„Das Leben darf alles, nur nicht langweilig sein“, lautet das Motto von Autor Heinrich Heini
Höchsmann, kurz H.H.H., wie das Lachen. 1975 ist er mit seiner Familie 27 Jahre jung aus dem „wilden Osten“ Rumänien ins „gelobte (Deutsch)Land“ ausgewandert. Heute lebt und liebt, schreibt und lehrt er als „heruntergekommener“ Siebenbürger Sachse wieder in der alten Heimat: Hermannstadt.
Wir begegnen uns zum ersten Mal im April 2025 auf den Reschitzaer Literaturtagen, wo er übrigens auch in diesem Jahr lesen wird. Lesen? – Pustekuchen! Performen, schauspielern, den Clown mimen, mal mit Grabesstimme, lauernd, dann wieder forsch, alle Tasten auf der Klaviatur des Humors, der Satire beherrschend.
Doch wer ist der Mensch hinter dem schriftstellernden Kabarettisten, dem Vater der satirischen Kunstfiguren „Herr Siegerius“ und „Herr Mannstädter“, dem Anekdoten-Erzähler („Alte und neue Heimat“, „Einmal Deutschland und zurück“) und Scherzdichter („Das kleine ABS der Scherzdichtung“)?
ADZ-Chefredakteurin Nina May guckt hinter die Kulisse – und entdeckt eine ganze Palette Alter Egos: Den Rentner, der mit 75 nochmal Lehrer wurde. Den Heimatnostalgiker, dessen Blick sich beim Kaffee auf der Dachbodentreppe in den verschneiten Fogarascher Bergen verliert. Und den Philosophen, der sich in dieser Lebensphase vom Haben zum Sein bewegt: weg vom materiellen Luxus.
Neugierig geworden?
Herr Höchsmann, waren Sie eigentlich schon immer ein Spaßvogel – oder wie haben Sie zum Humor gefunden?
Ja, schon in den untersten Klassen habe ich lustige Gedichte geschrieben und vorgetragen. Und auch später habe ich in der Klasse oft Einwürfe oder Scherze gemacht, sodass die Lehrer meine Betragensnote gesenkt haben. Etwa, als es um Astronomie ging und die Lehrerin fragte, wer kann den Großen Wagen an die Tafel malen. Ich habe mich gemeldet – und zeichnete grinsend einen Leiterwagen. Da hat sie mich rausgeschmissen. Ja, ich war der Klassenkasper! Aber nicht nur in der Schule. Als ich mit 36 Jahren in die Pharmaindustrie ging, habe ich mit meinen Wortspielen die Konferenzen der Regionalleiter gesprengt.
Wie kamen Sie dann zum Schreiben?
Mit dem Schreiben habe ich erst spät begonnen. Ich habe mir aber immer Wortspiele und Verballhornungen notiert und so hatte ich mit 69 Jahren 69 Kisten voll mit Texten. Daraus entstand dann die Figur des Herrn Siegerius. Die „Sekunden Satiren in 69 Sequenzen“ über Herrn Siegerius, der überall seinen Senf dazu gibt, dem aber niemand zuhört, habe ich im Rahmen der „Weis(s)en Reihe“ im Eigenverlag (BOD) herausgegeben. Habe mit dem Namen wohl nicht in die richtige Schatulle gegriffen, denn in München saßen ein paar „Kulturobere“, Siebenbürger Sachsen, die darüber die Nase rümpften. „Siegerius“ ähnelt zu sehr dem Namen eines verdienten Hermannstädters, dem Historiker Emil Sigerus, meinten sie. Aber meiner ist ohne Vornamen und mit einem zusätzlichen „i“ und „e“ – ich dachte, das deckt die Kunstfreiheit. Denke ich immer noch! Trotzdem, als ich dann nach Hermannstadt zog – ich bin ein „Rückkehrer“, ein „Wiederkehrer“, ein „Zurückgezogener“ (lacht) – bot es sich an, die Figur in einem Wortspiel umzubenennen: in „Herr Mannstädter“, von Hermannstädter… Und so heißt die „Weis(s)e Reihe“ jetzt „Siegerius Mannstädter Trilogie“, die ich aber nun schon wieder umbenennen muss, da der vierte Band in Arbeit ist.
