Auf der Suche nach einem zweiten Fußballclub

Die Bukarester Fußballvereine und ihre komplizierte Vergangenheit

Beim Rapid-Spiel gegen F.C. Universitatea Cluj wird die Hymne von Rapid gesungen. Dafür heben alle Fans ihre Schals in die Luft. Fotos: Valentin Brendler

Das alte Dinamo-Bukarest-Stadion wird abgerissen und ein neues gebaut. Als es die vergangenen Jahre leerstand, waren dort oft Jogger und Kinder, die Fußball spielten.

Die Superbet Arena Giulești in Bukarest. Vor dem Spiel sind natürlich stets einige Leute unterwegs – das Stadion hat immerhin 14.000 Plätze.

Die meisten Fußballfans verlieben sich nur in einen Verein und mein Herz hat der 1. FC. Nürnberg (Spitzname: „der Club“) gestohlen. Doch nun lebe ich in Bukarest und ich habe mich auf die Suche nach einem Zweitverein gemacht, den ich bedenkenlos anfeuern kann, weil er hoffentlich dieselben fußballerischen Werte vertritt – während ich auf dem Handy immer noch die Nürnberg-Spiele verfolge. Doch der Bukarester Fußball und seine Vereine sind deutlich komplizierter, als man sich das erst mal vorstellt.

Den Club, den 1. FC. Nürnberg, habe ich mir natürlich nicht bewusst ausgesucht. Als kleiner Bub war ich im Stadion, hab den Schal bei der Hymne in die Luft gehoben und habe einfach gewusst, das ist nun mein Verein, mit dem ich durch dick und dünn gehe.

„Der Club ist a Depp!“

Spannung bietet der Verein stets: auf kurze Erfolgswellen folgen fatale Niederlagen. Club-Fans sagen auch gerne liebevoll: „Der Club ist a Depp!“, weil er es stets schafft, es kurz vor dem Ziel zu vergeigen. So wie 1969, wo der Club als amtierender Meister in die zweite Liga abgestiegen ist – was für eine Leistung! Einmalig im deutschen Fußball!

Doch der Club hat noch eine ganz besondere Eigenschaft: Er ist einer der wenigen Vereine in Deutschland, der tatsächlich noch ein eingetragener Verein ist. Bei vielen Vereinen ist die Profiabteilung ausgegliedert und ein eigenständiges Unternehmen, oder, wie der BVB, gar an der Börse. In Nürnberg ist das noch anders: Die Profiabteilung ist weiterhin Teil des Vereins, dem man für wenige Euro im Jahr beitreten kann. Jedes Mitglied kann dazu den Aufsichtsrat wählen und die Zukunft des Vereins selbst mitbestimmen.

Bei Fußballvereinen geht es um mehr als nur Sport

Dadurch ist Nürnberg stets bodenständiger und Fan-naher geblieben. Und die meisten aktiven Fußballfans (jedenfalls in der deutschen Szene) mögen auch nicht, wenn sich große Unternehmen in ihre Vereine einkaufen und ihnen die Unabhängigkeit nehmen – in Nürnberg auch ein absolutes No-Go. Der Verein soll sich selbst und den Mitgliedern gehören – den Menschen, denen der Club wirklich etwas bedeutet und die nicht nur Geld mit dem Sport verdienen wollen.

Durch diese Sozialisierung bin ich geprägt. Ein guter Verein muss in meinen Augen nicht erfolgreich sein, er muss für die Fans, die Menschen, die wirklich nah am Verein leben, eine Identifikationsfigur sein. Er sollte nicht irgendwelchen Milliardären oder Unternehmen gehören – die muss ich nicht anfeuern, die können ja Leute dafür bezahlen.

Eine fußballerische Lücke

Nun lebe ich schon einige Monate in Bukarest, das ich bereits davor mehrermals besucht habe und vermisse die Besuche im Stadion schrecklich. Deswegen möchte ich mir einen zweiten Verein suchen, den ich neben Nürnberg anfeuern kann und der meine neue Heimat Bukarest gut vertritt.

In der Stadt gibt es drei große Vereine: Dinamo București, Rapid București und Steaua. Warte: aber gibt es nicht auch FCSB? Oder ist das Steaua? Was ist das Steaua, in der zweiten Liga? Was hat es damit auf sich?

