„Schwierig” fände sie es zu beantworten, ob ihr als Praktikantin im staatlichen Kreiskrankenhaus Hermannstadt/Sibiu hin und wieder auch Mängel auffallen, von denen Patienten in der Vergangenheit häufig enttäuscht erzählt haben und es vielleicht immer noch tun. „Weil ich dafür nicht genug Einblicke habe”, sagt Lara aus Mainz, der im Juni das Staatsexamen ihres Medizin-Studiums in Marburg bevorsteht. „Dadurch, dass ich die Sprache nicht verstehe, und im ärztlichen Team nicht wirklich integriert bin, bekomme ich Dinge, die nicht offensichtlich sind oder mir nicht explizit gesagt werden, selber auch nicht mit.” Aber sie stößt sich nicht weiter daran und nimmt sich vor ihrer Rückreise nach Deutschland im April noch zwei Wochen Rumänien-Urlaub vor. Klausenburg/Cluj hat Lara schon einmal am Wochenende gesehen, Kronstadt/Brașov auch, und Michelsberg/Cisnădioara bei Hermannstadt sowieso. Ihren Nachnamen möchte sie wegen Berufswunsch für später in einer gewissen medizinischen Fachrichtung nicht öffentlich mitteilen. Auf die Fragen von Klaus Philippi aber hat Lara, die seit Januar auch im Hermannstädter Bachchor mitsingt, gerne geantwortet.
Mit was für Erwartungen bist du nach Rumänien gekommen, und was sind in Hermannstadt für dich die Überraschungen?
Ich bin, glaube ich, mit nicht so vielen Erwartungen angereist. Zum Einen, weil ich schon öfter für längere Zeiten im Ausland war und gemerkt habe, wie gut es tut, unvoreingenommen an so eine Sache heranzugehen. Deshalb will ich gar nicht sagen, dass ich konkrete Erwartungen hatte. Auf die Arbeit im Krankenhaus und auf das Gefühl in Stadt und Land war ich gespannt. Überrascht hat mich die deutsche Community hier, die evangelische Kirchengemeinde und ihr Chor. Dass es so eine Gemeinschaft gibt, hatte ich nicht erwartet.
Was wären Alternativen zu Hermannstadt für das Praktikum gewesen?
Es war ein bisschen zufällig. Wir können dieses Praktikum im Prinzip überall im Ausland machen, müssen uns aber komplett selber drum kümmern. Unsere Uni unterstützt uns dabei nicht. Somit war das abhängig von anderen Universitäten und ihren internationalen Büros. Die Kommunikation mit der Universität Hermannstadt war super unkompliziert. Ursprünglich hatte ich überlegt, außerhalb von Europa Praktikum zu machen, was aber bezüglich der Länder, wo ich zuerst hinwollte, etwas schwierig war. Dann habe ich mich entschieden, in Europa zu bleiben und eine Erasmus-Förderung zu beantragen. Und dann hat mich das östliche Europa gereizt, weil ich bislang weder in Rumänien noch den Nachbarländern gewesen war. Auch ist ein Freund unserer, meiner Familie hier in Siebenbürgen geboren und als Kind nach Deutschland gekommen.
Wohin hat dich das Medizin-Studium sonst noch gebracht?
Die letzten vier Monate, bevor ich hierher gekommen bin, war es Südafrika, für das Praktikum Innere Medizin, und zudem war ich einmal fünf Monate in Jordanien. Wo ich aber nichts Medizinisches gemacht habe, sondern einen Arabisch-Sprachkurs. Das war mit ein Grund, weshalb ich noch einmal gern in ein arabisches Land wollte, um die Sprache aufzufrischen, was aus unterschiedlichen Gründen nicht zustande kam. Ich will nicht sagen, dass ich das hier jetzt als Notlösung anführen soll (lacht), nur war es nicht der Plan A. Doch eine sehr schöne, positive Fügung und Überraschung.
Wie weit geht dein Praktikum in der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Hermannstadt über reines Zuschauen hinaus?
Hier ist es hauptsächlich Zuschauen. Bei uns in Deutschland gibt es in der Studienstruktur das praktische Jahr, es ist das letzte Jahr und vollständig Praktikum. In Rumänien fehlt dazu etwas Äquivalentes. Von daher fühle ich mich in einer komischen Zwischenposition. Zwar bin ich Studentin, aber sehr lange vor Ort. Im Unterschied zu dem, was ich während eines Praktikums in Deutschland gemacht hätte, bleibt es beim Zuschauen. Jeden Morgen starte ich mit der Früh-Besprechung, dann beginnen die Operationen, bei denen ich am Vormittag zuschaue, und danach kann ich nach Hause gehen. Aus Berichten dritter Medizin-Studierender aus Deutschland, die zum Großteil für das Praktikum in Deutschland bleiben, weiß ich, dass zum Beispiel das chirurgische Praktikum dort ein bisschen anders geregelt ist.
