Freiwilligendienst als „riesiges Abenteuer“ – aber nicht für kommende Generationen

Das Programm „Kulturweit“ wird eingestellt / Ein wichtiges Format für internationalen Austausch falle weg, sagen Ehemalige

In der Bibliothek des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt gestalten Freiwillige interaktive Vorlesenachmittage. | Foto: Deutsches Kulturzentrum Hermannstadt

Erik Hartmann aus Lüneburg hat an einer Schule in Hermannstadt gearbeitet. Foto: privat

„Gerade in Zeiten internationaler Spannungen“ brauche es junge Menschen, die „Brücken schlagen“, meint die deutsche UNESCO-Kommission. Trotzdem muss sie ihren internationalen Freiwilligendienst „Kulturweit“ zum nächsten Jahr einstellen. Der deutsche Staat streicht das Fördergeld. Damit endet eine 17-jährige Geschichte, in der unter anderem etwa 290 Menschen aus Deutschland Freiwilligendienst in Rumänien geleistet haben. Einer von ihnen erzählt aus dieser Zeit.

Wie hat sich der Fall der Berliner Mauer zugetragen? Wie beschreibe ich mein Lieblingsessen? Und wie funktioniert deutsche Grammatik? Ganz verschiedene Fragen hat Erik Hartmann mit seinen rumänischen Schülern besprochen. Der 23-jährige Deutsche arbeitete im Rahmen von „Kulturweit“ am Colegiul Na]ional „Octavian Goga“ in Hermannstadt/Sibiu. Ein halbes Jahr lang hat er die Deutsch-Lehrkräfte unterstützt und auch ganze Unterrichtsstunden selbst vorbereitet sowie umgesetzt. Stets begleitet von den Lehrern sei das für ihn ein geschütztes Umfeld gewesen, um sich auszuprobieren.

Mit Kindern und Jugendlichen hat Erik Hartmann schon länger gern gearbeitet, sagt er. Im Sportverein in seiner Heimat Lüneburg trainierte er den Tischtennisnachwuchs. Außerdem betreute er andere junge Menschen auf Tagesausflügen. Der Wunsch, Lehramt zu studieren, war die logische Konsequenz. Doch der Mut fehlte ihm damals, „weil ich mich unsicher gefühlt habe, weil mir die Erfahrung gefehlt hat“, sagt Erik heute. Daher wich er erstmals auf ein Logistikstudium aus, brach es jedoch im zweiten Semester ab. Danach erfuhr er über einen Freund von „Kulturweit“, bewarb sich und wurde im September 2024 nach Rumänien entsendet.

Die Zeit an der Schule gab Erik Hartmann schließlich die Bestätigung, die er gesucht hatte. „Die Kinder haben sich gefreut, wenn ich da war, haben mich gerne ausgefragt, hatten vielerlei lustige Ideen und haben witzige Fragen gestellt.“ Begeistert gewesen seien sie von dem frischen Wind, den Erik in die Klassen brachte. Anders, als es an der Schule üblich gewesen sei, habe er sie auch in Gruppen arbeiten lassen und den Unterricht mit Quizrunden aufgelockert, erzählt der junge Mann. Was ihm zunächst schwer fiel: Erik lernte, eine Autorität den Kindern gegenüber aufzubauen, klar zu kommunizieren und Grenzen aufzuzeigen. Mit gewonnenem Selbstbewusstsein hat er sich nach dieser Zeit den nächsten Schritt zugetraut und angefangen, Lehramt zu studieren. Frei nach dem selbst gesetzten Motto: „Ich will das, ich mach das, und das wird jetzt auch durchgezogen!“

„Einsparungen nur durch Streichung umsetzbar“

Etwa 290 junge Menschen hatten bisher in Rumänien die Gelegenheit, solche Erfahrungen im Rahmen von „Kulturweit“ zu sammeln, heißt es aus der Geschäftsstelle des Programms. Sie waren zum Beispiel an einer ganzen Reihe von Schulen, in Geoparks, dem Goethe-Institut oder der Universität Bukarest im Einsatz. In einer von der Geschäftsstelle selbst durchgeführten Umfrage sagten 78 Prozent der in verschiedene Länder entsendeten Befragten, sie hätten ihre persönlichen Stärken und Schwächen besser kennengelernt. 86 Prozent gaben an, durch „Kulturweit“ weltoffener geworden zu sein.

Das Programm blickt auf eine 17-jährige Geschichte zurück. In dieser Zeit haben tausende junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren Erfahrungen auf der ganzen Welt gesammelt: vor allem im Baltikum, Mittel-, Ost- und Südost-europa sowie in Zentral- und Westasien, aber auch Afrika sowie Zentral- und Südamerika. Daneben bietet „Kulturweit“ einer deutlich kleineren Zahl von Menschen aus dem Ausland die Möglichkeit, drei Monate an einer Kultur- oder Bildungseinrichtung in Deutschland zu hospitieren.

Doch mit alldem ist bald Schluss: Im September dieses Jahres wird der letzte Jahrgang für sechs Monate ausreisen. Danach stellt das deutsche Auswärtige Amt seine Förderung ein. Damit sind dem Programm die Mittel vollständig gestrichen. Diese Entscheidung sei nicht leicht gefallen, zitiert eine Pressemitteilung den Staatssekretär Bernhard Kotsch. Die Haushaltslage lasse allerdings keine andere Wahl. Wie das Auswärtige Amt auf ADZ-Anfrage mitteilt, sei das Ressort angehalten, im kommenden Jahr ein Prozent des Gesamtetats einzusparen. Das entspricht etwa 60 Millionen Euro. In Relation dazu wirken 5 Millionen Euro für „Kulturweit“ wenig. Doch ein großer Teil der Mittel des Kulturhaushalts sei durch gesetzliche Verpflichtungen gebunden, so das Auswärtige Amt. Im verbleibenden Teil sei der Spielraum so begrenzt, dass das Sparziel nur erreicht werden könne, indem das Amt gesamte Programme streicht.