Sie haben inzwischen mehrere Bücher geschrieben – woher kommt die Lust bzw. das Talent zum Schreiben?
Ich bin genetisch stark vorbelastet. Mein Großvater, Anton Maly, der sogenannte siebenbürgische Karl May, hat 100 Abenteuerromane und 60 Theaterstücke geschrieben, unter anderem „Der entfesselte Tod“, das Buch wurde 2024 neu aufgelegt und von meinem Bruder Lothar herausgebracht. Und zum Unterschied zu Karl May hat Anton Maly über Orte geschrieben, die er wirklich besucht hat. Mit 21 kam er nach Südamerika, nach Buenos Aires und Mendoza in Argentinien. In Mendoza am (Rot)Weingut hat er gearbeitet und geschrieben. Eine Rundreise führte ihn nach Chile, Bolivien, Para- und Uruguay. Mein Bruder Frank hat zu Beginn seines 13-jährigen Südamerika-Aufenthalts die Route unseres Opas verfolgt und Spuren gesichert. Ich habe meinen Großvater leider nicht mehr erlebt, aber man erzählte mir von seiner ersten Begegnung mit meiner Großmutter, Christine Theil: Er war ein gebürtiger Wiener, der mit dem Hochmeisterregiment 1916 in Hermannstadt einmarschierte, hoch zu Ross, meine Großmutter stand am Eck mit ihrem Vater und sagte zu ihm auf sächsisch: „Den will ich haben!“
Oma Christine Maly-Theil stammt aus Agnetheln, war Mundartdichterin und Komponistin.
Sie schrieb hauptsächlich humoristische Texte zu autochthonen Themen, etwa über die sogenannte Wusch – „Sie kommt! Sie kommt!“ – oder Wortspiele über die Spitznamen der Agnethler (Titz und Knitzapitz). Ihre Töchter – meine Mutter und meine Tante – haben zu ihrem 100. Geburtstag ein Büchlein ihr zu Ehren aufgelegt.
Und es geht weiter mit der Genetik: Meine Mutter hat nämlich auch geschrieben – ihre Erlebnisberichte „Windbruch“ sind 1991 erschienen und zum 100. Geburtstag haben wir ebenfalls für sie einen Band aufgelegt: „Die Schere“.
Auch Frank schreibt: 2025 kamen seine Anekdoten „Hans im Glück“ heraus, ansonsten schreibt er Fachbücher über Management, Hotellerie und Gastronomie.
Den genetischen Druck spürt man deutlich: Es gibt Tage, da stehe ich um fünf Uhr auf und schreibe durch bis um zehn, weil etwas unbedingt raus muss!
Ich erinnere mich an Ihre „Aufführung“ letztes Jahr in Reschitza. Mit ihrem Text über Trump und Musk haben Sie das „seriöse“ Publikum dort so richtig aufgemischt, die sind vor Lachen fast von den Stühlen gefallen. Veranstalten Sie öfter solche Lesungen?
Ich mache regelmäßig Lesungen im Erasmus Büchercafe in Hermannstadt. Deswegen habe ich jetzt auch meine Norm als Lehrer etwas reduziert, damit ich mehr Zeit zum Schreiben und Vortragen habe. Das würde ich auch gern mal bei den Sathmarer Schwaben oder den Zipsern tun, oder im Schillerhaus in Bukarest, da hatte ich früher enge Beziehungen, als ich noch deutschsprechende Ärzte und Krankenschwestern vermittelte…
(Scherzhaft:) Sie haben also Mitschuld am Braindrain der Mediziner?
Ja, was mir heute echt leidtut! Das war ein Fehler in meiner Karriere. Auch ich hatte Höhen und Tiefen, da muss man durch. Das Leben muss vorwärts gelebt werden, aber erst rückwärts kann man es verstehen...
…und in Humor verpacken! Wie ist eigentlich die Stimmung bei den Lesungen? Lachen die Leute immer – oder kommt es vor, dass Sie sich fragen: Hä, wieso lacht heute keiner?
