Im Sturm erobert und angesteckt habe Dana Grigorcea das Literaturfest-Team mit ihrem Schreiben und ihrer ganzen Persönlichkeit, aber auch mit dem Thema, das sich auch sofort für das noch anstehende Literaturfest in München am 21. April festgesetzt habe: „Freiheit“ durchdringe das gesamte Werk Grigorceas, so Literaturhaus-Vertreterin Marion Bösker zu Beginn der Lesung am 26. März in München. Die Veranstaltung im Literaturhaus konnte auch online gestreamt werden. Verfolgt wurde sie unter anderem in Germaringen und Landsberg, in Nürnberg und Frankfurt am Main, in Kaufbeuren, Zürich, Hamburg, Husum und Redmond in den USA – und eben aus Rumänien, dem Geburtsland der Autorin.
Das Motiv der Freiheit ist auch fester Bestandteil des neuen Romans „Tanzende Frau, blauer Hahn“, der vor rund zwei Wochen im Penguin-Verlag erschienen ist. Er handelt von einer Liebesgeschichte, „zugleich hochpolitisch, sinnlich und am Heute entlang erzählt“, so Marion Bösker. Die in Bukarest geborene Autorin Dana Grigorcea hat bereits zahlreiche Romane, Kinderbücher, Essays und Kolumnen veröffentlicht und ist Kuratorin des diesjährigen Literaturfests in München.
Liebe vor dem Hintergrund der Karpatenlandschaft
Passend zum Thema, vor einer Wand, die die Karpaten abbildete, bestritten Dana Grigorcea und der Journalist Carsten Hueck gemeinsam die Buchvorstellung. Die Eingangsfrage zur Eröffnung der Lesung „Ist die Autorin mit der Erzählerin eins?“ konterte Dana Grigorcea mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich bin alle meine Figuren, aber längst nicht so verwegen“, erwiderte sie. Sie habe alle Sommerferien ihrer Kindheit am Ort des Geschehens verbracht: „Die Bahnhofsstraße, auf der sich alles abspielt, kenne ich tatsächlich ganz gut.“
„Tanzende Frau, blauer Hahn“ spielt im Rumänien der 1990er Jahre, genauer, in der Kleinstadt Bu{teni am Fuße des Bucegi-Gebirges. An diesem Ort erweckt die Autorin ihre Figuren zum Leben: Da ist Camil, der beste Freund, mit dem die Protagonistin Roxana die Sommerferien verbringt. Da ist die feine Madame Smara aus Bukarest mit ihrem Mann, der sie betrogen hat, den sie pflegt und dem sie dennoch sehr treu ist. Da ist die schöne Frau Helman, die der Sklavin aus der brasilianischen Telenovela gleicht und die Bäuerin Filuca, die den Kindern Sirup eingießt und die Geschichten von Jules Verne mit Hilfe eines Globus‘ liest. Auch der gleichaltrige Radu, „das dritte Rad am Wagen“ unter den Kindern der Geschichte und eine geheimnisvolle chinesische Masseurin gesellen sich zur illustren Romangesellschaft.
Es seien manchmal kleine, unerwartete Details, die Menschen zusammenbrächten oder Freundschaften zerbrechen ließen, so die Autorin. So spielen auch der Zufall oder plötzliche Einschnitte im Leben der Figuren eine zentrale Rolle im Roman: Im Haus der feinen Frau Smara wächst eines Tages ein kindsgroßer Kirschbaum aus dem Parkett, der bald zum Stadtgespräch wird. Aber auch Unwahrscheinliches und Gruseliges geschieht zuweilen in der Kleinstadt: Als Frau Smaras Haus über dem Bäumchen zusammenbricht, reißt sie es kurzerhand selbst gleich ganz ab. Ihren kranken Ehemann vergisst sie in einem ausgebauten Plumpsklo. In einem kalten Winter frieren ihm die Finger und Zehen ab.
