Mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und dennoch bescheiden geblieben: Helene Wolf hat über Jahrzehnte hinweg die Bildungslandschaft in Temeswar geprägt. Als langjährige Schulleiterin der Lenau-Schule und engagierte Physiklehrerin hat sie Generationen von Schülern begleitet, gefördert und inspiriert. Im Gespräch mit ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu blickt sie auf Herausforderungen im Schulalltag, ihre eigene Begeisterung für Naturwissenschaften und die Entwicklungen im Bildungssystem zurück – und erklärt, warum Neugier und eigene Erfahrungen für junge Menschen wichtiger sind denn je.
Sie haben das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland vor Kurzem erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Es ist eine unerwartete und besondere Auszeichnung, die mich außerordentlich ehrt. Da aber meine Tätigkeit im Bildungsbereich ist, muss man schon verstehen, dass diese Auszeichnung eigentlich nicht nur für die Tätigkeit einer Person gedacht ist.
Ich bin wahrscheinlich die Glückliche, die sie in Empfang nimmt, aber verdient ist sie eigentlich von vielen Personen, die mit mir zusammengearbeitet haben.
Sie waren 20 Jahre lang Schulleiterin, von 2003 bis 2023, und Sie unterrichten auch heute noch. Ist Ihnen nach einer so langen Zeit nicht langweilig geworden?
Allgemein bin ich keine Person, die sich langweilt, aber die Tätigkeit als Lehrer ist keineswegs eine Tätigkeit, die Langeweile bringt, sondern eher herausfordert. Wir werden täglich nicht nur von den Schülern herausgefordert, sondern auch von der Entwicklung unserer Umwelt. Das Leben geht voran, die Wissenschaft geht voran und wir müssen auch da ein bisschen Schritt halten, auch mit der Technik. Es sind immer wieder neue Herausforderungen, manche glückliche, manche, die uns mehr anstrengen, aber Langeweile auf keinen Fall.
Können Sie mir da ein paar Herausforderungen nennen, vor allem neue Herausforderungen aus der Sicht der Physiklehrerin?
In der Physik gibt es auch in letzter Zeit immer wieder neue Erfindungen, neue Entdeckungen. Die Quantenphysik ist diejenige, die auch eine neue Herangehensweise im Bereich der Biologie und der Chemie bestimmt. Das sind Bereiche, die manche unserer Schüler interessieren, und wenn sie Fragen stellen und auf dem Laufenden mit den neuen Erfindungen sind, dann muss man schon auch selber etwas davon wissen.
Eine Herausforderung für jeden Lehrer ist es, sich erlauben zu können, entsprechende Experimente und das Notwendige neben dem theoretischen Wissen zu haben, um eigentlich eine Lücke auszufüllen. Ich glaube nicht, dass allein Simulationen und Filme eine Erfahrung für die Schüler bestimmen, sondern selbstständige Erfahrungen, die man während eines Experiments, das man selber als Schüler durchführt, macht. Da bemerke ich, dass wir immer weniger auf eigene Erfahrungen und Erkenntnisse unserer Schüler zurückgreifen können, insofern sie viel mehr in einer Welt leben, die von Handys gestaltet wird.
Wie schafft man es dann, die Schüler für einen Bereich wie Physik zu begeistern?
Manche Schüler sind so stark begeistert, dass man sie nicht „entgeistern“ kann. Aber es sind eben diese Erfahrungen, bei denen Schüler auch eigene Aha-Erlebnisse und Glückserlebnisse haben. Die Wirklichkeitsbezogenheit der Physik hilft uns dabei.
Verschiedene Anwendungsbereiche der Physik sind dann die Teile, die Schüler begeistern, wenn sie vom theoretischen Bereich und vom Problemlösen nicht so stark angezogen sind. Die Tatsache, dass man eigentlich sämtliche Phänomene mit Hilfe der Physik erklären kann bzw. dass man Anwendungen der Physik fast überall hat.
Man könnte schon sagen, dass die Lenau-Schule Ihre zweite Familie ist. Gab es einen bestimmten Moment oder Lehrer, der Ihre Begeisterung für Physik geweckt hat?