Bei der ersten Vorstellung des „Herrn Siegerius“ war es so: Da saßen in der ersten Reihe ein paar gefühlt Hundertjährige und bildeten eine amorphe graue Masse – geistiger Zement, über den kein Lächeln und keine Geste übersprang.
Grundsätzlich sehe ich mich auch ein bisschen als Kabarettist und lese, trage szenisch vor.
Wäre das nach Etappen in der Pharmaindustrie, als Schriftsteller und als Lehrer ein neues Ziel?
Ja, ich habe schon immer Schauspielunterricht nehmen wollen. Ich sehe oft Kabaretts von Dieter Nuhr oder Hagen Rether, die ahme ich dann nach, so für mich, vor dem Spiegel.
Hilft das Talent zur Komik bei den Schülern?
Ja, es hilft, weil man damit Aufmerksamkeit erlangt. Und sie haben mitbekommen, dass ich schreibe und kommen, oft mit ihren Eltern, zu den Lesungen.
Wie kam es eigentlich zu der Idee, nach der Rente nochmal Lehrer zu werden?
Ich bin nach 30 Jahren Allgäu mit Ehe und Kind, Haus und Baum (Mannsein-Kriterien der Volksmeinung) nach der Scheidung an den Bodensee gezogen, in eine Wohngemeinschaft mit alten Freunden. 2015 öffnet Merkel die Grenzen für Ärzte, Ingenieure und Facharbeiter, für mich die Gelegenheit die folgenden sieben Jahre als Dozent für Deutsch an der VHS Konstanz zu unterrichten. Und dann kamen die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Missstände in Deutschland. Diese konnte und wollte ich nicht mehr ertragen! Ich habe eine Veränderung gebraucht und dachte: Ungarn versteuert seine Rentner nicht, gibt ihnen sogar Gesundheitskarten und Nahverkehr umsonst, ein bisschen Ungarisch kann ich auch... vielleicht könnte ich dort Hausmeister werden im Thermalbad Gyula, unweit der rumänischen Grenze. Portugal käme steuerlich auch in Frage, die Sprache war der Hemmschuh.
Sommer 2022 war ich in Hermannstadt auf Besuch, verabschiedete mich gerade von meinem Freund Jens Kielhorn, der damals schon meine Bücher vertrieb, und im letzten Satz fragte: Kannst du dir vorstellen, wieder Lehrer zu sein? Wir suchen für die Charlotte-Dietrich-Schule qualifizierte Muttersprachler. Kielhorn hatte als „Spiritus Rector“ vor 11 Jahren die Charlotte-Dietrich-Schule mit aus der Taufe gehoben. Was folgt ist tiefe Stille, ich erstarre vor Glück, falte die Hände, schaue hoch ins Universum und sage: Das isses!
Wie ging es dann los mit dem Lehrerdasein an der Charlotte-Dietrich-Schule?
Ich bin zurückgefahren an den Bodensee und nach einer Woche wiedergekommen, habe mich dem Direktorium vorgestellt, eine Lehrprobe abgeliefert und bestanden. Am 6. September 2022, pünktlich zum Schulbeginn, habe ich in den Klassen 5, 6, 7 und 8 Geografie und Biologie übernommen, –war allerdings nach zwei Wochen dem Burnout verdächtig nahe! Ich saß nur noch über den Büchern. Eines nachts, kurz vor dem „Nervous Breakdown“, zur Wolfsstunde, also zwischen zwei bis vier Uhr morgens, wenn die Wölfe streunen, die meisten Flieger abstürzen und Herzinfarkte passieren, habe ich einen Brief an den Direktor geschrieben: Arbeit muss Spaß machen, sonst macht sie krank. Zudem war ich her gekommen um zu denken, zu schreiben, zu philosophieren...
Danach haben wir das Programm reduziert und etwas Neues ins Leben gerufen: „Deutsch intensiv“ für die 5. und 6. Klasse. Ich vertiefe den Stoff, den die Schüler in der Grundschule gelernt haben. Wir üben Grammatik: Deklination, Konjugation, und Rechtschreiben . Der Zulauf ist gut, so mache ich gerne weiter. Zuweilen gibt es Fragen zu den Hausaufgaben in Französisch, Physik, Mathe, Geografie und Rumänisch.
