Sitz, Spiegel, Gurt, Licht. Oder ganz einfach das rumänische Wort „soclu”, als Kürzel für „scaun, oglinzi, centură, lumină”. So hat es mir vor Jahren ein Fahrlehrer im PKW eingeschärft. Rechnet man noch das Kontrollieren der angezogenen Handbremse hinzu, der „frână de mână”, die vor dem Start zu lösen ist, wollen immerhin fünf Punkte der Reihe nach verifiziert und auf eigene Bedürfnisse angepasst sein. Bis sich irgendwann Routine einstellt. Aber es gibt eine noch viel komplexere Checkliste, mit zwölf Kontroll-Punkten: vor dem Fliegen, genau! Ohne Trick 17, die Anfangsbuchstaben zu einem Code zusammenzulegen, der sich obendrein verblüffend als bestimmtes Wort merken lassen könnte. Eine Kopfsache, bei der es auf Auswendig-Einprägen wie beim Schulbank-Drücken ankommt – und auf das Alter. Denn wer 15 bis 23 Jahre alt ist, kann und darf in Rumänien kostenlos seine Ausbildung zum Fallschirm-Springer machen. Oder zum Flieger von Ultraleichtmaschinen (ULM). Ganz gratis, ehrlich!
Nichts wie hin also auf einen von 15 Flugplätzen des Rumänischen Luftfahrt-Clubs (Aeroclubul României, AR), falls zwei theoretische Prüfungen für den Anfang bestanden wurden und ab Mai gestartet, geflogen, gesprungen und gelandet wird. Mit Anleitung von Profis, versteht sich. Vorausgesetzt natürlich, dass man keine Höhenangst mitbringt. Unten auf der Erde bleibt sie oft unerkannt, und „es gibt auch Kursteilnehmer, die erst während der Premiere in einer ULM überhaupt an sich selber überrascht feststellen, nicht schwindelfrei zu sein.”, sagt Ausbilder Adrian Sociu, Kommandant am Flugplatz des AR in Hermannstadt/Sibiu. In 400 Metern Sichtweite zur Start- und Landebahn des Internationalen Flughafens, ja und nicht damit zu verwechseln.
Fast genau 220 Kandidatinnen und Kandidaten haben sich um die Ausbildung am Hermannstädter Standort beworben und Samstag, am 7. Februar, mit Online-Unterricht angefangen. Ende März oder Anfang April folgt das erste Teil-Exa-men, und im Bürogebäude am Flugplatz ist man mächtig stolz auf diese Zahl. So viel Interesse gab es noch nie zuvor! Leider hat das Bewerbungs-Verfahren vor knapp zwei Wochen seine Frist erreicht, doch steht Spätentschlossenen der Einstieg auch nächstes Jahr offen. Es genügt, ungefähr ab Dezember regelmäßig auf den Facebook-Account „Aeroclubul Teritorial Sibiu ´Hermann Oberth´” zu schauen, um das einmonatige Zeitfenster ab Januar zu erfahren. Kein Einzelfall, sondern jahrelange Tradition ist die vollumfänglich subventionierte Ausbildung beim AR. Wobei sie auch mit Konkurrenz zu tun hat, freilich. Weil nur je 30 Flieger und Springer pro Standort auch wirklich die Chance erhalten, die ganze praktische Ausbildung zu durchlaufen und ihre Lizenz-Prüfung im Herbst zu versuchen.
Da muss schon manches gepaukt werden, um nicht nur den ersten Zwischentest am Schluss des Online-Unterrichts, sondern auch den zweiten zu schaffen: erneut schriftlich bestritten wird er nach noch mehr Kurseinheiten, für diesmal in einem Hörsaal der Fakultät für Ingenieurswesen an der Hermannstädter Lucian-Blaga-Universität. In fünf Fächern geprüft wird, wer das Fallschirm-Springen erlernen möchte, und neun sind es für Anwärter auf das Fliegen. Dass nicht alle sich diesen theoretischen Tests stellen, liegt am „vorzeitigen Aussteigen aus eigenen Stücken”, wozu sich laut Adrian Sociu einige Bewerber letztlich entscheiden. „Wenn sie merken, es dann doch nicht richtig gewollt zu haben.”