Was kannst du von der Kommunikation mit den Ärzten hier im Krankenhaus erzählen und welche Sprache nutzt ihr für all das Gemeinsame?
Genau, das ist dann Englisch. Was es mir wahrscheinlich auch noch etwas schwieriger macht, ins praktische Geschehen einzusteigen, weil einfach die sprachliche Barriere da ist. Das war mir vorher auch bewusst. Wobei Englisch mit dem ärztlichen Team eigentlich ganz gut klappt. Die meisten sprechen es auf jeden Fall gut genug, um sich verständigen zu können.
Auch und gerade im Medizinischen schaut man aus Rumänien gerne zum Westen und seinen Krankenhäusern auf. Wie leise oder laut schwingt in deinem Erleben mit, dass du aus einem Land kommst, über das eine gute Meinung vorherrscht?
Geht es um mich als Person, spielt das meinem Gefühl nach keine Rolle. Es wird kein Bild auf mich projiziert, dass ich Dinge doch ganz toll können müsste, weil ich aus Deutschland komme. Aber ich hatte schon Gespräche mit dem Professor in der Abteilung über Unterschiede im Chi-rurgischen zwischen Rumänien und Deutschland. Hier ist es üblich, dass Einzelne breitere Spektren beherrschen, selber mehr operieren und sich nicht spezialisieren wie in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern, mit der Tendenz, die ganze Zeit nur eine Sache zu machen. Dass die Chirurginnen und Chi-rurgen hier individuell breiter aufgestellt sind, finde ich spannend.
Wer von den Ärztinnen und Ärzten beziehungsweise dir als Praktikantin stellt der jeweils anderen Seite eher Fragen und eröffnet mit Bemerkungen die Früh-Besprechung morgens vor den Operationen?
Echte Gespräche passieren im privaten Rahmen zwischendurch im Aufenthaltsraum. Da aber die Krankenhaus-Routine auf Rumänisch geschieht, bin ich nicht die Fragende, sondern die Zuschauende. Anfangs wurde natürlich ich gefragt, gerade auch vom Professor, doch unterdessen habe ich engeren Kontakt zu einer oder zwei Kolleginnen.
Ich bin als einzige längere Zeit zum Praktikum auf der Abteilung. Eben war ein Praktikant aus Polen für zwei Wochen da, und dann gibt es noch die Medizin-Studierenden von hier, die auch in die Chirurgie rotieren, aber für kürzere Zeit. Kennengelernt habe ich niemand von ihnen, da ich sie nur kurz auf dem Flur sehe.
Wie ermüdend oder nicht ist so ein Praktikum?
Wenn ich daran denke, wie das gleiche chirurgische Praktikum in Deutschland ausgesehen hätte, habe ich hier auf jeden Fall mehr freie Zeit und Freiraum. Weil – so zumindest meine Erklärung – es hier diese Struktur wie in Deutschland nicht gibt. Krankenhäuser in Deutschland planen mit Studierenden, das wirft mehr Aufgaben ab als das grundsätzliche Zuschauen hier. Was Vor- und Nachteile hat. Dass ich hier weniger mache, ist tendenziell langweiliger, bedeutet aber nicht gefühlt unbezahlte Arbeit, die niemand anderes machen kann und will, wie das in Deutschland wäre, wo ich gegebenenfalls deutlich mehr Stunden einschließlich sehr stupide Arbeit machen und auch nicht mehr erfüllen würde.
Persönlich bin ich froh, die Entscheidung getroffen zu haben, hierher zu kommen und vielleicht weniger von der Chirurgie mitzubekommen oder mitzugestalten, weil das auch nicht die Fachrichtung ist, die mich später interessiert. Das muss ich klar sagen. Die freie Zeit mittags und nachmittags freut mich, für das Finden von Hobbys und das Erkunden von Stadt und Region. Ein Vorteil für mich.
Welche Fachrichtung wird deine sein?
