Kunst mit Stempelkarte

Rumänien hat wieder einmal beschlossen, das Absurde zur Wirklichkeit werden zu lassen – diesmal mit einer Maßnahme, die klingt, als hätte jemand Bürokratie und Kultur in einen Mixer geworfen und gehofft, es käme etwas Genießbares heraus. Der Kulturminister verkündet, dass Künstler in öffentlichen Einrichtungen — Schauspieler, Musiker, Tänzer, Orchestermitglieder, Opernsänger — künftig acht Stunden täglich arbeiten müssen. Mit Stempelkarte. Kunst auf Stechuhr. Kreativität im Schichtdienst.

Man stelle sich das Theater vor: Der Schauspieler betritt die Bühne erst nachdem er die Chipkarte eingescannt hat. Bevor er „Sein oder Nichtsein“ sagen darf, muss es erst „Pieps“ machen. Der Dirigent hebt nicht mehr den Taktstock, sondern prüft, ob die Pause schon vorbei ist. Und die Balletttänzerin, die ihren Körper seit Kindheit diszipliniert, muss nun lernen, die Uhr zu disziplinieren. Acht Stunden. Nicht sieben. Nicht neun. Nicht „bis die Szene sitzt“. Acht. Punkt. Und sind die acht Stunden während der Vorstellung oder des Konzerts vorbei, dann läutet die Sirene. Sachen gepackt und ab nach Hause. Publikum hin oder her. Fortsetzung am nächsten Tag während der regulären Arbeitszeit. 

Jeder, der je eine Probe gesehen hat, weiß: Kunst funktioniert nicht wie ein Amt. Ein Orchester probt nicht, weil die Uhr es befiehlt, sondern weil die Musik es fordert. Ein Schauspieler spielt nicht besser, weil er länger im Gebäude sitzt. Und ein Tänzer wird nicht kreativer, weil er seine Übungen auf Arbeitszettel erfasst. Kunst entsteht in Intensität, nicht in Minuten. In Hingabe, nicht in Anwesenheit.

Doch nun sollen staatliche Kulturinstitutionen funktionieren wie Fabriken. Der Minister nennt es „Modernisierung“. Ein Wort, das in Rumänien oft bedeutet: Wir wissen nicht, was wir tun, aber es klingt gut. Man wolle „Transparenz“. „Effizienz“. „Gleichbehandlung“. Als ob man ein Sinfonieorchester mit einem Finanzamt vergleichen könnte. Als ob ein Schauspieler denselben Rhythmus hätte wie ein Beamter. Als ob Kunst jemals effizient gewesen wäre.

Die Künstler reagieren mit Fassungslosigkeit und schwarzem Humor — also typisch rumänisch. Einige sagen, sie würden ihre acht Stunden damit verbringen, auf Inspiration zu warten. Andere überlegen, die Stempelkarte als Requisit zu verwenden. Wieder andere fragen sich, ob sie künftig Überstunden beantragen müssen, wenn eine Premiere länger dauert. Und was passiert, wenn die Muse erst nach Feier-abend kommt. Abmahnung? Verwarnung? Kreativitätsbegründeter Verstoß gegen die Arbeitsnormen?

Rumäniens Kultur hat nie darauf gewartet, dass jemand ihr Freiheit schenkt. Sie war auch dann lebendig, unbequem und bedeutend, wenn das Land alles andere als frei war. Theater, die zwischen den Zeilen sprachen. Orchester, die in Zeiten der Zensur mehr sagten als jede Rede. Tänzer, die mit jedem Schritt eine Grenze überschritten, die offiziell gar nicht existieren durfte. Rumänische Kunst hatte ihre stärksten Momente oft genau dann, wenn man sie einengen wollte — weil sie gelernt hat, durch Risse zu atmen.

Jetzt versucht man, diesen Raum zu vermessen. Ihn in Stunden zu pressen. Ihn kontrollierbar zu machen. Doch Kunst ist das Unkontrollierbare. Das Unplanbare. Das Unbequeme. Und genau deshalb ist sie notwendig.

Vielleicht wird diese Maßnahme eines Tages als das gesehen, was sie ist: ein Versuch, das Lebendige buchhalterisch zu verwalten und zu normieren. Das Freie zu fesseln. Das Kreative in vorgegebene Schablone zu zwängen. Und vielleicht wird sie scheitern — nicht, weil Künstler rebellisch sind, sondern weil Kunst sich nicht in ein Zeiterfassungssystem einloggen lässt.

Rumänien hat schon viele absurde Ideen überstanden. Diese wird es auch. Und vielleicht entsteht aus dem ganzen Chaos sogar etwas Neues: eine Kultur, die zeigt, dass man Kreativität nicht stempeln kann.