Ein struppiger Teddy, der zwischen ausgebombten Wohnblocks am Seil einer gerissenen Schaukel baumelt. Ein derber Soldatenstiefel, am Schnürsenkel ein Löffel festgeknotet. Ein Blick durch den Schlitz zwischen mannshohen Sandsäcken – auf eine goldglänzende Kirchturmkuppel. Und dann direkt in ein Kanonenrohr. Manche Fotos, fast alle grau in grau – Kriegsgrau, Ukrainegrau – zeigen neonblaue Rahmen. Fenster der Zeitlosigkeit, motiviert Alfred Schupler, der Künstler-Fotograf, den es immer wieder in Kriegsgebiete zieht, zuletzt nach Tschernihiw in der Ukraine. Dorthin war sein Großvater mütterlicherseits, Johann Schupler, Sathmarschwabe aus Ardud, 1945 deportiert worden. Als Alfred nach der Rückkehr seine Mutter anrief, sagte sie nach einem Moment der Stille: Nun musst du nur noch eine Reise unternehmen…
Und er wusste, was sie nicht aussprach: Sibirien... Transgenerationentrauma nennen Psychologen das Phänomen, und Alfred Schupler trifft es gleich doppelt: auch der Großvater väterlicherseits, Ludwig Fürbacher, ist nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit anderen Deutschen aus Rumänien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden. Doch im Gegensatz zum Schupler-Großvater kam er nicht mehr zurück. Er starb im fernen Sibirien, erzählt Alfred Schupler, als wir uns am Rande der Eröffnung der Ausstellung „West meets East - A Cultural Book Exchange“ im Literaturmuseum Bukarest treffen. Dort, wo auch sein Foto-Bildband ausgestellt wurde: ein liebevoll gestaltetes Buch, minimalistisch wie sein Titel: „821377“, mit knappen Texten von Alfred Schupler, von Kunstkritiker Silvan-Adrian Ionescu, Dr. Raluca Tudor und Carla-Francesca Schoppel. Seine Bilder: ein Manifest an die Zärtlichkeit, die auch der Krieg nicht zerstören kann.
Der unsichtbare Rücksack
Registriernummer 821377. Das ist alles, was ihm geblieben ist von seinem Schupler-Großvater, den er persönlich nicht mehr erlebt hat. Und ein paar Daten-Fragmente : Battalion 1602, Kompanie 4, Lager Nijin, Tschernihiw (damals Russland), 1945-1948. Und Erinnerungen an das Geflüster aus der Kindheit. „In unserer Familie hat man von den Deportationen erzählt, wenn auch im Flüsterton, damit die Kinder es nicht hören. Meine Mutter ist ohne Vater aufgewachsen. Mein Vater ebenso. Ich habe das doppelte Trauma als Kind mitbekommen – aber nicht bewusst.“ Leise fügt er an: „Mit diesem Rucksack gehst du dann ins Leben. Und es gibt keine Heilung.“
Die hatte er sich erhofft durch die Reise ins heute ukrainische Tschernihiw. Entäuscht erzählt er, er habe das Lager, wo sein Großvater interniert war, nicht einmal lokalisieren können. Niemand vor Ort konnte ihm weiterhelfen. Seine Kommunikationsmöglichkeiten mit den Ukrainern waren begrenzt, kaum jemand spricht dort Englisch. Ein Kollege der Hilfsorganisation, mit der Schupler schon mehrmals als Freiwilliger mitgefahren war, um im kriegsgebeutelten Land nicht nur zu fotografieren, sondern auch Menschen zu helfen, übersetzte ein wenig. Zum staatlichen Archiv erhielt er keinen Zugang: „Da herrscht Geheimniskrämerei bis heute.“
Es wäre ihm wichtig gewesen, den Ort aufzuspüren – den Ort zu erspüren. Egal, was sich heute dort befindet. Er wollte dort ein Metallplättchen mit der Nummer seines Opas vergraben, damit es im Erdboden verwittert: 821377. „Das wäre eine Art Heilung gewesen. Ich spüre, ich muss das machen.“
Heilung finden – das geht, wenn überhaupt, nur noch über die Schupler-Linie. Zu seinem Fürbacher-Großvater gibt es keine Spuren mehr. Denn von denen, die im Lager in Sibirien gestorben sind, wurden auch die Papiere vernichtet, erklärt Alfred Schupler. „Sie bewahrten nur die Dokumente von den Überlebenden auf“, hatte er erfahren. Und so schwebt der Satz seiner Mutter seither im luftleeren Raum. Eine Reise nach Sibirien wird es wohl nicht mehr geben.
„Ich bin ein Überlebender“
Im Gegensatz zur Deportationsgeschichte seiner Großväter – die Großmütter sind verschont geblieben – ist seine deutsche Identität für Alfred Schupler kein Thema mehr. „Dieser Teil der Geschichte ist abgeschlossen“, sagt er. Er selbst spricht kein Deutsch mehr, doch in der Familie seiner Kindheit hatte man noch Schwäbisch gesprochen. Nach außen hin dominierte mehr und mehr das ungarische Umfeld. „Der schwäbische Pfarrer ist verschwunden, katholischen Gottesdienst gab es nur noch in Ungarisch.“ Es sei keine bewusste Aufgabe der deutschen Identität gewesen, erklärt er. „Sie haben sich nur schützen wollen. Sie haben sich nicht mehr getraut, sich nach außen hin offen als Schwaben zu bekennen.“
Seine Vergangenheit aufgerollt hatte er dann für seine Mutter, die als Nachkomme eines Deportierten ein Recht auf eine staatliche Rente hatte. Doch das Fahnden nach Beweisen wurde zum Hürdenlauf. Der rumänische Staat hatte keine Dokumente über Deportation und Rückkehr eines Johann Schupler aus Ardud. Erst in einem ungarischen Archiv wurde er fündig: Dort hieß er „Scupler“ und „Janos“, aber die Adresse stimmte. Auf russisch stand dann noch das Lager, das Battalion, die Zeitdauer, übersetzt ins Ungarische, dabei.