Ein Stern am Bukarester Fußballhimmel

Zuerst also zu FCSB/Steaua. Die Historie dieser mittlerweile zwei Vereine zeigt perfekt, wie kompliziert rumänische Fußballgeschichte werden kann.

Am Anfang war es nur ein Verein, der am 7. Juni 1947, als ASA București (Asociația Sportivă a Armatei București/Sportverein der Armee Bukarest) gegründet wurde. Ein Fußballclub des kommunistischen Militärs, der Eliten des Landes. 1961 bekam er den Namen: „CSA Steaua București“, den er noch heute trägt. Im Logo ist der bekannte Stern (deswegen auch der Name Steaua), als Symbol des Militärs.

Den größten Erfolg der Geschichte feierte Steaua in der Saison 1985/86. Dort gewann der Verein spektakulär den Europapokal. Steaua war der erste rumänische Verein, der ein Europapokalfinale erreichte und dieses nach einem torlosen Unentschieden schließlich im Elfmeterschießen gegen Barcelona mit 2:0 für sich entschied. Torwart Helmuth Duckadam parierte dabei alle vier Elfmeter der Spanier.

Aus einem Verein werden zwei

Nach dem Ende des kommunistischen Regimes, im Kapitalismus, trennte sich im Jahr 1998 die Fußballabteilung vom Hauptverein ab und bekam eine 20-jährige Konzession zur Nutzung des Namens „Steaua“. Der Club hieß dann FC Steaua Bukarest und gehörte ab 2002 mehrheitsanteilig dem populistischem Politiker und Wirtschaftsmann George Becali – der außerdem für seine umstrittenen Äußerungen, unter anderem Hetze gegen Homosexuelle, bekannt ist.

2014 kam es dann zu einem komplizierten Rechtsstreit zwischen der ausgegliederten Fußballabteilung in der Hand von Becali und dem Ursprungverein, mit dem Resultat, dass die Fußballabteilung sich nicht mehr „Steaua“ nennen durfte und sich in die Abkürzung SC FC FCSB umbenannte, die jedoch keine offizielle ausgeschriebene Bedeutung hat, aber auf den alten Namen „FC Steaua Bukarest“ anspielt.

Der Ursprungsverein CSA Steaua Bukarest des Militärs ging in der Saison 2017/18 wieder in den Fußball und startete in der untersten Liga. Mittlerweile spielt er in der zweiten rumänischen Liga und spielt die Heimspiele im Ghencea-Stadion, wohingegen FCSB zumeist in der Nationalarena spielt, manchmal aber in andere Stadien ausweicht, unter anderem auch in das Ghencea-Stadion von Steaua.

2024 besuchte ich im Ghencea-Stadion von Steaua ein Spiel vom FCSB. Angenehme Stimmung, ein neues, sehr modernes Stadion und ein interessantes Spiel, das der FCSB gewann, aber mir dröhnte der Kopf von dieser Geschichte und schnell wurde mir klar: Keiner der beiden Vereine ist etwas für mich. Der eine gehört einem unsympathischen, reichen Mann, der andere ist momentan ein kleiner Militärverein – keiner vertritt die Menschen, die in Bukarest wohnen.

Konkurrent: die Roten von der Ștefan Cel Mare

Ich musste mich also weiter umschauen und landete in der Șoseaua Ștefan Cel Mare – vor einer Baustelle. Seit Januar dieses Jahres reißt Dinamo Bukarest nämlich sein altes Stadion ab und baut ein neues. Im Jahr 2022 hatte ich im 1951 eingeweihten Stadion noch ein Spiel gesehen – danach verlor es die Lizenz. Fußballromantik inklusive: verrottete Plastikstühle, die teilweise zerbröselten, laut singende Fans auf beiden Seiten und ein Spiel, wo Dinamo besser war, aber doch verlor. 

2024 war ich erneut im Stadion, zu diesem Zeitpunkt war es jedoch verlassen und Dinamo spielte damals und aktuell in Ausweichstadien wie der Arena Arcul de Triumf. Von 2022 bis nun, zum Abriss 2026, waren stets einige Jogger im verlassenen Stadion und zogen ihre Runde, außerdem kamen auch Kinder, die auf dem Platz spielten, Tore schossen und dann laut „Dinamo!“ riefen.

Das alte Stadion war mir auf jeden Fall sympathisch, aber wie sieht es mit dem Verein aus? 

