Nun auch der Ukraine-Krieg im historischen Kontext erfasst

BdV erweitert interaktive Lehrplattform über Kriege, Flucht und Vertreibung in Europa

Lesen oder reinhören in das Portal des Bundes der Vertriebenen zur europäischen Geschichte!

 

Wer wünscht sich nicht, mit einem Mausklick ein-zwei Jahrhunderte zurückzureisen? Um Mäuschen zu spielen bei wichtigen historischen Ereignissen in Europa, die oft bis heute heftig nachwirken. Um sie im Kontext zu verstehen, vom Fall des Habsburgerreichs, das sich bis 1918 über große Teile Europas erstreckte, bis ins Banat, nach Siebenbürgen und die Bukowina, über den Ersten und Zweiten Weltkrieg, bis hin zu den Dimensionen von Flucht und Vertreibung  deutscher Bevölkerungsgruppen nach dem Zweiten Weltkrieg, oder den ethnischen Säuberungen in Jugoslawien und der Ukraine. 

Schon seit 2023 betreibt der Landesverband Hessen des Bundes der Vertriebenen (BdV) dieses Online-Portal zum Thema „Flucht und Vertreibung im europäischen Kontext“, das aktuell zum Anlass des Jahrestages des Ukraine-Krieges erweitert wurde und auch den aktuellen russischen Angriffskrieg in der Ukraine umfasst: mit zehn Themenkapiteln, über 130 Seiten Text, 230 Bildern, Grafiken und Animationen sowie 55 Audio-und Vidoelementen. 

„In einer Zeit, in der Großmächte wieder militärisch agieren und Sicherheiten ins Wanken geraten, gewinnt historische Arbeit vermehrt an Bedeutung“, argumentiert der BdV in seiner Pressemitteilung. Das erweiterte Digitalportal zeigt den Ukraine-Krieg sowohl aus ukrainischer, russischer und Spätaussiedler-Per-spektive. Multimediale Inhalte wie Zeitzeugeninterviews, Videos, Audios, interaktive Karten und Gamification-Elemente machen das Material praxisnah und anschaulich. Damit ist es besonders geeignet für Lehrer und Schüler und kann als reichhaltiger Fundus für die Aufbereitung von Gruppenarbeiten oder Referaten dienen.

Alte Ursachen für neue Konflikte

Das Portal, das sich vor allem an Schulen, Vereine und Landsmannschaften richtet, bietet insgesamt:
    • 49 Themenkapitel
    • rund 500 Seiten Text
    • über 850 Bilder, Grafiken und Animationen
    • 160 Audio- und Videoelemente
    • 180 interaktive Lernaufgaben
    • umfassende Glossare und diaktische Materialien

Dessen kostenfreie Nutzung, ohne Anmeldung und für alle Endgeräte zugänglich, steht  allen Wissbegierigen offen, die sich fundiert mit Flucht, Vertreibung und aktuellen europäischen Konflikten auseinandersetzen möchten. Aufgrund seiner interaktiven, spannenden und vielseitigen Darstellung kann es so manche Wissenslücke spielerisch schließen helfen. 

Das Digitalportal samt Erweiterung ist unter folgendem Link aufrufbar: 
bdv-hessen.de/digitalportal
Dort klickt man auf fluchtund

vertreibung.dilewe.de und links oben auf das Hamburger-Menü (drei Linien übereinander, wie ein Hamburger-Sandwich), das eine Themenübersicht in zehn Kapiteln bietet. 
Das Portal wurde vom BdV-Landesverband Hessen in Auftrag gegeben und durch das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz gefördert. 
Geschichte der Ukraine – aus zwei Perspektiven

Wir klicken auf 10.: „Krieg gegen die Ukraine“: „Im Jahr 2022 griff Russland die Ukraine auf breiter Front militärisch an. Damit kehrte der Krieg nach Europa zurück. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wurde ein europäisches Land in vollem Umfang angegriffen. Der Angriff stellt die europäische Friedensordnung grundsätzlich infrage…“, heißt es dort. Es folgt eine Zeitenwende: Europa rüstet wieder auf, die Abhängigkeit von russischem Gas wird infrage gestellt, Schweden und Norwegen treten hastig der NATO bei… Doch wie ist dieser Krieg entstanden? 

Punkt 10.1: „Eine jahrhundertelange Vorgeschichte, ‚zwei ungleiche Brüder‘“: Kiew, 862 als Hauptstadt der sogenannten Kiewer Rus gegründet, ist eigentlich die Wiege dreier Völker: Russen, Ukrainer und Weißrussen! Unter Fürst Wolodymyr/Wladimir dem Großen blühten dort Kultur und Handel auf. Danach aber zersplitterte das Reich. 

