Alarmierende Zahlen zur Kinderarmut

Jedes dritte Kind in Rumänien von materieller Entbehrung betroffen

Rund 1,2 Millionen Kinder in Rumänien fehlt der Zugang zu grundlegenden Ressourcen. Foto: Salvați Copiii România

Eine neue Statistik der Hilfsorganisation „Salvați Copiii“ zeichnet ein besorgniserregendes Bild der sozialen Realität vieler Kinder in Rumänien. Demnach ist der Anteil der unter 16-jährigen Kinder, die unter materiellen Entbehrungen leiden, mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt in der Europäischen Union. Die Organisation fordert daher rasche und umfassende politische Maßnahmen, um die strukturellen Ursachen der Kinderarmut wirksam zu bekämpfen.

Laut den jüngst veröffentlichten Daten sind 31,8 Prozent der rumänischen Kinder unter 16 Jahren von materiellen Entbehrungen betroffen. Im Durchschnitt der Europäischen Union liegt dieser Anteil lediglich bei 13,6 Prozent. Besonders stark betroffen ist die Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen, von denen 33,9 Prozent unter diesen Bedingungen leben. Doch auch bei den jüngsten Kindern zeigt sich das Problem deutlich: 27,6 Prozent der unter Sechsjährigen wachsen in Haushalten auf, die grundlegende Bedürfnisse nur unzureichend decken können.

Hinter diesen Zahlen stehen konkrete Lebensrealitäten. Für viele Familien bedeutet materielle Armut, dass selbst grundlegende Dinge wie ausreichend Lebensmittel, angemessene Kleidung oder schulische Materialien nicht selbstverständlich sind. Insgesamt 1,163 Millionen Kinder in Rumänien haben Schwierigkeiten, Zugang zu den Ressourcen zu erhalten, die für ein gesundes und stabiles Aufwachsen notwendig sind.

Armut als Barriere für Bildung 

Besonders sichtbar wird Kinderarmut im schulischen Alltag. Laut der aktuellen Analyse nehmen 46,8 Prozent der von Armut betroffenen Kinder nicht an schulischen Aktivitäten oder Ausflügen teil. In der Europäischen Union liegt dieser Wert im Durchschnitt lediglich bei 13,9 Prozent, so die Statistik der Hilfsorganisation. Die fehlende Teilnahme an solchen Aktivitäten bedeutet nicht nur eine Einschränkung der Bildungserfahrungen, sondern auch soziale Isolation.

Die Gründe sind meist banal und gleichzeitig tiefgreifend: Eltern können die zusätzlichen Kosten für Transport, Eintrittsgelder oder Materialien nicht aufbringen. Dadurch werden Kinder aus sozial schwächeren Familien bereits früh von gemeinsamen Erfahrungen ausgeschlossen, die für andere selbstverständlich sind.

Ein im Sommer 2025 durchgeführter Bericht von „Salvați Copiii“  zeigt zudem, dass 58 Prozent der Familien, deren Kinder an Bildungsprogrammen der Organisation teilnehmen, ohne externe Unterstützung nicht in der Lage wären, die Bildungskosten ihrer Kinder zu decken. In Familien, die ihre wirtschaftliche Lage selbst als arm einschätzen, steigt dieser Anteil sogar auf 87 Prozent. Auch ein niedriger Bildungsstand der Eltern wirkt sich stark aus: In solchen Haushalten können 70 Prozent der Familien schulbezogene Ausgaben kaum tragen.

Kinder stärker betroffen als Erwachsene

Die Zahlen zeigen zudem, dass Kinder im Vergleich zu Erwachsenen besonders stark von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Das Risiko, in Armut oder sozialer Exklusion zu leben, liegt bei Kindern in Rumänien sieben Prozentpunkte höher als bei Erwachsenen.

Diese Entwicklung hat langfristige Folgen. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre Kindheit in Armut verbringen, später häufig geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Sie verdienen im Durchschnitt etwa 20 Prozent weniger, weisen öfter gesundheitliche Probleme auf und verlieren statistisch gesehen jährlich etwa zwei Wochen an Lebenserwartung im Vergleich zu Menschen, die in stabileren sozialen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Kinderarmut ist somit nicht nur ein kurzfristiges soziales Problem, sondern auch ein wirtschaftliches und gesundheitliches Risiko für die gesamte Gesellschaft. 

Strukturelle Ursachen 

Die Hilfsorganisation „Salvați Copiii“ sieht mehrere strukturelle Faktoren, die zur hohen Kinderarmut in Rumänien beitragen. Einer der wichtigsten Gründe sind vergleichsweise geringe staatliche Investitionen in zentrale gesellschaftliche Bereiche.

