„Ich möchte jungen Menschen in Deutschland Mut machen, sich mit Siebenbürgen auseinanderzusetzen“

Im Gespräch mit Natalie Bertleff

Natalie Bertleff | Fotocredit: MK

Schon als Kind hat Natalie Bertleff auf Veranstaltungen der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) einprägsame Erfahrungen gesammelt. Heute ist sie dort Bundesjugendleiterin und möchte ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben. Über ihre Identität und ihre Beziehung zu Siebenbürgen sprach Sie mit ADZ-Redakteurin Aurelia Brecht.

Was bedeutet es für dich, Siebenbürger Sächsin zu sein?

In einer Gemeinschaft zu leben, wo man immer auf nette Leute trifft und sich in einer freundschaftlichen Gruppe befindet. Dass ich Siebenbürger Sächsin bin, merke ich an Dingen, die sich in der Familie abspielen: Essen, das es bei Freunden aus der Schule oder aus dem Studium zu Hause nicht gibt; die Mundart, also Siebenbürgisch-Sächsisch, was meine Eltern mit mir sprechen. Die Verbindung zu Siebenbürgen selbst, dort zu sein, das Land zu kennen – und eben die Gemeinschaft, die Leute, die ich treffe, wenn ich auf Veranstaltungen vom Verband oder der SJD gehe.

Du warst als Kind und Jugendliche schon in die Verbandsarbeit eingebunden.

Meine Eltern haben meine Schwester und mich als Kinder schon zu Veranstaltungen mitgenommen. Wir sind in der Nähe von Dinkelsbühl aufgewachsen, waren beim Heimattag, bei den Treffen der Heimatortsgemeinschaften oder bei Kreisgruppenveranstaltungen mit dabei. Die Kinder von Freunden der Familie waren schon aktiv oder in einer Tanzgruppe: Als ich die Jugendlichen in ihren schönen Trachten zum ersten Mal beim Tanzen gesehen habe, wollte ich dort unbedingt dabei sein. Mit 15 wollte ich selbst mitwirken und habe kleinere Veranstaltungen wie Kinderschminken oder Basteln organisiert. 2016 wurde ich gefragt, ob ich in den Vorstand kommen möchte: Zunächst als Beisitzerin der Landesjugendleitung Baden-Württemberg und als Kinderreferentin in der Bundesjugendleitung. Seitdem bin ich im Vorstand in verschiedenen Ämtern aktiv gewesen.

Wie ist dein persönlicher Kontakt zu Siebenbürgen?

Als Kinder waren wir nicht so oft in Siebenbürgen – trotzdem waren wir dreimal im Sommer als Jugendliche dort. Denn die Familie meines Vaters stammt aus Kleinschelken/Șeica Mică und das Elternhaus dort existiert noch. Als ich 2017 mein Abi gemacht habe, wollte ich einmal längere Zeit in Siebenbürgen verbringen: Wir waren 2017 beim Großen Sachsentreffen – das war wirklich cool, aber ich wollte auch einmal vor Ort sein, wenn nicht alle da sind, die ich in Deutschland auf Veranstaltungen treffe. Ich wollte das Land kennenlernen, wie es normalerweise ist. Über verschiedene Wege hat sich dann ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Schäßburg/Sighișoara ergeben. Dort war ich für ein halbes Jahr an der deutschen Schule und habe am Lyzeum und an der Grundschule Vertretungsunterricht gegeben und Projekte organisiert. Danach habe ich ein einmonatiges Praktikum im Jugendzentrum Seligstadt/Seliștat drangehängt. An Schäßburg habe ich sehr viele gute Erinnerungen: An das Jugendforum und an die Tanzgruppe dort, bei der ich aktiv war. Ich habe viele nette Leute kennengelernt und Freunde gefunden. In den folgenden Jahren bin ich dann vier- bis sechsmal im Jahr nach Siebenbürgen gereist: Mal für das Sachsentreffen oder einfach, um Urlaub zu machen und alle wiederzusehen. Seitdem bin ich regelmäßig da.

Was ist das Faszinierende für dich hier?

