Ab Januar 1945 wurden aus dem Banat etwa 33.000 Schwaben und Berglanddeutsche zur sogenannten Wiederaufbauarbeit in die UdSSR deportiert. Das war vor 81 Jahren. Dessen gedachte man in der Temeswarer Deutschen Gemeinschaft am 20. Februar mit einer Messe in der Katharinen-Kirche und einer Kranzniederlegung am Deportierten-Mahnmal im Vorhof des AMG-Hauses. Unter denen, die in die überfüllten Viehwaggons verladen und an die Grenze zur UdSSR gebracht wurden, befand sich auch eine junge Mutter aus Knees/Satchinez, die ihren erst zweijährigen Sohn in der Obhut ihrer Schwiegereltern zurücklassen musste. Das Kind, das damals die Tragödie der Welt um sich herum noch nicht begreifen konnte, sollte später Priester und schließlich Bischof werden: Seine Exzellenz Martin Roos, emeritierter Bischof von Temeswar, den die Mitglieder des diözesanen Pressebüros, Enikö Sipos und Dr. Claudiu Călin interviewt haben. Das Interview erschien in der dreiteiligen Dokumentationsreihe „Die Verschleppung in die UdSSR im Januar 1945“ und ist auch auf der Seite der Diözese gerhardus.ro zu lesen.
Hochwürdigster Herr Bischof, welche persönlichen Erinnerungen wecken diese Gedenktage der Deportationen in Ihnen?
Von dem 15. Januar 1945 habe ich keine persönlichen Erinnerungen. Ich war damals knapp zwei Jahre alt und habe vermutlich, als die Mutter sich verabschieden musste, geschlafen. Ich habe von der Aufregung um mich herum nichts mitbekommen. Natürlich habe ich mit der Zeit das Fehlen der Mutter wahrgenommen und gespürt. Im Winter war bei uns jeden Abend die „Spinnstube“. Da kamen die Nachbarn zusammen, die Frauen haben gesponnen, die Männer besprachen die Dorfpolitik oder haben Karten gespielt. Eines Abends, ich seh mich heute noch, saß ich auf dem Diwan, auf dem Sofa, und habe lauthals geheult, geweint. Als die Leute langsam zusammenkamen, fragte einer nach dem anderen: „Was hat er denn, warum weint denn der Martin?“ Da antwortete die Großmutter, die Bescheid wusste: „Er weint um seine Mutter.“ Darauf weinten alle mit, denn jeder hatte jemanden aus der Familie oder der Verwandtschaft unter den Verschleppten… Dies ist meine erste Erinnerung an das Fehlen der Mutter, der Eltern.
Wie verlief das Zusammenholen der zur Deportation bestimmten Leute?
Alles, was ich weiß, habe ich später erfahren oder mir selber zusammengereimt. Mit dem 15. Januar hat man die Leute mit Lebensmitteln für mehrere Wochen und warmer Kleidung in die Schule bestellt. Von hier wurden die Unglücklichen mit Pferdewagen von Knees nach Winga gefahren, wo sie einige Tage ebenfalls in der Schule lagerten, bevor sie mit den Verschleppten aus der gesamten Gegend gesammelt und in Viehwaggons verladen wurden. Während dieser Zeit konnte man die Angehörigen besuchen und den einen oder anderen noch versorgen. Man kann sich vorstellen, welche Szenen sich noch in diesen wenigen Tagen auf dem Bahnhof von Winga abgespielt haben. Irgendwann wurden dann die Waggons von einem Zug abgeholt und die mehrwöchige Fahrt konnte beginnen. Ein Teil wurde über Marmaroschsiget in die Ukraine gefahren. Ein anderer Zug nahm die Route über die Moldau und bei Foc{ani über die Grenze. In diesen beiden Grenzstationen wurden unsere Leute in sowjetische Waggons umverladen und auf den breiteren russischen Eisenbahngleisen in die Ukraine transportiert.
In Focșani ließ man die Leute bei der Umverladung sich mit Wasser versorgen, so umlagerte man den einzigen Brunnen. Aus Knees stand im Gewühl ein ziemlich hagerer, schlecht gekleideter Mann da und wartete, dass die Reihe an ihn kommen solle, um sich mit Wasser zu versorgen. Der russische Posten, in der Meinung, er habe es mit einem Moldauer zu tun, fuhr ihn barsch an: „Was suchst du da? Schau, dass du weiterkommst!“ Das ließ sich unser Landsmann nicht zweimal sagen und machte sich zu Fuß aus der Moldau nach Knees auf den Weg. Nach Wochen tauchte er zu Hause auf. Insofern ist er mit dem Leben davongekommen, denn mit seiner geschwächten Gesundheit und seiner armseligen Aufmachung wäre er in Russland oder auch schon auf dem Weg dahin erfroren.
