Glasreste einfach wegschmeißen? Nicht mehr lange. Denn die Firma „Transilvania Glass“ will das ändern. Sie haucht altem Glas neues Leben ein und begeistert Abnehmer in Rumänien und im Ausland mit ihren handgefertigten Kreationen.
Die Geschichte beginnt mit einem Vater und einem Sohn im Jahr 2016: Laurean und Horațiu Oltean sind die Urheber der Idee, eine kleine Glasbläserwerkstatt in Mediasch/Media{ aufzubauen. Aber wie bei den meisten guten Ideen führen verschiedene Fügungen zum großen Ganzen. Denn eigentlich ist die Geschichte noch viel älter: Mediasch blickt auf eine lange Glasbläsertradition zurück. 1922 wurde hier die Firma „Vitrometan“ gegründet. Da-mals warb man geschultes Personal aus Böhmen und Deutschland an, zahlte ihnen höhere Löhne als in ihren Herkunftsländern, um den Standort attraktiv zu machen. Noch heute erinnern das Stadtviertel „Vitrometan“ oder Straßennamen wie „Strada Sticlei“, „Strada Cristalului“ oder „Strada Slefuitorilor“ an das gläserne Erbe der Stadt.
Am Anfang war das Reagenzglas
In der riesigen Halle türmen sich Berge von gesammeltem Altglas. Sie stammen aus Bars, Restaurants, Privathaushalten, Weinkellern oder von großen Festivals und warten auf ihre Verarbeitung. Laurean Oltean steht in der Glaswerkstatt und erzählt. Zum beharrlichen Wummern der Schleifmaschinen, anhand derer er den Prozess des Glasschleifens zeigt: In mehreren Schritten werden alte Flaschen und Glasbehälter geschnitten, gesäubert und mehrmals geschliffen, damit ein Trinkglas oder ein Kerzenhalter entsteht.
Laurean Oltean ist gebürtiger Mediascher und kennt die alte Glasfabrik schon sein Leben lang. Für ihn ist die „Vitrometan“, wie für viele Mediascher, Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der Stadt. Viele Jahre war er dort als Ingenieur angestellt. Als die Firma privatisiert wird, verlässt er seinen Posten und gründet zunächst ein kleines Glasatelier, in dem er hauptsächlich Laborglaswaren herstellt. Von Reagenzgläsern und Pipetten bis hin zu Schmuck: Das Glas-Handwerk war für ihn immer eine Frage der Leidenschaft – innerhalb kürzester Zeit bringt er sich das nötige Know-how selbst bei.
Die Fabrik meldet 2015 schließlich Konkurs an – Werkzeug und Ausstattung stehen plötzlich zum Verkauf. Laurean und sein Sohn Hora]iu sehen den Moment gekommen: „Damals hatte ich etwas Geld und sagte mir: Das, was ich retten kann, rette ich“, erzählt Laurean Oltean. Es habe ihm leidgetan, dass die traditionsreiche Fabrik nach neun Jahrzehnten habe schließen müssen. Mit dem Erwerb der Maschinen und der Anmietung von Werkstatträumen habe ihn die Leidenschaft und der Wunsch umgetrieben, dass dieses besondere Handwerk nicht verschwindet.
Modern und frech – Glas-Upcycling
Die Fabrik war nun zu. Aber die Traditionslinie, so beschlossen es Vater und Sohn, solle weitergeführt werden. Und so stieg auch Hora]iu Oltean in das Unternehmen ein. Aufgewachsen in der Glaswerkstatt des Vaters, geprägt von den „Vitrometan“-Mitarbeitern, auf die er dort traf: „Einige sind wirklich begeistert von ihrem Beruf und ich glaube, dass sie es geschafft haben, mir etwas davon zu vermitteln“, meint er.