Ich kann es nicht so richtig in Worte fassen. Es ist ein Gefühl. Wenn ich aus dem Flieger steige, bin ich irgendwie gleich ruhiger. Ich weiß noch, dass ich nach meinem Praktikum in Seligstadt eine aufregende Reise von Seligstadt nach Kleinschelken hatte – zum Haus meiner Großeltern. Ich musste gegen Ende noch acht Kilometer zu Fuß zurücklegen, denn es war ein Samstag und die öffentlichen Transportmittel fuhren nicht. Auf den letzten 300 Metern zum Haus hat es dann angefangen zu regnen. Und ich erwischte mich dabei, wie ich dachte: Schau, wie schön, dass es erst jetzt beginnt zu regnen, bisher war die ganze Zeit Sonnenschein. Es hätte ja auch schon viel früher anfangen können. Wie gut, dass es erst jetzt anfängt! Das ist eine Mentalität, die ich in Siebenbürgen gelernt habe. Ein Jahr vorher hätte ich mich noch aufgeregt, dass ich jetzt kilometerweit zu Fuß gehen muss, dass nichts klappt und auf den Fahrplänen steht, dass ein Bus kommen müsste. Ich bin ruhiger und entspannter und ich weiß: Es wird schon alles irgendwie. Im Vergleich dazu ist man in Deutschland eher so gepolt, dass alles klappen muss und wenn es nicht klappt, ist man genervt. Das lege ich ab, wenn ich aus dem Flieger steige.

Wie ist die Reaktion in Deutschland, wenn du sagst, dass du Siebenbürger Sächsin bist?

Unterschiedlich. Manche können damit nichts anfangen, dann erzähle ich ihnen davon. Die Leute sind meistens sehr aufgeschlossen. Manchmal treffe ich auf Menschen, die beispielsweise Großeltern oder eine Tante im Banat haben – dann tauscht man sich aus. Wenn die Leute schon mal davon gehört haben, wollen sie meist noch mehr wissen. Auf dem Gymnasium habe ich öfter Referatsthemen zu Siebenbürgen gewählt, um das mit meinen Mitschülern zu teilen. Ein paar sind auch zu unseren SJD-Veranstaltungen mitgekommen.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass du Siebenbürger Sächsin bist?

Es gab keinen Schlüsselmoment. Dadurch, dass meine Eltern mit mir Siebenbürgsich-Sächsisch geredet haben und dadurch, dass es Essen aus Siebenbürgen und Rumänien gab, war das immer ein Teil, der dazugehörte. In der Grundschule merkt man eher, was einen von den Mitschülern unterscheidet: Dass wir an den Wochenenden sehr oft unterwegs waren oder dass meine Eltern ein bisschen anders mit mir sprechen. Meine Lieblingsessen in der Grundschulzeit waren Nudelsuppe und Bratkartoffeln mit Spinat. Das war jetzt auch nicht unbedingt typisch.

Gibt es etwas, was dich an der Geschichte der Siebenbürger Sachsen fasziniert?

An der Geschichte kann ich jetzt spontan nichts festmachen, eher an der Mentalität: Die Hilfsbereitschaft. Es gibt oft Situationen, in denen jemand jemanden kennt, und dann werden Berge versetzt, um Leuten zu helfen – und das, obwohl man sich noch nicht so oft gesehen hat. Man hilft sich einfach, ohne irgendwas dafür zu wollen. Einfach so, weil man gerade die Ressourcen dazu hat.

Welche Rolle hat die Auswanderungsgeschichte der Siebenbürger Sachsen in deiner Familie gespielt?

In meiner Kindheit war das nicht so oft Thema. Ich habe erst in den letzten Jahren noch einmal andere Geschichten erfahren, als ich für die Uni im Rahmen eines Seminars mit meinen Großeltern gesprochen habe. Erst als ich konkret Fragen gestellt habe, hat mir mein Großvater erzählt, dass er, als er die Ausreiseanträge gestellt hatte, zu seinem Chef zitiert wurde. Der sagte ihm, dass er das Land niemals lebend verlassen würde. Das war einprägsam. Ich hätte das nie erfahren, wenn ich nicht konkret gefragt hätte. In der Jugendzeit war es bereits ein Thema, als ich gefragt habe: Warum seid ihr nicht geblieben? Warum seid ihr über-haupt ausgereist? Dann haben wir darüber gesprochen und meine Eltern und Großeltern haben dann davon erzählt.

Wo kam diese Frage bei dir her?

Weil ich so oft in Siebenbürgen bin und viele Leute kenne, die dort geblieben sind, fand ich die Frage einfach interessant. Ich weiß nicht, wie unsere Leben ausgesehen hätten, wenn meine Familie dort geblieben wäre. Ich glaube, es würde mich nicht geben, weil sich meine Eltern dort vermutlich nicht kennengelernt hätten.

Wie erlebst du die Beziehungen zwischen den Siebenbürger Sachsen in Deutschland und denen in Siebenbürgen?

Auf institutioneller Ebene erlebe ich die Zusammenarbeit als sehr fruchtbar – man arbeitet eng zusammen. Auf individueller Ebene ist es, glaube ich, sehr unterschiedlich. Ich kenne viele, die jedes Jahr im Sommer nach Siebenbürgen fahren. Einige fragen mich aber auch, warum ich dort schon wieder hinfahre. Ich bin sehr froh, dass ich mein FSJ in Schäßburg gemacht habe und darüber viele Leute kennenlernen konnte, die in den verschiedenen Institutionen aktiv sind. Ich glaube, dadurch, dass ich auch aktiv bin, hat das der Zusammenarbeit sehr gut getan. Ich weiß nun, wen ich anrufen kann und wie man gemeinsam an Projekte herangeht. Das war für mich persönlich sehr hilfreich.