Was aber, wenn die Sache ernst wird und man sich ranhält? Dann gibt es zunächst einen umfassenden Gesundheits-Check, also eine allgemeinärztliche, kardiologische, berufssportliche, Hals-Nasen-Ohren-, psychologische und psychatrische Untersuchung. Eben-so die ophtalmologische, klar. Brillenträger sind mit dabei, wenn der Augenarzt nichts diagnostizieren kann, was kurz- oder weitsichtig sieben Dioptrien überschreitet. Einen Vorteil außerdem hat es auch für später, das Geprüft-Werden auf Herz und Nieren: ULM-Flieger und Fallschirm-Springer, die in der Luftfahrt zu Klasse 2 gerechnet werden – Klasse 1 gilt für Piloten im Linienverkehr –, stehen in der Pflicht, sich ab Erhalt der Lizenz regelmäßig untersuchen zu lassen. Bis zum Alter von 40 alle fünf Jahre, danach alle zwei Jahre, jährlich ab 50 und ab 60 alle sechs Monate. Wegen zu lange aufgeschobenen Labortests von arg kritischen Blutwerten überrascht werden? Kann lizenzierten Luftfahrern nicht geschehen. Sie müssen in aller Regel ihren Arzt besucht haben, bevor Cholesterin & Co. unbemerkt aus dem Ruder laufen.
Einen Flugplatz nutzt der AR auch bei Deva, der Hauptstadt vom Kreis Hunedoara. Dort, so schickt Ausbilder Adrian Sociu voraus, werden alle in Hermannstadt zur praktischen Fallschirm-Springer-Schulung zugelassenen Teenager und Jugendlichen als Passagiere in eine Antonow An-2 steigen, einen stolzen Doppeldecker, und je im Tandem mit einem Profi erste Sprünge aus bis zu 3000 Metern Seehöhe üben. Nicht weniger als 25 Mal muss das trainiert haben, wer zur Lizenz-Prüfung zugelassen werden will, und von den 25 Sprüngen wiederum sind mindestens die letzten 15 ohne jegliche Hilfe „individuell im freien Fall” gesund hinunter zu bringen – ja, im Zweifelsfall löst ein Fallschirm automatisch aus. Alles Weitere aber betrifft einen selbst, und hierfür ist man athletisch ordentlich gefordert. Für den 50-Meter-Kurzstreckenlauf und den 1000-Meter-Dauerlauf gelten Zeitlimits, eine Mindestweite für den Weitsprung aus dem Stand, und Pflichtnormen natürlich auch bei Liegestützen und Klimmzügen. Das Ziehen an den Leinen bedeutet Kraft in den Armen, und Abspringen wie Landen ist Beinarbeit. Training, wozu am Flugplatz der AR bei Hermannstadt auch ein Sport-saal mitsamt Turnböcken und Matratzen wartet.
Wer es auf´s ULM-Cockpit abgesehen hat, braucht die athletischen Kriterien nicht zu erfüllen. „Wir arbeiten mit dem Kopf”, erläutert es Adrian Sociu. Achtung auf Fitness jedoch ist trotzdem nötig, wo der obligatorisch regelmäßige Gesundheits-Check Nachlässigkeiten garantiert aufdeckt; körperliche Spitzenform und die Belastbarkeit unter dem Druck, korrekte statt im Ernstfall fatale Entscheidungen zu treffen, gehen zusammen. Genauso, wie es auch Pflicht ist, eine ULM nach dem Fliegen zu waschen. Was anderes als Einsteigen in eine staubfreie Maschine kommt nicht infrage, und das Soll von 40 Flügen während der Ausbildung heißt folglich, dass einem am Tag der Lizenz-Prüfung das Reinigen mit Wasser und entsprechendem Zubehör in Fleisch und Blut übergegangen ist. Übrigens sind zehn Flüge „solo” zu absolvieren, also allein im Cockpit ohne Ausbilder neben sich.