Man wusste zunächst nicht, wohin die Leute verbracht wurden, auf wie lange oder ob diese jemals wieder nach Hause zurückkommen würden. In dieser Unsicherheit lebten wir monatelang. Im Dorf gab es nunmehr nur noch Alte und Kinder und die „Kolonisten“. Ich hatte das Glück, dass die Großeltern von Vaters Seite mich weiterhin umsorgt haben. Die Großeltern von der Mutter, die drei Töchter und drei Schwiegersöhne in Russland und den Sohn im Krieg hatten, umsorgten zwei weitere Enkelkinder, Cousins von mir. Eine andere Tante stand da allein mit zwei Kindern, der Mann und Vater, nach Russland verschleppt, kam nie wieder nach Hause, ist dort an den Entbehrungen verstorben.
Andere Kinder hatten niemanden. Der Vater war im Krieg, die Mutter nach Russland verschleppt. Für diese verlassenen Kinder schuf Prälat Nischbach das sogenannte Kinderhilfswerk. In den Pfarreien wurden Lebensmittel und Kleider gesammelt. Die Kinder wurden meist von den Lioba-Schwestern beherbergt, aber auch im Temeswarer katholischen Waisenhaus in der Bonnaz-Gasse bei den Notre-Dame-Schulschwestern versorgt. Im Diözesanarchiv gibt es noch Listen von diesen Sammlungen. Vor allem wäre das Kinderhilfswerk von Neuarad mit seinen fleißigen Helfern zu nennen.
Wie viele Personen wurden aus Ihrem Heimatdorf Knees deportiert und wie viele von ihnen sind zurückgekehrt?
Ungefähr 150 Personen wurden deportiert, davon sind 38 infolge der Entbehrungen ums Leben gekommen. Nachdem die Leute verschleppt waren, kam nach den ersten Monaten hier und da eine Karte mit wenigen Worten, aber doch ein Lebenszeichen: „Es geht mir gut, bin gesund. Grüße an die Kinder, an die Eltern“. Aber es war eine erste Nachricht und man erfuhr, wo sie sind. Die meisten waren im Donezkbecken, in den Kohlengruben. Andere arbeiteten in der Landwirtschaft oder beim Aufbau. Sie schleppten Steine und Mörtel. Irgendwelche Ruinen, die vom Krieg bombardiert waren, wurden wieder brauchbar gemacht. Da man im Winter auch bei tiefen Temperaturen arbeiten musste, fror der Mörtel schnell und im Frühjahr fiel das Ganze wieder zusammen. Insofern war die Arbeit nicht einmal sehr sinnvoll. Solange Russland von Amerika mit Konserven und Lebensmitteln beliefert wurde, ging es den Verschleppten halbwegs gut. Sonst gab es eine leere Krautsuppe, die nicht lange vorhielt. In der Not ging man betteln, wobei die Einheimischen selbst kaum etwas hatten, doch fiel auch für die Lagerleute immer noch etwas ab… Ab 1946 kamen die ersten Krankentransporte nach Hause. Abgemagert bis auf die Knochen starb so mancher an den Folgen, andere waren schon unterwegs an Unterernährung gestorben.
Wie war das Wiedersehen mit Ihrer Mutter bei ihrer Rückkehr aus der UdSSR?
Ende 1949 entließ man schließlich die Überlebenden aus den Lagern nach Hause. Mutter kam am 21. November, ihrem 28. Geburtstag, zu Hause an. Ich erinnere mich noch sehr gut: Nachdem die ersten Transporte angekommen waren, versammelte sich fast das halbe Dorf ständig zu jedem ankommenden Zug auf dem Bahnhof. Wir hatten von meiner Patentante, die ein-zwei Tage früher angekommen war, erfahren, dass meine Mutter mit einem der nächsten Züge eintreffen werde. So eilte die alte Großtante mit mir zum Bahnhof und wir warteten aufgeregt von einem Zug auf den nächsten. Als am 21. November nachmittags der „Motor“ von Temeswar einfuhr und meine Mutter aus einem der hinteren Wagen stieg, zerrte mich die Großtante mit sich nach vorn und sagte plötzlich nur noch so viel: „Da ist deine Mutter!“ Das war nach fünf Jahren die erwartete Begegnung.
Wie die Mutter später selber erzählte, überschaute sie beim Aussteigen zuerst mal die große Ansammlung der Menschen und entdeckte zunächst die Großtante, dann neben ihr „den herangewachsenen Jungen“, dabei dachte sie für sich: „Das muss er wohl sein!“. Nach einer kurzen Begrüßung nahmen wir uns beide an die Hand und gingen so nebeneinander gemeinsam nach Hause. Die alte Großtante haben wir unterwegs irgendwo ganz aus den Augen verloren.
Was erzählte Ihre Mutter über das Lager?
Für das Gesprächsthema der nächsten Wochen und Monate war gesorgt: Das Lagerleben, das Leben der Einheimischen um das Lager herum, die Bettelgänge, die Arbeit in den Gruben, auf dem Bau, in der Landwirtschaft. Man erzählte sich, wie sie in überfüllten Viehwaggons transportiert wurden, während der langen, drei bis vier Wochen dauernden Fahrt. Man aß, was man von zu Hause mitgenommen hatte. Sie hatten etwas Proviant eingepackt, aber irgendwann ging alles zur Neige. In den Lagern standen die aus Holz zusammengezimmerten Baracken, vielerorts waren die Gebäude noch in den Trümmern gelegen, ohne Türen und ohne Fenster. Mit der Zeit brachten die Männer diese irgendwie in einen besseren Zustand. Im Januar und Februar 1945 war es bitterkalt. Die Bewacher erlaubten den Deportierten in der Regel nur dann, im Lager zu verbleiben, wenn es minus vierzig Grad kalt war.