Warum engagierst du dich in der SJD?

Mir ist wichtig, dass die Veranstaltungen, die ich als Teilnehmerin erleben durfte, weiterhin stattfinden können. Damit auch die nächsten Generationen die Möglichkeit haben, den Heimattag in Dinkelsbühl zu besuchen und diese Gemeinschaft zu erleben.

Was gefällt dir an deiner Tätigkeit als Bundesjugendleiterin?

Die Veranstaltungen zu organisieren und dann beobachten zu können, wie die Leute anreisen, sich begrüßen, nachdem sie sich Monate oder ein Jahr nicht gesehen haben und sich dabei in die Arme fallen. Das macht es dann wett, wenn man 20 Stunden auf den Beinen steht.

Welche Projekte habt ihr für 2026 in Planung?

Die SJD wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Deswegen sind wir gemeinsam mit dem Sozialwerk Deutschland Mitausrichter beim Heimattag. Dort organisieren wir viele Veranstaltungen mit und dürfen nun auch weitere Akzente setzten: Die Brauchtumsveranstaltung in der Schranne dürfen wir dieses Jahr bespielen und planen in diesem Rahmen eine Quizshow: Wir möchten das interaktiv gestalten und lassen fünf unserer Jugendlichen in verschiedenen Disziplinen gegen unseren Bundesvorsitzenden Rainer Lehni antreten. Außerdem findet dieses Jahr das Föderationslager in Deutschland statt. Jeweils fünf Jugendliche aus Österreich, Rumänien, Deutschland, den USA und Kanada treffen dabei aufeinander. Dann wählen wir dieses Jahr den Vorstand der SJD neu. Im Oktober findet der Volkstanzwettbewerb in Baden-Württemberg statt.

Organisiert ihr dieses Jahr auch Projekte in Rumänien? 

Wir sind wieder bei der Siebenbürgischen Akademiewoche dabei, die dieses Jahr auch zum 40. Mal stattfindet. Sie wird vom Deutschen Jugendverein Siebenbürgen (DJVS) organisiert – dort sind wir Partner. Wenn man ein Interesse an Siebenbürgen hat, Rumänien kennenlernen und etwas über die Geschichte erfahren möchte, ist das die richtige Veranstaltung. Viele Jugendliche der SJD fahren im Sommer mit ihren Eltern nach Siebenbürgen. Es wäre toll, wenn wir es schaffen könnten, sie für die Akademiewoche zu gewinnen, denn auf diese Weise kommen sie auch einmal aus dem Dorf ihrer Eltern heraus. Da haben sich schon Welten eröffnet für Leute, die wir mitgenommen haben. Vor Kurzem haben wir eine Silvesterfreizeit in Siebenbürgen organisiert. Damit waren wir eine Woche mit Jugendlichen in Freck/Avrig und haben von dort aus Tagesausflüge in die Region unternommen. Einige aus der Gruppe möchten das gerne wiederholen. Außerdem kommt die SJD auch wieder zum Sachsentreffen, weil dieses Jahr das Thema „Jugendjubiläen“ im Fokus steht.

Wo arbeiten die Jugendorganisationen aus Rumänien und aus Deutschland zusammen?

Regelmäßig arbeiten wir bei der Siebenbürgischen Akademiewoche zusammen. Ansonsten sind es Einzelprojekte wie der Jugendroadtrip durch Siebenbürgen im Jahr 2022. Auch beim Großen Sachsentreffen 2024 war die SJD involviert und hat zusammen mit dem DJVS den Jugendpavillon und verschiedene Tanzveranstaltungen organisiert. Der siebenbürgische Jugendpreis, der schon eine lange Geschichte hat, wurde im letzten Jahr neu konzeptioniert und wird nun von der SJD in Kooperation mit dem DJVS vergeben – an Leute, die sich stark für und in der Jugendarbeit engagiert haben.

Wo möchtest du in den kommenden Jahren als Bundesjugendleiterin Akzente setzten?

Mir ist die Zusammenarbeit mit Siebenbürgen sehr wichtig: Ich möchte weiter daran arbeiten, dass wir gemeinsam Veranstaltungen durchführen, bei denen man miteinander in Kontakt kommt. Ich möchte Jugendlichen und jungen Menschen in Deutschland die siebenbürgische Geschichte näher bringen, ihnen Mut machen, sich mit Siebenbürgen auseinanderzusetzen, nach Siebenbürgen zu fahren und das Land kennenzulernen.