Analyse und Kommentar der Securitate-Akte „Gerhard“

Überwachung in einer Diktatur und heute

Der Autor bei seiner „geheimen“ Tätigkeit am Rechner Foto: privat

Reschitza zu Zeiten des Kommunismus

Industriestandort Reschitza Fotos: Erhard A. Berwanger

Notiz des Chefs

Die „Securitate” (offiziell Departamentul Securității Statului / Departement für Staatssicherheit) existierte in Rumänien von 1948 bis zum Ende der kommunistischen Diktatur und ihrer Auflösung im Jahr 1990.  Sie war gleichzeitig Nachrichtendienst und Geheimpolizei. Die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter betrug im Jahr 1989 etwa 12.000, hinzu kamen bis zu einer halben Million Informanten.

Ein Studienfreund erzählte mir, wie er von der Securitate massiv bedroht und erpresst wurde, um Berichte über mich zu schreiben. Daher war mir klar, dass es eine Akte über mich geben musste. Im Jahr 2025 habe ich mich schließlich entschieden, einen Antrag bei der CNSAS (Nationalrat zur Aufarbeitung der Securitate-Akten) zu stellen, um Einsicht in meine Akte zu bekommen, und auch erhalten.

Ich war überrascht, wie umfangreich das Machwerk, „D.U.I. Nr. 1408“ – die Informationsüberwachungsakte, des Securitate Kreisinspektorats Karasch-Severin, Dienst (Serviciul) III, ist. Es sind über 90 Seiten vom ersten Bericht im Fe-bruar 1987 bis zur Schließung des Dossiers im Juni 1990. Selbst nach 35 Jahren schleicht sich beim Lesen dieser Texte ein Gefühl des Unbehagens und Grauens ein. Es hat mich erstaunt, denn ich war weder besonders bekannt noch ein Dissident, sondern ein normaler Bürger des Landes, der jedoch unwissentlich, wie Zehntausende andere, ins Visier der Staatssicherheit geriet.
Mit diesem Beitrag möchte ich beispielhaft die Überwachung und die menschenverachtenden Methoden dieser getreuen Helfer des kommunistischen Regimes aufzeigen. 
Abschließend hinterfrage ich, ob diese Erfahrung in unserer heutigen Zeit mit Social Media, Google, Alexa und Künstlicher Intelligenz noch relevant ist.
Begründung der Überwachung
Alles begann mit dem handschriftlichen Rapport eines eifrigen Oberstleutnants vom  19.2.1987, in dem er meine Überwachung empfahl. Gründe: 
- hat inoffizielle Beziehung zu Angestellten der deutschen Bibliothek in Bukarest 
- ist der Neffe von Nikolaus Berwanger, ehemaliger Redakteur der deutschsprachigen  Tageszeitung „Neuer Weg“ (richtig: Chefredakteur der „Neuen Banater Zeitung“), der 1985 (richtig: 1984) von einer Reise in die BRD nicht zurückgekommen war. 
Der erweiterte Bericht vom 19.3.1987, als „STRENG GEHEIM, das einzige Exemplar“ gekennzeichnet, bildete die Grundlage für das Anlegen der Akte. Die Begründung war, erstens, die Korrespondenz mit der deutschen Bibliothek in Bukarest, „einer Spionagewerkstatt der BRD“, zweitens die Existenz naher Verwandter in der BRD, „er ist der Neffe von Nikolaus Berwanger, ehemaliger Redakteur der Tageszeitung „Neuer Weg“, der wegen seinen feindseligen Positionen gegenüber dem Regime“ bekannt war und drittens, am Arbeitsplatz, „aufgrund der Art der Tätigkeit, besitzt und handhabt er Geheimdokumente“. Das Ziel war die Verhinderung der Weitergabe von geheimen Daten und Dokumenten nach außen. 

Die Realität

Erstens, während meiner Dienstreisen nach Bukarest besuchte ich gelegentlich die Bibliothek des Goethe-Instituts der Bundesrepublik Deutschland. Dort hatte ich die Möglichkeit, Bücher und Fachliteratur auszuleihen, die sonst kaum zu finden waren. Da meine Reisen nicht in regelmäßigen Abständen erfolgten, habe ich die ausgeliehenen Bücher per Post zurückgeschickt. In der Bibliothek hat mich nie jemand persönlich angesprochen. Die „inoffiziellen Beziehung zu Angestellten der Bibliothek“ wurde nur aus der flächendeckenden Überwachung der Post abgeleitet. 