Die bewusste Konfrontation mit dem zuvor unsichtbaren „Rucksack“ führte ihm vor Augen: „Ich bin ein Überlebender. Ein Überbleibsel eines fast ausgelöschten Stamms. Und niemanden interessiert das heute. Aber die Geschichte ist passiert – und ich bin ein Bürger dieses Landes, mit all seinen guten und schlechten Seiten. Vielleicht sollten wir mehr aufpassen in Zukunft…“
Und er begann, seine Identität zu leben. Zu spüren. Zu verarbeiten. Als studierter Kunsthistoriker, passionierter Fotograf und hauptberuflicher Videojournalist hatte er schon immer den Drang verspürt, kreativ zu schaffen. Nicht für Ausstellungen, nicht für die Presse, sondern für sich. Die Familiengeschichte aufarbeiten. Zeigen, was Krieg bedeutet. Seine Fotos kennen keinen spektakulären einen Augenblick, den man einfangen muss, damit er zu Geschichte wird. Seine Bilder sollen zeigen: Krieg ist heute wie gestern wie morgen zeitlos schlimm. Aber „was der Krieg auch zerstört, er kann die Zärtlichkeit nicht annullieren“, schreibt Alfred Schupler in seinem Bildband. Fährt fort: „Ich bin zurückgekehrt in die von Bomben getroffene Zone, um in Stille zu fotografieren.“
Aus Trauma wird Kunst
„Meine erste Erfahrung mit dem Krieg war in Serbien, 1999, ich war damals bei TVR in Temeswar“, beginnt er zu erzählen, wie sein seltsames „Hobby“ entstand. Er stellt fest, dass ihm der Krieg keine Angst macht. „Es gab nur Adrenalin.“ Das sei auch das Gefährliche daran. Heute habe er gelernt, das zu beherrschen. Die rote Linie nicht zu überschreiten. Aufzuhören, wenn es nötig ist. Und doch: der Krieg zieht ihn immer wieder an. „Ich würde jederzeit wieder hin“, sagt er, doch die Reisen in die Ukraine kosten Zeit und Geld – bezahlt aus eigener Tasche. „Für mich ist es ein Balanceakt. Ich will Kindergärten besuchen, ihnen Malbücher und Süßigkeiten bringen… Das ist es wert.“
In die Erfahrungen der Menschen vor Ort kann man sich nicht hineinversetzen, sinniert er. Vier Jahre Krieg formen die Menschen auf nicht nachvollziehbare Weise. „Wenn jemand erzählt: Alle Meinen sind gestorben, ich habe niemanden mehr, aber ich backe jetzt Brot für die Soldaten. Oder: Ich wurde von sieben Russen vergewaltigt. Aber das kann ich meiner Mutter nicht sagen, denn die würde vor Scham Selbstmord begehen... Jedesmal wenn ich aus der Ukraine nach Rumänien komme, denke ich, hier ist der Himmel.“
Eines Tages fand Alfred neben einem ausgebombten Wohnblock ein zerfleddertes Fotoalbum. Oder das, was davon übriggeblieben war: Kinderbilder, Hochzeitsbilder, Familienpor-träts. Er pflückte sie behutsam aus dem Dreck. Fragte ratlos einen Passanten: Wem könnte das gehören? Ob er die Fotos wohl mitnehmen dürfe? Der Mann erwiderte: Nehmen Sie sie ruhig mit, in einer Stunde kommt der Bulldozer, der schiebt sowieso alles zusammen.
In die Taschen von Alfred Schupler wandern Fotos, kleine Spielzeuge und andere Dinge von Menschen, die es dort nicht mehr gibt. Die es vielleicht gar nicht mehr gibt. Die Gegenstände werden als Teil seiner Kunst verewigt. Ein Akt der Zärtlichkeit.
„821377 ist ein Versuch der Wiederintegrierung von Identitäten, die Suche nach einem Sinn inmitten eines komplexen und schmerzhaften historischen Erbes“, heißt es in dem Bildband. Und, dass der Künstler nicht nur dokumentiert, sondern „einen kollektiven Heilungsversuch speist, indem er seine eigene Rolle in diesem Kontinuum an Erinnerungen reflektiert.“
Schupler selbst bekennt: „Das versuche ich, wieder herzustellen: die Menschlichkeit zwischen den Ruinen. Und vielleicht ein Stück von mir selbst.“
Den Foto-Bildband „821377“ von Alfred Schupler (150 Seiten) gibt es nur in einer kleinen Auflage von 20 Stück. 18 vom Künstler signierte, nummerierte Exemplare sollen an Institutionen im In- und Ausland, die sich für das Thema interessieren, verschenkt werden. Bisher gingen Exemplare an: das Institut für Kunstgeschichte „G. Oprescu“, die Stadtbibliothek Bukarest, die Kreisbibliothek Sathmar, das Benaki Museum in Athen, das Maison Européenne de la Photographie in Paris, die Bibliothek der Rumänischen Akademie, The PhotoBookMuseum in Köln, Tbilisi Photography & Multimedia Museum, Tiflis und das Museum für Fotografie, Berlin.
Interessierte Insitutionen können sich noch um ein Exemplar bewerben.









