Fast gleichzeitig veröffentlichte das Bischöfliche Seelsorgeamt Rottenburg am Neckar das kleine Kirchenliederbüchlein „Lieder unserer Brüder aus dem Osten. Eine Auswahl für Gottesdienst und Familie“ mit 32 Liedern. Das Sudetendeutsche Priesterwerk Königstein im Taunus veröffentlichte 1981 die kleine Sammlung „Beiheft zum ‘Gotteslob’ mit Kirchenliedern aus den Diözesen Böhmens und Mähren-Schlesiens, aus den deutschen Sprachgebieten der Karpaten und des Südostens“, bestehend aus 100 Liedern. Das Geleitwort dazu verfasste Dr. Karl Reiß, Apostolischer Protonotar, vom Sudetendeutschen Priesterwerk:

„Wie jede Diözese ihr heimisches Liedgut als Anhang zum ‘Gotteslob’ erhalten hat, so wollen auch die Heimatvertriebenen aus den Diözesen Böhmens und Mähren-Schlesiens, aus den Karpaten und den deutschen Sprachgebieten des Südostens ihre lieb gewordenen Kirchenlieder als Beiheft dem ‘Gotteslob’ anfügen. (…)

Die heimatvertriebenen Katholiken sind heute in das pfarrliche Leben der Aufnahmegemeinden eingegliedert oder sind in der Diaspora zum Kern neuer Gemeinden geworden. Es bleibt aber Aufgabe der Gemeinden, den Vertriebenen das beheimatende Element des Christlichen noch deutlicher erfahren zu lassen. Deswegen werden Pfarreien, in denen viele Heimatvertriebene aus den Diözesen der oben genannten Länder eine zweite Heimat gefunden haben, dieses Beiheft gern ins ‘Gotteslob’ einfügen, damit alle gemeinsam singen können und das kirchliche Liedgut um so reicher erhalten bleibt.“

Als Reaktion auf das „Gotteslob“ und auf die Schwierigkeiten mit dessen Einführung in den Reihen der Banater Schwaben komponierte der in Lugosch tätige Kantor Martin Metz (Martin Metz, 1933 Darowa – 2003 Hechingen, wirkte als Kantor in Darowa und ab 1960 an der Lugoscher Minoritenkirche. Nach seiner Auswanderung 1988 wirkte er bis zu seinem Tode als Kirchenmusiker in Schönaich, Diözese Rottenburg-Stuttgart, Anfang der 1980er Jahre) die „Banater Gemeinschaftsmesse“ – eine Huldigung der Singtradition der deutschsprachigen dörflichen Gemeinden des Banats. Diese Messe besteht aus den Texten des deutschen Ordinariums und wurde sowohl für Vorsänger und Gemeinde als auch für Schola und Chor (2- bis 4-stimmig) konzipiert. 

Im Jahre 2011 hat das Gerhardsforum Banater Schwaben e. V. das „Katholische Gesangbuch der Donauschwaben“ veröffentlicht, das zum ersten Mal die bekanntesten und beliebtesten Kirchenlieder der deutschen Katholiken Südosteuropas enthält. Als Quellen wurden die nach 1990 entdeckten handschriftlichen Kantoren- und Orgelbücher verwendet wie auch die in Druck erschienenen deutschen Gesang- und Orgelbücher Südosteuropas. Auch der im „Gotteslob“ von 1978 enthaltene „Anhang für Rumänien“ wurde dabei berücksichtigt. Dieses „Katholische Gesangbuch der Donauschwaben“ soll 2026 in der 2. Auflage erscheinen.