Ich möchte in die Psychatrie. Da habe ich zum Beispiel das erste Drittel meines letzten Studienjahrs, also des praktischen Jahres, in Deutschland in einer psychatrischen Krankenhausstation gemacht. Mit der Idee, dass ich in Deutschland zu arbeiten anfangen werde. Es ging auch darum, ein Krankenhaus kennenzulernen und mich zu fragen, ob ich mir genau die Station als Arbeitsplatz vorstellen könnte. Für die anderen zwei Drittel aber hat mich das Fernweh weggezogen.
Wie ist der Wunsch zur Psychatrie gereift?
Nie in meiner Kindheit und Jugend hatte ich den Wunsch, Ärztin zu werden. Eher war es so, dass ich in den letzten Schuljahren das Gefühl hatte, gerne mit Menschen zusammenarbeiten zu wollen, und es mir im Bereich medizinischer Arbeit, im Psychologischen oder in der sozialen Arbeit vorstellen zu können. Gleichzeitig hatte ich schon auch Interesse an naturwissenschaftlichen Vorgängen und Biologie, da-rum dachte ich, okay, Medizin verbindet gerade Dinge, die zu mir passen. Während des Studiums merkte ich, dass das, was man sich klassisch unter dem Arztberuf vorstellt, nicht das ist, was ich machen möchte. Die einzige Fachrichtung, die ich mir im Augenblick vorstellen kann, ist die Psychatrie. Bei der habe ich das Gefühl, es geht mehr um den Menschen als Ganzes, man hat mehr Zeit zum Sprechen und Kennenlernen. Es war auch mein Wunsch, in der längeren Praktikums-Zeit die Erfüllung zu finden, die ich mir vorgestellt habe.
Was ist Pflicht im praktischen Jahr des Medizin-Studiums, und wie weit kann man es nach eigenem Wunsch verbuchen?
In Deutschland müssen wir für ein Drittel der Zeit in die Chirurgie, für das andere in die Innere Medizin, und ein Drittel dürfen wir uns aussuchen. Und weil ich wusste, dass weder Chirurgie noch Innere Medizin meine Fachrichtung ist, habe ich gesagt, dass ich genau deshalb ins Ausland gehe und mir den Rahmen spannend mache, wenn ich schon gezwungenermaßen diese beiden Zweige belegen muss.
Gesetzt der Fall, dass du einen Bericht über deine Erfahrung hier in Rumänien schreiben müsstest: Was kommt in so einen Bericht alles hinein?
Für mein Medizin-Studium an sich muss ich nur einige Dokumente unterschreiben und meinen Aufenthalt bescheinigen lassen, doch für die Erasmus-Förderung werde ich einen Bericht schreiben. Den Praktikums-Ort und meine Arbeit im Krankenhaus möchte ich auf jeden Fall beschreiben. Einen Schwerpunkt würde ich aber noch auf das Drumherum setzen, was ich hier erlebt habe, weil das Erasmus-Programm nicht spezifisch für Medizin-Studierende ist. Ich habe mich wohlgefühlt in der Stadt, bin gut angekommen, und halte es offener.
Mit was für Fragen rechnest du dann nach deiner Rückkehr in Deutschland?
Von den Leuten, die ich kenne, waren die wenigsten schon mal in Rumänien. Ich glaube schon, dass ich gefragt werde, wie es so im Krankenhaus ist, weil im Medizinischen doch auch Vorurteile gegenüber Ländern außerhalb Westeuropas herrschen und man wohl gerne wüsste, wie das rumänische Gesundheitssystem läuft. Vorstellen kann ich mir auch Fragen an mich selber, wie ich hier angekommen bin, und wie es trotz Sprachbarriere geklappt hat.
Wie erklärt es sich Laien, auch für das Psychatrische Medizin studiert haben zu müssen?
Die spezifische Ausbildung, die man nach dem Medizin-Studium in Deutschland macht, berechtigt zum Facharzt für Psychatrie und Psychotherapie. Heißt, dass man ebenso psychotherapeutische Methoden lernt und später im Krankenhaus zusammen mit Psychologen und Psychologinnen arbeitet, gleichzeitig immer aber auch die medizinische Verantwortung hat. Dazu zählt die Aufgabe des Gebens, Absetzens oder Änderns von Medikation. Je nach Art der psychatrischen Krankenhaus-Station ist man auf Psychologen mehr oder weniger angewiesen. Ob man mit Medikation startet, hängt von der jeweiligen Erkrankung ab. Für die Psychotherapie sind die Psychologen von ihrem Studium her tiefer ausgebildet. Es bedeutet nicht, dass eine Berufsgruppe wichtiger als die andere wäre.





