Die ungehörte Diaspora

Studie über die Hintergründe des Wahlverhaltens der Auslandsrumänen

Die Studie kann von der Webseite der KAS heruntergeladen werden.

 

Die rumänische Diaspora spielte bei den letzten Präsidentschaftswahlen – der wegen Manipulation annullierten Wahl vom 24. November 2024, der Wiederholungswahl vom 4. Mai 2025 und der Stichwahl vom 18. Mai 2025 zwischen Nicușor Dan und George Simion – eine entscheidende Rolle: Obwohl bisher eher pro-europäisch, unterstützten auf einmal Teile der Diaspora in Westeuropa nationalistische, EU-kritische, russlandfreundliche und populistische Kandidaten wie George Simion oder Călin Georgescu. Ein Paradox angesichts der Tatsache, dass es sich bei dieser doch ausgerechnet um die Nutznießer der mit der EU-Zugehörigkeit und demokratischen Orientierung Rumäniens erlangten Freiheiten wie Freizügigkeit und die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten, handelt. Zeit also, einen Lichtstrahl auf diese Bevölkerungsgruppe zu richten: Wie ticken die Auslandsrumänen? 

Die Konrad Adenauer Stiftung (KAS) hat dies mit der am vergangenen Dienstag vorgestellten qualitativen Studie „Diaspora neascultată“ getan. Es handelt sich dabei aber nicht um eine Umfrage mit vorformulierten Ankreuzfragen, erklärt Studienleiter Barbu Mate-escu, sondern um eine Befragung zu Themenkomplexen, bei denen sich die rund hundert Teilnehmer sehr detailliert erklären konnten. Zahlreiche Originalzitate untermauern die Schlussfolgerung, die signifikante Erkenntnisse liefert. 

Potenzial für Populismus ungebrochen

Schon im April 2024 wünschte man sich aus mangelndem Vertrauen in die aktuellen politischen Frontfiguren einen Präsidenten außerhalb der bisherigen politischen Klasse, erklärt Mateescu. Die Wahl im April, die George Simion von der rechtspopulistischen AUR an die Spitze aller Kandidaten beförderte, sei de facto eine Protestwahl gegen den von der Regierungskoalition unterstützten Kandidaten Crin Antonescu gewesen. Zwar konnte Nicușor Dan (parteifrei, vormals USR) die folgende Stichwahl gegen Simion für sich entscheiden, doch herrscht der vorliegenden Studie zufolge bei einem großen Anteil der Diaspora-Rumänen eine starke Antipathie gegen Dan, vor allem aber gegen die etablierten Politiker. Der Wunsch nach einer radikalen Veränderung verdeutlicht, dass es auch in Zukunft Potenzial für Populismus gibt. 

Ein „neues Gesicht“ in der Politik stellte für viele Călin Georgescu dar, wobei die Stimmen für Simion tatsächlich diesem galten. Überraschenderweise völlig abwesend im Bewusstsein der Befragten waren indes die Russland-Verbindungen von Georgescu, was auf eine defizitäre Kommunikation des Staats mit der Diaspora-Wählerschaft schließen lässt.

Simion- versus Dan-Wählerschaft

Die Simion-Wähler lassen sich charakterisierend zusammenfassen als leidende, enttäuschte und im Aufenthaltsland schlecht integrierte Bürger, viele Teil der Arbeiterklasse, die sich wegen der Unterentwicklung ihrer Herkunftsregionen zum Bleiben verdammt sehen, sprich, für die kein Horizont der Hoffnung in Sicht ist. In diesem Kontext wurde Georgescu als einziger Hoffnungsträger gesehen.

Im Gegensatz dazu zeigten Wähler von Nicușor Dan meist einen höheren Bildungsstand und generell eine bessere Integration im Zielland. Auch von diesen würden viele eine Rückkehr in Betracht ziehen, als  Hinderungsgründe werden Korruption, Nepotismus, ein defizitäres Gesundheitssystem und Bildungswesen genannt.

Entsprechend unterschiedlich ist auch die Perzeption der Diaspora von Rumänien: Jene, die aus größeren Städten stammen, beobachten eine positive Entwicklung von Infrastruktur und Arbeitsmarkt. Als chronisch unterentwickelt und weiter im steilen Sinkflug befindlich wird das Land von jenen gesehen, die aus kleinen Ortschaften, vor allem aus dem Altreich, stammen. 

Bremse AUR-Erfolg dennoch denkbar

Auffallend ist, dass Simion-Wähler weniger dessen Ideologie teilen, sondern sich eine Art sozialistischen Staat zurückwünschen, der ihre Probleme löst, für sie Sorge trägt, eine Schlüsselrolle in der Wirtschaft spielt und eine Umverteilung von Reich auf Arm vornimmt. Simions Kampf gegen die Rechte sexueller Minderheiten, der kulturelle Krieg zwischen Fortschritt und Konservativismus oder die Neudefinition der Familie spielen für diese Wähler fast keine Rolle. Gegen die Rumänische Orthodoxe Kirche herrscht sogar eine regelrechte Antipathie. 