Solo Nummer 11 ist die Lizenz-Prüfung. Zu bewältigen auch über Hermannstadt und Südsiebenbürgen in einem Zweisitzer, wovon der AR drei im Hangar bei Neppendorf/Turnișor stehen hat. Eine „CP Savannah S” und zwei „Ikarus C42 B”, extra für ULM-Flieger in Ausbildung. Alle ohne die Option Autopilot, damit, wie Adrian Sociu verständlicherweise betont, „unsere Kandidaten das Fliegen lernen.” Turda und Klausenburg steuert man in den Sommerferien kaum an, dafür aber „Deva, Kronstadt und Târgu Mureș”, stets mit Landen auf dem jeweiligen Flugplatz dort und dem Wieder-Starten für den Rückflug nach Hermannstadt. Freaks, denen die Lizenz für das Privatvergnügen noch nicht reicht, können sich um Aufnahme in die kreisweite Sportpiloten-Auswahl beim AR bewerben. Richtig wettbewerbsmäßig steht es dann auf dem Spiel im Cockpit, so zum Beispiel bei „Präzisions-Landungen und Präzisions-Flügen, die wie auf der Landkarte eingezeichnet zu steuern sind, mit vorgegebener Geschwindigkeit und so nah wie möglich an der genauen Parcours-Zeit, weder schneller noch langsamer.” Fotos aus dem Blickwinkel des Piloten zeigen, ob die Route sauber geflogen wurde oder nicht. Orientierungslauf eben, und wiederum „analog, nur mit Kompass, kein GPS.” Rumäniens Nationale ULM-Meisterschaft wird jährlich ausgetragen.
Konkurrenz-Wertungen für Fallschirm-Springer im Luftsport sind akrobatische Bewegungsmuster: je akkurater, desto eindrücklicher. Für den Fall der Fälle, dass der Adrenalin-Kick es bald kaum mehr bringt und eine nächsthöhere Stufe der He-rausforderung her muss. Bestandene ULM-Flieger, die es sich zutrauen, können weiters die Ausbildung zur Private Pilot License (PPL) belegen: gratis zwar ist die nicht mehr, sondern an die 7000 bis 9000 Euro teuer, dafür aber auch ein Ass im Ärmel Ehrgeiziger, die es auf Karrieren als Piloten im Linienverkehr, in Beschäftigung beim AR oder in den Luftfahrt-Diensten von Ministerien für Inneres und Verteidigung abgesehen haben.
Gewinn versprechen allerdings kann sich genauso, wer es bei der ersten Lizenz im Herbst belässt: die nämlich schafft nur, wer seine Sommerferien restlos drangibt. Während der Pause zwischen den Schuljahren ist der Flugplatz fünf Tage in der Woche aufzusuchen. Vor jedem Flug bekommt ein Prüfungs-Kandidat Einweisung, die anfangs schon mal zwei Stunden dauern kann, und nach dem Flug ebenso. „Junge Leute, die eine Luftfahrt-Lizenz vorweisen können, haben auf dem Arbeitsmarkt einen beträchtlichen Vorteil auf ihrer Seite: Eigenorganisation und Disziplin sind garantiert vorhanden”, weiß Adrian Sociu. Man hat gelernt, Verantwortung zu tragen, ihr gerecht zu werden, und null Zeit gehabt, auf dumme Gedanken zu kommen. Auf Drogen etwa. Stattdessen ist man durch eine Schule gegangen, die geografische und räumliche Orientierung wie keine zweite Einrichtung beibringt. Und die Fähigkeit, sich selber in der Gewalt zu haben. Leben? Klar, unbedingt! Unvergleichlich besser als Gelebt-Werden. Gilt so sicher auch beim Fliegen. Wenn schon, denn schon!







