Es ist nur ein kleines Büchlein im Westentaschenformat, das der Dittrich Verlag unter dem diesem Titel (Subtitel: „Alte Dämonen in neuer Zeit“) 2025 herausgegeben hat. Doch es fallen darin so starke Sätze wie: „Die erste Strophe des Deutschlandlieds: ‚Deutschland über alles‘ wurde alle Jahre mit Faschismus in Verbindung gebracht und nicht mehr gesungen. ‚America First‘ knüpft genau daran an.“ Oder: „Der preußische Beamte Robert Kempner schrieb 1930 ein glasklares Gutachten über die staatszersetzende Gefahr der NSDAP – eine rechtliche Grundlage für ein mögliches Parteiverbot, ja sogar für Hitlers Ausweisung.“ Kempner wurde 1933 entlassen, ging ins Ausland und kam erst 13 Jahre später nach Deutschland zurück – als Ankläger der Nürnberger Prozesse, um „juristisch aufzuarbeiten, wovor er einst vergeblich gewarnt hatte“.
„Der Faschismus wird wiederkehren – nicht identisch, aber in neuer Gestalt“, davor hatte schon 1962 sein Geschichtslehrer gewarnt, erinnert sich Autor Johannes Czwalina. „Und er wird die Selbstüberschätzung der Demokratien ausnutzen“, fügte dieser noch hinzu. Das war siebzehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Zeit des „Nie wieder!“, die Zeit, in der die Lehrer bei jeder Gelegenheit sagten, die Überwindung des Faschismus sei das Größte, was man nach dem Krieg erreicht hätte, so Czwalina. „Wie Zwiebelgeschmack“ seien die Ausführungen seines Geschichtslehreres in seinem Mund hängen geblieben. Sogar den Zeitpunkt hatte dieser überraschend genau prognostiziert: einige Jahre nach der nächsten Jahrhundertwende, nach einigen Generationen, wenn die „Schockstarre vergessen“ sei und die Menschen sich wieder nach dem „starken Mann“ sehnen… Und selbst die Opferkategorie ahnte er voraus: der Hass auf flüchtende Menschen würde dann „weltweit die gleiche Dimension annehmen wie der Hass auf die flüchtenden Juden“. Und genau wie die „ganze Welt an der Konferenz im Juli 1938 einig war, nichts für das weltweite Schicksal der jüdischen Flüchtlinge tun zu wollen und zu können, würde es auch nach 2020 werden“…. „Aus der Geschichte werdet ihr lernen, dass man aus der Geschichte nichts lernt.“
Ein Zirkel schließt sich
Die 60er bis 80er Jahre waren geprägt von der Faszination Europa, beschreibt Czwalina, der in dieser Zeit als Kurier für Radio Freies Europa und andere Organisationen „spezielle Aufträge“ in den Ostblockländern absolvierte, Dissidenten und verfolgte Gruppen besuchte, die Zeit von der erschreckenden Prognose seines Geschichtslehrers bis heute. Den Fall des Eisernen Vorhangs „erlebten wir im Rausch.“ Der Weg in eine freie demokratische Welt mit generationenübergreifendem Frieden schien endgültig geebnet. „Keiner wollte sich vorstellen, dass es nochmal rückwärts gehen könnte.“
Doch Faschismus, der nicht wirklich aufgearbeitet wurde, versteckt sich nur bis zur neuen Chance, so die These und Beobachtung des Autors. Der erste Fehler sei in der 68er-Bewegung und im RAF-Terrorismus zu verorten, als Antwort auf die Sprachlosigkeit der Elterngeneration in der Nachkriegszeit. Erinnern galt damals als Makel. Es gab keine Antworten auf Fragen wie: „Was hast du getan, als deine jüdischen Nachbarn abgeholt wurden?“ Statt dessen: Schweigen oder Wut. Deutschland hätte nicht nur juristisch, sondern auch seelisch zur Verantwortung gezogen werden müssen, diagnostiziert Czwalina.
Nach dem linken Terror der 1970er Jahre habe eine zweite Phase begonnen, stiller, doch ebenso zerstörerisch: die Phase des rechten Terrors. Junge Menschen, die den Nationalsozialismus nicht erlebt hatten, fanden ihn als „Projektionsfläche für all das, was sie vermisst hatten“ – Ordnung, Autorität, Zugehörigkeit, Heldentum – plötzlich wieder attraktiv, vor allem in den neuenBundesländern. Und die neuen rechten Wortfüher wussten diese Leere zu füllen. Seit den 90er Jahren explodierten die Anschläge auf Asylbewerberheime –„und wir haben weggesehen, zu lange, zu oft.“
Nun scheint sich ein Zirkel zu schließen: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und den als Demütigung empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrags hatte Hitler den Deutschen versprochen: „Ich mache Deutschland wieder groß“. Ein populistisches Echo davon ist heute in frappierender Ähnlichkeit bei Donald Trumps MAGA-Bewegung wiederzuerkennen: „Make America Great Again!“ und „America First!“
Einschub über Rumänien
In mehreren Ländern, wo sich Menschen auf der Verliererseite sahen, konnten Faschisten wieder Fuß fassen, darunter in Deutschland, erklärt Czwalina. Ihr Narrativ: die Überhöhung des eigenen Volkes, die Abwertung anderer Ethnien oder Minderheiten und die obsessive Beschäftigung mit der Opferrolle der eigenen Volksgemeinschaft.