Zweitens, mein Onkel Nikolaus Berwanger, für den ich in Sippenhaft gelangt war, hatte sich nie öffentlich kritisch über das Regime geäußert, aus Rücksicht auf die in Rumänien lebende Familie. 

Die dritte Behauptung, die aufgestellt wurde bezüglich von Geheimdokumenten, ist kurios. Beruflich entwarf und codierte ich Computerprogramme für die Berechnung und Simulation von elektrischen Maschinen. Der Computereinsatz in diesem klassischen Bereich der Elektrotechnik eröffnete Möglichkeiten, die sich am neuesten Stand der Technik orientierten. Weil die „Spezialisten“ des Dienstes nicht verstanden haben, worum es geht, stuften sie es einfach als geheim ein. Es kam ihnen sehr verdächtig vor, dass ich mich für aktuelle Literatur zu meinem Arbeitsgebiet in deutscher und englischer Sprache interessierte. Ich hatte freundlicherweise Doktorarbeiten aus der Bundesrepublik Deutschland und den USA zugeschickt bekommen. In der Akte sind zwei meiner Publikationen gelistet, da war alles beschrieben. Sie fanden es auch verdächtig, dass ich ein leidenschaftlicher Fotograf war und einen Englisch-Sprachkurs besuchte.
Es ist der Securitate nie gelungen, in den Kreis meiner engsten Kollegen bei dem Forschungs- und Technologiezentrum für hydroelektrische Anlagen, CCSITEH Reschitza, Kollektiv Informatik, einzudringen. Wir alle waren sehr kritisch gegenüber dem Regime und dem Conduc²tor/Führer, den wir den „Schuster“ nannten, eingestellt. Ceau{escu war gelernter Schuster, ließ sich aber gerne als „Genie der Karpaten” feiern. 

Die Nachrichten des Radiosenders „Freies Europa“ z.B. wurden besprochen und kommentiert. Wir waren aber auch sehr vorsichtig. Nach der morgendlichen Begrüßung wurde unser Telefon auf Manipulationen geprüft und auch unser Büro haben wir auf Mikrofone untersucht. Vor Besuchern wurde grundsätzlich nichts Kritisches geäußert. Wir waren alle gut ausgebildete Ingenieure und Mathematiker. Es lag sicherlich auch an der typischen Banater Mischung unseres Teams: zwei Deutsche, die mit Rumäninnen verheiratet waren, zwei Rumänen, die mit Ungarinnen verheiratet waren, eine Kroatin, die mit einem Rumänen verheiratet war, und ein Rumäne, der aus einem bodenständigen Banater Bauernhaus entstammte. Aufgrund des vielfältigen sprachlichen Mixes in unseren Familien, die Verbindungen nach Deutschland, Ungarn und Jugoslawien hatten, waren wir immer gut informiert.

Mit dem rumänischen Nationalismus konnte ich nichts anfangen. Dazu wurde in der Akte stets vermerkt, dass ich deutschfreundlich bin und „den Westen“ verherrliche. 

Inhalt

Die Securitate nannte ihre Spitzel „Quellen“, ich war das „Objekt“ dass immer nur als der  „Genannte“, also weder als Genosse noch Bürger, bezeichnet wurde. 
Sie gaben mir den sehr originellen konspirativen Namen „Gerhard“.

Die Akte enthält Berichte, Analysen, Maßnahmenpläne und Informationsnotizen. Die Informationsnotizen sind Spitzel-, Korrespondenz-, Beziehungs- und Telefonüberwachungsberichte. Die einzelnen Dokumente sind mit dem Vermerk „Streng Geheim“ versehen und in der Regel in nur einem Exemplar vorhanden. Das entspricht der höchsten Geheimhaltungsstufe! Einige Texte wurden mit der Schreibmaschine getippt, vieles wurde handschriftlich verfasst, alles in einer schlichten Bürokratensprache.

Zwei Beispiele:

„Aufgabenbeschreibung vom 19.03.1988, Maschineschreiben, Streng geheim 

Für die Quellen mit Möglichkeiten im Institut.