Die KAS-Studie kommt daher zu einem interessanten Schluss: Der derzeitige Erfolg der rechtspopulistischen AUR könnte durch das In-Erscheinung-Treten einer neuen Linkspartei, die sich für die Interessen der ärmeren Bevölkerung und der Arbeiterklasse stark machen würde, signifikant gebremst werden.

Aufbau der Studie

Diskussionen zu den folgenden Themenkomplexen fanden mit zwei getrennten Fokusgruppen statt: mit Dan-Wählern aus Österreich (7), Frankreich (7), Italien (9), Großbritannien (9) und mit Simion-Wählern aus Frankreich (7), Deutschland (7), Italien (7), Großbritannien (8) und Spanien (7). Die Teilnehmer wurden nach sozialer und altersmäßiger Diversität gewählt, die Länder nach Anzahl der Wähler in der Stichwahl Dan gegen Simion.

Die diskutierten Themenkomplexe reichen vom Grund für das Verlassen des Landes, der Situation im Zielland, der Rolle der Kirche und religiöser Werte, dem Blick auf Rumänien, der Polarisation „Wir“ gegen „sie“, über die Stichwahl 2025, die aktuelle Regierung, die souveränistische Diaspora als „Botschafter eines ignorierten Rumäniens“, bis hin zu den Fragen, wie Politiker sein sollen, was  zu tun sei und zur möglichen Rückkehr nach Rumänien.

Motive für die Migration

Simion-Wähler ohne höhere Studien stammen meist aus kleineren Ortschaften und gehören der Arbeiterklasse an. Sie fühlten sich gezwungen, ins Ausland zu gehen, wegen Mangel an Arbeitsplätzen und schlechter Bezahlung. Für die besser Ausgebildeten Simion-Wähler ging der Schritt ins Ausland anfangs meist mit einem Verlust an Status einher: Lehrer mussten in Fabriken arbeiten, Arzthelfer in der Landwirtschaft. Inzwischen verzeichnen jedoch viele einen Aufstieg in den früheren Beruf oder ins Unternehmertum. Vor allem junge und im Bauwesen tätige Simion-Wähler pendeln zwischen dem Ausland und Rumänien oder verschiedenen Einsatzländern. 

Die Dan-Wähler vertrieb Korruption und Nepotismus aus Rumänien, aber auch die schlechte Qualität der Dienstleistungen. Junge Leute mit Studium haben Probleme bei der Anpassung an den Arbeitsmarkt. Zitate: „Wenn du nicht jemanden in den Arsch kriechst oder Geld gibst, kommst du nicht hin, wo du hinwillst, auch wenn dein Wissen größer ist als das derjenigen, die den Posten besetzen“ – „Ich bin wegen der Ausbildung meiner Tochter gegangen…“ – „Das Universitätssystem ist hyper-inflationär“ – „Diplome sind völlig irrelevant“.

Situation im Zielland

Die höher gebildete Diaspora führt im Zielland meist ein blühendes und zufriedenstellendes Leben, fühlt sich geachtet und gut integriert. Zitate von Dan-Wählern: „Wir haben österreichische Nachbarn, sie sind zu uns wie unsere Eltern, nur älter“ (aus Österreich) - „Hier hast du Respekt, anders als bei uns“ (aus Frankreich) – „Jeder wird gleich behandelt, egal welchen Posten, welche Funktion oder politische Meinung er hat“ (Frankreich) – „Wenn du im Park jemanden direkt anblickst, sagt er Hallo“ (Großbritannien).

Hingegen fühlen sich insbe-  sondere Simion-Wähler im Zielland diskriminiert, auch von anderen Migranten, sowohl am Arbeitsplatz wie auch in billigen Wohnvierteln, wo das Gefühl der Unsicherheit hinzu kommt. Von Einheimischen sind sie eher isoliert. Zitate einer Simion-Wählerin: „Sie betrachten uns als ihre Sklaven“, „Sie vergleichen uns mit den Roma“, „Wir sind ihr Wischmop“.

Die Beziehung zu Rumänien

Die Beziehung zu Rumänien ist allgemein stark in der Diaspora. Die meisten kehren mehrmals im Jahr heim, mindestens jedoch zweimal, um die Eltern zu besuchen. 
Dan-Wähler beklagen unabhängig von Einkommen und Bildungsniveau jedoch eine Dissonanz zwischen ihrer eigenen (wachsenden) Persönlichkeitsentwicklung und der Menschen an ihrem Herkunftsort. Auf Simion-Wähler trifft dies nicht zu, sie scheinen mental und emotional immer noch stark in ihren Herkunftsgemeinschaften verankert. Allerdings sehen sie Rumänien auf dem absteigenden Ast: „Mein Ort ist voller Pfandleihen, Apotheken und Spielhöllen“ (Muntenien), „in 30 Jahren wurde nur zerstört, nichts aufgebaut“ (Maramuresch). 
Allgemein finden Diaspora-Rumänen das Land immer teurer. Eine Simion-Wählerin aus Deutschland beklagt, man könne vom selben Geld in Deutschland zwei Monate leben, in Rumänien aber nur einen. 

