Am 14. Dezember feierte in Temeswar ein rumänischsprachiger Dokumentarfilm des serbischen öffentlich-rechtlichen Regionalsenders RTV Vojvodina Premiere. Gezeigt wurde „Die Haiduken aus der Girocului-Straße“. Gemeint sind damit die damaligen Kinder und Jugendlichen, die fußballbegeistert ihre eigenen Champions-League-Spiele austrugen und dabei die Namen berühmter Fußballklubs – teils leicht abgewandelt – übernahmen. Das Drehbuch basiert auf dem ursprünglich deutschsprachigen Roman des gebürtigen Temeswarers Milan Radin „Wir waren niemand“, der inzwischen ins Serbische, Rumänische und zuletzt auch ins Französische übersetzt wurde. Die Sprachwelten, in denen sich Radin bewegt, sind mindestens so vielfältig wie die damaligen Jugendmannschaften. Der Dokumentarfilm erzählt vom Leben Jugendlicher in den 1980er Jahren im Kommunismus, von abenteuerlichen Fluchtversuchen über die Grenze und davon, wie die Temeswarer Haiduken die Revolution erlebten – insbesondere in jenem Stadtteil, dessen Straßen heute nach den Märtyrern von 1989 benannt sind.
Im Nachgang zum 17. Dezember, dem Tag, an dem Temeswar der Opfer von damals gedenkt, steht hier das Gespräch zur Entstehungsgeschichte von Roman und Film, geführt von ADZ-Redakteurin Astrid Weisz mit dem Autor und Zeitzeugen Milan Radin.
Herr Radin, auf Ihrer Webseite schreiben Sie von Ihren Sprachenwelten und da kategorisieren Sie in Muttersprache, Ausbildungssprache, Familiensprache und andere. Wieso?
Serbokroatisch beziehungsweise Serbisch und Rumänisch sind meine Muttersprachen, obwohl ich Rumänisch erst im Kindergarten gelernt habe und es später in der Schule und auf der Straße sprach. Mit Ausbildungssprachen meine ich jene, in denen ich Prüfungen abgelegt habe – also Deutsch und Französisch. Familiensprachen sind die Sprachen, die wir zu Hause gesprochen haben: Französisch mit meiner Ehepartnerin oder Serbisch mit meinem Sohn. Unsere Philosophie war immer, die Sprache des Landes, in dem wir leben, nicht zu Hause zu sprechen.
Sprachen helfen enorm – nicht nur zur Kommunikation. Viele glauben, Englisch reiche völlig aus. Dem widerspreche ich. Man kann nach Moskau, Berlin oder Paris reisen und überall Englisch sprechen, aber ich bin überzeugt, dass ich bessere Gespräche führe und besser zurechtkomme, wenn ich verstehe, wie die Menschen vor Ort denken.
Ich bin in Europa aufgewachsen, noch bevor es Europa gab. Bei uns war Europa auf jeder Straße. Man hörte Ungarisch, Deutsch, Rumänisch und Serbisch. Ich besuchte die serbische Abteilung des Philologie-Lyzeums, daneben gab es rumänische und deutsche Klassen. Es war spannend, in dieser bunten Welt aufzuwachsen.
Kurz vor der Revolution bin ich geflohen. Beim dritten Versuch hat es geklappt. Ich war 15 Jahre alt. Beim ersten Mal war ich 13 – das war bei einem Ausflug nach Ungarn, von wo aus wir nach Österreich wollten, es aber nicht schafften. Später freundete ich mich in der Josefstadt am Markt mit jungen Jugoslawen an, die uns Hilfe versprachen. Doch beim Fluchtversuch im Oktober 1989 wurde ich gefasst.
Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir alles unglaublich naiv. Es schien so einfach: Einer war plötzlich weg, ein anderer ausgewandert. Freunde gingen nach Deutschland, ohne dass ich es richtig verstand. Plötzlich hieß es: Bernd ist weg. Arthur ist weg. Warum kann ich nicht auch weg?!
Warum sind Sie denn mit 15 aus Rumänien geflohen?
Einen wirklichen Grund hatte ich nicht. Es war wie eine Welle – Abenteuerlust, Nervenkitzel. Für einen Teenager wirkte es ungefährlich, vor allem, wenn man sah, dass andere es geschafft hatten. Wir stammen mütterlicherseits aus Radimna, nahe der Donau, und damals war es irgendwie „cool“, ein Fronterist zu sein. Also, man war ein Held im Viertel. Ich wusste damals nicht, dass an der Grenze geschossen wurde, dass Menschen getötet wurden. Wie naiv wir waren: Wir dachten, jemand würde auf uns warten, sich mit einem Ring identifizieren und uns über die Grenze bringen.
Beim ersten Versuch waren wir zu viert. Ich kam ins Gefängnis, was dem Ganzen paradoxerweise neue Energie verlieh. Man hörte, dass einer es zum dritten, ein anderer zum fünften Mal versuchte. Es war fast wie ein Fieber. Ich war in Orawitza, in Detta und in Temeswar in Haft. Mir wurden die Haare geschoren – ein Zeichen, das im Viertel jeder verstand: Ich war kein Verräter, sondern jemand, der zu fliehen versucht hatte. Also galt ich als vertrauenswürdig.
Der dritte Versuch Anfang Dezember gelang schließlich – trotz Umwegen und neuer Abenteuer. Per Anhalter nahm uns ein Mann namens Milan mit. Diesen „Onkel Milan“ konnten wir 36 Jahre später für den Film ausfindig machen – dank Leserinnen und Lesern der serbischen Buchausgabe.