Zwei Generationen, die Bündelung von Erfahrung und Kenntnissen gepaart mit dem jugendlichen Frische-Kick: Die Idee zu den pfiffigen Glasverwandlungen kam Horațiu Oltean durch YouTube-Videos, in denen Glas neu zugeschnitten und in Gebrauchsgegenstände verwandelt wird. Fast spielerisch habe sich die Idee entwickelt, erzählt er. Auf Aussteller- und Hand-made-Märkten macht sich schnell bemerkbar, dass das Publikum die Upcycling-Ware fast interessanter findet als die neu angefertigten Kreationen: „Ich glaube, dass Upcycling die Kreativität der Menschen anregen kann, nach Lösungen zu suchen. Das gilt sowohl für diejenigen, die produzieren, als auch für diejenigen, die mit diesen Produkten in Kontakt kommen.“
Neunzig Jahre Tradition, neu aufbereitet
Deswegen haben sie in Mediasch eine eigene Zusatz-Marke gegründet. „Stycle“, eine Anspielung auf die Worte „sticla“ (Glas) und „cycle“ (Kreislauf) vereint die Upcycling-Produkte der Glaswerkstatt unter einem Dach. Die gesamte Produktpalette von „Transilvania Glass“ umfasst Gläser, Karaffen, Vasen, Öl- und Essigflaschen, Glaslöffelchen, Parfumflakons, auch Dekoration wie Weihnachtskugeln und Kerzenhalter. Die Produkte sind in verschiedenen Städten in kleineren Läden erhältlich, so zum Beispiel im „Jujube-Atelier“ in Hermannstadt/Sibiu, bei „Viscri 32“ in Deutsch-Weisskirch/Viscri, in Bukarest/București im „ALTRNTV“ und in verschiedenen Filialen der Buchhandlung „Cărturești“.
Die Werkstatt wendet verschiedene Glasherstellungstechniken an und arbeitet mit Kooperationspartnern und Unternehmen in Europa zusammen, wie beispielsweise dem österreichischen Hersteller für ökologische und nachhaltige Produkte „Grüne Erde“ oder dem Londoner Warenhaus „Harrods“.
Zukunft vorausgedacht
Flexibilität steht für sie an erster Stelle – noch gehen ihnen die Ideen nicht aus. Bereits 2024 haben sie ihren ersten Laden in Mediasch eröffnet. Dort kann man die Glas-Upcycling-Produkte und die Erzeugnisse anderer Hersteller erwerben. Ein Wunschprojekt ist ein kleines Museum, in dem die Olteans Ausstattungsgegenstände und alte Musterzeichnungen ausstellen wollen, die sie aus der alten Fabrik retten konnten. Das Projekt muss aber noch warten – im Moment binde die Glaswerkstatt die gesamte Energie des Teams, erzählt Horațiu.
In den letzten Jahren haben sie neben der Herstellung neuer, eigener Produkte und der Up-Cycling-Linie die Zusammenarbeit mit Glasrestauratoren aufgenommen. „Transilvania Glass“ stellt mittlerweile Rundfenster für gotische Fensterrahmen und „Glass Bullions“ her und beliefert inzwischen Auftraggeber in Großbritannien: Auch in diesem Bereich geht es für Hora]iu Oltean um Nachhaltigkeit: „Diese Art der Glasherstellung gefällt uns sehr, weil sie uns das Gefühl gibt, zu einem Projekt beizutragen, das Bestand hat.“
Die Lage für die Glasherstellung in Rumänien hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Nach der Schließung von „Vitrometan“ im Jahr 2015 seien die Fabriken in Bistritz/Bistri]a, Turda/Thorenburg, Suceava und zuletzt die Fabrik in Avrig/Freck, die älteste des Landes, geschlossen worden, erzählt Horațiu Oltean. Übrig geblieben seien landesweit nur noch wenige kleine Werkstätten, die man an den Fingern einer Hand abzählen könne: „Dieses Phänomen gibt es auch in anderen Ländern mit einer langen Tradition in der Glasherstellung, wie beispielsweise in Tschechien und Polen, jedoch nicht in gleichem Maße wie in Rumänien“, meint er.
Damit die Stafette vom Gestern zum Heute weitergetragen wird und sie nicht wieder von Null beginnen müssen, denkt Horațiu Oltean an Schulungen und Weiterbildungen: Seine Mitarbeiter, die lange Jahre für die alte „Vitrometan“ gearbeitet haben, könnten ihre Expertise an junge Glasmacher weitergeben. Für ihn bedeutet Tradition die ununterbrochene Weitergabe von Wissen von einer Generation zur nächsten: „Die Glasherstellung ist ein Handwerk, das in Rumänien zurzeit verschwindet“, sagt er. Hier habe ich das Gefühl, dass ich etwas verändern kann. Zumindest will ich es versuchen.“


![Hora]iu Oltean ist mit seinen Produkten regelmäßig auf Handmade- oder Weihnachtsmärkten anzutreffen. Foto: Aurelia Brecht](/fileadmin/_processed_/8/6/csm_IMG_1513_neu_Horatiu-Oltean_fe90886627.jpg)