Meine Mutter und mein Vater haben beide Mathematik und Physik in Klausenburg studiert und haben auch Mathematik und Physik unterrichtet.
Aber ich würde sagen, das eigentliche Aha-Erlebnis war doch in der Schule. In der achten Klasse hatte ich Frau Hegedüs als Physiklehrerin. Das war Elektrizität und das war bereits ein Bereich, der mein Interesse geweckt hat, da wir auch mehrere Experimente erlebten. In der sechsten und siebten Klasse habe ich das nicht so richtig mitbekommen. In der siebten und achten Klasse hatte ich Herrn Peter Göbel als Mathematiklehrer, obwohl er als Physiklehrer an der Schule gewirkt hat. Und erst in der Lyzeumszeit habe ich ihn auch als Physiklehrer gehabt.
Es ist auch erwähnenswert, dass Stefan Hell denselben Physiklehrer wie ich an der Lenau-Schule gehabt hat. Er hat uns gesagt, dass diejenigen gute Mathematiker sind, die auch nach einer ungenauen Zeichnung einen Beweis machen können. Als Studentin habe ich alles, was wir im Methodikunterricht gelernt haben, bereits im Unterricht von Herrn Göbl selbst erlebt. Am Anfang einer Aufgabe hat er uns immer herausgefordert, unsere Ideen zu äußern. Bei manchen Ergebnissen oder Experimenten hat er gefragt: „Na, Genossen, staunt ihr?“ Aber der eigentliche Punkt, an dem ich nicht mehr so stark eine Zurückhaltung gegenüber der Physik gehabt habe, war, als ich mich während der zehnten Klasse auf die Stufenprüfung in die elfte Klasse vorbereitet habe. Das war dann eine zusätzliche, solide Auseinandersetzung mit Mathe und Physik. In der 12. Klasse habe ich nicht mehr an der Mathe-Olympiade teilgenommen, sondern an der Physik-Olympiade, mit überraschend besseren Ergebnissen.
Das ist so: Wenn man etwas kann und versteht, dann gefällt es einem auch. Und wenn man es besser kann, dann gefällt es einem noch besser.
Welche ist Ihre schönste Erinnerung an Ihre Zeit als Lenau-Schülerin?
Ich denke, für die meisten Schüler ist die Lyzeumszeit eine Zeit, in der man Freundschaften fürs Leben schmiedet. Und diese Zeit war eine schöne Zeit im Allgemeinen.
Meine erste große Liebe, was Fächer betrifft, war Mathematik und sie ist es geblieben. Frau Bonfert, meine Mathelehrerin, bestand immer darauf, dass Lösungen nicht ellenlang sind, sondern elegant. Diese Eleganz der Lösungen bestand in kurzen, übersichtlichen Lösungen – und das habe ich mir auch für meinen Physikunterricht vorgenommen.
Man lernt eigentlich seine Klassenkollegen nicht unbedingt während der Unterrichtszeit kennen, sondern eher während außerschulischen Tätigkeiten. Bei uns war es die Herbsternte, bei der alle Schüler während dieser Zeit (70er und 80er Jahre) helfen „durften“, aber auch Maskenball, Geburtstagsfeier, Bukarest-Ausflug, usw. In den Sommerferien von der 11. zur 12. Klasse haben die meisten von uns einen Ausflug zu meiner Berghütte gemacht. Von da haben wir auch unvergessliche Erinnerungen.
Wie fühlte es sich überhaupt an, als Absolventin dieser Schule wieder an die Schule zurückzukehren und zu unterrichten?
Als Absolventin habe ich nicht geglaubt, und nicht erwartet, als Lehrerin an die Lenau-Schule zu kommen.
Zuerst war das 1990, gleich nach der Wende. Bis dahin bin ich nach Uiwar gependelt.