Frischer Wind für Einsatzsstellen

Noch 2024 ging „Kulturweit“ nach eigenen Angaben dazu über, besonders viele Plätze für Freiwillige im Osten Europas anzubieten. Auch das Deutsche Kulturzentrum Hermannstadt hat in den vergangenen Jahren die Zahl seiner Freiwilligen erhöht. Zurzeit unterstützen zwei junge Menschen das Team, sagt Leiterin Ana-Maria Dane{. Sie kann jede Hilfe gut gebrauchen, stemmt nämlich mit fünf Voll- und Teilzeitkräften ein umfangreiches Programm aus Kulturveranstaltungen sowie Sprachkursen und unterhält eine Bibliothek. Das Team profitiere sehr von den Freiwilligen: Sie lesen und basteln mit Vorschulkindern in der Bibliothek, holen Künstler vom Flughafen ab oder helfen beim Auf- und Abbau von Ausstellungen. Für das Zentrum sei diese Hilfe völlig umsonst, da „Kulturweit“ sämtliche Kosten trage.

„Lebensfreude, neue Ideen, Frische“ – all das brächten die Freiwilligen in das Kulturzentrum, so Dane{. So wollte sie es erst nicht glauben, als eine E-Mail ihr im März das Ende des Programms verkündete. Kein anderes Programm biete den Vorteil, dass Freiwillige bis zu ein Jahr lang Teil des Teams werden können. „Wirklich demotivierend“ sei diese Nachricht. Ana-Maria Dane{ hält sie für ein Symptom einer Gesellschaft, die Kultur nicht mehr als Priorität sehe und an dieser Stelle als erstes kürze.

Einzelne Workshops, Vernissagen und Finissagen könnten ohne die Freiwilligen entfallen, fürchtet sie. Vor allem aber helfe der Blick von außen, neue Wege zu finden, um junge Menschen in Hermannstadt anzusprechen. Andersherum lernten die Freiwilligen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, etwa die Veranstaltungsplanung auf die Bedürfnisse Werktätiger auszurichten oder mit unterschiedlichen Niveaus der deutschen Sprache umzugehen, so Leiterin Daneș.

Petition gegen Förderstopp

Genau diese Qualität hebt die Prä-sidentin der Deutschen UNESCO-Kommission hervor, zu der „Kulturweit“ gehört. Das Programm fördere in Zeiten zunehmender globaler Spannungen die Weltoffenheit junger Menschen, wird Maria Böhmer in einer Pressemitteilung zitiert. Sie würden „in einer eng vernetzten Welt Brücken schlagen und dadurch zu Frieden, Sicherheit und Freiheit beitragen“.

Aus diesem Grund hat eine Ini-tiative aus Alumni des Programms eine Petition gestartet. Die gesamte Gesellschaft profitiere von internationalem Austausch, Verständnis und friedlichen Beziehungen. Damit auch künftig Freiwillige solche Erfahrungen sammeln können, wolle man für den Fortbestand des Programms eintreten, schreiben sie auf der Petitions-Plattform Campact. Außenminister Johann Wadephul müsse die Streichung zurücknehmen und das Programm langfristig sichern. Mehr als 14.000 Unterschriften sind bisher zusammengekommen.

Eine kleine Chance besteht: Noch liegen für den Bundeshaushalt 2027 nicht einmal die Eckwerte als erster Vorschlag aus dem Finanzministerium vor. Erst danach beginnen die Verhandlungen. Schlussendlich werden die Abgeordneten im Haushaltsausschuss des Bundestages entscheiden, welches Ressort wie viel Geld erhält. Doch angesichts eines Lochs von mindestens elf Milliarden Euro, wie Finanzminister Lars Klingbeil es beziffert hat, dürfte der Spielraum mehr als gering sein.

Kaum vergleichbare Angebote

Zwar ist „Kulturweit“ nicht der einzige staatlich finanzierte Freiwilligendienst in Deutschland, der nach Rumänien entsendet. Der Internationale Jugendfreiwilligendienst sowie das Europäische Solidaritätskorps setzen jedoch keinen so deutlichen Schwerpunkt auf Kultur- und Bildungsarbeit. Die zahlreichen privat organisierten Freiwilligendienste bergen oftmals den Nachteil, dass die Teilnehmenden einen größeren Teil der Kosten selbst tragen müssen.

Erik Hartmann dagegen hat damals wie alle „Kulturweit“-Freiwilligen seine Reisekosten erstattet bekommen, eine Krankenversicherung und 450 Euro im Monat als Zuschuss zu Unterkunft und Verpflegung erhalten. Kostendeckend sei das nicht gewesen, aber zusammen mit dem Kindergeld und einigen Rücklagen habe er seine Zeit in Hermannstadt gut finanzieren können. Andere Freiwilligendienste seien „nicht vergleichbar, mit dem, was `Kulturweit’ anbietet“, meint Erik.

Er ist froh, noch rechtzeitig vor dem Ende des Programms mit „Kulturweit“ nach Rumänien gegangen zu sein. Das habe ihm „eine unvergessliche Zeit“ beschert und sei „ein riesiges Abenteuer“ gewesen, „dass einen das Leben lang prägt“. Erst kürzlich hat der ehemalige Freiwilligendienstleistende alte Freunde aus dieser Zeit besucht und war dafür nach Hermannstadt gereist – oder in seine „zweite Heimat“, wie Erik Hartmann selbst sagt.