Eine verlässliche Quelle aus dem Institut soll, unter Berücksichtigung der folgenden Aspekte, klären:
- das Umfeld am Arbeitsplatz;
- Kommentare gegen-über engeren Arbeitskollegen;
- Vorstellungen, Anliegen bezüglich der Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Nation und dem Volk sowie Anliegen bezüglich der Aufbewahrung geheimer Dokumente;
- Bestrebungen, sich Dokumentation aus dem Ausland zu beschaffen;
- Verbindungen ins Ausland, deren Art;
- Kommentare zu einer möglichen Auslandsreise (einschließlich in sozialistische Länder)
- Verbindungen außerhalb des Arbeitsplatzes, deren Art.“

„Analysenotiz vom 01.09.1988, Handschriftlich, Streng geheim“

Einleitung, der Genannte ..., Wiederholung der drei Punkte aus der Begründung.
„Seit der letzten Analyse wurden folgende Informationen ermittelt:
- Hat weiterhin Verbindung mit dem westdeutschen Kulturinstitut in Bukarest mit der Begründung technische Dokumentation für die Arbeit zu brauchen.
- Arbeitet weiterhin beim Rechner des Instituts, und hat weiterhin Zugriff auf einige geheime Daten und Dokumente, praktisch auf alles, was auf dem Rechner läuft.
- Unterhält weiterhin enge Beziehungen zum genannten M.R., der oft dienstlich in die BRD reist. In Beobachtung durch den Dienst II.
- Er stellt am Arbeitsplatz Behauptungen auf, die den westlichen Lebensstil verherrlichen und deutschfreundliche Konzepte verraten. 

In der Arbeit, entsprechend den Maßnahmenplänen und den bisherigen Analyseberichten, wurden folgende Maßnahmen ergriffen:
- Die Verwendung der Quellen „Jianu“ und „Lica“ wurde fortgesetzt. Es wurde auch die Quelle „Balica P“ mit guten Ergebnissen verwendet.
- Es wurde die Quelle „S“ verwendet.
- Die Telefonüberwachung wurde fortgesetzt.

Notiz des Chefs (Bild):

„In der Bearbeitung ist es notwendig, Folgendes zu unternehmen:- wir sollen feststellen, ob er Zugang zu geheimen Daten hat oder Kontakte zu Geheimnisträgern pflegt und wer diese sind;

- es soll dringend die Möglichkeit von geheim durchgeführten Durchsuchungen in der Wohnung und am Arbeitsplatz analysiert werden, um Hinweise, die ihn verdächtig machen festzustellen (Minikameras, Geheimtinte, spezielles Kohlepapier etc.);- die Kontakte zu Mayer sollen operativ überwacht und fotografiert werden;- mit Unterstützung auch von S2 sollen wir feststellen, wer die Personen sind mit denen er im Büro arbeitet und ob er außerhalb der Arbeitszeiten zurückkommt, oder danach allein im Büro bleibt;- Unterstützung der Abteilung S2 aus der Direktion III bezüglich des Kulturhauses der BRD anfordern.“
Dieser Scherge des Regimes machte sich keine großen Gedanken über die moralische Rechtfertigung seiner Befehle. Die totale Überwachung eines Mitbürgers war für ihn so selbstverständlich wie für normale Menschen das Schreiben einer Einkaufsliste.

Ergebnisse der Überwachung

Bereits nach einem Jahr der Verfolgung waren sie gut über die öffentlichen Seiten meines Lebens informiert. Was ich vom Kommunismus, Ceau{escu und seiner Clique, den konkreten Lebensumständen hielt, war ihnen nicht bekannt, es gab aber Verdachtsmomente, die sie trotz intensiver Überwachung nicht richtig erfassen konnten. Das grundsätzliche Misstrauen, das ich mit vielen Menschen in diesem Land teilte, hat sich als berechtigt erwiesen. Der Verhaltenskodex war im Prinzip recht einfach: nie etwas Kritisches telefonisch oder schriftlich äußern; grundsätzlich nur mit guten Freunden und in der Familie offen sprechen; alle Gesprächspartner auf ihre Zuverlässigkeit hin beurteilen; sich nicht provozieren lassen; in der Öffentlichkeit immer prüfen, ob jemand einen belauschen kann. Selbst in Anwesenheit des Kindes wurde daheim nicht offen gesprochen. All diese Vorsichtsmaßnahmen waren anstrengend, da man ständig wachsam sein und sich selbst zensieren musste. Wir wollten nur unsere Privatsphäre und Identität schützen und bewahren. Der Aufwand der Securitate, dies zu durchbrechen, war erheblich selbst in einem überschaubaren Fall wie meinem. Die Akte wurde von mindestens zehn Mitarbeitern des Dienstes und 13 Spitzel zusammengetragen. 

