Poesie und Winkelmaß

MEMENTO-Ausstellung von Reinhardt Schuster in Hermannstadt

Dr. Irmgard Sedler nahm das Publikum in die Welt von Reinhardt Schusters Gemälde mit.

Reinhardt Schuster bei der Ausstellungseröffnung im Teutsch-Haus

„Ecce homo“ – Ein dorniges Leben Fotos: Roger Pârvu

„Manchmal findet das Publikum nicht so schnell in die Sachen hinein, aber mit zwei, drei Worten der Erklärung sind sie gleich drin. Also versteht man gleich, worum es geht“, erklärte der 89-jährige Künstler Reinhardt Schuster in einem Gespräch anschließend an die Vernissage seiner Ausstellung MEMENTO am 20. März 2026 im „Friedrich Teutsch“ Begegnungs- und Kulturzentrum in Hermannstadt/Sibiu. Tatsächlich eröffnen Schusters Gemälde durch die Titel eine weitere Dimension, die dem Betrachter das Eintauchen in die plastisch reflektierte Welt des Malers ermöglichen. Wie eine Türe, die sich kaum ein Spalt geöffnet hat und in einem seiner Gemälde nur als heller Farbstrahl zu erkennen ist, doch eine unglaubliche Tiefe erahnen lässt.

Von einer Vernissage könne man nur dann sprechen, wenn der Künstler selber anwesend sei, sonst würde es sich nur um eine Ausstellungseröffnung handeln, erklärte Dr. Gerhild Rudolf, Leiterin des Teutsch-Hauses, in ihrem Grußwort – für die Vernissage waren Reinhardt Schuster und seine Gattin Valentina angereist. Die treibende Kraft hinter dem Ausstellungsprojekt ist der bekannte Brenndörfer Siegbert Bruss, Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung, welcher alle Räder in Betrieb gesetzt hat und alle notwendigen Kräfte gebündelt hat, um dem siebenbürgischen Publikum diese Ausstellung zu ermöglichen.   

Durch den Werdegang und die künstlerische Welt Schusters führte Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Trägervereins des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim.
Die frühe Kindheit des am 1. September 1936 in Brenndorf/Bod geborenen Künstlers war von den Geschehen um den Zweiten Weltkrieg geprägt: der Vater war im Krieg, dann wurde die Mutter für zehn Jahre nach Russland deportiert. Doch sollte dieses seine künstlerische Ader nicht unterdrücken. „Erste richtungsweisende Akzente auf seinem künstlerischen Bildungsweg setzte das Jahr 1952. Als Teilnehmer an einem Malkurs in Kronstadt wird er vom damals fortschrittlichsten und europäisch anerkannten Künstler Hans Mattis-Teutsch unterrichtet. Dessen künstlerische Persönlichkeit sollte Schuster auf den später eingeschlagenen Kunstbildungsweg lenken. Reinhardt Schuster sollte ab da vieles offengehalten, doch auch abverlangt werden“, erläuterte Irmgard Sedler. Untypisch für einen siebenbürgisch-sächsischen Maler beginnt Schuster seine Ausbildung in Bukarest am Nicolae-Tonitza-Kunstlyzeum, worauf das Studium an der Kunstakademie „Nicolae Grigorescu“ folgte. Beginnend mit 1967 macht sich der Burzenländer in der rumänischen Hauptstadt als freischaffender Künstler einen Namen. Dabei schafft er es, die Schranken des sozialistischen Realismus zu umgehen, seinem künstlerischen Credo und seiner eigenen Ausdrucksweise treu zu bleiben. „Reinhardt Schusters elaborierte künstlerische Sprache saugt geradezu die Strömungen der europäischen Kunstentfaltung der 1950 -1970er Jahre auf. Daraus schöpft sie auch ihre Höhepunkte. Sie geht dabei keinen konsequent radikalen Weg in die rein geometrische oder farbexpressionistische Abstraktion, wie das etwa bei Günther C. Kirchberger der Fall ist. Die eine oder andere Richtung taucht als Echo in seinen Gemälden auf und wird zur unverwechselbar eigenen Handschrift. So manches wird hierbei zusammengeführt und stets hinterfangen von dem Wesen der Poesie: Lyrik und Winkelmaß“, beschrieb Sedler die künstlerische Welt des Malers. 1983 wandert Reinhardt Schuster aus und findet im Rheinland im Bereich der Kunsterziehung ein neues  Arbeitsfeld. „Er blieb auch weiterhin seinem unverkennbaren Malstil treu und fand auf Ausstellungen erneut Anerkennung“, summierte Irmgard Sedler diese Zeitspanne im Leben des Malers.    

Auf die Frage, ob er sich selber eher als siebenbürgisch-sächsischer, rumänischer oder deutscher Künstler verstehe, erklärte Reinhardt Schuster: „Es ist von allem etwas dabei. Man kann das nicht trennen. Diese Einflüsse sind stark und es ist, als ob man die Flecken auf dem Fell eines Leoparden auseinanderhalten möchte. Es ist alles miteinander verwoben. Und es bietet dadurch eine neue Realität.“

Die ausgestellten Gemälde reflektieren konkrete historische Ereignisse wie die Wende von 1989, die Auswanderung der deutschen Minderheit oder die eigene Perspektive über die erlebte Zeit, wie zum Beispiel im Gemälde „Ecce homo“. „Das ist unsere Welt. Das Leben. Ein etwas gequältes Leben. Es widerspiegelt das damalige Jahrhundert der Kriege, wobei auch dieses ein Jahrhundert der Kriege ist. Die Augen und der Mund des Menschen bestehen aus Stacheldraht, aus Dornen. Ein dorniges Leben. Dornen die einen gefangen halten“, beschreibt Schuster das Gemälde. 

Die in Hermannstadt bis zum 20. Mai 2026 zu besuchende Ausstellung fasste Irmgard Sedler wie folgt zusammen: „Seine Gemälde, selbst wenn sie unter dem leicht irreführenden Titel ’Memento’ in der Ausstellung vereint sind, entschließen sich selten zu einem Handlungsstrang, durch den eine narrative Inhaltlichkeit sichtbar würde. Sie sprechen eher die assoziative Erinnerung an, die seltener über das Bild und mehr über den Titel sich zu konturieren beginnt. Die Titel von Schusters Gemälden lösen eindeutige Reflexionen aus, insofern sie beim Biografischen des Künstlers oder bei einem Betrachter andocken, der in die ehemaligen Geschehnisse in Rumänien der 1990er Jahre eingeweiht ist.“