Nach der Wende war es an der Lenau-Schule ziemlich schwierig, insofern es eine sehr bewegte Zeit war – sowohl, was das Lehrerkollegium betrifft, als auch die Schülergemeinschaften. Von heute auf morgen hat man gesehen, dass sehr viele Schüler nicht mehr da sind und auch Lehrer, die andere ersetzt haben, ebenfalls plötzlich ausgewandert sind. Es ist eine Zeit gewesen, in der man sich schon Fragen gestellt hat: Wie wird das weitergehen? Aber die Antwort auf diese Frage hat man heute.
Ein Jahr lang war ich noch am Energetischen Lyzeum, und dann ist Herr Peter Göbel in Rente gegangen und hat mir gesagt: Die Stelle ist frei, ich könnte kommen. Es war ein besonderes Erlebnis für mich, 1990 plötzlich Kollegin mit ehemaligen Lehrern zu sein.
Sie waren dann praktisch die Nachfolgerin Ihres ehemaligen Lehrers.
Kann man auch so betrachten. Ich wünsche es mir zu sein und bemühe mich, habe aber den Eindruck, dass es nicht immer gelingt. Es ist wichtig, nicht aufzugeben, aus eigenen Fehlern zu lernen, ständig besser werden zu wollen und Schritt mit der Zeit zu halten.
Zurück zu Ihrer Zeit als Schulleiterin: Welche waren die wichtigsten Entwicklungen aus dieser Zeit an der Lenau-Schule?
Veränderungen, große Veränderungen. Die eine ist nicht unbedingt eine große Veränderung, aber eine neu entstandene Tradition, die nicht verloren gegangen ist, sondern wiederaufgebaut wurde.
Nämlich die Lehrerfortbildung und die Banater Lehrertage. Ein Ereignis, das zuerst von Ovidiu Gan] als Schulleiter ins Leben gerufen wurde, dann eine kurze Zeit nicht mehr stattfand. Es war mein Wunsch, und mit Unterstützung der Fachberater konnte ich das wiederbeleben, und es lebt weiter. Es ist eine Gelegenheit für deutschsprachige Lehrer aus dem Banat, sich auszutauschen. Das wird auch vom Zentrum für Lehrerfortbildung unterstützt. Das Zentrum für Lehrerfortbildung hat mir persönlich auch in meiner Karriere viel geholfen, als Fortbildung.
2008 hatten wir ein 25-Jahr-Treffen unserer Generation – ich habe 1983 absolviert. In einem Gespräch mit meinem Klassenkollegen Franz Quint kam er zur Schlussfolgerung, dass es doch gut wäre, die Lenau-Schule durch den Verein der Freunde der Lenau-Schule zu unterstützen. Ich muss sagen, ich habe das Glück und die Ehre, Franz Quint als meinen Klassenkollegen zu haben. Er hat ungemein vieles ins Leben gerufen, unter anderem auch den Verein der Freunde der Lenau-Schule und andere Schulpartnerschaften. Durch den Verein ist auch, was die Logistik der Schule betrifft, sehr vieles passiert: sämtliche Schulmöbeltransporte, die Bibliothek der Lenau-Schule. Partnerschaften mit Schulen und Hochschulen wurden entweder weitergeführt oder neu entwickelt.
Was sich für die Schüler sehr stark verändert hat, ist, dass wir seit 2014 keinen zweizügigen Unterricht mehr haben. Die Tatsache, dass man keinen Unterricht mehr am Nachmittag hat, denke ich, ist etwas sehr Gutes für alle Schüler.
Das hat jedoch seinen Preis. Wir sind zurzeit noch immer an vier Standorten verteilt, nicht alle sind geeignet. Aber wir hoffen, dass sich diese Anzahl der Standorte in Zukunft vermindert.
Eine Änderung für die Schule war auch, dass wir feststellen mussten, dass die kleine Lenau-Schule nicht mehr unser ist. Die Katholische Kirche hat uns weiterhin unterstützt und wir sind auch heute noch dort, in der Hoffnung, dass wir doch einmal ausziehen werden und dass der Campus fertig wird.