Fruchtbaren Boden hierfür gibt es auch in Rumänien, wie die Studie der Konrad Adenauer Stiftung über „die ungehörte rumänische Diaspora“, in der ADZ ausführlich vorgestellt am 3. Februar, verdeutlich. Sie zeigt den Frust der AUR-Wählerschaft auf und lässt erahnen, wie der Hype um den Populisten, Rechtsextremisten und Russlandfreund C²lin Georgescu entstehen konnte: Man wünscht sich eine Führungsperson, die „das Land, die Erde und das Volk liebt“. Zitat: „Seit der Revolution hatten wir nur Verräter an der Landesspitze... nie hatten wir einen Nationalisten mit aufrechtem Rückgrat vor den Großmächten“. Verbreitet unter den Befragten ist die Verschwörungstheorie, der Erfolg Rumäniens werden von außen blockiert und die eigenen Politiker hätten in diesem Sinne ihre Seele verkauft. Präsident Nicușor Dan hingegen sei von Brüssel instrumentalisiert: „Die EU brauchte eine Marionette, die alles macht, was sie sagen, um alles in Rumänien zu zerstören“.
Als Erkennungszeichen von Faschismus benennt Czwalina unter anderem: despektierliche Wortwahl und Sprache mit völkischen Begriffen, wirtschaftlichen Protektorismus und zentralisierte Wirtschaft, EU-Gegnerschaft und das Ziel, die EU von innen auszuhöhlen, Narrativ einer Gegenwart als Zeit des Niedergangs, der Dekadenz, des Zerfalls, Angriffe auf unabhängige Medien und Wissenschaft, Führerkult, freundschaftliche Beziehungen zum Aggressor Russland. Für die meisten dieser Elemente gibt es Befürworter in der Simion-Wählerschaft, betrachtet in der KAS-Studie: Sie sehen Rumänien auf dem absteigenden Ast, „in 30 Jahren wurde nur zerstört, nichts aufgebaut“, der Staat soll ihre Probleme lösen, man wünscht sich „staatliche Hotels“ für Arbeitsplätze und beklagt, „die Infrastruktur und viele andere Dinge lässt man verfallen, man investiert nicht mehr, oder sie sind an private Firmen verkauft, und der Staat verliert“. Argwöhnisch und hasserfüllt wird die Hilfe beäugt, die der Republik Moldau und vor allem der Ukraine zuteil wird.
EU-Gegnerschaft und innere Zersetzung
Autokratische und populistische Parteien eint ein ausgeprägter Skeptizismus gegenüber der EU, so Czwalina. Angestrebt werde „ein politischer Aushöhlungsprozess, getarnt als parlamentarische Mitwirkung.“ An Beispielen benennt er den österreichischen FPÖ-Vorsitzenden Helmut Kickl, „der offen mit faschistischem und antisemitischem Gedankengut sympathisiert“ und „unverhohlen das Ziel verfolgt, ein vereintes Europa zum Einsturz zu bringen“, die AfD-Vorsitzende Alice Weidel, oder Jordan Bardella vom Französischen Rassemblement National, der es als seine Mission erklärte, Europa „abwickeln“ zu wollen. Und natürlich Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban, den er – mit Blick auf Trump und die erstarkten „patriotischen“ Fraktionen in Europa – zitiert: „Der große Angriff kann beginnen. Ich starte hiermit die zweite Phase der Offensive – mit dem Ziel, Brüssel zu besetzen.“
In den USA, einst Verfechter demokratischer Ziele, hat Trump bereits begonnen, „an den Grundfesten der Demokratie zu rütteln“: Die Beziehung zu Europa und die Neuordnung der Welt sieht er ausschließlich vor wirtschaftlichen Interessen. „Die völkerrechtswidrige Invasion Russlands in der Ukraine wird umgedeutet – der Aggressor entlastet, das Opfer diffamiert.“ Die Relativierung von Völkerrecht und Menschenwürde durch Trump sei kein Zufall, meint Czwalina, sondern diene der Vorbereitung eigener expansiver Ambitionen: Seine Ansprüche auf Grönland, den Panamakanal, den Gazastreifen oder Teile Kanadas.