Die Wirren nach der Dezember-Revolution führten dazu, dass Sie mit Ihrer Mutter in Österreich blieben, nicht weiterkamen nach Kanada, Australien, Amerika oder Deutschland, wie Sie es sich vorgestellt hatten. Sie besuchten nicht unproblematisch die Schule in Österreich und studierten in Graz. Arbeiteten in Kanada und Frankreich, dann in Rumänien und waren eher in der Banken- und Unternehmensbranche tätig. Wie kam es denn zum Buch „Wir waren niemand“?
2019 wurde ich vom Boltzmann-Institut eingeladen, bei einer Konferenz zum 30. Jahrestag des Falls des Eisernen Vorhangs zu sprechen. Die Forscher kannten alle Zahlen und Daten, aber niemanden, der diese Zeit persönlich erlebt hatte. Ich meldete mich – auch weil ich als Jugendlicher Tagebuch geführt hatte. Daraus entstand schließlich das Buch, das beim Leykam Verlag in Graz erschien.
Das wurde dann in Zagreb gelesen und übersetzt, und so ist es nach Serbien gekommen, wo das auch sehr großen Anklang fand. In diesem Jahr wurde es ins Französische übertragen und so kontaktierte mich die rumänische Abteilung des Fernsehsenders aus Novi Sad, RTV Vojvodina, ob man da so einen Film daraus machen kann und nach knapp einem Jahr an Aufnahmen an verschiedenen Orten, von Belgrad und Temeswar bis nach Orawitza, feiert er Premiere just 36 Jahre nach Dezember ‘89. Manche meiner Spielkameraden sind damals ohne einen Elternteil geblieben, ein anderer wurde erschossen, zwei andere sind mit Schusswunden davongekommen und ich war nicht da .... Wenn es so dunkel und kalt ist, wie diese Tage, habe ich immer das Gefühl, dass ich wieder über die Grenze gehe oder draußen bin, sozusagen am Feld, irgendwo versteckt .... aber wäre ich hier gewesen, wäre ich wahrscheinlich mit den Jungen auf die Straße gegangen, denn es war uns unvorstellbar, dass unser Militär auf uns schießen könnte.
Ich habe versucht ziemlich einfach zu schreiben, dass man es leicht, schnell lesen kann, aber wenn man will, kann man auch nachdenken, auch vertiefen und schauen, warum gerade diese Zitate gewählt wurden. Das Buch behandelt die Vergangenheit, aber in Wirklichkeit behandelt es auch unsere Zukunft oder unser heutiges Dasein, denn wir haben wieder Krieg an der Grenze, wir haben Flüchtlinge, wir haben Kinder, die kämpfen oder sterben, dieses Phänomen ist irgendwie wieder da und vielleicht hat das auch beigetragen, dass eben das Thema oder mein Buch so angenommen.
Für die französische Ausgabe habe ich Ergänzungen vorgenommen, nachdem ich Dokumente aus dem Archiv der Securitate erhalten hatte. Sie endet ironisch: Laut Securitate existiert kein Dossier über mich – also habe ich nie versucht zu fliehen und war nie im Gefängnis. Ohne dieses Buch gäbe es diese Geschichte nicht – nicht nur meine, sondern die vieler anderer.
Beim Film wiederum bin ich sehr stolz und glücklich, dass ich es geschafft habe und dass 15 Spielkameraden von damals dabei sind. Wir haben eine eigene Fußballmeisterschaft gehabt und damals war neben Heiduken, von denen wir in der Schule auch gelernt haben, von Baba Novak, gab es auch Heiduk Split, die Fußballmannschaft, die damals in Craiova gespielt hat... dann hat es bei uns im Viertel Bayern gegeben, Ajax, Piazza, Santos, Juventus und andere Mannschaften. Die waren ethnisch nicht geteilt, da waren Rumänen, Serben, Deutsche, Ungarn und wer weiß was noch dabei.
Andererseits haben Sie mit Ihren Büchern ja auch ein bisschen Übersetzungsarbeit geleistet, indem Sie das, was in der rumänischen Realität geschehen ist, dann mit deutscher Sprache einem deutschsprachigen Publikum nähergebracht haben, dann dem serbo-kroatischen, und jetzt auch auf Französisch. Reicht es, einfach nur die Sprache zu ändern?
Was mich auch überrascht, ja, schockt, ist, dass der Franzose nicht dasselbe aus demselben Buch versteht wie der Österreicher oder der Serbe, weil sie ganz verschiedene Kenntnisse und Erfahrungen und Kulturen mit sich bringen. Wenn man, wie ich, selbst übersetzt, schummelt man immer, also man interpretiert, denn wortwörtliche Übersetzungen bringen hier wenig. Dieses Bringen von einer Seite der Brücke zur anderen Seite der Brücke muss in der Zielsprache den Sinn behalten, nicht die Form. Mein Buch ist aber sehr menschlich gehalten, und so habe ich auch die Witze aufgeschrieben, die im Gefängnis erzählt wurden, was mich sehr überrascht hat, dass Witze dort so frei erzählt wurden. Doch gerade diese Witze zeigen oft besser die Realität, als wenn man sie erklärt. Und leider haben sie oft auch heute eine Bedeutung. Man liest das Buch jetzt über Ceau{escu und Rumänien. Und wenn ich provozieren will, sage ich, ok, jetzt lesen Sie das Buch aber noch einmal und ersetzen überall Rumänien mit Amerika und Ceau{escu mit Trump oder Russland und Putin. Vieles wiederholt sich, viele Parallelen zum heutigen Leben sind da. Denkt man nur an die damalige Angst vor Spitzeln und die Art, mit den Ängsten umzugehen in der Pandemie. Mich motiviert die Zukunft. Aber, um mich in Richtung Zukunft zu bewegen, muss ich die Vergangenheit verstehen.





