„Eine gute Nachricht am Anfang: Wir leben in Europa“, so eröffnete Volker Raffel, Firmenchef vom Energieunternehmen „E.on“ in Rumänien, die vergangene Mitgliederversammlung der AHK Rumänien am Dienstag. Dafür hatten sich zahlreiche Wirtschaftsvertreter im InterContinental-Athénée-Palace-Hotel in Bukarest versammelt. Raffel spielte mit seinen Worten auf den aktuell neu ausgebrochenem Krieg im und um den Iran an, der bereits jetzt einen Einfluss auf Gas- und Erdöl-Preise hat. Dennoch diskutierten sechs Experten an diesem Abend, ob Rumänien trotz globaler Krisen ein Energie-Hub (Energiezentrum) werden könne und sahen neben einigen Problemen auch viel Potenzial.
Doch nochmal zu den Worten von Raffel. Er sagte weiter: „Ernsthaft, wer möchte lieber in China sein? In den USA? Geht durch alle Kontinente! Australien vielleicht“, so der Geschäftsmann mit einem Augenzwinkern. „Aber wir leben in Europa, lasst es uns genießen, verteidigen und lasst es uns nutzen, für wirtschaftliches Wachstum!“
Damit das erreicht werden kann, soll Rumänien ein Energie-Hub werden. Also ein Land, das viel Energie selber herstellt und es womöglich auch exportiert – auch zum Vorteil der ganzen EU. Raffel berichtet jedoch, dass, wenn er mit manchen Verantwortlichen in Rumänien spricht, diese ungern das rumänische Gas exportieren wollen. „Nein, das ist unser Gas!“, antworten sie dann, so Raffel. Er kann dieses unwirtschaftliche Denken nicht nachvollziehen.
Das Hauptproblem: die Netze
Ohnehin ist Rumänien noch weit davon entfernt, ein Energie-Hub zu sein. Alina Arsami (Leiterin Energiesysteme von der NGO „Energy Policy Group“), stellt zwar klar, dass Rumänien Gas habe und es in der Zukunft auch mehr werde (insbesondere durch das Projekt Neptun-Deep, worüber die ADZ berichtet hat), es fehlen momentan im Land aber vor allem: Netze. Sowohl beim Gas, als auch beim Strom.
Cristina Păun, stellvertretende Direktorin von „Federația Asociațiilor Companiilor de Utilități din Energie“, eine Vermittlerinstanz zwischen Behörden und Unternehmen, erklärte, dass es auch daran liegt, dass sich der Bedarf geändert hat. Früher haben nur Haushalte und klassische Industrie Energie benötigt. Nun brauchen aber auch E-Autos ein Stromnetz und viele andere Dinge. Auch Nikolaus Eichert, Geschäftsführer der deutschen WPD-Gruppe, würde sich über mehr Stromnetze freuen. Seine Firma baut in Rumänien vor allem viele Windparks. Diese müssen natürlich an das Stromnetz angeschlossen werden, damit die Windenergie überhaupt genutzt werden kann.
Ausbau wurde bisher verschlafen
Allen Wirtschaftsvertretern in der Diskussion war es wichtig, dass das Netz ausgebaut wird, was laut ihnen verschlafen wurde. „Investitionen in das Stromnetz kosten viel, aber auch Autobahnen kosten viel. Die günstigste Autobahn ist keine Autobahn, aber wir brauchen Autobahnen und die Netze für die Wirtschaft“, so auch Raffel.
Denn dadurch können erneuerbare Energien, Energie aus Gas und aus anderen Quellen besser verbunden und verteilt werden. Momentan kann es laut Raffel für Investoren, die in Rumänien eine Firma aufbauen wollen, fünf bis sechs Jahre dauern, bis diese an das Stromnetz angeschlossen werden. „Das ist Bullshit! Das zerstört die Entwicklung von Rumänien“, wettert Raffel.
Darüber hinaus führte Raffel noch ein weiteres Beispiel heran: Bei Häusern, die Photovoltaik-Anlagen (PV) auf ihren Dächern haben, wird an sonnigen Tagen manchmal mehr produziert, als genutzt werden kann. Normalerweise wird der überschüssige Strom dann in das Stromnetz eingespeist und der PV-Besitzer bekommt dafür Geld. Doch oft funktioniere das nicht, da das Netz nicht im besten Zustand ist. So gehe günstiger Strom verloren, erklärt Raffel.
Gelder, die die Firmen nicht erreichen
Darüber hinaus gibt es im Wirtschaftssektor noch ein weiteres Problem: Gelder, die die Firmen nicht erreichen. Davon berichten unter anderem Raffel und Cristian Seco{an, Geschäftsführer des Vertriebsunternehmens „Delgaz Grid“, das auch Teil von „E.on“ ist. Dies betrifft unter anderem Gelder, die der Staat den Unternehmen schuldet, für Strom, den sie bereits den Kunden zugestellt haben. Dennoch dauert es sehr lange, bis das Geld die Unternehmen erreicht. „Der Staat sagt, wir müssen das sorgfältig prüfen. Das ist verständlich, aber macht euren Job und prüft es!“, sagt Raffel, denn die Firmen haben den Strom bereits bezahlt und zugestellt. Außerdem gibt es, wie Seco{an anspricht, auch Probleme bei EU-Geldern. Diese werden irgendwo bei der Regierung geparkt und den Unternehmen nicht freigegeben. „Das Geld existiert bereits“, so der Geschäftsmann, aber es komme nicht an. „Kommt schon, das kann nicht euer Ernst sein!“, entrüstet sich Raffel.
Trotzdem gibt es viel Potenzial
Dennoch, da sind sich alle Redner einig, wenn diese Probleme aus der Welt geschafft werden, was mehr als möglich ist, kann Rumänien tatsächlich zu einem Energie-Hub aufsteigen. Dann kann es nicht nur das eigene Land, sondern sogar auch noch die Nachbarländer mit Energie versorgen und dabei Geld verdienen.
„Wenn mich ein Investor fragt, wo soll ich meine Firma eröffnen, dann empfehle ich immer Rumänien“, meint Raffel. Denn Strom durch erneuerbare Energien und Gas sind da, es muss künftig nur alles besser verbunden werden.
Sicherheit muss auch bedacht werden
Gerade bei Gasnetzen spricht Seco{an jedoch noch ein weiteres wichtiges Thema an: die Sicherheit. Laut ihm muss beim Gasnetz die Sicherheit unbedingt mitbedacht werden. Das haben die vergangenen Jahre – mit Blick auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – gezeigt.
Der von den USA und Israel losgetretene Krieg gegen den Iran und die Gegenschläge in der Golfregion könnte darüber hinaus, wie Raffel auf Nachfrage eines Pressevertreters berichtet, den Gaspreis natürlich auch in Rumänien beeinflussen. Der Vorteil: Rumänien hat eigenes Gas und muss keinen Mangel befürchten. Jedoch könnte es, da der globale Preis steigt, auch künftig merklich teurer werden.