Für die Ukrainer spielen dabei die Kosaken eine wichtige Rolle, „weil sie größtenteils aus der  ukrainischen Bevölkerung stammten“, ihr Herrschaftsgebiet gegen „fremde Mächte“ verteidigten – vor allem Polen und Türken, andererseits aber auch, „weil das Hetmanat, das ‚Reich‘ der Kosaken, gerne als frühdemokratisches Herrschaftsmodell dargestellt wird, in dem mutige, freie und gleiche Menschen gemeinsam über ihre Angelegenheiten entschieden.“

Doch ab 1654 fiel das Kosaken-Hetmanat schrittweise an Russland? 1783 annektierte Zarin Katharina II. die Krim und die Süd-ukraine, viele Krimtataren wurden vertrieben und Siedler ins Land geschickt – russische wie deutsche. Im 19. Jahrhundert wurde die ukrainische Sprache verboten, die ukrainische Nationalbewegung unterdrückt. 

Das größte Trauma der Ukrainer aber war der Holodomor 1932, die große Hungersnot unter Stalin, als den Bauern Getreide, Vieh und sogar Saatgut abgenommen wurden.  Gleichzeitig wurde der Bevölkerung verboten, die Ukraine zu verlassen oder Nahrung aus anderen Regionen zu beziehen, obwohl ausreichend Getreide vorhanden war. Millionen Menschen starben. „Der Holodomor gilt als eines der schwersten Verbrechen des Stalinismus und wird von vielen Staaten als Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung anerkannt“, so die Plattform.

Ein weiterer Einschnitt war die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986, weil die sowjetische Führung mit Vertuschung und verspäteter Warnung der Bevölkerung reagierte. Dies beschleunigte den Niedergang der Sowjetunion. In der ukrainischen Gesellschaft wurde das Bewusstsein für ökologische Risiken, die Bedeutung unabhängiger Medien und die Forderung nach demokratischer Kontrolle von Staat und  Energiepolitik stärker. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel, erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit.

Die russische Perspektive beginnt beim selben Fürsten Wladimir, der aus Byzanz das Christentum einführte und deshalb in der russisch-orthodoxen Kirche als Heiliger und Vaterfigur eines großen russischen Volkes gilt, zu dem Russen, Ukrainer und Belarussen gehören. Zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert entwickelten sich Russland und die Ukraine dann getrennt. Aus russischer Perspektive aber ist die Zeit vom 13. bis zum 17. Jahrhundert geprägt vom Mythos des Tatarenjochs: Die Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde seit 1237/40 wurde als Demütigung gedeutet. In dieser Erzählung verstand sich Moskau als letzter Hort der Freiheit und als legitimer Erbe der Kiewer Rus. Die endgültige Befreiung von der „Fremdherrschaft“ gelang 1480 unter Iwan, der daraufhin mithilfe der Kirche zum „von Gott legitimierten“ Zaren gekrönt wurde. Mit der Eroberung der Khanate von Kasan (1552) und Astrachan (1556) öffnete sich der Weg entlang der Wolga nach Sibirien. Über diese Expansion erzählte Geschichten heben bis heute eine russische Leidensfähigkeit, die einende Religion und die Ausdehnung des Landes hervor – in deutlichem Gegensatz zur ukrainischen Erinnerungstradition, die stärker von der Kosakenzeit geprägt ist.

Wieso gab es... Österreich-Ungarn?

Hineingeschnuppert, herumgesprungen, Stippvisite in Österrich-Ungarn. Doch wieso „Österreich-Ungarn“? Wie kam es zu dieser seltsamen Doppelmonarchie? Wo doch damals viele andere Nationen zum Vielvölkerstaat Österreich gehörten, die keine solche Vormachtstellung hatten. „Schuld“ daran ist Kaiserin Elisabeth „Sisi“, Ehefrau von Kaiser Franz Joseph I., die sich ansonsten stets davor hütete, sich in die Politik einzumischen. Doch mit den wilden, rauen Ungarn hatte die Kaiserin stark sympathisiert, hasste sie doch zeitlebens strenge Protokolle. Und diese wussten ihre Symathie weidlich politisch auszunutzen… Ob es im Nachinein gut für Österreich war, dass sich Sisi und Franz Joseph schließlich zum ungarischen Königspaar krönen ließen? Führte das nicht zu Spannungen in den benachteiligten Völkern? Eben doch, verrät ein spannend erzählter Mini-Dokumentarfilm auf der Plattform...