Und haben Sie jetzt mehr Zeit zum Schreiben? Was erscheint als nächstes von Ihnen?
Zurzeit arbeite ich am dritten Band der Heimattrilogie, mit dem Titel „Ich bin wieder hier, in meinem Revier“. Da geht es wie bisher um die alte Heimat Hermannstadt/Rumänien 1947-75, um mein Sportstudium in Bukarest 1965-69, das zweite Studium in Freiburg 1975-83, dann 30 Jahre in der Pharmaindustrie, meine Reisen – ich habe alle Kontinente gesehen bis auf Australien und Antarktis. Im Wesentlichen jedoch ist dieser Band der Neuzeit, den aktuellen Themen und Geschehnissen gewidmet.
Und weil Herr Mannstädter mit offenen Augen und feinem Gehör durch die Gegend läuft, gibt es bald den IV. Band der weis(s)en Reihe: „Herr Mannstädter und seine An- und Einsichten“.
Gab es eigentlich Reaktionen auf meine Rezension, die in der ADZ über Sie erschienen ist? Oder auf Ihre Rubrik „Echt Heini!“ auf der Wochenend-Seite der ADZ?
Ja – die Rückmeldungen waren überwältigend! Echt wahnsinnig, sowas habe ich noch nie erlebt. Das hilft auch, meinen Bekanntheitsgrad als Autor zu steigern. 20 Leute haben mich darauf angesprochen. Die erste Reaktion kam von meiner Tochter Roxana aus Wien. Sie arbeitet im Literaturbetrieb und lobte Ihre gepfefferte, Ihre pfiffige Rezension. Vor allem weil die erste Stellungnahme diesmal blutleer ausgefallen war. – Und dann das! Überall wurde ich angesprochen, am Sachsentreffen, sogar in der Kirche. Das brach –Wow, wie ein „Tsunami“– über die Leserschaft herein!
Ebenso gelobt wurde die Rubrik „Echt Heini“, als Idee und geistiges „Schmankerl“.
Was sagen Sie als Humorist zu meiner These, dass Humor und Liebe eng verbunden sind?
Es gibt keinen Humor ohne Liebe! Man muss wachsam und sehr sensibel sein, um beides zu empfangen, in all seinen Nuancen. Man muss aufmerksam alles registrieren, was das Leben so bietet. Ich vergleiche das auch gerne mit dem Blumenpflücken am Wegrand: Man muss die Blüten wahrnehmen, sammeln, zu einem harmonischen Strauß zusammenstellen. So entstehen meine Texte, ich pflücke ein Wort von hier, von dort, sehe eine hübsche Kreatur auf der Straße, die mich inspiriert…
Was bedeutet Ihnen heute als Rückkehrer die alte und wiederentdeckte siebenbürgische Heimat?
Ich habe einmal in einem Interview gesagt: Immer wenn ich von der Schule komme und vor dem grandiosen Bau der evangelischen Stadtpfarrkirche stehe, weiß ich, wie Heimat aussieht. Und immer wenn ich auf der Aufbodentreppe daheim in Neppendorf sitze und Kaffee trinke und auf die verschneiten Fogarascher Berge blicke, dann weiß ich, dass ich hier zuhause bin.
Und wie ist das Leben hier?
Eigentlich wollte ich in Hermannstadt in der Negoi/Schulerus-Straße, wo ich aufgewachsen bin, etwas finden, aber da gab es nichts. Deswegen wohne ich in Neppendorf, in einer netten Community, die mich aufgenommen hat, und zwar zur Miete, weil ich einem Frommschen Aufruf folge: Ich bewege mich ins einfache Leben, ohne Auto, ohne Haus, ohne Luxus. Der Psychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm hat gesagt, es gibt Haben und Sein: Haben ist die Stufe, auf der wir im Berufsleben stehen - „unde se taie {i spânzura“, wo scharf geschossen wird und wir als Chef manchmal über Leichen gehen müssen... Ich aber bewege mich jetzt auf die Seins-Stufe zu – mehr geben und vergeben, mehr lieben und geliebt werden. Annehmen, was das Leben, das Universum, das Göttliche einem bietet.