Starke Unterschiede gibt es im Konsum rumänischer Medien: Dan-Wähler beziehen Informationen eher von G4Media, Digi24, Recorder und teilweise Antena 3, Simion-Wähler von Realitatea TV, Facebook und TikTok, was die eingangs erwähnte mangelnde Kommunikation des Staats mit diesen erklären könnte.

Die politische Klasse in Rumänien

Über die Politiker in Rumänien sind sich die Diasporen in verschiedenen Ländern ziemlich einig: Sie seien nur an ihren eigenen Finanzen interessiert, nicht am Dienst an den Bürgern. Angeprangert wird Korruption, Ungleichheit der Gehälter, Sonderrenten, andere Boni und Sinekuren, Realitätsferne („sie leben in ihrer eigenen Blase“), das sich in einem „Wir gegen sie“-Gefühl manifestiert.

Allerdings gibt es auch hier Unterschiede zwischen Dan- und Simion-Wählern. Dan-Wähler sagen über die Stichwahl 2025, man habe erstmals die Person gewählt und nicht nur eine Proteststimme gegen jemanden abgegeben. Zitate: „Dan hat nicht rumgebrüllt, mit Skandal und Aufstand“ – „er ist ein einfacher und leicht zugänglicher Mensch“. Zitate der Simion-Wähler hingegen reflektieren einen Verzweiflungszustand: „Ich wollte eine schnelle Veränderung, jemanden der gegen das System kämpft“ – „die an der Spitze des Landes müssen verurteilt werden und ihr gesamtes Vermögen konfisziert, alles-alles.“ Ihre Sympathie galt aber eigentlich Georgescu, der von diesen als Ausnahme der o.g. allgemeinen Politikercharakterisierung gesehen wird. Zitate: „Alles was Simion sagt kommt von Călin Georgesscu“ – „im Hintergrund von Simion steht ein Mensch, der sein Land liebt: Călin Georgescu“. Der Hass der Simion-Wähler gegen Nicușor Dan ist daher groß: „der kann nichtmal reden“ – „ der ist nur eine vorgeschobene Marionette“, „die EU brauchte eine Marionette, die alles macht, was sie sagen, um alles in Rumänien zu zerstören“.

Simion-Wählern näher auf den Zahn gefühlt

Die „Schmerzen“ der Simion-Wähler sind deutlich erkennbar: Sie fühlen sich von der Politik ignoriert, nicht ernst genommen, gegen ihren Willen zur Arbeit im Ausland verdammt. Der Staat soll ihre Probleme lösen. Zitate: „der Staat hilft uns nicht“, man wünscht „staatliche Hotels“ für Arbeitsplätze und beklagt, „die Infrastruktur und viele andere Dinge lässt man verfallen, man investiert nicht mehr, oder sie sind an private Firmen verkauft, und der Staat verliert“.

Manche wünschen sich Ceau-{escu zurück, andere eine Führungsperson, die „das Land, die Erde und das Volk liebt“. „Seit der Revolution hatten wir nur Verräter an der Landesspitze... nie hatten wir einen Nationalisten mit aufrechtem Rückgrat vor den Großmächten“. Verbreitet ist die Verschwörungstheorie, der Erfolg Rumäniens werde von außen blockiert und die eigenen Politiker hätten in diesem Sinne ihre Seele verkauft. Kein Wunder, dass C˛lin Georgescu wie ein Retter empfunden wurde – und wird!

Gleichzeitig aber misstraut man den eigenen Landsleuten: „Das Leben ist schwer und hässlich unter Fremden, aber der erste, der uns frisst, ist der Rumäne.“ 

Aus diesem Frust wird argwöhnisch und hasserfüllt die Hilfe beäugt, die der Republik Moldau und vor allem der Ukraine zuteil wird. Fake News und Verschwörungstheorien blühen. Zitate: „Ich versteh das nicht mit der Ukraine. Konzentriere dich auf dein Land, löse deine eigenen Probleme!“ – „Was anderes als Ukraine und Krieg hört man nicht … Aber uns, wer hilft uns?“ Auch der Anti-Immigranten-Diskurs von Simion fällt auf fruchtbaren Boden. 

So betrachtet kann der Erfolg der Rechtspopulisten auch als Hilfeschrei  verstanden werden: von jenen, die sich ignoriert fühlen und gänzlich ohne Hoffnung auf den erstbesten Schimmelreiter setzen, der vollmundig ein strahlendes Licht am Ende eines allzu dunklen Tunnels verspricht.