Es sind verschiedene schräg-schöne Spielarten der Liebe, die so sichtbar werden, ungleiche Paare, die trotzdem miteinander glücklich sind. Der Roman besteht aus vielen kleinen Geschichten, die – ineinander verwoben – einen Mikrokosmos bilden, den die Kinder erkunden und die gleichzeitig wie ein Tor zur Welt wirken.
Zwischen Aufbruch, Sommerfrische und Ungleichheit
Der Zeitpunkt der Handlung ist zentral: Die Offenheit und die Aufbruchsstimmung nach der Wende in Rumänien bieten ein interessantes Erzählprisma. Die Menschen sind enthusiastisch, alles ist in Bewegung, man trennt sich, man findet neu zusammen, die Liebe wird plötzlich auf anderen, auf neuen Wegen lebbar. Das ist das Setting, in dem die Freunde Camil und Roxana aufwachsen und sich bewegen.
Über die Geschichten, die sich die beiden Kinder in den Sommerferien erzählen, schaffen die beiden ihre ganz persönliche Nähe: „Indem sie einander die Geschichten anderer erzählen, sagen sie sich auch vieles, was sie einander nicht zu sagen wagen“, so die Autorin. Es gehe um ihre Geschichte, eine Geschichte, die als Freundschaft anfange und die sich nach und nach in Liebe verwandelt. Zwei Kinder, die unschuldig in die Welt schauen, das Großstadtkind aus Bukarest und das Kind der Kleinstadt. Das Buch verhandelt auch die Ungleichheit zwischen Menschen, ihre Chancen und Wege – es geht um unterschiedliche Freiheiten, Standesunterschiede und Startchancen: „Die Freiheit eines Landes ist nicht gleich die Freiheit aller Menschen in diesem Land. Die Menschen waren nach der Wende – und sind es auch jetzt – unterschiedlich frei. Unterschiedlich frei, Lieben zu leben, unterschiedlich frei, sich Geschichten vorzustellen und diese auch zu leben.“ Geschichten, das Lesen und das Erzählen sind allgegenwärtig in der Romangesellschaft von Bu{-teni. So werden auch Freiräume geschaffen.
Freiheit oder die Frage, wie man zum Künstler wird
Denn nicht zuletzt geht es in der Geschichte auch um die „Macht des Erzählens“. Denn wer erzählen kann, emanzipiert sich: „Wer seine Geschichte fassen und sich in den Geschichten anderer spiegeln kann, findet zu einer großen Freiheit“, so Grigorcea. Wie wird man zum Künstler? Auch darum geht es hier – um die „Fähigkeit, sich mehr vorzustellen als das, was naheliegend ist“.
Mit begeisternder Offenheit bringt Dana Grigorcea osteuropäische und damit rumänische Lebenswelten in deutsche Wohnzimmer, wenn sie verschlagen „von dem kleinen Mann mit einer riesengroßen Sense, der ein ganz anständiger Mann ist“ erzählt. Sie schildert Lebenswelten der Verbundenheit, die vielleicht immer rarer werden und die von Schnelllebigkeit und Informationsschnipseln fast erstickt werden.
Die Figuren wurden an diesem Abend vorgestellt, aber nicht ganz. Schattenhafte Umrisse blieben den Interessierten – gepaart mit der Neugier, die sich breitmacht, wenn, betroffen, (fast!) alle Fragen offen bleiben. Denn eine Lesung ist gelungen, wenn der Roman nicht preisgegeben wird. Wenn die aufgegebenen Rätsel bleiben und bald gelöst werden wollen. Gleich will man das Buch aufschlagen, schnell alle offenen Fragen beantworten. Leserinnen und Leser dazu anzuregen, sich mit dem Roman tief ins unergründliche, leidenschaftliche und zuweilen unberechenbare Herz Rumäniens stürzen zu wollen, ist an diesem Abend gelungen.