Die Korrelation der gesammelten Daten war dilettantisch. Sie hatten keine klare Vorstellung was „Geheim“ sein könnte, alle ihre Fragen in dieser Richtung waren naiv. 

In der letzten Analysenotiz vom 27. Juni 1989 wurden nach einer langen Auflistung der geleisteten Tätigkeiten die folgenden abschließenden Maßnahmen genannt:

3. Es wird mit der Quelle „M.R.“ zusammengearbeitet, um parallel zur Informationsbeschaffung eine positive Beeinflussung auszuüben.

Frist: bis zur Erreichung des vorgeschlagenen Ziels; 

4. Nachdem sichergestellt wurde, dass keine feindseligen Aktivitäten vorliegen, wird  man dazu übergehen, das Objekt direkt zu kontaktieren, um Schritte für eine Anwerbung zur Zusammenarbeit einzuleiten. Frist: sobald die Informationslage es erlaubt.

Ich wurde nie kontaktiert. Die Maßnahmen „positive Beeinflussung“ und „Anwerbung zur Zusammenarbeit“, irgendwann (!!), wirken hilflos und eher bizarr nach dem jahrelangen Aufwand. Im Kern waren alles nur Vermutungen und Unterstellungen. 

Die Akte dokumentiert in meinem Fall Paranoia, Skrupellosigkeit, moralisches Versagen und im Endeffekt auch die Inkompetenz dieser Geheimpolizei und ihrer Gehilfen.

Aktuelle Lage

Gegenwärtig liefern Internetnutzer ihre Privatsphäre freiwillig privaten Firmen in den USA und anderswo aus – meist ohne sich dessen richtig bewusst zu sein. Es bleibt unklar, was damit geschieht, wo und was gespeichert wird und wie lange die Daten aufbewahrt werden. Die NSA (National Security Agency) der USA hat sowieso Zugriff auf alles (laut Edward Snowden Berichte 2013). Die deutsche Polizei rüstet mit der fragwürdigen US Palantir-Überwachungssoftware auf. Die Bundesregierung nimmt 2026 einen dritten Anlauf zur Vorratsdatenspeicherung. Internet-Zugangs-Anbieter sollen IP-Adressen aller Nutzer speichern – anlasslos und massenhaft. 

„Wer etwas zu verbergen hat, sollte es lieber gleich lassen“ – mit diesem Statement sorgte der damalige Google-Chef Eric Schmidt 2009 für Aufruhr. Es ging darum, sich bei Google mit echter Identität anzumelden. Aus heutiger Sicht klingt das noch harmlos.

Über Social Media, Google, Smartphones, Alexa, Smart-TVs usw. werden heute Daten gesammelt, die von Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden können.
In einem Interview im Jahr 2025 antwortete der renommierte Kryptograf und Datenschutzexperte Bruce Schneier, Autor von „Data and Goliath“ von 2015, auf die Frage, ob man auf individueller Ebene überhaupt etwas gegen die Datenerfassung tun könne, wie folgt: „Das ist schwer. Es gibt sicherlich Dinge, die man am Rande tun kann, aber sie helfen nur ein wenig. Ich könnte Ihnen raten, kein Smartphone mit sich zu führen, keine E-Mail-Adresse zu haben und keine Kreditkarte zu benutzen. Das war 2015 ein dummer Ratschlag, und heute ist er noch dümmer. Ich versuche sehr, keine Cloud-Dienste zu nutzen, aber das wird immer schwieriger, weil alle anderen es tun. Ich versuche, Signal und WhatsApp für Nachrichten zu nutzen, aber das ist nicht immer möglich. Und obwohl ich Gmail nicht nutze, hat Google mehr als die Hälfte meiner E-Mails, weil über die Hälfte meiner Korrespondenzpartner es nutzt. Die Gerichte haben die Tatsache, dass jemand sein Smartphone zu Hause gelassen hat, als Beweis dafür gewertet, dass er nicht verfolgt werden wollte.“ 

In einer liberalen Demokratie mag vieles als unerfreulich gelten. In einem totalitären System hingegen, wenn die Daten erfasst und gespeichert sind, müssen sie nur noch klassifiziert und korreliert werden, um Menschen gezielt heraussortieren zu können. 

Eine vernünftige Einstellung besteht heutzutage darin, mit Daten sparsam umzugehen und gleichzeitig aufmerksam, aber gelassen zu bleiben: Es gibt keinen Grund für voreilige Panik, doch Gleichgültigkeit ist ebenso wenig angebracht.