Nationalstaaten: Wie umgehen mit Minderheiten?

Oder: Wie kam es zur Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg? Die Sieger des Ersten Weltkriegs zeichnen die Landkarte völlig neu. Sie waren größtenteils moderne Nationalstaaten (Frankreich, Großbritannien, USA), die Verlierer aber Monarchien und Vielvölkerstaaten der Alten Welt (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich und Russland). Auf der Siegerseite gab es zwar unterschiedliche Interessen, aber eine gemeinsame Überzeugung: Der Krieg war von den alten Monarchien verschuldet worden – und diese mussten nun zu etwas weniger Gefährlichem umgebaut werden: zu modernen demokratischen Republiken. Und die Völker, die von den alten Monarchien beherrscht worden waren, sollten befreit werden. 

Doch so konfliktfrei und selbstverständlich, wie man es sich erträumt hatte, war diese Entwicklung nicht: Nationalstaatsgründungen in ethnisch und sprachlich durchmischten Gebieten bringen Probleme mit sich: Wo sollen die Grenzen verlaufen? Wer gehört wohin? Was passiert mit den neuen Minderheiten? In Osteuropa gab es zahlreiche Regionen mit unklarem Status, in denen Volkszählungen und -abstimmungen geplant wurden, um  Zugehörigkeiten zu klären. Im polnisch-sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921 musste die Frage, wo der neue polnische Staat im Osten endet, sogar noch einmal mit Waffengewalt geklärt werden.
Statt Idealismus: 

Appetit auf Kolonien

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war aber nicht das einzige und schon gar kein idealistisches Prinzip, nach dem die Welt nach 1918 neu geordnet werden sollte. Mancher Sieger wollte einfach sein Territorium vergrößern oder neue Kolonien gewinnen. So erhielt Italien Südtirol vom unterlegenen Österreich, obwohl sich ein Großteil der Südtiroler als Österreicher empfand. Viele Araber, die sich nach dem Untergang des Osmanischen Reichs Hoffnungen auf einen eigenen Staat gemacht hatten, mussten zusehen, wie ihre Länder zwischen Frankreich (Syrien und Libanon) und Großbritannien (Irak und Palästina) aufgeteilt wurden…

Die Entwicklung bis zum Holocaust

Beim Stichwort Palästina drängt sich die Frage nach der Gründung von Israel (1948) auf, eine Konsequenz des Holocaust. Aber halt! Bis dahin ist ein langer Weg: Das Kapitel 3.4. „Holocaust“ hebt an: „Zu Beginn der 1930er Jahre waren die deutschen Juden ein prägender Teil der deutschen Gesellschaft. In fast allen größeren Städten gab es jüdische Gemeinden und Synagogen. Ihre Familien lebten oft schon seit Jahrhunderten in Deutschland. Sie wählten deutsche Parteien, engagierten sich in deutschen Vereinen, lasen deutsche Zeitungen und viele von ihnen hatten im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich gekämpft...“ Und endet mit: „Vernichtung als Endlösung“. „Bis zum November 1944 wurden allein im Konzentrationslager Auschwitz 1,5 Millionen Menschen ermordet. Die gesamte Anzahl aller jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors kann nicht exakt beziffert werden. Nach Schätzungen liegt sie aber zwischen 5,6 und 6,3 Millionen“. 

Gab es keinen Widerstand? Doch, verrät der Untertitel „Wir wollen nicht wie Schafe zum Abschlachten gehen!“ Dem Text folgt eine Galerie an Widerstandskämpfern zum Durchklicken. Recha Freier: verhalf ab 1933 Tausenden von jüdischen Kindern zur Ausreise nach Palästina, 1941 floh sie selbst. Mordechaj Anielewicz: einer der Anführer des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943 gegen die geplante Deportation in Vernichtungslager. Ein Foto mit Überlebenden des Aufstandes im Vernichtungslager Sobibór, 1943, etwa 100 Insassen entkamen… etc.

Gerade solche Aspekte zum punktuellen Vertiefen beim Lesen der Gesamtgeschichte – hier ein Kurzfilm, dort ein Podcast, eine Bildergalerie, eine interaktive Karte, ein Lückentext, eine Schulaufgabe – machen den besonderen Wert dieser Plattform aus. Ein Kleinod auf der Entdeckungsreise in unsere europäische Vergangenheit, das man – vielleicht am nächstbesten Regentag – unbedingt ausführlich erkunden muss! Auch, um das aktuelle Zeitgeschehen besser zu verstehen.