Der erste Bürgermeister von Heltau nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat dem Armen- und Elendsviertel aus Wohnblocks am Stadtrand das Aus gebracht. Hasen und Schweine jedenfalls durften dort auf einmal nicht mehr gehalten werden, und besonders die mehr schlecht als recht improvisierten Stallungen zur Tierzucht, die das Bild der irgendwie trotzdem idyllischen „Favela Cisnădiei“ mit geprägt hatten, mussten dem Eintreten in eine neue Zeit weichen. Für Heltau als „kommunistische Dorf-Stadt“ meinte man sich gründlich schämen zu müssen, ließ Constantin Buduleci Donnerstag, am 26. März, abends während der Präsentation seines Debütromans „Via]a cu Nelu]u“ in der Humanitas-Buchhandlung Hermannstadt/Sibiu durchblicken. Eine Aufforderung zum Lesen zwar blieb auch diesmal aus, da es im Untergeschoss voller Bücher in der Heltauergasse/Str. Nicolae Bălcescu einfach nicht Norm ist, Autoren unbedingt Stichproben ihres eigenen Schreibens vortragen zu lassen. Constantin Buduleci dafür und drei weitere Literaten am Vorstellungstisch unterhielten sich zunächst im Quartett und später auch das Publikum so anregend und reichhaltig, dass auch Leser, die den 192 Seiten zählenden Band noch nicht aufgeschlagen haben, sich ein mehr als nur ungefähres Bild vom Inhalt des neuen Schmökers in der Reihe „Ego proză“ des Polirom-Verlages machen konnten.
Als Privatmann ist dem 1979 in Heltau unter denkbar schwierigen Bedingungen auf die Welt gekommenen Ökonomen der Erfolg längst geglückt. Szene-Kenner wissen von seinem dichterischen Schaffen, und mit seinem Roman „Via]a cu Nelu]u“ hat Constantin Buduleci sicherlich gute Chancen, das Tor zur Öffentlichkeit noch viel weiter aufzustoßen. Blutsverwandte habe er nur „sehr wenige“ und somit das „Risiko“ nicht gescheut, so seine erste Stellungnahme mit Biss im überaus gut besuchten Keller der Buchhandlung, wo jede dritte Person ihn persönlich oder zumindest das echte Heltau zu kennen schien. Doch weil „man für ein richtiges Buch nicht das alltägliche Leben hernehmen kann“ und stattdessen auf Fiktives angewiesen ist, das wiederum Bezug zur Realität hat, spürten alle Zuhörer im literarischen Lokal genau, dass Buduleci und seine drei Mitredner an der Spitze der Veranstaltung tiefe Einblicke in eine Welt geben würden, auf die man andernorts vergeblich hofft. „Die frühesten Erinnerungen an meine Kindheit reichen bis zum Alter von fünf, sechs Jahren“, eröffnete der Hauptprotagonist des Abends, „also weiß ich gar nicht, wie Nelu]u aussah.“ Roman-Aufhänger ist sein Halbbruder, als Eineinhalbjähriger verstorben und im Buchtitel in doppelter Verniedlichung enthalten. „Ich wollte nicht, dass daraus ein trauriges Buch wird“, räumt Constantin Buduleci ein, „merkte jedoch, dass Nelu]u stets auftauchte, wenn ich schrieb.“ Weswegen Schriftsteller, Universitätsprofessor und Leser Radu Vancu die 170 bis 180 Seiten dafür lobt, als „dünnes Buch einem sehr schwierigen Thema“ nachzufühlen. „Der Wettstreit, das Leben und den Tod in einem Buch zu vereinen, ist aufgegangen“, und das Tragische als solches trage dennoch Lebenslust ganz wie nach dem Vorbild von Dionysos in sich.
Rumänisch-Gymnasiallehrer Savu Popa schätzt den Erstroman von Constantin Buduleci für seine „kosmopolitische Handschrift“, und zog in der Humanitas-Buchhandlung Hermannstadts ebenso einen nicht unschlüssigen Vergleich mit der rätselhaften Geschichte von Kaspar Hauser he-ran. Simona Sigart˛u, ebenso Gymnasiallehrerin für das Fach rumänische Sprache und Literatur, entschlüsselte jäh vom Start weg den Archetyp eines „Elternteils, das sein Kind liebt, aber auch das Elternteil sein kann, das im Leben des Kindes etwas zerstört“. Dass die ungarische Mutter von Ich-Erzähler Constantin Buduleci im Roman profunder Kritik ausgesetzt wird, brauchte im weiteren Verlauf der Buchvorstellung nicht ausdrücklich erklärt zu werden. Der Autor vom „Leben mit Nelu]u“ belässt es nicht dabei, das Bild seiner Mutter auf das Porträt einer Frau zu verkürzen, die ein Kind verliert und auf keinen Fall bereit ist, sich von noch einem verabschieden zu müssen. Leser Ovidiu Harja aus Heltau letztlich, der sich sehr ergriffen unter die Zuhörer der Präsentation gemischt hatte, findet all die „Flashbacks“ (Englisch für „Rückblenden”) des bewusst nicht chronologisch geführten Romans spannend, und den finalen Satz aus nur zwei Worten am richtigen Platz: „Te iert.“ („Ich verzeihe dir.“) Ein Fazit, das sich mit einiger Geduld vielleicht auch auf das immer noch von leisen Eitelkeiten und Missgunst geprägte ungarisch-rumänische Miteinander in Region und Land ausweiten lässt. Der „magyarische Einfluss“, den Simona Sigart˛u im Roman von Constantin Buduleci „sprachlich sehr klar“ vorfindet , rührt ja nicht von ungefähr.