Narrativ gescheiterte Asylpolitik
Vor der Konkurrenz um Arbeit, Wohnraum und soziale Leistungen werden Ängste geschürt und griffige Narrative vom sozialen Abstieg der Einheimischen als Folge falscher Asylpolitik bedient. Zitate: „Das Pack erschießen oder zurück nach Afrika prügeln“ (Dieter Gönert, AfD), „Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat aushöhlen“ (Alice Weidel, AfD), „dem Flüchtling ist doch egal, ob er an der griechischen oder an der deutschen Grenze stirbt“ (Michael Klonovsky, AfD). Begriffe wie „Remigration“ sollen das Zurückschicken salonfähig machen. Doch in Deutschland arbeiten rund 5000 syrische Ärzte in leitenden Positionen in Krankenhäusern, gibt Czwalina zu bedenken. Was geschieht mit dem deutschen Gesundheitssystem, wenn diese Menschen zur „Remigration“ gezwungen werden?
Angriffe auf Presse und Wissenschaft
Ein weiteres Merkmal für Faschismus sei die Diffamierung der freien Presse (Schlagwort: „Lügenpresse“), so Czwalina. Die sozialen Plattformen hingegen erweisen sich als bewährtes Werkzeug extremistischer Bewegungen zur Erosion demokratischer Systeme: Halbwahrheiten, Hassbotschaften und Desinformationen werden von den Algorithmen der großen Tech-Konzerne begünstigt – weil Emotionen Klicks und Reichweite garantieren. „Hätte es soziale Netzwerke wie Facebook bereits in den 1930er Jahren gegeben, hätte Hitler zweifellos ihre Reichweite genutzt, um für seine ‚Lösung der Judenfrage‘ zu werben“, analysiert der Autor. Den digitalen Resonanzraum der sozialen Medien hält er für „einen der größten sytematischen Bedrohungen für offene pluralistische Gesellschaften“.
Klimaforschung war bisher eher politikneutral, doch unter Trump wurden unter dem Vorwand bürokratischer Umstrukturierung tausende Stellen im Bereich Klimaschutz gestrichen. Im März 2025 wandten sich Forscher in einem Brandbrief an die US-Regierung: „Der wissenschaftliche Betrieb unserer Nation wird systematisch zerschlagen.“ Einer Umfrage der Fachzeitschrift „Nature“ zufolge ziehen über dreiviertel der Wissenschaftler in Erwägung, die USA zu verlassen!
Gefährliche systemische Rückkoppelung
Für besonders gefährlich hält Czwalina, wenn staatsnahe Oligarchen und Tech-Giganten Datenmonopole innehalten und politische Agenden beeinflussen – und zwar wegen der systemischen Rückkoppelung: Wirtschaftliche Macht sichert politische Macht und vice versa! Längst ist hier ein Kipp-Punkt erreicht: Wir erleben nicht nur eine Zeit, in der es um geopolitische Machtverschiebungen gilt, sondern auch das Ende einer Ära, in der „Demokratie als selbstverständlicher Ordnungsrahmen galt“. Die Aussage untermauert Czwalina mit einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2024, die den Tiefststand der Demokratien seit zwei Jahrzehnten verdeutlicht: Nur noch 63 Staaten weltweit gelten als solche, 74 als Autokratien.
Was tun?
„Die Geschichte scheint sich zu wiederholen – nicht mechanisch, aber in beunruhigend ähnlichem Muster“, bringt es der Autor auf den Punkt. Und auch der fatale Irrtum von damals, dass ein autoritärer Führer ja „nicht so schlimm sein“ könne, kehre in neuem Gewand wieder, warnt er. „In Brüssel formieren sich rechtspopulistische Parteien längst nicht mehr im Schatten“ – und Trump ist ihr Katalysator. Auch die Daten der Anti-Defamation League zeichneten ein düsteres Bild: „Laut einer globalen Befragung in 102 Ländern hat sich der Anteil antisemitisch gesinnter Menschen in den letzten zehn Jahren verdoppelt.“
Doch was ist zu tun? Das Scheitern des Verbotsverfahrens gegen die AfD als gesichert rechtsextreme Partei in Deutschland bedauert der Autor als verpasste „historische Option“. Und verurteilt das „beschwichtigende Mantra“ demokratischer Parteien, man müsse „durch bessere Politik überzeugen“, als naiv und gefährlich. Es ignoriere zudem die Dynamik des politischen Radikalismus. Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit müssten immer wieder aktiv und lautstark verteidigt werden. Denn: „Die Wiederkehr des Faschismus ist kein Blitzschlag – sie ist ein langsames Dunkel. Wenn wir nicht aufstehen, wird es finster.“