Rumänien gibt derzeit 12,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für soziale Schutzmaßnahmen, 3,4 Prozent für Bildung und 4,7 Prozent für Gesundheit aus. Damit liegt das Land deutlich unter dem EU-Durchschnitt, der bei 19,2 Prozent für sozialen Schutz, 4,7 Prozent für Bildung und 7,2 Prozent für Gesundheit liegt.

Neben der begrenzten Finanzierung kritisiert die Organisation auch Schwächen bei der Datenerhebung und der systematischen Beobachtung von Risikofaktoren. Informationen über besonders gefährdete Gruppen – etwa Kinder aus ethnischen Minderheiten oder aus Familien, in denen Eltern im Ausland arbeiten – würden häufig nicht ausreichend erfasst oder genutzt.

Hinzu kommt ein weiteres strukturelles Problem: Viele Programme werden nur kurzfristig finanziert. Sowohl nationale als auch europäische Mittel sind häufig nicht langfristig geplant, was nachhaltige Maßnahmen erschwert.

Gabriela Alexandrescu, Geschäftsführerin bei „Salvați Copiii“ in Rumänien, warnt vor den langfristigen gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung: „Die Daten zeigen einmal mehr, dass sich sozioökonomische Verwundbarkeiten oft von Generation zu Generation weitergeben. Das zentrale Bindeglied, über das sich diese Nachteile fortpflanzen, ist die Bildung, sowohl hinsichtlich der Teilnahme als auch der Qualität“, erklärt sie. „Die Bildung aller benachteiligten Kinder muss dringend gestärkt werden, allerdings als Teil integrierter Sozialpolitiken, die sowohl Kinder als auch ihre Eltern aktiv unterstützen. Armut zerstört Bildung.“

Politische Maßnahmen erforderlich

Vor diesem Hintergrund fordert die Organisation eine Reihe konkreter Maßnahmen. An erster Stelle steht der Ausbau integrierter sozialer Dienstleistungen in besonders benachteiligten Gemeinden. Ziel ist es, Kinder frühzeitig zu identifizieren und zu unterstützen, bevor Armut zu Schulabbruch, sozialer Isolation oder sogar zur Trennung von ihren Familien führt.

Bislang existieren in Rumänien rund 300 integrierte Gemeinschaftsdienste, in denen interdisziplinäre Teams aus Hausärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Krankenschwestern und Schulberatern zusammenarbeiten. Diese Initiativen sollen deutlich ausgeweitet werden. Nach Einschätzung von „Salvați Copiii“ wären solche Dienste in mindestens 2000 Gemeinden notwendig, um Kinder wirksam zu erreichen.

Darüber hinaus fordert die Organisation eine schrittweise Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und soziale Unterstützung sowie eine transparente, mehrjährige Budgetplanung für Programme zugunsten von Kindern. Nur langfristige Finanzierung könne stabile Strukturen schaffen.

Auch lokale Behörden seien gefordert. Sie könnten beispielsweise den Ausbau von Nachmittagsprogrammen, kostenlose Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche oder den Zugang zu schulischen Mahlzeiten fördern. Solche Maßnahmen hätten sich bereits in vielen Projekten von Nichtregierungsorganisationen als wirksam erwiesen, um Schulabbruch zu verhindern.

Eine weitere zentrale Empfehlung betrifft die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Diese verfügen häufig über direkten Zugang zu besonders benachteiligten Gemeinschaften und können frühzeitig auf Probleme aufmerksam machen. Langfristige Partnerschaften könnten dazu beitragen, soziale Risiken schneller zu erkennen und wirksame Unterstützungsnetzwerke aufzubauen.

Weitreichende Folgen

Die Entwicklung in Rumänien steht auch im Zusammenhang mit einem breiteren europäischen Trend. Die Europäische Union hatte sich 2019 das Ziel gesetzt, bis 2030 fünf Millionen Kinder aus der Armut zu holen. Damals lebten rund 19,1 Millionen Kinder in Europa in Armut oder sozialer Ausgrenzung.

Doch statt eines Rückgangs ist die Zahl laut aktuellen Daten zwischen 2019 und 2024 sogar um 446.000 Kinder gestiegen – durchschnittlich etwa 244 zusätzliche betroffene Kinder pro Tag.

Die aktuellen Zahlen aus Rumänien zeigen deutlich, dass Kinderarmut nicht nur eine statistische Größe ist, sondern ein strukturelles Problem mit weitreichenden Folgen. Sie beeinflusst Bildungschancen, Gesundheit und soziale Integration, und damit auch die Zukunft einer ganzen Generation. Vor diesem Hintergrund formuliert „Salvați Copiii“ eine klare Botschaft: Die Frage sei längst nicht mehr, ob Europa und seine Mitgliedstaaten sich Investitionen in Kinder leisten können. Vielmehr müsse gefragt werden, ob sie es sich leisten können, nicht zu investieren.