„Nur gemeinsam sind Abgründe vermeidbar!“

Rede an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl (I)

Fotos: privat

Am Pfingstsonntagabend, dem 24. Mai, führte die Knabenkapelle Dinkelsbühl den Fackelzug durch die Straßen der Stadt hinauf zur Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in der Lindenallee der Alten Promenade, die den Opfern von Krieg, Verfolgung, Flucht und Vertreibung geweiht ist. Nachdem die „Glocke der Heimat“ vom nahen „Siebenbürgen-Turm“ verklungen war, hielt mit Thomas Șindilariu, Unterstaatssekretär im Departement für Interethnische Beziehungen, erstmals ein Vertreter der Regierung Rumäniens die traditionelle Rede, die wir nachfolgend im Wortlaut wiedergeben.

Sehr geehrte Ehrengäste, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserer Gedenkveranstaltung, liebe Mitwirkende der Dinkelsbühler Knabenkapelle, liebe Dinkelsbühler, liebe Landsleute! Seit nunmehr 59 Jahren macht der gemeinschaftliche Zug im Scheine der Fackeln den emotionalen Höhepunkt eines jeden Heimattages der Siebenbürger Sachsen in Deutschland aus!

Erlauben Sie mir, zunächst formell als Unterstaatssekretär am Departement für Interethnische Beziehung die Grüße der Regierung Rumäniens und des Premierministers Ilie Bolojan zu übermitteln. Sehen Sie bitte in der Niederlegung eines Kranzes im Namen der Regierung Rumäniens eine Verneigung und ein Zeichen tiefen Respekts vor der Gesamtbiografie der Siebenbürger Sachsen weltweit. An der Tatsache, dass wir von einer weltweiten Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen seit mehr als acht Jahrzehnten sprechen und durchaus auch sprechen müssen, daran ist das Wirken der Regierung in Bukarest ganz und gar nicht unschuldig, wenn wir etwa an die Deportation in die Sowjetunion denken. Zwar wurde die Aushebung rumänischer Staatsbürger deutscher Nationalität von Stalin angeordnet, jedoch ohne das Mitwirken der rumänischen Behörden wäre das rein technisch niemals umsetzbar gewesen. Auf dem Schutz der eigenen Staatsbürger fußt schließlich das Existenzrecht eines jeden Staates… Oder wenn wir an die kriegsbedingt nachvollziehbare, mit klar erkennbarer minderheiten- und deutschfeindlicher Stoßrichtung durchgeführten Enteignungsmaßnahmen des landwirtschaftlichen Besitzes unter Einschluss von Haus, Hof und Vieh 1945 denken oder an die Enteignung der industriellen Betriebe, der Banken und des Handwerks ab 1948 zugunsten der kommunistischen staatlichen Planwirtschaft. 

Nur wenig bekannt ist in unseren Reihen, dass bereits im Herbst 1944 mehrfach in der Regierung Rumäniens Anläufe unternommen wurden, die Deutschen Rumäniens zu vertreiben, was mit Blick auf das in sowjetischer Hand befindliche Faustpfand „Nordsiebenbürgen“ und im Hinblick auf die Friedenskonferenz nicht vom Fleck kam. Spät, im April 1946, sagte der Generalsekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei, Gheorghe Gheorghiu-Dej in Moskau: „Wir möchten (die Deutschen) ausweisen“. Worauf Stalin antwortete: „Der Krieg ist beendet. Jetzt ist eine Vertreibung schwer möglich“.

Dieser späte, aber entscheidende und zugleich vielsagende Versuch dürfte vor allem auch deswegen gescheitert sein, weil die Gesellschaft Rumäniens bereits zum Zeitpunkt der Aushebung der arbeitsfähigen deutschen Bevölkerung für die Deportation nach Russland begonnen hatte, ihre Ablehnung gegenüber derartigen Maßnahmen zu artikulieren – schließlich hatte das zwischenethnische Zusammenleben bis Januar 1945 ohne nennenswerte Probleme funktioniert! Folglich erschienen auch rumänische Presseartikel, die die Russlanddeportation kritisierten und selbst in den Reihen der Roma aus den sächsischen Ortschaften Siebenbürgens, die gerade selbst erst der tödlichen Deportation nach Transnistrien entkommen waren, regte sich aus Solidarität mit den Nachbarn Ablehnung gegen-über dem Deportationsgeschehen, wie mir vor wenigen Tagen Dr. Viorel Achim vom Bukarester Historischen Iorga-Institut der Rumänischen Akademie berichtete.

1947/48 wurden Überlegungen angestellt, systematisch alle Deutschen Rumäniens innerhalb des Landes umzusiedeln – die großen Sumpfinseln der Donau, die Balta Br²ilei und die Balta Ialomi]ei, sollten sie trockenlegen und landwirtschaftlich erschließen. Diese Pläne wurden fallengelassen, weil man feststellen musste, dass durch die Enteignung der deutschen Bauern die wirtschaftliche Lage in den einst blühenden Ortschaften schlecht war, die neu begüterten Kolonisten nicht durch Fleiß glänzten, die enteigneten Böden wurden weiterhin von den Deutschen bearbeitet, die ihr einstiges Eigentum pachten mussten. Im Falle ihrer Umsiedlung musste die Katastrophe als sicher gelten, die Abhängigkeit von sowjetischen Getreideimporten weiter steigen. Welch eine nationalistische Verirrung! Welch ein Abgrund!

Der Auswanderungswille der Siebenbürger Sachsen sowie aller anderen deutschen Gruppen in Rumänien war eine vorhersehbare und durchaus in Kauf genommene Folge der erfahrenen Traumata. Er konkretisierte sich im Abverkauf der Deutschen Rumäniens an die Bundesrepublik Deutschland. Nichts anderes war die Auswanderung bis Ende 1989 – für einen wie mich, mit abgeschlossenem Universitätsstudium wären damals rund 10.000 Deutsche Mark an Entschädigungszahlungen von Deutschland an Rumänien fällig gewesen.

Zu dem hier in abstrakten Grundlinien umrissenen Gesamtkontext gehören tausende, zigtausende Erfahrungen des Leids, der Erniedrigung, kurz des Heimatverlusts und zwar bereits in der angestammten Heimat Siebenbürgen, die in krassem Widerspruch zu unserem historischen gemeinschaftlichen Gepäck der mündigen Selbstvertretung als freie Menschen standen, wie es bereits in unserer grundlegenden Verfassungsurkunde, in unserem Andreanum, vor 802 Jahren auf Pergament klar festgehalten wurde.

Zugefügtes Leid und erfahrene Ungerechtigkeit kann man durch nichts ungeschehen machen. Gerade deswegen danke ich Ihrem Bundesvorsitzenden Rainer Lehni dafür, den Kranz der Regierung Rumäniens willkommen geheißen zu haben. Sehen Sie bitte also in diesem Kranz auch ein Zeichen der tiefen Reue und des aufrichtigen Bedauerns der Gesellschaft Rumäniens und ihrer Regierung, darüber hinaus vor allem aber auch ein Zeichen des Willens zum gemeinsamen Einstehen für ein Europa, in dem die Menschenrechte, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde garantiert sind und über allem und jedem stehen und zwar für immer! 

(Lesen Sie weiter am morgigen Samstag)