Ein großer Kampf war eben, eine einigermaßen annehmbare Lösung für die Grundschule zu finden, die dann auch zu einer Lösung für das Gymnasium geworden ist. Während dieser Entwicklungen hätte ich mir eine andere, unerwartete, aber mögliche Lösung gewünscht. Den begonnenen Weg konnte/ wollte man nicht mehr rückgängig machen.
Die Sanierung der „großen Schule“ war eine weitere große Herausforderung für uns. Vieles ist gut gewesen, manches wünscht man sich besser, und manches ist schlechter als vorher oder man kämpft noch immer. Aber im Großen und Ganzen ist es schon viel besser geworden.
Sie sind eine Fachlehrerin und unterrichten auf Deutsch. Leider wollen aber immer weniger junge Menschen heutzutage ins Lehramt. Woran liegt das, was glauben Sie?
Wir sind eine ehemalige deutsche Sprachinsel. Vor vielen, vielen Jahren konnte man das so betrachten. Aber es gibt weiterhin viele Deutschsprachige in dieser Umgebung, sodass sich auch viele deutsche Firmenniederlassungen hier entwickelt haben.
Der Weg, Lehrer zu werden, ist schon von Anfang an eine abschreckende bürokratische Herausforderung. Allein der Gedanke, mit dicken Wälzern und Akten zur Einschreibung für eine Prüfung zu gehen, die mir aber nicht unbedingt eine feste Stelle in Zukunft sichern wird, sondern vielleicht nur eine Vertretungsstelle, was bedeutet, dass sich dieser Prozess im nächsten Jahr wiederholt, ist erschreckend. Die Gehälter sind auch nicht unbedingt attraktiv.
Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass meine Kinder gleich nach dem Absolvieren wenigstens so viel wie ich, wenn nicht mehr, verdient haben – mit vielleicht viel weniger Nervenaufwand und Stress.
Es gibt aber auch eine Sonnenseite. Die Arbeit mit Schülern, mit Kindern ist im Großen und Ganzen eine beglückende Arbeit. Es gibt auch Ausnahmen, die dann einen großen Schatten werfen, aber im Allgemeinen ist es eine Arbeit, die uns selber jung und frisch hält als Lehrer. Das ist ein großer Vorteil. Sie fordert uns ständig heraus und lässt uns die Monotonie eines Alltags nicht so richtig erleben.
Ich sage immer: Wer Deutsch kann und arbeiten will, findet in Temeswar und Umgebung sicher eine gut bezahlte Stelle. Diese ist meistens besser bezahlt als eine Lehrerstelle.
Aber ich denke, wir sind doch ein Glücksfall, insofern wir auf eine relativ große Anzahl ehemaliger Schüler blicken können, die sich für ein Leben als Lehrer entschieden haben. Und ich hoffe, sie bereuen es nicht. Ich glaube, es ist sehr richtig, wenn man Lehrer als Helden betrachtet. Sie sind nicht die einzigen, sie sind es aber auch.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die gerade ihre Schulzeit an der Lenau-Schule erleben?
Das Beste daraus zu machen und nicht zu vergessen, dass sie eigentlich an die Schule gekommen sind, um unter anderem Deutsch zu lernen. Und es wäre schade, wenn sie das nicht tun. Sie sollen diese Zeit voll auskosten, wahre Freundschaften bilden und sie dann im Leben behalten und pflegen.
Noch eine letzte Frage: Was tun Sie gerne in Ihrer Freizeit?
Ich würde vielleicht mehr in meinem Garten arbeiten. Ich habe unlängst über 50 Obstbäume gepflanzt – die muss man pflegen.
Ich bin Oma, und als Großmutter hat man auch einiges zu tun.
Täglich ist es das Übliche, was man im Haushalt erledigen muss.
Ich komme nicht so viel zum Lesen, wie ich es mir wünsche. Zum eigentlichen Malen bin ich noch nicht gekommen, das steht auf der Warteliste. Wir sehen, wie sich die Sachen entwickeln, denn zum Wandern muss ich auch noch kommen. Und dann ist noch ein altes Haus, das ich so langsam sanieren muss. Ich kann nicht vieles, aber es gefällt mir, Handwerkerarbeit zu machen.