Gegründet von den Kommunisten

Los ging es im Jahr 1948. Dort hat das rumänische Innenministerium Dinamo (durch eine Fusion von zwei anderen Vereinen) geschaffen – also wurde auch Dinamo von den kommunistischen Eliten ins Leben gerufen. In der kommunistischen Zeit konnte Dinamo dann auch einige Erfolge feiern und eine größere Fangemeinde in Bukarest aufbauen – kompliziert wird es dann, wie bei Steaua, nach der Wende. 

Im Jahr 1994 geschah etwas ganz Ähnliches wie bei Steaua. Die Fußballabteilung von Dinamo sollte privatisiert werden und den Hauptverein CS Dinamo verlassen. Die ausgegliederte Fußballabteilung hieß dann „SC Dinamo 1948 SA“ und spielt aktuell in der ersten rumänischen Liga und der ehemalige Hauptverein „CS Dinamo București“ hat im Jahr 2021 die eigene Fußballabteilung ebenfalls reaktiviert und spielt momentan in der 2. rumänischen Liga. Es gibt also zwei Steauas und zwei Dinamos – uff! Das eine, welches nun Businessmännern gehört, die mal mehr, mal weniger Geld reinpumpen, mal mehr sportlich schlau handeln, mal weniger. Die Mannschaft muss in ihrem Interesse handeln. Daneben gibt es noch das andere, neue/alte Dinamo, was jetzt eher ein üblicher Sportverein ist, als ein großer Fußballclub mit Anhängerschaft und Historie. 

Dinamo scheint mir etwas sympathischer als Steaua, aber uneingeschränkt anfeuern kann ich sie nicht – da gibt es also nur noch einen Verein: Rapid București.

Der Eisenbahnerverein aus Giulești

„Im Sommer 1923 wurde der ‚CFR Kultur- und Sportverein‘ gegründet, der Vorläufer des heutigen Rapid. Am 25. Juni 1923 trafen sich die Arbeiter (‚Chiocănari‘ genannt) der Grivița-Werkstätten in der nahegelegenen Grundschule und unterzeichneten die Gründungsurkunde des Bukarester CFR-Teams“, so beschreibt es Rapid auf seiner Website. Über die Jahre konnte der Verein aus dem Arbeiterviertel Giulești in București einige Erfolge feiern, blieb jedoch hinter Dinamo und Steaua immer eher der kleine Verein der Hauptstadt. 

Weiter in der Geschichte: Im Jahr 1992 trennte sich die Fußballabteilung des Vereins von den übrigen Sportabteilungen und gründete so die UFC (Football Club Union) Rapid Bucure{ti. Diese Struktur bestand bis 2001, als sie in einen gemeinnützigen Verein mit dem Namen AFC (Football Club Association) Rapid București umgewandelt wurde. 

Rückkehr, nach der Katastrophe

Dann kam die Katastrophe: Im Juni 2016 wurde Rapid gerichtlich für insolvent erklärt. Obwohl das Urteil noch nicht rechtskräftig war, führte es dazu, dass der Verein keine neuen Verträge abschließen konnte und aufgrund von Spielermangel nicht in der Lage war, in der Saison 2016/17 in der ersten Liga zu spielen. Kurz darauf wurde der Verein aufgelöst. Nach der Insolvenz wurden vier parallele Wiederaufbauprojekte gestartet, von denen sich eines als tragfähig erwies: Mișcarea CFR, das zu Academia Rapid und später zu Fotbal Club Rapid wurde – das von ehemaligen Rapid Spielern geleitet und vom Sector 1 der Hauptstadt unterstützt wurde. Im Juni 2018 erwarb Academia Rapid die Rechte am Namen FC Rapid, nachdem der Verein die Marke, das Logo und die Farben des 1923 gegründeten Rapid București erworben hatte.

Rapid gibt es also nicht zwei Mal, sondern man ist sehr froh, dass es nur ein Mal existiert. Das Stadion des Vereins ist in Giulești, passend für einen Eisenbahnerverein,  direkt an den Schienen. 14.000 Menschen passen in das Stadion, das ich vor Kurzem besuchte. Es ist eher klein, aber modern und bietet sowohl eine fantastische Sicht aufs Spiel als auch eine gute Stimmung. Ich fühlte mich direkt ganz wohl bei Rapid – der Verein wirkte für mich nahbarer, lokaler. Vielleicht werde ich noch ein paar Mal nach Giulești fahren.