Schon bald nach dem Abtransport der Verschleppten erreichten uns die ersten Todesnachrichten, was meine ersten und ältesten Erinnerungen an das Trauma „Russland“ darstellen. Dabei versammelte man sich im Trauerhaus, um gemeinsam zu beten und miteinander zu weinen, ließ Trauerbildchen drucken und verteilte diese als Erinnerung und Gebetszettelchen. Davon findet man auch heute noch in den alten Gebetbüchern welche. Es sind eindrucksvolle Dokumente der Zeitgeschichte!
Wo und wie wurden jene beerdigt, die leider verstorben sind? Gab es Priester, die die Beerdigungen durchführten?
Wer im Lager verstarb, wurde von Lagerinsassen auf einem Friedhof bestattet. Es gab aber keinen Priester und nur selten kam ein Kreuz auf das Grab. Die Verwandten oder Nachbarn pflegten natürlich, solange sie da waren, die Gräber ihrer Angehörigen und verabschiedeten sich wehmütig von ihren Toten, als es hieß: „Es geht nach Hause!“
Wurden aus der Diözese Temeswar auch Priester deportiert?
Vom Gebiet unseres Bistums wurden allein aus dem Kreis Karasch-Severin Priester deportiert, weil man es versäumte, dort die Verordnung – wonach Priester und Ordensleute von der Deportation ausgenommen waren – rechtzeitig bekannt zu machen. So wurden die Seelsorger Matthias Albert, Fidel Deschu, P. Placidus Harnisch OFM, Geysa Heinrich, Franz Hönig, Anton Keller, Alfred Luffi, Stephan Missa, Nikolaus Schwarz, Franz Wachter und Nikolaus Wagner verschleppt. Die Pfarrer Geysa Heinrich und Alfred Luffi wurden später nach Deutschland entlassen; sie meldeten sich beim Bischof von Würzburg, der sie in seine Diözese aufnahm. Nikolaus Schwarz kehrte in die Diözese Temeswar zurück und wurde in seiner früheren Pfarrei Russberg wieder angestellt.
Wie verlief die Heimreise?
Jeder packte seine Habseligkeiten zusammen und machte sich mit den anderen meist in größeren Gruppen auf den Weg. In Marmaroschsiget betraten die Verschleppten abermals das Land. Meine Mutter brachte mir sogar Bonbons mit. In den letzten Jahren erhielten sie einen kleinen Lohn für ihre Arbeit, und im größeren Nachbarort konnten sie auf dem Markt kaufen, was angeboten wurde. Doch oft waren sie verschuldet, weil die Lebensmittel im Lager teurer waren als der monatliche Verdienst. Neben dem bereits erwähnten Kinderhilfswerk gründete Prälat Nischbach 1947 auch das Heimkehrerhilfswerk, dessen Ziel es war, den zurückkehrenden Deportierten eine erste Hilfe angedeihen zu lassen. An den Grenzübergängen erwarteten die Benediktinerinnen der Lioba-Kongregation sowie Priester aus dem Bistum die Heimkehrenden mit Geld, Medikamenten, Lebensmitteln und Kleidung. Finanziert wurde all dies durch Sammlungen, die die Caritas der Diözese organisierte. Diese beiden Stiftungen der Diözese bedeuteten eine erhebliche Hilfe. Hier sind die Schwester Patrizia Zimmermann von den Benediktinerinnen wie der damalige Kaplan Stefan Fischer zu nennen. Beide bezahlten ihren Einsatz an der Grenze mit einigen Jahren Gefängnis unter der kommunistischen Herrschaft.
Wie erfolgte die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft?
Jeder versuchte, Arbeit zu finden, und das sogenannte normale Leben begann wieder. Einige jedoch wurden einige Jahre später, im Sommer 1951, in den B˛r˛gan deportiert. In diesem Fall war nicht ihre Nationalität der Grund, sondern die bessere wirtschaftliche Lage der Familie. Man war wohlhabender als der Durchschnitt, diese waren damals die „Chiaburii“, „Feinde der Arbeiterklasse“, die aber durchaus ehrbare Leute waren, die keinem etwas Böses getan hatten. Auch aus unserer entfernteren Verwandtschaft wurde eine Familie für fünf Jahre in die B˛r˛gan-Steppe verschleppt und unter freiem Himmel, auf freiem Felde ausgeladen, ihrem Schicksal überlassen, dabei war der alte Großonkel bereits über 90!
Uns ließ man in Ruhe, da in unserer Familie drei alte Leute waren, ein Kind und als alleinverdienende Person die Mutter. Wir waren insgesamt zu fünft in der vorderen Stube des Hauses, in der Kammer hausten die beiden Kolonisten. Eine keineswegs beneidenswerte Lage. Aber das ist bereits ein anderes Kapitel!





